Reizwörter

Die Front­li­nien dieses Konflik­tes lassen sich rasch abste­cken: Für die Diversity-Kultur hat sich der „Sex“ in den letz­ten Jahr­zehn­ten in den Plural aufge­löst. Selbst den „Sexua­li­tä­ten“ oder „Neose­xua­li­tä­ten“ wird noch ein Beige­schmack gouver­ne­men­ta­ler Identitäts- und Subjek­ti­vie­rungs­po­li­tik attes­tiert, welche das neoli­be­rale Selbst zurück­füh­ren möchte in eine essen­ti­ell abgrenz­bare Sexua­li­tät, die man/frau eben „hat“. Das kämp­fe­ri­sche Queer-Motto hinge­gen lautet: Lebe die Offen­heit des perfor­ma­ti­ven Flows und setze dich einer womög­lich expe­ri­men­tel­len Sexu­al­pra­xis aus – und miss­traue jeder Art sexu­el­ler Kate­go­ri­sie­rung und Zuschrei­bung! Ob man/frau sich dabei als Mann, Frau, Trans, Inter oder sonst wie in der bunten „Geschlechter“-Welt veror­tet, gilt als im Fluss und zu vernach­läs­si­gen­des Problem. Poli­tisch sicht­bar und wirk­sam wurde Diver­sity in all jenen west­li­chen Ländern, in denen sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine (zumin­dest teil­weise) erfolg­rei­che Frauen- und Homo­se­xu­el­len­be­we­gung etablie­ren konnte.

Auf der ande­ren Seite bringt sich die (Hetero-)Sex-Kultur immer offen­si­ver in Stel­lung und verwen­det das „Hetero“-Bekenntnis nicht selten als poli­ti­schen Akt. Dies obwohl, oder besser, weil der primär von Männern propa­gierte, tradi­tio­nell patriarchal-phallische (Hetero-)Sex als poli­tisch inkor­rekt gilt. Seine popu­lis­ti­sche Message lautet: Was Femi­nis­tin­nen, Homos und Tran­sen an Frei­hei­ten und Gleich­stel­lun­gen einfor­dern, geht am Alltag, den Einstel­lun­gen und Erfah­run­gen der Mehr­heit der ‚norma­len‘ Männer und Frauen vorbei. Diese sind ‚einfach‘ hete­ro­se­xu­ell orien­tiert, spüren in sich, dass ihr „Sexu­al­trieb“ auf das andere Geschlecht gerich­tet ist und sehen in homo-, bi- oder trans­se­xu­el­len Äuße­run­gen maxi­mal ein Minder­hei­ten­pro­gramm, das man in Nischen tole­rie­ren, besten­falls akzep­tie­ren kann. Nicht selten tritt der wieder­erstarkte Hetero dabei auch für ein iden­ti­tä­res Wir-Projekt ein, in dem das Andere für die Abgren­zung, Stär­kung und Legi­ti­ma­tion des Eige­nen verwen­det wird.

Queere Bedro­hun­gen

Was irri­tiert den Hetero eigent­lich so an der sexu­el­len Diver­si­tät? Ein Blick in die Gegen­warts­ge­schichte der plura­len Lust und der verwa­sche­nen Geschlech­ter­gren­zen ist aufschluss­reich: Sieht man von eini­gen frühe­ren eman­zi­pa­to­ri­schen Geplän­keln ab, kam die „Hete­ro­se­xua­li­tät“ erst­mals mit bzw. nach der soge­nann­ten „Sexu­el­len Revo­lu­tion“ der späten 1960er und 1970 Jahre unter Beschuss. Als Reak­tion auf die „Sexwelle“, welche Männer als „freie“ bzw. „befreite“ sexu­elle Subjekte vor sich hertrug und Frauen als deren „Sexob­jekt“ entwarf, forder­ten Femi­nis­tin­nen eine nicht-patriarchale, sondern egali­täre und geschlech­ter­sen­si­ble Sexua­li­tät. Die zweite Verun­si­che­rung des (Hetero-)Sex resul­tierte aus der Homo­se­xu­el­len­be­we­gung, welche eine selbst­be­wusste schwule und lesbi­sche Iden­ti­tät propa­gierte. Wer sich in den 1970er und 1980er Jahren als „homo­se­xu­ell“ outete, unter­stellte sich aller­dings weiter der Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät, welche die Hete­ro­se­xua­li­tät als Norm und die Homo­se­xua­li­tät als Abwei­chung davon defi­nierte. Wobei die Diffe­renz­bil­dung auch in die Gegen­rich­tung funk­tio­nierte: Indem man/frau sich als nicht-homosexuell dekla­rierte, fiel man/frau dem Hete­ro­sex zu.

Queer Activist Jack Fertig, aka Sister Boom Boom, 1984; Quelle: sfweekly.com

In den späten 1980er und den 1990er Jahren regte sich Wider­stand gegen eine solche Essen­tia­li­sie­rung von Hetero- und Homo­se­xua­li­tät – und „Queer“ trat auf die Bühne. Unter Negie­rung jegli­cher Kate­go­ri­sie­run­gen und Iden­ti­täts­for­de­run­gen sollte das Sexu­elle nun als provi­so­risch und kontin­gent gelten und mittels perfor­ma­ti­ver Akte einem perma­nen­ten Wandel unter­lie­gen. Zwischen biolo­gi­schem Geschlecht, sozia­len Geschlech­ter­rol­len und sexu­el­lem Begeh­ren dürfte es keine stabi­len Verbin­dungs­ach­sen mehr geben. Damit kamen die bislang devi­an­ten Ränder der Normal­se­xua­li­tät in den Fokus: LGBTQI (ein Akro­nym für Lesbian, Gay, Bise­xual, Trans­gen­der, Trans­se­xual, Queer, Inter­sex) steht seit­dem für alle mögli­chen Formen der sexu­el­len und geschlecht­li­chen Grenz­über­schrei­tung und Grenzverwischung.

Queer erschüt­terte nicht nur die Mauern der Hetero-/Homosexualität, sondern brachte auch die Mann-Frau-Dichotomie durch­ein­an­der. Die Wahl­mög­lich­kei­ten des sich selbst erfin­den­den Subjekts soll­ten selbst vor dem Geschlecht nicht halt­ma­chen. Diese radi­kale Perfor­ma­ti­vi­tät wurde aller­dings von Anfang an auch kriti­siert. Wie die Praxis zeigte, können Geschlechter- und Geschlechts­ka­te­go­rien wie auch die sexu­elle Orien­tie­rung nicht per Willens­ent­schei­dung im Hier und Jetzt geän­dert werden, sondern unter­lie­gen einem lang­fris­ti­gen Habitualisierungs- und Verkör­per­li­chungs­pro­zess und besit­zen eine zähe oder sogar resis­tente biolo­gi­sche Basis. So blieb unklar, wie weit die Dena­tu­ra­li­sie­rung bzw. Kultu­ra­li­sie­rung von Geschlecht/ern und Sexualität/en gehen und das schein­bar ufer­lose Flie­ßen der sexu­el­len Signi­fi­kan­ten zumin­dest in tempo­räre Selbstwahrnehmungs- und Subjek­ti­vie­rungs­for­men über­führt werden kann.

Conchita Wurst an den Golden Globe Awards, 2015; Quelle: trendencias.com

All dies hätte den einge­fleisch­ten Hetero wohl kaum sonder­lich tangiert, wenn sich die Vertre­te­rIn­nen von Femi­nis­mus, Homo und Queer nicht in den letz­ten Jahr­zehn­ten durch die Insti­tu­tio­nen gear­bei­tet und poli­ti­sche, soziale und mediale Posi­tio­nen und Räume besetzt hätten. Sexu­elle und Gender-Diversität gehört heute mehr oder weni­ger zum Main­strea­ming der mode­ra­ten linken wie rech­ten Parteien. Zahl­reich sind auch die gesell­schaft­li­chen Felder, in denen ihr Einsatz Wirkung zeigte – wie einge­tra­gene Part­ner­schaf­ten, Ehen und Adop­ti­ons­recht für Homo­se­xu­elle, gender­sen­si­ble Sprach­re­ge­lun­gen, geschlechts­ver­än­dernde Opera­tio­nen, Regenbogen-Großevents, Gleich­be­hand­lungs­kom­mis­sio­nen, Diversity-Beauftragte usw. Nicht zu vernach­läs­si­gen ist, dass sich hier auch ein Markt­seg­ment für neue Kunden eröff­nete und sich Insti­tu­tio­nen und Firmen mit dem Bekennt­nis zu „Diver­sity & Tole­rance“ medi­en­wirk­sam insze­nie­ren können.

Dass Queer in der Mitte der Gesell­schaft ange­kom­men ist, zeigt sich am augen­schein­lichs­ten in den Medien. Ein beson­ders signi­fi­kan­tes Beispiel dafür ist die Travestie-Figur Conchita Wurst, Gewinner/in des Euro­vi­sion Song Contests 2014, der/die durch bzw. trotz der ‚künst­li­chen’ Verwi­schung der Geschlech­ter­gren­zen (eine weib­li­che Figur, die Voll­bart trägt) bei gleich­zei­ti­ger Verwir­rung über ihre/seine sexu­elle Orien­tie­rung und/oder womög­li­che A-Sexualität den pop-musikalischen Olymp erklim­men konnte.

Bastio­nen des (Hetero-)Sex

Jenseits der quee­ren Irri­ta­tio­nen und Bedro­hun­gen stellt sich die Frage, was denn der (Hetero-)Sex selbst an Eigen­schaf­ten ins Spiel zu brin­gen hat. Auf welche Formen des sexu­el­len Begeh­rens, Fühlens und Handelns, auf welche damit einher­ge­hen­den Geschlech­ter­cha­rak­tere kann der/die ‚rich­tige’ und ‚normale’ Hete­ro­se­xu­elle heute über­haupt zurück­grei­fen bzw. auf welche Rollen­an­ge­bote kann er/sie sich stüt­zen? Auch hier bieten sich kultu­relle Vorbil­der und genea­lo­gi­sche Tradi­ti­ons­li­nien an.

Mari­lyn Monroe als Cover-Girl, 1950: Quelle: madmenart.com

Wer den (Hetero-)Sex histo­risch zurück­ver­fol­gen möchte, sollte zumin­dest in die zweite Hälfte des 20. Jahr­hun­derts blicken, denn da setzte im deutsch­spra­chi­gen Raum die Geschichte des „Sex“-Begriffes und seiner Konno­ta­tio­nen und Asso­zia­tio­nen ein. Als früher Vorläu­fer ließe sich in den 1930er Jahren noch der „Sex-Appeal“ fest­ma­chen, wie damals „das eine norma­li­sie­rende ameri­ka­ni­sche Schlag­wort für moderne Frauen“ hieß (so ein zeit­ge­nös­si­scher öster­rei­chi­scher Repor­ter). Die Hausse des „Sex“ begann aller­dings erst mit der Anru­fung des norma­li­sier­ten weib­li­chen „Sex-Objekts“ nach 1945, welches in Form von „Sexbom­ben“ und „sexy Girls“ aus den USA impor­tiert wurde. Mit Verweis auf die Kinsey-Reports konnte man in den frühen 1950er Jahren den „Sex“ dann schon ausführ­lich in den deutsch­spra­chi­gen Illus­trier­ten und Maga­zi­nen proble­ma­ti­sie­ren und dabei den weib­li­chen Körper „sexy“, heißt spär­lich beklei­det, abbil­den. Der propa­gierte Normal­sex stand für den west­li­chen Lebens­stil und winkte als Lust-Bonus in der sich etablie­ren­den fordis­ti­schen (Massen-)Konsumgesellschaft. In dieser hieß es nicht nur flei­ßig zu arbei­ten, um konsu­mie­ren zu können – und umge­kehrt zu konsu­mie­ren, damit die Wirt­schaft produ­zierte und man selbst Arbeit hatte –, sondern in der Folge auch die Verhei­ßun­gen des „Sex“ (und seiner viel­fäl­ti­gen Konsum­gü­ter) zu reali­sie­ren. 1960 war die „Sexwelle“ so weit ange­schwol­len, dass der Begriff in das Duden-Wörterbuch aufge­nom­men wurde und fortan zum Bestand­teil des „leben­den Fremd­wort­gu­tes unse­rer Gegen­warts­spra­che“ gehörte.

Aufklä­rungs­buch, 1970

Ende der 1960er und in den 1970er Jahren zeigte sich in nuce, worum es beim „Sex“(-Begriff) eigent­lich ging: Er meinte eine hete­ro­se­xu­elle, norma­li­sierte und an „Sextech­ni­ken“ ausge­rich­tete Sexu­al­form, die Männer als Subjekte und Akteure sowie Frauen als deren „Sexob­jekte“ verstand und sich bestens (etwa in Sexfil­men und Ratge­ber­li­te­ra­tur) kommer­zia­li­sie­ren und zur Ware machen ließ. Deshalb wiesen schon damals kriti­sche Auto­ren wie Herbert Marcuse und Reimut Reiche darauf hin, dass sich hinter dem Impe­ra­tiv der „sexu­el­len Befrei­ung“ eine „repres­sive Entsub­li­mie­rung“ verbarg, die zur Aufrecht­erhal­tung des Patri­ar­chats und der kapi­ta­lis­ti­schen Markt­wirt­schaft beitrug. In diese Rich­tung zielte 1970 auch Günter Amendts Best­sel­ler „Sexfron/t“, in dem der (Hetero-)Sex als Motor der Leistungs- und Konsum­ge­sell­schaft dekon­stru­iert wurde. Michel Foucault meinte ange­sichts dieser hinter­häl­ti­gen Macht­wir­kun­gen im Jahr 1977, dass man eigent­lich „Nein zum König Sex“ sagen sollte.

Kultu­rell geriet diese Art des (Hetero-)Sex spätes­tens in den 1990er Jahren in die Defen­sive. Wie gezeigt, verdräng­ten ihn Femi­nis­mus, Homo­se­xu­el­len­be­we­gung und Queer von der poli­ti­schen und media­len Agenda. Doch das hieß nicht, dass ihn ein Gutteil der Bevöl­ke­rung nicht weiter als den ihren ansah und auch lebte. Tatsa­che ist, dass die Diversity- und Eman­zi­pa­ti­ons­kul­tur primär ein groß­städ­ti­sches und media­les Phäno­men blieb und sich am Land, in klein­städ­ti­schen Milieus und in den Unter­schich­ten kaum Möglich­kei­ten erga­ben, mit der geleb­ten Praxis der Ande­ren – etwa dem ‚schwu­len Pärchen im Freun­des­kreis’ – in Kontakt zu kommen. Die medial trans­por­tierte ver-queere Welt machte diesen sozia­len Grup­pen jeden­falls deut­lich, was ein ‚rich­ti­ger’ Mann und eine eben­sol­che Frau nicht waren. Die eigene sexu­elle Heimat fanden sie dort, wo eine stabile Hetero-Ordnung exis­tierte und man/frau sich ‚vor Ort’ in die sexu­el­len Geschlechter- und Macht­spiele einglie­dern konnte.  Glaubt man psychologischen/psychoanalytischen Erklä­run­gen, irri­tiert heute den/die Hetero an der sexu­el­len Diver­si­tät vor allem, dass sein/ihr ‚einfa­ches’ Begeh­ren auf diesem Wege mit den nicht-‚normalen’ sexu­el­len Fanta­sien, Ängs­ten und Unsi­cher­hei­ten konfron­tiert wird, die in ihnen schlum­mern – aber auch mit der repe­ti­ti­ven Gleich­för­mig­keit des eige­nen (hetero-)sexuellen Handelns.

Distinkte und irri­tie­rende Gefühle wie diese wurden in den letz­ten Jahren vom Popu­lis­mus abge­schöpft und zur Propa­gie­rung des ‚Rich­ti­gen’, ‚Norma­len’ und ‚Eige­nen‘ einge­setzt. Heute lassen sich beispiels­weise in der popu­lä­ren Volks­mu­sik „flotte Buam“ und „fesche Madln“ kaum mehr herstel­len, ohne dass im Hinter­grund die Queer-Kultur oder der Femi­nis­mus – oftmals als Kari­ka­tur – mitschwingt oder sogar für einen offe­nen Seiten­hieb vor den Vorhang gezerrt wird. So beispiels­weise 2015 durch den „Volks-Rock’n’Roller“ Andreas Gaba­lier, der auf seinem Album „Moun­tain Man“ sich und der Figur des „Groß­va­ters“ folgende Reime in den Mund legte:

Andreas Gaba­lier und Sarah Connor, 2014; Quelle: gala.de

„Jetzt hätt i's fast verges­sen, da gibt's ja no so Frauen, / die auf alles andre als auf Weib­lich­keit baun. / Es schmei­chelt uns sehr, doch es macht uns net an. / Warum muss denn a Dirndl heit sei wie a Mann?

Völlig verbis­sen schon fast verkrampft eman­zi­piert, / so dass man die ganze Freud am Knus­pern verliert. / Aber jeder von uns steht halt net auf an Mann, / wir beißen vü liaba an an echten Dirndl an.“

Über solche ‚beißen­den’ Männer lässt sich leicht lachen, aber sie machen die Majo­ri­tät des (Hetero-)Sex aus. Und wer ausge­lacht wird, schließt sich zusam­men und sinnt auf Revanche!

Dies ist auch der Grund, warum sich die Front zwischen den ‚echten Buam’ (und ihren ‚rich­ti­gen Dirndln’) und den Vertre­te­rIn­nen des Femi­nis­mus, der Homo­se­xu­el­len­be­we­gung und des Queer immer mehr zu einem Kultur­kampf auswächst. An der Sexfront werden dabei höchst aktu­elle poli­ti­sche Konflikte ausge­tra­gen – insbe­son­dere solche zwischen einer plura­len, libe­ra­len und tole­ran­ten Gesell­schaft auf der einen Seite und der patri­ar­cha­len, iden­ti­tä­ren und auto­ri­tä­ren Ordnung auf der anderen.

Von Franz X. Eder

Franz X. Eder lehrt Wirtschafts-, Sozial- und Kultur­geschichte an der Uni­versi­tät Wien und arbeitet zur Ge­schichte der Sexua­lität und des Konsu­mierens sowie zur Diskurs­forschung.