Jetzt aber!

In vie­len indus­tria­li­sier­ten Natio­nen genies­sen die Bau­ern eine beson­de­re Wert­schät­zung durch die längst städ­tisch gewor­de­ne Bevöl­ke­rungs­mehr­heit. Die EU sub­ven­tio­niert die Land­wirt­schaft ähn­lich gross­zü­gig wie die USA oder Japan. Aber nur in zwei Län­dern bewe­gen sich die staat­li­chen Sub­ven­tio­nen (aller Art) für die Bau­ern auf der atem­be­rau­ben­den Höhe von über 50% der bäu­er­li­chen Ein­kom­men: in Nor­we­gen und in der Schweiz.

Es mag sein, dass das Leben an wind­ge­plag­ten Nor­we­gi­schen Fjords und auf stot­zi­gen Schwei­zer Hög­gern här­ter ist als anders­wo. Und zwei­fel­los kann es auch eine klu­ge poli­ti­sche Ent­schei­dung sein, die Land­schafts­pfle­ge staat­lich zu sub­ven­tio­nie­ren, so wie andern­orts eben Uni­ver­si­tä­ten, Opern­häu­ser oder Spi­tä­ler staat­lich geführt wer­den (was, by the way, lie­be NZZ, nichts mit „Sozia­lis­mus“ zu tun hat). Alles wun­der­bar, die rei­che Schweiz kann und soll sich das leis­ten.

Schwei­zer Bau­ern­ka­len­der 2016; Quel­le: schweizerbauer.ch – Kom­men­tar: sie­he Nach­be­mer­kung

In jüngs­ter Zeit durf­ten wir aller­dings den Medi­en ent­neh­men, dass nicht nur die Agrar-Sub­ven­tio­nen kei­nes­falls von Bud­get­kür­zun­gen betrof­fen sein wer­den, son­dern dass über­dies der Ver­kaufs­er­lös land­wirt­schaft­lich genutz­ter Grund­stü­cke steu­er­be­freit sein soll. Man hat eben­falls aus den Medi­en ler­nen dür­fen, dass dafür die Bau­ern­lob­by­is­ten in Ber­ner Hin­ter­zim­mern sich mit Indus­trie- und Ban­ken­ver­tre­tern auf freund­li­ches Ent­ge­gen­kom­men bei Fra­gen der Unter­neh­mens­steu­er-Reform III und ähn­li­chem geei­nigt hät­ten – nach dem alten Grund­satz do ut des. Das ist alles nun wirk­lich nicht über­ra­schend, man nennt es zur­zeit „bür­ger­li­cher Schul­ter­schluss“ oder „Rechts­block“ (oder ist es schon Kor­rup­ti­on?) und soll uns hier nicht wei­ter beschäf­ti­gen. Auch der nicht-zustän­di­ge Bun­des­rat aus dem waadt­län­der Reb­land will ja nicht län­ger über die­se Ver­wick­lun­gen spre­chen.

in vino veritas! Bauernkalender 2016; Quelle: schweizerbauer.ch

in vino veri­tas! Schwei­zer Bau­ern­ka­len­der 2016; Quel­le: schweizerbauer.ch – Kom­men­tar: sie­he Nach­be­mer­kung

Allein, wie­so eigent­lich ist die Sym­pa­thie für die Bau­ern in der Schweiz so unge­bro­chen? Dar­an, dass wir ihnen unser täg­li­ches Brot zu ver­dan­ken hät­ten – wir tun es, abge­se­hen von den durch Zöl­le geschütz­ten Natio­nal­er­zeug­nis­sen Milch und Fleisch, nur zu rund 40% –, kann es nicht lie­gen, und schon gar nicht dar­an, dass der lau­fend schrump­fen­de Bei­trag der land­wirt­schaft­li­chen Wert­schöp­fung zum natio­na­len Wohl­stand mit gegen­wär­tig noch 0,67% des Brut­to­in­lands­pro­dukts in irgend­ei­ner Wei­se signi­fi­kant wäre. Ande­re gesell­schaft­li­che Grup­pen mit ähn­lich mar­gi­na­ler wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung kön­nen nicht ein­mal davon träu­men, eine ver­gleich­ba­re poli­ti­sche Hebel­wir­kung aus­zu­üben wie die Bau­ern. Und wel­che Bran­che kann schon hof­fen, dass die Erbrin­gung ihres BIP-Bei­tra­ges von 4,3 Mia. mit stol­zen 3,7 Mia. vom Steu­er­zah­ler sub­ven­tio­niert wird? Man könn­te sie mit Fug und Recht Staats­bau­ern nen­nen.

Wir wol­len fair sein: Land­schafts­pfle­ge ist wie Kul­tur­pfle­ge nicht voll­stän­dig in geld­wer­ten Leis­tun­gen zu mes­sen. Wenn ein jun­ger Mensch in einem Uni-Semi­nar den­ken lernt, ist das so schön wie die blaue Blu­me am land­wirt­schaft­lich gepfleg­ten Weges­rand. Wenn unse­re Lie­be zu den Bau­ern also nichts mit Geld zu tun hat, dann viel­leicht mit Geist? Zwei­fel­los, aber die­ser Geist weht nicht vom Him­mel oder den Alpen­fir­nen her, son­dern ist längst das Pro­dukt geschick­ten Polit-Mar­ke­tings. Den ers­ten beein­dru­cken­den Auf­tritt die­ser Art hat­ten zwar schon die Abge­sand­ten der Eid­ge­nos­sen­schaft am Wie­ner Kon­gress von 1815, als sie mit Alp­horn­spiel und Käse-Degus­ta­tio­nen für ihr neu­tra­les Tal­schaf­ten-Kon­glo­me­rat war­ben. Wirk­lich ein­fluss­reich aber wur­den die Bau­ern erst im 20. Jahr­hun­dert. Doch halt – die Bau­ern?

Ernst Laur/Kurt Wirth, Schweizer Trachten, Ausgabe 1954

Ernst Laur/Kurt Wirth, Schwei­zer Trach­ten, Aus­ga­be 1954

Es war der Bas­ler Bür­ger­sohn, ETH-Pro­fes­sor und Bau­ern­ver­bands­se­kre­tär Ernst Laur (der „Bau­ern­hei­land“), hat in der Zwi­schen­kriegs­zeit den Schwei­ze­ri­schen Bau­ern­ver­band (SBV) zu einer schlag­kräf­ti­gen und ein­fluss­rei­chen Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on auf­ge­baut und er präg­te vor allem jenen Slo­gan, der bis heu­te offen­bar unaus­lösch­lich im iden­ti­ty-code vie­ler Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zern ver­an­kert ist, obwohl sie seit schon bald nicht mehr erin­ner­ba­ren Gene­ra­tio­nen in Städ­ten leben: „Schwei­zer Art ist Bau­ern­art“. Zusam­men mit sei­nem gleich­na­mi­gen Sohn hat er im Rah­men der Geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung der 1930er Jahr das neu erfun­den, was angeb­lich der „fru­me edle pur“ der alten Eid­ge­nos­sen­schaft gewe­sen sein soll: Laur juni­or beauf­trag­te in den 1930er Jah­ren meh­re­re Tex­til­de­si­gner, um die heu­te bekann­ten Schwei­zer Trach­ten ent­wer­fen zu las­sen.  Dabei passt ins Bild, dass schon an der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert in der Unter­hal­tungs­sze­ne des Zür­cher Nie­der­dorfs die Länd­ler-Musik kre­iert wor­den ist, und dass eben­falls zu Beginn des 20. Jh. der städ­tisch-bür­ger­li­che Hei­mat­schutz die von der Moder­ne „bedroh­te“ bäu­er­li­che Kul­tur und die Viel­falt der Schwei­zer Bau­ern­häu­ser zu „schüt­zen“ sich zur Auf­ga­be mach­te. „Der“ Schwei­zer Bau­er ist eine städ­ti­sche Erfin­dung; die „Bauernart“-Ideologie war, noch bevor sie Laur auf den Begriff brach­te, eine Reak­ti­on auf die Moder­ne.

Die­se ideo­lo­gi­sche Hin­wen­dung des städ­ti­schen Bür­ger­tums zu den „Bau­ern“ war ohne Fra­ge ein hoch­will­kom­me­nes Wer­be­ge­schenk und Iden­ti­täts­an­ge­bot an die ste­tig schrump­fen­de, von wirt­schaft­li­cher Not geplag­te (dabei aber nicht sel­ten auch die noch Schwä­che­ren selbst pla­gen­de) land­wirt­schaft­li­che Bevöl­ke­rung. Vor allem aber erfüll­te sie eine poli­ti­sche Funk­ti­on: Laur als ers­ter Lob­by­ist der Bau­ern ging es einer­seits natür­lich dar­um, deren Anteil am Wohl­stands­ku­chen der Schweiz zu ver­tei­di­gen. And­rer­seits und vor allem aber soll­te die „Bauernart“-Ideologie in der Zeit der Geis­ti­gen Lan­des­ver­tei­di­gung dazu die­nen, dem in vie­ler­lei Hin­sicht durch­aus moder­nis­ti­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus ein kon­ser­va­tiv-eigen­stän­di­ges Bild der Schweiz ent­ge­gen­zu­hal­ten. Mit die­sem Bild wur­de „schwei­ze­ri­sche Eigen­art“ (ein Begriff der 30er und 40er Jah­re) wider alle Evi­denz als „bäu­er­lich“ defi­niert und mit der mythi­schen Bedeu­tung alteid­ge­nös­si­schen Wider­stands­geis­tes auf­ge­la­den.

"Landi-Dörfli-Walzer", Quelle: grammaphon-platten.de

“Lan­di-Dörf­li-Wal­zer”, Quel­le: grammaphon-platten.de

Die Lan­de­s­au­stel­lung 1939 mit dem legen­dä­ren „Dörf­li“ auf der rech­ten See­sei­te fand für die­ses ideo­lo­gi­sche Dis­po­si­tiv den wir­kungs­volls­ten und eine gan­ze Gere­ra­ti­on (sowie deren Kin­der) prä­gen­den Aus­druck; die Indus­trie­aus­stel­lung auf der lin­ken See­ufer­sei­te hin­ge­gen hat­te nicht im ent­fern­tes­ten sol­che weit­rei­chen­den Iden­ti­täts­ef­fek­te. Die „Anbau­schlacht“ des Zwei­ten Welt­kriegs tat dann das ihre, um das mythi­sche Bild der agra­ri­schen Selbst­ver­sor­gung der Schweiz end­gül­tig in der Bevöl­ke­rung zu ver­an­kern. Der ‚eigen­sin­ni­ge Bau­er’ und der ‚knor­ri­ge Berg­ler‘ jeden­falls gehö­ren nicht der Volks­kul­tur, gar der Eth­no­gra­phie der Schweiz an, son­dern sind poli­ti­sche Kon­zep­te, die bis heu­te nicht nur die Wirt­schafts­po­li­tik, son­dern auch die aktu­ell wie­der über­aus viru­len­te „Natio­nal­fröm­me­lei“ (Simon Teu­scher) imprä­gnie­ren.

Zur Ver­tei­di­gung der Bau­ern muss man daher sagen, dass sie selbst fast nichts dafür kön­nen, dass wir sie so lie­ben. Es sind die Städ­ter, die nicht auf­hö­ren, im „Bau­ern“ ihr ewig ver­lo­re­nes Ide­al zu erbli­cken, zudem gewief­te Ver­bands­po­li­ti­ker, die das scham­los aus­nüt­zen – und schliess­lich Natio­nalideo­lo­gen, die das Bild der ‚knor­ri­gen, eigen­sin­ni­gen Bau­ern‘ zum „Unter­neh­mer“ sti­li­sie­ren, der von sei­nen Hög­gern her­un­ter dem Abbau des teu­ren Sozi­al­staats mit Wohl­ge­fal­len zuschaut, solan­ge es nur nicht sei­ne Sub­ven­tio­nen betrifft.

Nach­ber­mer­kung: Vie­le Lese­rin­nen und Leser haben sich an den sexis­ti­schen Bil­dern aus dem Bau­ern­ka­len­der gestos­sen, was ich gut ver­ste­he. Die­se Bil­der hät­ten tat­säch­lich kom­men­tiert wer­den müs­sen; das sei hier nach­ge­holt. Die Bil­der gehö­ren mei­nes Erach­tens in die Rei­he eines geziel­ten Mar­ke­tings für den sog. “Bau­ern­stand” – die Macher beto­nen denn auch, dass das alles “ech­te” Bäue­rin­nen und Bau­ern sei­en, kei­ne Models! – und haben damit eine dezi­diert poli­ti­sche Funk­ti­on: “Die” Bau­ern sind sexy, lau­tet die Bot­schaft, sie sind “natür­lich”, “jung”, “attrak­tiv”… Sie sind damit, offen­kun­dig, Pro­jek­ti­ons­flä­chen für die Fan­ta­si­en nicht nur, aber eben auch von Städ­te­rin­nen und Städ­tern. Sie sind die neue Form des Mythos, der die Bau­ern umrankt und aus ihnen “Bau­ern” macht.

Von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.