Reizwörter

Poli­ti­sches Kapi­tal scheint sich gegen­wär­tig am erfolg­reichs­ten aus einem Angst­kom­plex gewin­nen zu las­sen. Die Sor­ge gilt dem Erhalt natio­nal-kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät und Sou­ve­rä­ni­tät, die län­ger schon durch Glo­ba­li­sie­rung und Euro­päi­sie­rung, akut zudem vor allem durch die anhal­ten­de Migra­ti­on aus ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Län­dern als hoch­gra­dig bedroht erfah­ren wird. Mit xeno­pho­ber Rhe­to­rik und Iko­no­gra­phie wird zugleich das Mit­tel für die Ret­tung des ver­meint­lich Bedroh­ten stark gemacht, das zwei­er­lei ein­schliesst: Aus­gren­zung und Anpas­sung. Gefor­dert wird zum einen gegen Aus­sen eine quan­ti­ta­ti­ve phy­si­sche Abwehr durch „Kon­tin­gen­tie­rung“, „Ober­gren­ze“, „Grenz­schlies­sung“, Zäu­ne, Mau­ern; sowie zum zwei­ten gegen Innen eine nicht weni­ger mas­si­ve qua­li­ta­ti­ve sym­bo­li­sche Neu­tra­li­sie­rung durch eine nor­ma­ti­ve Anpas­sung.

Neuer Untergang des alten Abendlandes

Woody Allen als "Zelig", der sich je nach Kontext automatisch an diesen anpasst. Quelle: http://www.dasscinemag.com

Woo­dy Allen als “Zelig”, der sich je nach Kon­text auto­ma­tisch an die­sen anpasst. Quel­le: dasscinemag.com

Die For­de­run­gen aktu­el­ler popu­lis­ti­scher Bewe­gun­gen wie Pegi­da („Patrio­ti­sche Euro­pä­er gegen die Isla­mi­sie­rung des Abend­lan­des“) oder AfD („Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“) über­bie­ten dar­in die alten rechts­bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en. Das zeigt sym­pto­ma­tisch die Anpas­sungs­for­de­rung als Mit­tel zur Re-Homo­ge­ni­sie­rung gesell­schaft­li­cher Plu­ra­li­sie­rung, sei es ein­zel­ner euro­päi­scher Staa­ten oder des „christ­li­chen Abend­lan­des“ über­haupt. Die pla­ka­ti­ven Pro­gram­me die­ser Bewe­gun­gen spre­chen sich hier­zu unver­hoh­len aus: gegen „Parallelgesellschaften/ Par­al­lel­ge­rich­te in unse­rer Mit­te“, für „die Erhal­tung und den Schutz unse­rer christ­lich-jüdisch gepräg­ten Abend­land­kul­tur“, gegen „unkon­trol­lier­te quan­ti­ta­ti­ve Zuwan­de­rung“, für die grund­ge­setz­li­che „Pflicht zur Inte­gra­ti­on“ – so das „Posi­ti­ons­pa­pier“ der Pegi­da von Dezem­ber 2014. Und im ers­ten „Grund­satz­pro­gramm“ der AfD vom Mai 2016 heisst es zu „Kul­tur, Spra­che, Iden­ti­tät“: „Deut­sche Leit­kul­tur statt Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“ (genau­er: „Chris­ten­tum“ und „römi­sches Recht“ anstatt Islam und Scha­ria) und daher auch: „Der Islam gehört nicht zu Deutsch­land“.

Mit sei­ner Äus­se­rung über den deut­schen Fuss­bal­ler Jérô­me Boateng hat der AfD-Vize Alex­an­der Gau­land jüngst ein Exem­pel dafür gege­ben; am 29. Mai zitier­te ihn die Frank­fur­ter Sonn­tags­zei­tung: „Die Leu­te fin­den ihn als Fuß­ball­spie­ler gut. Aber sie wol­len einen Boateng nicht als Nach­barn haben.“ Sym­pto­ma­tisch ist nicht nur die ras­sis­ti­sche Behaup­tung, die sich hin­ter „den Leu­ten“ ver­birgt und von Gau­land nach hef­ti­gen Gegen­re­ak­tio­nen inzwi­schen abge­strit­ten wird, son­dern auch sei­ne nach­ge­lie­fer­te Erklä­rung, die die Anpas­sungs­for­de­rung auf die Spit­ze treibt und zugleich anmas­send beur­teilt: „Ich habe […] die Ein­stel­lung man­cher Men­schen beschrie­ben, aber mich an kei­ner Stel­le über Herrn Boateng geäu­ßert, des­sen gelun­ge­ne Inte­gra­ti­on und christ­li­ches Glau­bens­be­kennt­nis mir aus Berich­ten über ihn bekannt sind.“ Wäh­rend also „die Leu­te“ den in Deutsch­land gebo­re­nen Boateng wegen sei­ner Haut­far­be angeb­lich instink­tiv ableh­nen, beschei­nigt ihm Gau­land auf­grund sei­ner Assi­mi­la­ti­on an die christ­li­che Leit­kul­tur „erfolg­rei­che“ Inte­gra­ti­on. Inte­gra­ti­on fällt hier zurück in Assi­mi­la­ti­on.

Integration und Assimilation

Dem his­to­ri­schen Blick erweist sich sol­che Argu­men­ta­ti­on als Rück­fall in über­wun­den geglaub­te Mus­ter der Behaup­tung natio­na­ler Iden­ti­tät des 19. Jahr­hun­derts. Das haben selbst ein­zel­ne staat­li­che Ein­rich­tun­gen erkannt, die dem­ge­gen­über (zumin­dest auf dem Papier) die Vor­stel­lung einer libe­ra­len und plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft ver­fech­ten. Das tut hier­zu­lan­de etwa die „Eid­ge­nös­si­sche Migra­ti­ons­kom­mis­si­on“, die auf ihrer Home­page die Schweiz über­haupt als eine „plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft“ erklärt, in der immer schon „Men­schen ver­schie­de­ner Her­kunft leb­ten“. Das his­to­ri­sche Bewusst­sein wird hier ter­mi­no­lo­gisch begrün­det, indem der älte­re Begriff der „Assi­mi­la­ti­on“ durch den der „Inte­gra­ti­on“ ersetzt wird. „Inte­gra­ti­on“, so heisst es, bedeu­tet, „dass die ver­schie­de­nen Tei­le der Gesell­schaft, aber auch die ein­zel­nen Men­schen zum Gelin­gen des gemein­schaft­li­chen Han­delns bei­tra­gen. Der Begriff der Inte­gra­ti­on auf natio­na­ler Ebe­ne fand Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re Ein­gang in die Aus­län­der- und Migra­ti­ons­po­li­tik. Im Gegen­satz zur lan­ge verfolg­ten Assi­mi­la­ti­ons­po­li­tik […] soll­te mit dem Begriff ‚Inte­gra­ti­on‘ eine Trend­wen­de mar­kiert wer­den. Im Vor­der­grund stand dabei die Vor­stel­lung von Inte­gra­ti­on als einem Pro­zess, der sowohl Migran­tin­nen und Migran­ten als auch Ein­hei­mi­sche betrifft und Ein­fluss auf die Ent­wick­lung der gesell­schaft­li­chen Struktu­ren auf allen Ebe­nen hat“.

In strik­te­rer Wei­se ist im deut­schen „Auf­ent­halts­ge­setz“ von 2005 („Gesetz über den Auf­ent­halt, die Erwerbs­tä­tig­keit und die Inte­gra­ti­on von Aus­län­dern“) von „Inte­gra­ti­on“ die Rede, wobei der Staat nicht nur „Inte­gra­ti­ons­kur­se“ anbie­tet, die „den Aus­län­dern die Spra­che, die Rechts­ord­nung, die Kul­tur und die Geschich­te in Deutsch­land“ ver­mit­teln sol­len, son­dern dies mit einer „Inte­gra­ti­ons­pflicht“ ver­bin­det, gar von „Inte­gra­ti­ons­zwang“ spricht. Nicht nur am rigi­den Inte­gra­ti­ons­be­griff der Rechts­po­pu­lis­ten, auch an sei­nen staat­li­chen Ver­wen­dun­gen wird deut­lich, dass mit dem begriff­li­chen Wech­sel von Assi­mi­la­ti­on zu Inte­gra­ti­on allein wenig gewon­nen ist. Denn auch die ihrem Anspruch nach libe­ra­le Gesell­schaft tut sich mit kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen kei­nes­wegs leicht, indem auch sie – obwohl weni­ger strikt – letzt­lich auf Homo­ge­ni­sie­rung abzielt. Wäh­rend der Rechts­po­pu­lis­mus kon­se­quent into­le­rant ist, ist die libe­ra­le Gesell­schaft wider­sprüch­lich: Sie ist inklu­siv nur unter der Vor­aus­set­zung der Anpas­sung an vor­herr­schen­de Spra­che, Kul­tur, Wer­te. Sie will gleich­zei­tig Inte­gra­ti­on und Assi­mi­la­ti­on.

Anamnese der Gegenwart

Ärzte untersuchen "Zeligs" Assimilation als Krankheit, Quelle: http://www.filmblerg.com

Ärz­te unter­su­chen “Zeligs” Assi­mi­la­ti­on als Krank­heit, Quel­le: filmblerg.com

Der gegen­wär­ti­ge rechts­po­pu­lis­ti­sche Dis­kurs wie auch die libe­ra­len Ambi­va­len­zen im Umgang mit kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen und Plu­ra­li­tä­ten haben ihren his­to­ri­schen Index im Ent­ste­hungs­kon­text des Natio­nal­staats­ge­dan­kens des 19. Jahr­hun­derts. Die euro­päi­schen Frem­den par excel­lence waren damals die Juden, die, ermög­licht durch die phi­lo­so­phi­schen und poli­ti­schen Bedin­gun­gen der Auf­klä­rung, zuneh­mend in die bür­ger­li­che Gesell­schaft auf­ge­nom­men wur­den. In die­sem Kon­text gewann der Begriff der „Assi­mi­la­ti­on“ (bis dahin ein bio­lo­gi­scher, ernäh­rungs­phy­sio­lo­gi­scher Begriff) sei­ne sozio-kul­tu­rel­le Bedeu­tung, wobei er unter­schied­lich inter­pre­tiert wur­de: Der natio­na­le Libe­ra­lis­mus sah in der kul­tu­rel­len Anpas­sung die Bedin­gung der Mög­lich­keit, die bis dahin an den Rand gedräng­ten Juden zu recht­lich gleich­ge­stell­ten und nütz­li­chen Bür­gern des Natio­nal­staats zu machen, der natio­na­le Kon­ser­va­ti­vis­mus hin­ge­gen sah eben dar­in eine Bedro­hung, jedoch um die Assi­mi­la­ti­on damit um so stär­ker ein­zu­for­dern. Die bis dahin von allen Rech­ten aus­ge­schlos­se­nen Juden selbst wie­der­um begrüss­ten die Assi­mi­la­ti­on anfäng­lich opti­mis­tisch als Aus­weg aus dem Ghet­to in die euro­päi­sche Gesell­schaft durch Teil­ha­be an Bil­dung, Recht, Wirt­schaft.

Wie auch immer gedeu­tet: Das Ver­hält­nis des auf­ge­klärt-abso­lu­tis­ti­schen Staa­tes zu jenen Frem­den bestand von Anfang an dar­in, dass die Juden die Bür­ger­rech­te („Eman­zi­pa­ti­on“) nur um den Preis wei­test­ge­hen­der Anpas­sung („Assi­mi­la­ti­on“) an die vor­herr­schen­den sozia­len und kul­tu­rel­len Nor­men erhal­ten konn­ten. Das ers­te, 1782 vom öster­rei­chi­schen Kai­sers Joseph II. erlas­se­ne Tole­ranz­pa­tent sah in die­sem Sin­ne zwar die Auf­he­bung der Kopf­steu­er, die Öff­nung der Ghet­tos, Gewer­be­frei­heit und Zugang zu uni­ver­si­tä­rer Bil­dung vor. Doch die Ver­lei­hung sol­cher Frei­heit und Rech­te ging mit einer umfas­sen­den Assi­mi­la­ti­ons­for­de­rung ein­her: Die Juden soll­ten bür­ger­li­che Namen anneh­men, die deut­sche Spra­che spre­chen, Mili­tär­dienst leis­ten, und dies alles weni­ger in huma­nis­ti­scher, son­dern in uti­li­ta­ris­ti­scher Absicht, so das Patent: Ziel war es, „die jüdi­sche Nazi­on haupt­säch­lich durch bes­se­re Unter­rich­tung und Auf­klä­rung ihrer Jugend und durch Ver­wen­dung auf Wis­sen­schaf­ten, Küns­te und Hand­wer­ke dem Staa­te nütz­li­cher und brauch­ba­rer zu machen“.

Hannah Arendt, ca. 1932; Quelle: denismateriaux.com

Han­nah Arendt, ca. 1932; Quel­le: denismateriaux.com

Es war die­se Ambi­va­lenz, die die jun­ge Han­nah Arendt in ihrem Auf­satz Auf­klä­rung und Juden­fra­ge im Jahr 1932 – und damit im Rück­blick auf die schei­tern­de Epo­che der Auf­klä­rung und der Eman­zi­pa­ti­on – auf­zeig­te. Die Ambi­va­len­zen der poli­ti­schen Auf­klä­rung mach­te sie aber grund­le­gen­der, näm­lich in ihrem Ver­nunft­be­griff aus, der par­ti­ku­la­re kul­tu­rel­le und reli­giö­se Phä­no­me­ne (wie das Juden­tum) zu kon­tin­gen­ten „Geschichts­wahr­hei­ten“ degra­diert und allein die uni­ver­sa­len „Ver­nunft­wahr­hei­ten“ als „not­wen­dig“ und „ver­bind­lich“ gel­ten lässt: „Die All­herr­schaft der Ver­nunft ist eine All­herr­schaft des Mensch­li­chen, des Huma­nen. […] Schließ­lich (sind) alle Kon­fes­sio­nen für den Tole­ran­ten, und das heißt für den wahr­haft Mensch­li­chen, nur ver­schie­de­ne Benen­nun­gen des­sel­ben Men­schen.“ Die Ambi­va­lenz der Auf­klä­rung liegt also nach Arendt aus­ge­rech­net in ihrem inte­gra­ti­ven uni­ver­sa­lis­ti­schen Pos­tu­lat, das kul­tu­rel­le Par­ti­ku­la­ri­tät und Dif­fe­renz nicht gel­ten lässt, son­dern neu­tra­li­siert.

Im Gegen­zug zum libe­ra­len Uni­ver­sa­lis­mus der Auf­klä­rung reagier­te der natio­nal­kon­ser­va­ti­ve Dis­kurs der „Juden­fra­ge“ seit rund 1850 auf die Eman­zi­pa­ti­on der Juden aller­dings nicht uni­ver­sa­li­sie­rend, neu­tra­li­sie­rend, inklu­siv, son­dern viel­mehr aus­gren­zend. Mit poli­tisch-theo­lo­gi­schem Affekt gegen die Juden argu­men­tier­te etwa der rechts­he­ge­lia­ni­sche Theo­lo­ge Bru­no Bau­er in Die Juden­fra­ge (1843), indem er die Eman­zi­pa­ti­on mit der Behaup­tung man­geln­der Assi­mi­la­ti­ons­be­reit­schaft der Juden im „christ­li­chen Staat“ in Fra­ge stell­te und sie damit zugleich – zynisch – für den Juden­hass sel­ber ver­ant­wort­lich mach­te. Wäh­rend alle ande­ren Völ­ker sich ent­wi­ckel­ten, zeich­ne­ten sich die Juden durch einen grund­sätz­li­chen „Man­gel an geschicht­li­cher Ent­wick­lungs­fä­hig­keit“ aus, ein „sta­tio­nä­res Volks­we­sen“, das sie letzt­lich immer als „Fremd­lin­ge“ par excel­lence erschei­nen lässt. Die poli­tisch-theo­lo­gi­sche Anpas­sungs­for­de­rung an die Juden „im christ­li­chen Staat“ war daher um so mas­si­ver; sie zielt auf Selbst­auf­lö­sung: „sich zu einem Nicht-Volk zu machen. […] für sich selbst soll es […] Nichts seyn.“ „[…] ihre boden­lo­se Natio­na­li­tät müs­sen sie zum Opfer brin­gen, ehe sie sich auch nur im Ent­fern­tes­ten in Stan­de set­zen kön­nen, an wirk­li­chen Staats- und Volks­an­ge­le­gen­hei­ten auf­rich­tig und ohne gehei­men Vor­be­halt Theil zu neh­men.“

Quelle: http://www.quest-cdecjournal.it/focus.php?id=307

Quel­le: quest-cdecjournal.it

Die­ses mas­si­ve Assi­mi­la­ti­ons­pos­tu­lat gehör­te zum Dis­kurs der „Juden­fra­ge“ von den Grün­der­jah­ren bis in die NS-Zeit. Ana­log argu­men­tier­te, um nur noch ein Bei­spiel zu geben, der kon­ser­va­ti­ve His­to­ri­ker Hein­rich von Treit­sch­ke in dem Essay Unse­re Aus­sich­ten (1879), der in dem berüch­tig­ten Satz mün­de­te: „die Juden sind unser Unglück!“. Die Beschwö­rung der neu errun­ge­nen natio­na­len Ein­heit ver­band er mit einer Anpran­ge­rung der „natio­na­len Son­der­exis­tenz“ der Juden, denen er man­geln­de Assi­mi­la­ti­ons­be­reit­schaft vor­hielt und for­der­te, dass sie „sich den Sit­ten und Gedan­ken ihrer christ­li­chen Mit­bür­ger“ anpas­sen soll­ten, die ihnen doch „die Rech­te des Men­schen und des Bür­gers geschenkt“ haben. Statt­des­sen „bestand man dreist auf sei­nem ‚Schein‘; man for­der­te die buch­stäb­li­che Pari­tät in Allem und Jedem und woll­te nicht mehr sehen, dass wir Deut­schen denn doch ein christ­li­ches Volk sind.“ „Deutsch reden­de Ori­en­ta­len“ sah Treit­sch­ke also in den Juden, die nur durch maxi­ma­le Anpas­sungs­for­de­rung in den neu­en Natio­nal­staat zu inte­grie­ren waren: „Sie sol­len Deut­sche wer­den […]; denn wir wol­len nicht, daß auf die Jahr­tau­sen­de ger­ma­ni­scher Gesit­tung ein Zeit­al­ter deutsch-jüdi­scher Misch­cul­tur fol­ge.“

Rückfall

Die gegen­wär­ti­gen Anpas­sungs­for­de­run­gen sind offen­sicht­lich in die­sen Mus­tern aus dem Zeit­al­ter der Natio­nal­staa­ten vor­ge­prägt. In ähn­li­cher Wei­se bau­en sie auf der Vor­stel­lung einer homo­ge­nen Natio­nal­kul­tur („Leit­kul­tur“), wei­sen kul­tu­rel­le Dif­fe­renz und Plu­ra­li­tät („Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“) zurück und stel­len vor die­sem Hin­ter­grund ihre strik­te Anpas­sungs­for­de­rung („Inte­gra­ti­ons­zwang“). Dem His­to­ri­ker der Gegen­wart müs­sen sie daher als Nost­al­gie für natio­nal­staat­li­che Ver­hält­nis­se mit geschlos­se­nen Gren­zen und homo­ge­nen Kul­tu­ren erschei­nen – als Rück­fall alle­mal weit hin­ter die euro­päi­sche Idee einer kul­tu­rell viel­fäl­ti­gen Gesell­schaft, die Assi­mi­la­ti­on und Inte­gra­ti­on auf ein Mini­mum redu­zie­ren kann.

zitierte Literatur:
Harm Klueting (Hg.): Der Josephinismus. Ausgewählte Quellen zur Geschichte der theresianisch-josephinischen Reformen, Darmstadt 1995.
Hannah Arendt: Aufklärung und Judenfrage, in: Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland, Heft 2/3, 1932.
Bruno Bauer: Die Judenfrage, Braunschweig 1843.
Walter Boehlich (Hrsg.): Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt am Main 1988.

Von Andreas Kilcher

Andreas Kilcher ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich. Er ist Mitglied des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH und Universität Zürich sowie Mitbegründer der European Society for the Study of Western Esotericism.