Aktueller SchwerpunktGeschichten der Gegenwart

Die letz­ten Wochen des Jah­res 2016 lie­gen hin­ter uns, aber sie hören nicht auf, Fra­gen auf­zu­wer­fen. Wie kann man die Wahl Donald Trumps zum Prä­si­den­ten his­to­risch ein­ord­nen? Was haben wir von einer Welt unter Trump und Putin zu erwar­ten? Vie­le erin­nern die letz­ten Wochen nicht ohne Grund an die frü­hen 30er Jah­re und den Auf­stieg des Faschis­mus, wie jüngst auch die ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ke­rin Anne Appel­baum dar­leg­te. Doch weil Trump mit sei­nen Äus­se­run­gen, sei­nen Tweets und sei­nem poli­ti­schen Ver­hal­ten mit allen poli­ti­schen Tra­di­tio­nen der west­li­chen Nach­kriegs­ord­nung bricht, erin­nert er in ver­wir­ren­der Wei­se auch an jene Epo­che, deren glück­li­ches Ende vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert als „Sieg“ der „libe­ra­len Demo­kra­tie“ und als fort­an kon­flikt­frei­es „Ende der Geschich­te“ vor­ge­stellt und gefei­ert wur­de: an den Kal­ten Krieg.

Zwar haben seit­her die Kon­flik­te im Welt­mass­stab nicht auf­ge­hört und sieht sich die libe­ra­le Demo­kra­tie (was auch immer das im Ein­zel­nen heis­sen mag) poli­tisch stär­ker unter Druck als je seit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges, doch mit der bevor­ste­hen­den Ver­ei­di­gung Trumps schei­nen die Din­ge noch kom­pli­zier­ter zu wer­den. Aus allem, was man in den letz­ten Mona­ten in den tra­di­tio­nel­len Medi­en und ‚auf‘ Soci­al Media lesen und sehen konn­te, las­sen sich zwei The­men­kom­ple­xe beson­ders her­aus­he­ben: die viel­fach beklag­te Auf­lö­sung der Gren­zen zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät, zwi­schen Wahr­heit und Lüge auf der einen Sei­te, und and­rer­seits, damit aller­dings eng ver­bun­den, der Ein­fluss, den mut­mass­lich rus­si­sche Diens­te und damit Prä­si­dent Putin selbst auf die poli­ti­schen Pro­zes­se im „Wes­ten“ nahm bzw. nimmt. Nichts dar­an ist nun aller­dings neu, viel­mehr erin­nert das alles in gera­de­zu atem­be­rau­ben­der Wei­se an den Kal­ten Krieg – nur etwas anders als damals.

„Geh doch nach Moskau!“

Ernst Cin­ce­ra mit sei­nem Buch “Unser Wider­stand gegen die Sub­ver­si­on in der Schweiz” , 1977: Quel­le: srfcdn.ch

Als ich in den 1970er Jah­ren ein Teen­ager war, war die pas­sen­de Ant­wort mei­nes Vaters auf jede Kri­tik an „der Gesell­schaft“ und „dem Impe­ria­lis­mus“, die ich vor­zu­brin­gen hat­te, ein tro­cke­nes „Geh doch nach Mos­kau, wenn es dir hier nicht passt“. Denn Kri­tik galt immer gleich schon als sowje­ti­sche „Sub­ver­si­on“, die die frei­heit­li­che (und kapi­ta­lis­ti­sche) Ord­nung der west­li­chen Gesell­schaf­ten zu unter­gra­ben such­te. Jene bür­ger­li­chen Poli­ti­ker und selbst­er­nann­ten Staats­schüt­zer, die vor die­ser „Sub­ver­si­on“ warn­ten, die Kar­tei­en von „Sub­ver­si­ven“ anleg­ten und sie z.B. aus dem öffent­li­chen Dienst zu drän­gen ver­such­ten, stan­den poli­tisch ganz am rech­ten Rand. In den USA war das, bei­spiels­wei­se, der scharf anti­kom­mu­nis­ti­sche Sena­tor Joseph McCar­thy, in der Schweiz der 1970er Jah­re der weit weni­ger bekann­te, aber eben­so eif­ri­ge „Sub­ver­si­ven-Jäger“ und FDP-Natio­nal­rat Ernst Cin­ce­ra. Bei­de haben unlieb­sa­me poli­ti­sche Geg­ner oder Ver­däch­tig­te aller Art als angeb­li­che Staats­fein­de denun­ziert. Die Ver­ach­tung, die wir damals gegen­über Leu­ten wie Cin­ce­ra emp­fan­den, hät­te grös­ser nicht sein kön­nen.

Mit dem Ende der Sowjet­uni­on haben sich die­se alten Fron­ten ein Stück weit auf­ge­löst. Auch nach­träg­lich recht­fer­tigt zwar nichts die Denun­zia­ti­on von Kri­tik als „Sub­ver­si­on“, aber dass es gar kei­ne sowje­ti­sche Sub­ver­si­on gege­ben habe, wür­de man den­noch nicht mehr behaup­ten wol­len. Der Kal­te Krieg war „kalt“, weil er von bei­den Sei­ten nicht mit mili­tä­ri­schen Mit­teln, son­dern im Medi­um der Pro­pa­gan­da, das heisst vor allem auf dem Feld der Medi­en und der „Kul­tur“ geführt wur­de. Von bei­den Sei­ten flos­sen, wie die his­to­ri­sche For­schung zei­gen konn­te, über Geheim­diens­te bedeu­ten­de Sum­men und viel ver­deck­te Arbeit in den Auf­bau von west­li­chen „Frei­heits“- bzw. öst­li­chen „Friedens“-Organisationen.

Ver­an­stal­tung des von der CIA orga­ni­sier­ten und finan­zier­ten Con­gress for Cul­tu­ral Free­dom, 1960; in der Mit­te Ber­lins Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter Wil­ly Brandt; Quel­le: thelibertyconservative..com

Die­se „Front­or­ga­ni­sa­tio­nen“, wie sie im Geheim­dienst-Slang hies­sen, kämpf­ten um die Gunst des Publi­kums wie auch um die Unter­stüt­zung ein­zel­ner Intel­lek­tu­el­ler, för­der­ten Medi­en und Buch­pu­bli­ka­tio­nen und ver­an­stal­te­ten Kon­gres­se und Kon­zer­te, um ihre ideo­lo­gi­sche Bot­schaft öffent­lich­keits­wirk­sam zu trans­por­tie­ren. Es war, neben allem geo­stra­te­gi­schem Rin­gen und neben der Eigen­lo­gik der ato­ma­ren Rüs­tungs­spi­ra­le, ein Krieg „bet­ween alter­na­ti­ve ways of life“, wie Har­ry Tru­man 1947 zwar schwarz­weiss malend, aber den­noch nicht ganz zu Unrecht sag­te: Es war eine Aus­ein­an­der­set­zung dar­über, wie Gesell­schaf­ten orga­ni­siert sein und in wel­che Rich­tung sie sich ent­wi­ckeln sol­len.

Es könn­te sein, dass wir heu­te, unver­se­hens, wie­der an einem ähn­li­chen Punkt ange­langt sind. Ver­stö­rend ist zum Bei­spiel, dass gegen­wär­tig nicht weni­ge tat­säch­lich „nach Mos­kau gehen“ – aus schie­rer Bewun­de­rung über den „rus­si­schen Weg“, oder auch, um sich finan­zi­el­le und pro­pa­gan­dis­ti­sche Unter­stüt­zung durch den Kreml zu sichern. Neu ist aller­dings, dass die­se Pil­ger poli­tisch in aller Regel weit rechts aus­sen ste­hen, so etwa die Spit­ze der öster­rei­chi­schen FPÖ, die ihre poli­ti­schen Stra­te­gi­en mit den Stä­ben von Putins Regie­rungs­par­tei absprach, einen Zusam­men­ar­beits­ver­trag schloss und Putin einen Demo­kra­ten nennt, oder der Wal­li­ser SVP-Regie­rungs­rat Oskar Frey­sin­ger, der 2015 anläss­lich der Sie­ges­fei­ern zum Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges ver­lau­ten liess, dass nicht die Rote Armee, son­dern die „rus­si­sche See­le“ den Krieg gewon­nen habe – und dass die Men­schen in Russ­land „frei­er“ sei­en als im Wes­ten. Rus­sia Today, der mehr­spra­chi­ge Nach­rich­ten- und Pro­pa­gan­da­ka­nal des Kremls, von dem auch eini­ge ein­fluss­rei­che Schwei­zer Jour­na­lis­ten beson­ders ange­tan sind, scheint auch hier­zu­lan­de der Ursprung sol­cher Ansich­ten zu sein.

Rex Til­ler­son und Vla­di­mir Putin; Quel­le: forbes.com

Umso ver­stö­ren­der ist es, dass Mike Flynn, der Sicher­heits­be­ra­ter des neu­en ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten, als gern gese­he­ner Exper­te bei Rus­sia Today und als Putin-Ver­trau­ter z.B. die rus­si­sche Posi­ti­on im sog. Anti-Ter­ror­kampf ver­tritt und damit nicht zuletzt auch in den media­len Echo­kam­mern der radi­ka­len Lin­ken gut auf­ge­ho­ben ist. Ein ganz spe­zi­el­ler Fall schliess­lich ist Trumps desi­gnier­ter Aus­sen­mi­nis­ter Rex Til­ler­son, der neben sei­nem Job bei Exxon­Mo­bi­le eine rus­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Ölfir­ma lei­te­te, sehr enge Kon­tak­te zum Kreml pflegt und sich von Putin den höchs­ten Orden Russ­lands für Aus­län­der, den „Freund­schafts-Orden“, umle­gen liess.

Doch was bedeu­ten die­se Bei­spie­le, die sich leicht meh­ren lies­sen? Wer genau ist hier mit wem und war­um „befreun­det“? Um das Offen­sicht­lichs­te zu sagen: Es ist unüber­seh­bar, dass Putins post-kom­mu­nis­ti­sches und post-demo­kra­ti­sches Regime für Vie­le am rech­ten Rand des poli­ti­schen Spek­trums ein attrak­ti­ves Modell dar­stellt. Denn die­se Form des Regie­rens beru­he – angeb­lich – auf tra­di­tio­nel­len Wer­ten, stär­ke die Bedeu­tung von Nati­on, Staat und Kir­che, siche­re die Ord­nung der Fami­lie und der Geschlech­ter, ja über­haupt Hier­ar­chie und Auto­ri­tät. Sie bie­te damit eine Alter­na­ti­ve zu den west­lich-libe­ra­len „Wer­ten“ in (angeb­li­chen) Anfüh­rungs­zei­chen – eine Alter­na­ti­ve zu dem vom „inter­na­tio­na­len Finanz­ka­pi­tal“ mani­pu­lier­ten poli­ti­schen „Sys­tem“ (die ent­spre­chen­den anti­se­mi­ti­schen Unter­tö­ne waren auch in der Trump-Kam­pa­gne unüber­hör­bar) und zur mul­ti­kul­tu­rel­len Deka­denz und Unord­nung des Wes­tens.

Doch Russ­land hat neben die­sen ideo­lo­gi­schen Prä­fe­ren­zen und den unver­hüll­ten öko­no­mi­schen Inter­es­sen der gegen­wär­ti­gen Macht­ha­ber auch ein offen­kun­di­ges stra­te­gi­sches Inter­es­se dar­an, die mit dem Beginn des Kal­ten Krie­ges eta­blier­te und seit des­sen Ende noch erwei­ter­te „West­bin­dung“ der euro­päi­schen Staa­ten zu unter­lau­fen, d.h. deren Bünd­nis mit den USA in der NATO auf­zu­bre­chen und die EU zu spal­ten. Das Ziel ist, durch­aus nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se, poli­tisch aus der Iso­la­ti­on her­aus­zu­fin­den und, wie schon immer seit dem 18. Jahr­hun­dert und bis ca. 1948, über ver­schie­de­ne, wech­seln­de Ver­bün­de­te auch auf dem west­li­chen Teil des euro­päi­schen Kon­ti­nents Ein­fluss aus­üben zu kön­nen. Ange­sichts der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Kon­stel­la­ti­on in Euro­pa ist das Mit­tel der Wahl dazu die För­de­rung rechts­na­tio­na­ler, auch rechts­ex­tre­mer Par­tei­en, Grup­pen und Strö­mun­gen – zum Teil offen­bar gar mit den alten Metho­den von dafür spe­zia­li­sier­ten ex-KGB-Geheim­dienst­ab­tei­lun­gen. Die rechts­na­tio­na­len Par­tei­en bewe­gen sich nicht nur im ideo­lo­gi­schen Feld Putins, son­dern ver­spre­chen durch ihr destruk­ti­ves poli­ti­sches Poten­ti­al auch, sei­ne stra­te­gi­schen Optio­nen zu för­dern. Ihre eige­nen poli­ti­schen Zie­le – im Wesent­li­chen und in Vari­an­ten: eth­nisch homo­ge­ne Natio­nal­staa­ten und autoritär(er)e Regie­rungs­struk­tu­ren – sind mit dem rus­si­schen Modell der so genann­ten „gelenk­ten Demo­kra­tie“ jeden­falls unmit­tel­bar kom­pa­ti­bel.

AfD-Demons­tra­ti­on in Erfurt, 24.2.2016; Quel­le: br.de

Die Ver­bin­dung von ideo­lo­gi­schen und stra­te­gi­schen Inter­es­sen und Zie­len des Kremls ist mehr als nur Gross­macht­po­li­tik. Sie ent­spricht, in neu­ar­ti­ger Form und trotz aller wirt­schaft­li­chen Schwä­chen Russ­lands, der poli­tisch-stra­te­gi­schen Situa­ti­on einer Super­macht in einem Kal­ten Krieg. Daher sind die Rei­sen nach Mos­kau, die freund­schaft­li­chen poli­ti­schen Kon­tak­te und die z.T. mas­si­ve finan­zi­el­le, poli­ti­sche und publi­zis­ti­sche För­de­rung von rechts­na­tio­na­len Par­tei­en wie dem fran­zö­si­schen Front Natio­nal auch so ziem­lich genau das, was man damals als „Sub­ver­si­on“ bezeich­ne­te. Nur scheint die­se heu­te weit erfolg­rei­cher zu sein als vor vier­zig Jah­ren, als die Neue Lin­ke sich weit­ge­hend von „Mos­kau“ distan­ziert hat­te und das sowje­ti­sche Modell von den jugend­li­chen Pro­test­be­we­gun­gen seit ’68 meist als sklero­tisch abge­lehnt wur­de.

Reality Show

Der bis­he­ri­ge Höhe­punkt die­ser unver­hoh­le­nen Sub­ver­si­on libe­ra­ler, offe­ner Gesell­schaf­ten war nach allem, was man dazu auch als Zei­tungs­le­ser mit ziem­li­cher Bestimmt­heit wis­sen kann, die wir­kungs­vol­le Ein­fluss­nah­me rus­si­scher Diens­te auf den letzt­jäh­ri­gen ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf, sehr wahr­schein­lich nicht ohne die Zustim­mung des rus­si­schen Prä­si­den­ten und gemäss der über­ein­stim­men­den Ein­schät­zung von FBI und CIA zuguns­ten des repu­bli­ka­ni­schen Bewer­bers. Die USA unter Oba­ma haben sich zwar nicht gescheut, den Feh­de­hand­schuh auf­zu­neh­men und die­se Inter­fe­renz als eine Form hybri­der Kriegs­füh­rung und als ideo­lo­gisch-stra­te­gi­schen Angriff auf die Ver­läss­lich­keit demo­kra­ti­scher Insti­tu­tio­nen und Pro­zes­se zu behan­deln. Aber Oba­ma ist nur noch zwei Wochen im Amt. Und Putin war­tet lächelnd.

Donald Trump zum Hacker­an­griff und Oba­mas Reak­ti­on: “I think we ought to get on with our lives. I think that com­pu­ters have com­pli­ca­ted lives very great­ly. The who­le age of the com­pu­ter has made it whe­re nobo­dy knows exact­ly what’s going on. We have speed, we have a lot of other things, but I’m not sure we have the kind of secu­ri­ty we need.” (Donald Trump, 29.12.2016) Quel­le: Washing­ton Post

Enters Donald Trump, the Rus­si­an pood­le, wie ihn Nico­las Kris­tof in der New York Times bezeich­ne­te, und der auch in popu­lä­ren ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­shows wie „Satur­day Night Life“ (SNL) unver­hoh­len als stüm­per­haf­te Pup­pe Putins vor­ge­führt wird. Ange­sichts von Trumps doku­men­tier­ter Bewun­de­rung für den rus­si­schen Prä­si­den­ten und sei­nem Applaus für Putin auf Twit­ter ist anzu­neh­men, dass der kur­ze Anflug von Kal­tem Krieg zwi­schen dem auto­ri­tä­ren Putin-Russ­land und dem libe­ra­len, mul­ti­kul­tu­rel­len Oba­ma-Ame­ri­ka am 20. Janu­ar wie­der been­det sein wird (wäh­rend es dann in Euro­pa ziem­lich kalt wer­den dürf­te). Die Anzei­chen – so z.B. die jüngs­ten Äus­se­run­gen Hen­ry Kis­sin­gers zu einer mög­li­cher­wei­se künf­ti­gen Krim- und Ukrai­ne-Poli­tik der USA – meh­ren sich, dass Russ­land und die USA sich ein­an­der stra­te­gisch und ideo­lo­gisch annä­hern könn­ten.

Die­sem ziem­lich alp­traum­haf­ten Sze­na­rio gemäss wür­den die USA unter Trump (des­sen Abhän­gig­keit übri­gens aus­ge­rech­net von rus­si­schem Geld und Ver­bin­dun­gen mit rus­si­schen Kri­mi­nel­len nach­weis­bar sind) in eine post-demo­kra­ti­sche, auto­ri­tä­re Ära ein­tre­ten, in der eine natio­na­lis­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik aus­sen­po­li­ti­sche Kon­flik­te ris­kiert, wobei ein unre­gu­lier­ter Kapi­ta­lis­mus gemein­sa­me Geschäf­te, Kor­rup­ti­on und die geför­der­te Berei­che­rung der Eli­ten über alle Gren­zen hin­aus in kei­ner Wei­se aus­schliesst. Dass Trump poli­ti­sches Han­deln nach dem Mus­ter von „deals“ ver­steht, deu­tet zusätz­lich in eine sol­che Rich­tung. Am wich­tigs­ten aber scheint die Kon­ver­genz zwi­schen den Macht­tech­ni­ken von Trump und Putin und ihren ähn­li­chen media­len Sti­len, auf die rus­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Publi­zis­tin Masha Ges­sen kürz­lich unter dem Titel „The Putin Para­digm“ hin­ge­wie­sen hat: Bei­de haben zu lan­ge ihr eige­nes Fern­se­hen geschaut, bei­de stüt­zen sich auf die media­ti­sier­te gros­se Ges­te, und bei­de lügen, um zu demons­trie­ren, dass sie lügen kön­nen, weil sie Macht über die Rea­li­tät haben.

Die ers­te Rea­li­ty Show im ame­ri­ka­ni­schen Fern­se­hen und Baudril­lards Bei­spiel: “An Ame­ri­can Fami­ly”, 1973; Quel­le: dailymail.co.uk

Nur eines erin­nert daher noch an die Zei­ten des Kal­ten Krie­ges: die Rea­li­ty Show, d.h. jenes TV-For­mat, das Donald Trump gross gemacht hat und das er beherrscht wie kein ande­rer Poli­ti­ker vor ihm. 1976 hat der fran­zö­si­sche Medi­en­theo­re­ti­ker Jean Baudril­lard unter dem Titel „Ago­nie des Rea­len“ (dt. 1977) eine Welt beschrie­ben, in der das Fern­se­hen die Wirk­lich­keit durch eine Simu­la­ti­on ersetzt, deren fik­tio­na­ler Cha­rak­ter durch ihren media­len „Rea­li­täts­ef­fekt“ zum Ver­schwin­den gebracht wird: Fik­ti­on und Rea­li­tät wer­den unun­ter­scheid­bar – eine The­se, zu der Sid­ney Lumet eben­falls 1976 mit „Net­work“ die gül­ti­ge fil­mi­sche Visi­on geschaf­fen hat. Die­ses Inein­an­der­flies­sen von Rea­li­tät und Fik­ti­on sei, so Baudril­lard, unmit­tel­bar dem Kal­ten Krieg selbst geschul­det: Weil die­ser wegen der Dro­hung gegen­sei­ti­ger tota­ler Ver­nich­tung nicht geführt wer­den konn­te, war er ein Medi­en­krieg, ein simu­lier­ter Krieg der Bil­der und Töne, der die Rea­li­tät zum Spek­ta­kel „neu­tra­li­siert“ habe. Die Effek­te die­ser Shows aller­dings waren und sind den­noch real, wie schon in „Net­work“ in nicht zu über­bie­ten­der Deut­lich­keit vor­ge­führt wur­de: Inhalt und Pro­dukt von Rea­li­ty-TV ist nichts ande­res als der Popu­lis­mus.

Popu­lis­mus und die Unun­ter­scheid­bar­keit von Fak­ten und Fik­tio­nen sind mit­hin nicht erst seit Face­book und Twit­ter mög­lich. Heu­te aber scheint das Spek­ta­kel der Rea­li­ty Shows (die rund drei Vier­tel aller fik­tio­na­len For­ma­te im ame­ri­ka­ni­schen Fern­se­hen aus­ma­chen) zur Macht­tech­nik der Regie­ren­den gewor­den zu sein. Wäh­rend aller­dings der Ex-Geheim­dienst­chef Putin sein Metier nach allen Regeln der mani­pu­la­ti­ven Kunst zu beherr­schen scheint, kann man kaum anneh­men, Trump wür­de eben­so bewusst und kal­ku­lie­rend die Fäden zie­hen. Viel wahr­schein­li­cher ist, dass er selbst nicht recht unter­schei­den kann, ob er twit­tert, eine TV-Show orches­triert oder eine Super­macht führt. Oder ob er ein­fach Geschäf­te macht – wie nicht zuletzt mit sei­ner Rea­li­ty Show “The Appren­ti­ce”, die er auch als Prä­si­dent wei­ter­hin zu pro­du­zie­ren gedenkt.

Von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.