Jetzt aber!

Die beiden Anti­po­den heis­sen Gerd Buce­rius und Markus Somm. Gerd Buce­rius, der erste und lang­jäh­rige Verle­ger der ZEIT, beschied einem Werbe­kun­den, der über ihn Druck auf die Redak­tion ausüben wollte, er werde sein ganzes Leben lang nie mehr eine Anzeige von ihm anneh­men. Markus Somm hinge­gen, der Verle­ger und Chef­re­dak­tor der Basler Zeitung, rief die Werbe­kun­den dazu auf, keine Inse­rate in Zeitun­gen zu schal­ten, die kriti­sche Arti­kel über sie schrei­ben. Was für ein Gegen­satz, was für ein Unter­schied!

Gerd Buce­rius machte unmiss­ver­ständ­lich die Trenn­wand zwischen Jour­na­lis­mus und Werbung deut­lich. Markus Somm aber will sie nieder­reis­sen, und zwar mit Hilfe der werben­den Wirt­schaft. Als eine Art fünfte Kolonne ermun­tert er zum Boykott der eige­nen Bran­che und stellt damit infrage, was bisher zum Selbst­ver­ständ­nis sowohl der Medien als auch der Wirt­schaft gehörte: Die Medien üben eine Kritik- und Kontroll­funk­tion aus, auch gegen­über der Wirt­schaft. Die Wirt­schaft kauft sich umge­kehrt über Medien Reich­weite für ihre Werbe­bot­schaf­ten. Dass die Medien auch jene jour­na­lis­ti­sch kriti­sie­ren, die bei ihnen werben, und dass die Unter­neh­men auch bei jenen werben, die sie kriti­sie­ren, stärkt die Glaub­wür­dig­keit beider. Und beide profi­tie­ren.

Natür­lich war diese Bezie­hung nie problem­frei. Es gab immer wieder offene und versteckte Boykott­dro­hun­gen, ja voll­zo­gene Boykotte von Unter­neh­men gegen Medien. Die Wirt­schaft kann nicht gezwun­gen werden, in bestimm­ten Medien zu werben. Und frei­lich war der Jour­na­lis­mus nie voll­kom­men unab­hän­gig. Die Zeitun­gen des 17. Jahr­hun­derts waren vorwie­gend Staats­me­dien oder brauch­ten eine Lizenz der Regen­ten: Sie berich­te­ten nur, was obrig­keit­lich genehm war. Die Zeitun­gen vom 18. Jahr­hun­dert an waren meist Partei­me­dien: Sie betrach­te­ten die Welt aus einer ideo­lo­gi­schen Optik. Die im 19. Jahr­hun­dert aufge­kom­mene „penny press“, der Typus „Gene­ral­an­zei­ger“, und die danach über viel­fäl­tige Kanäle verbrei­te­ten Massen­me­dien waren auf Werbung ange­wie­sen, um sich zu finan­zie­ren: Sie nahmen hin und wieder auch Rück­sich­ten. Aber stets war klar: Es ist mora­li­sch verwerf­lich, die Wirt­schafts­macht auszu­nüt­zen, um die Medien gefü­gig zu machen. Selbst die Kartell­kom­mis­sion, die Vorläu­fe­rin der Wett­be­werbs­kom­mis­sion, hat 1981 dieses Prin­zip bekräf­tigt.

Eigent­lich hat der Schwei­zer Pres­se­rat zum Boykott der Medien durch die werbende Wirt­schaft in seiner Stel­lung­nahme 10/94 alles Wesent­li­che gesagt: Es gilt, jeden Boykott und jede Boykott­dro­hung sofort öffent­lich zu machen. Aber viel­leicht haben die beiden Frei­bur­ger Kommu­ni­ka­ti­ons­for­scher Silke Fürst und Mike Meiß­ner Recht, dass diese Grundsatz-Stellungnahme nicht genügt, sondern dass der Pres­se­rat daraus eine grif­fige Richt­li­nie formu­lie­ren sollte, wie medi­en­ethi­sch mit einem Werbe­boy­kott umzu­ge­hen ist.

Der Pres­se­rat ist jeden­falls so oder so gefor­dert, sich noch­mals grund­sätz­li­che Gedan­ken zu machen. Wenn man nämlich den Aufruf Markus Somms zu Ende denkt, dann würden die Medien in Zukunft allen­falls noch die Poli­tik kriti­sch beleuch­ten, sofern sie nicht mit der Wirt­schaft verban­delt ist – in jedem Fall aber nicht mehr die Wirt­schaft. Denn jene Unter­neh­men, die Werbung schal­ten, kriti­siert man nicht, weil sie „sich nicht blöde herun­ter­ma­chen lassen“ müssen, wie Somm formu­lierte. Und jene, die keine Werbung schal­ten, schont man, weil sie sonst nie zu Werbe­kun­den werden. Die Medien aber, die weiter kriti­sch über die Wirt­schaft berich­ten, würden durch die betrof­fe­nen Unter­neh­men boykot­tiert. Dies würde die kriti­schen Medien schwä­chen und die parteiisch-bürgerlichen beloh­nen, wie auch Matthias Daum in der ZEIT  und Constan­tin Seibt im Tages-Anzeiger argu­men­tiert haben.

Und damit hätten wir eine Situa­tion, die der Publi­zist Paul Sethe 1965 in einem Leser­brief an den Spie­gel so umschrieb: „Pres­se­frei­heit ist die Frei­heit von zwei­hun­dert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbrei­ten.“ Dieser Satz stimmte damals nicht und er stimmt heute nicht. Aber Markus Somm will ihn wahr machen.

Wir wissen: Den Stein brachte Chris­toph Blocher ins Rollen, als er ankün­digte, die SVP werde in ihrem nächs­ten Abstim­mungs­kampf, jenem gegen das Asyl­ge­setz, in den Schwei­zer Print­me­dien keine Inse­rate schal­ten, da ja die Print­me­dien mit weni­gen Ausnah­men ohne­hin im ande­ren Lager stün­den. Markus Somm, der als Chef­re­dak­tor auch Jour­na­list ist, leitete daraus eine allge­meine Regel ab – eine Regel gegen den Jour­na­lis­mus, gegen den eige­nen Berufs­stand. Dieser Affront gegen­über der jour­na­lis­ti­schen Unab­hän­gig­keit muss den Schwei­zer Pres­se­rat heraus­for­dern. Es handelt sich um einen medi­en­ethi­schen Test­fall.

Von Roger Blum

Roger Blum ist Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz. Er lehrte Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bern und war Präsident des Schweizer Presserates wie auch der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI).