Wer auf Papp­ka­me­raden schiesst, wünscht sich Gegner, die entweder schon tot, wehr­un­fähig oder fiktiv sind. Die Post­mo­derne, zumin­dest die, auf die geschossen wird, ist eine solche Gegnerin. Sie war fast schon Geschichte. Ihre Theo­rien werden längst nicht mehr bloss gelesen, sondern bereits histo­ri­siert, ihre Kunst und ihre Archi­tektur wird seit geraumer Zeit u.a. durch einen neuen Realismus und Doku­men­ta­rismus abge­löst. In Russ­land z.B. riefen Künstler schon zu Beginn der 90er Jahre: „Raus aus der Zita­ten­haut, rein in die Realität“.

Seit kurzem aber geis­tert die Post­mo­derne von neuem durch die Feuil­le­tons, und dies hat nicht mit den Künsten zu tun, sondern mit Philo­so­phie­po­litik. Genau­ge­nommen sind es mindes­tens drei Gruppen, die eine Abrech­nung mit der Post­mo­derne im Sinn haben. Erstens sind das die ‚neuen Realisten‘ in der Philo­so­phie, die sich unbe­dingt als Nach­folger ins Spiel bringen wollen, zwei­tens gibt es eine Gruppe von konser­va­tiven Feuil­le­to­nisten, Philo­so­phen und Histo­ri­kern, deren Post­mo­der­n­e­po­lemik poli­tisch funk­tio­niert: Sie feuern gegen die „kultur­wis­sen­schaft­liche Linke“ oder schlicht „die Linke“. Die angeb­lich „post­mo­dernen Narra­tive“ halten sie nicht nur für grund­sätz­lich falsch, sondern machen sie auch für allerlei Gegen­wär­tiges verant­wort­lich: für die Wahl von Donald Trump, für Fake News, für den Popu­lismus… Die dritte Gruppe bilden rechts­po­pu­lis­ti­sche Poli­tiker, Blogger und Medi­en­ma­nager, die dieje­nigen post­mo­dernen Begriffe für sich in Anspruch nehmen, gegen die die ersten beiden Gruppen in ihrem Kampf gegen Wind­mühlen Sturm laufen.

Metalepsen: Die Postmoderne ist nicht die Ursache

In der Philo­so­phie sind es vor allem die ‚neuen Realisten‘, die gegen die Post­mo­derne anschreiben. So hat der Philo­soph Markus Gabriel in der NZZ den ‚neuen Realismus‘ pole­misch als Gegner des post­mo­dernen „Konstruk­ti­vismus, der in der heutigen Kultur- und Wissen­schafts­land­schaft in verschie­denen Spiel­arten sein Unwesen treibt“, vorge­stellt. Er beruft sich in seinem Text auf einen der Erfinder der neuen philo­so­phi­schen Rich­tung, auf Maurizio Ferrari, der mit einem inzwi­schen viel­zi­tierten Satz aus seinem Mani­fest des neuen Realismus Post­mo­derne und Popu­lismus verknüpft: „Das, wovon die Post­mo­dernen geträumt haben, haben die Popu­listen verwirk­licht.“

Dieser viel­zi­tierte Satz ist inter­es­sant, nicht, weil er ‚wahr‘ ist, sondern weil er etwas vorführt: Er ist Ausdruck eines stra­te­gi­schen misrea­dings, einer gezielten und deshalb aufschluss­rei­chen Fehl­lek­türe. Post­mo­derne Theo­re­tiker würden ihn als typi­sches Beispiel einer Metalepse lesen: als eine Umkeh­rung von Vorher und Nachher, eine Vertau­schung von Ursache und Wirkung. Ferrari behauptet, die Post­mo­derne sei die Voraus­set­zung des Popu­lismus, der Popu­lismus ihre Reali­sie­rung. Auch Markus Gabriel macht einen metalep­ti­schen Link zwischen beiden. Er zwei­felt z.B. daran, dass Medien Realität konstru­ieren: „Auch die Medien stehen im Verdacht, nicht von Tatsa­chen zu berichten, sondern diese zu erzeugen, was den Zorn der Popu­listen auf sich zieht (‚Lügen­presse‘)“.

Diesen Satz in einer Zeit zu formu­lieren, in der einige Medien tagtäg­lich Lügen produ­zieren und in der die profes­sio­nellen Lügen­pro­du­zenten – z.B. Breit­bart und Russia Today – dieje­nigen Medien, die den Anspruch haben, nicht zu lügen, als „Lügen­presse“ dekla­rieren, grenzt an Gegen­warts­blind­heit und Geschichts­ver­ges­sen­heit (zur Erin­ne­rung: Propa­ganda in den Dikta­turen des 20. Jahr­hun­derts, Propa­ganda im Kalten Krieg etc.). Und auch hier wieder eine Metalepse: Der Zorn der Popu­listen wird als Folge bzw. als Wirkung, nicht als Ursache ausge­geben; die Ursache sei viel­mehr der „Verdacht“ post­mo­derner Theo­re­tiker, Medien würden Wirk­lich­keit erzeugen.

Barbara Kruger. Untitled (Know nothing, Believe anything, Forget ever­y­thing), Quelle: pinterest.com

Wer solche Thesen aufstellt, wird selbst zum Konstruk­teur, zum Konstruk­teur einer Post­mo­derne, die mit der ‚Realität‘ der Post­mo­derne nichts zu tun hat. Und er wird zum Konstruk­teur eines Realismus, der blind ist für die durch Konstruk­tionen herge­stellte Realität. Die Theo­re­tiker, die hier der Post­mo­derne zuge­rechnet werden –  in der Regel sind post­struk­tu­ra­lis­ti­sche, post­mar­xis­ti­sche und post­fe­mi­nis­ti­sche Theo­re­tiker gemeint –, haben zwar auf ganz unter­schied­liche Weise analy­siert, wie Konstruk­tionen (Reli­gionen, poli­ti­sche Ideo­lo­gien, Rassen­theo­rien, Geschlechts­zu­schrei­bungen) funk­tio­nieren. Aber sie sind nicht die Autoren der Konstruk­tion. Viel­mehr haben sie diese Konstruk­tionen, wie etwa im Falle von Derrida, dekon­stru­iert oder, im Falle von Foucault, als Diskurs gelesen.

Anders gesagt: Die vorhan­denen Konstruk­tionen sind, wenn schon, die Ursache der theo­re­ti­schen Anstren­gung der Post­mo­derne, nicht ihre Folge. Denn dieje­nigen, die die Post­mo­derne verab­scheuen, die also die Konstru­iert­heit von Reli­gion, von Ideo­lo­gien, von Wahr­heits­an­sprü­chen, von Geschlechts­zu­schrei­bungen, von Geschichte, Kultur etc. leugnen, sind ja zugleich dieje­nigen, die am massivsten daran betei­ligt sind, Konstruk­tionen in die Welt zu setzen, die möglichst unge­prüft als ‚Wahr­heit‘ oder als ‚Realität‘ durch­gehen sollen.

Oppositionen: Das Gegenteil von ‚konstruiert‘ ist nicht ‚real‘

Wer etwas als konstru­iert voraus­setzt, sagt damit nicht, dass das Konstru­ierte nicht real sei. Auch post­mo­derne Theo­re­tiker tun dies in aller Regel nicht. Warum sollten sie auch? Am Beispiel der Reli­gionen etwa lässt sich sehr gut zeigen, wie ein Konstrukt über Jahr­tau­sende hin real ist und immer wieder neue Reali­täten erzeugt. Oder um ein anderes Beispiel zu verwenden: Nur weil man Rasse­theo­rien als konstru­iert analy­siert, leugnet man nicht auto­ma­tisch den Holo­caust als real. Im Gegen­teil: Denn die Konstruk­tionen sind nicht nur selbst real, sondern haben auch reale Auswir­kungen, sie sind, um ein Wort aus den Zeiten der Post­mo­derne zu verwenden, ‚perfor­mativ‘. Doch sowohl die neuen Realisten als auch andere Autoren des Post­mo­derne-Bashings stellen dem Konstruk­ti­vismus der Post­mo­derne ‚die‘ Realität bzw. ‚das‘ Reale gegen­über.

Alek­sandr Koso­l­apov, Lenin – Coca-Cola (1980), (Times Square Project, 1982) Quelle: sotsart.com

Der Philo­soph Michael Hampe fragt ganz in diesem Sinne stili­siert naiv, ob es etwa die Oma als reale Person nicht gebe, ob sie denn ein Konstrukt sei, ob es etwa am Nordpol nicht tatsäch­lich kalt sei? Bei Markus Gabriel sind die Fragen ebenso vorsätz­lich naiv – aber poli­tisch brisanter: Sind Werte, wie sie in Menschen­rechts­ka­ta­logen vorkommen, tatsäch­lich vom Westen konstru­iert? Allein die Beispiele verraten, dass man an keiner ernst­haften Debatte inter­es­siert ist: Solange man der Konstruk­tion, dem Konstru­ierten das Reale gegen­über­stellt, verfehlt man den Kern des Problems.

Das haben im Übrigen die neuen Realisten und Doku­men­ta­risten in den Künsten durchaus erkannt und daraus subti­lere Schlüsse gezogen. Denn das Gegen­teil von ‚konstru­iert‘ ist in den verschie­denen post­mo­dernen Theo­rien ja nicht die Realität oder das Reale, sondern, wenn über­haupt, das Natür­liche: Was wird als ‚natür­lich‘ ange­sehen, auch wenn es sich – faktisch… – als konstru­iert belegen lässt? Um noch einmal die Rassen­theo­rien als beson­ders krasses Beispiel zu bemühen: Die Konstruk­tion von Rasse als Wert war nicht nur real, hatte und hat nicht nur reale Effekte, sondern wurde und wird ideo­lo­gie­in­tern als konstru­iert ja gerade geleugnet. Sie wurde als ‚natür­lich‘, als ‚gegeben‘, als ‚Tatsache‘ ausge­geben. Und genau darin liegt das Problem.

Verblödungen: Die Oma ist kein Zellhaufen

Werden post­mo­derne Theo­rien auf diese Weise verblödet, dann verhin­dert dies nicht nur eine tatsäch­liche Kritik, sondern schafft Steil­vor­lagen für eine popu­lis­ti­sche Belus­ti­gung über Theorie insge­samt: Haha, die Oma gibt es gar nicht…, ich lach mich tot, und auch der Penis ist nur ein Konstrukt…

Anders simpli­fi­zie­rend verfährt auch Gabriels Kurz­po­lemik gegen jene, die „meinen, Werte, wie sie etwa in Menschen­rechts­ka­ta­logen vorkämen, seien west­liche Konstruk­tionen und mithin nicht universal gültig“. In der Tat haben unter­schied­liche post­mo­derne Denker bestritten, dass die Werte der Menschen­rechts­ver­ein­ba­rungen schlicht ‚gegeben‘ oder bloß das notwen­dige Ergebnis einer Vernunft­be­gabt­heit des Menschen sind. Damit ist aber nicht gesagt, dass sie unwichtig, nicht sinn­voll oder dass sie ‚beliebig‘ seien (mehr zum Vorwurf der Belie­big­keit hier). Gesagt ist damit bloß, dass sie nicht auf Bäumen wachsen, dass sie nicht vorso­zial und nicht gott­ge­geben sind.

Sind es Konstruk­tionen? Ja. Warum denn auch nicht? Dass es aber gute und wich­tige sind, dafür lassen sich Gründe nennen, ohne dass dafür der Konstruk­ti­ons­cha­rakter als solcher geleugnet werden müsste. Eher müsste man sich ernst­haft Sorgen machen, wenn Menschen­rechte einfach ‚da‘ wären – und niemand würde sich darum kümmern. Mit der Frage, ob es sich bei den „Mensch­rechts­ka­ta­logen“ um „west­liche Konstruk­tionen“ handelt, spielt Gabriel im Übrigen auf eine ganz andere Debatte an, die er mit der Frage der Konstru­iert­heit geschickt, aber irre­füh­rend verknüpft: Er setzt Konstruk­ti­vismus und Kultur­re­la­ti­vismus in eins. Der Kultur­re­la­ti­vismus, also die Auffas­sung, wonach Werte immer nur relativ zu einer Kultur gültig seien oder sein sollen, ist aller­dings inner­halb der Post­mo­derne ein heftig umstrit­tenes Konzept. Der 2007 verstor­bene ameri­ka­ni­sche Philo­soph Richard Rorty zum Beispiel bestritt die Univer­sa­lität in der Genese, setzte sich aber für eine univer­selle Umset­zung ein.

Aneignungen: Dekonstruktion ist nicht gleich Dekonstruktion

Auch die aktu­elle poli­ti­sche Rechte, der Rechts­po­pu­lismus und die iden­ti­tären Bewe­gungen haben ein Inter­esse an der Post­mo­derne. Es ist ein verrücktes Inter­esse, das sich zu analy­sieren lohnt. Die Iden­ti­tären und Rechts­po­pu­listen bestreiten zum Beispiel, dass Kulturen ein Konstrukt sind. Étiene Balibar, ein post­mar­xis­ti­scher Post­mo­derner, beschrieb diese Geste wiederum als „Natu­ra­li­sie­rung des Kultu­rellen, des Sozialen oder der Geschichte“. So hatte Stalin zum Beispiel ein Inter­esse daran zu behaupten, dass sich die Mensch­heit auf einem natür­li­chen Weg zu dem, was er Kommu­nismus nannte, bewegte.

Die poli­ti­schen Anti-Konstruk­ti­visten arbeiten aller­dings mit einer weiteren Drehung: Sie sind vor allem darauf aus, das Reale, das Fakti­sche, das wissen­schaft­lich Beweis­bare – wie bei der Klima­de­batte – als das Konstru­ierte zu desavou­ieren. Alles, was grade nicht passt, wird zur Konstruk­tion erklärt und alles, was selbst konstru­iert wurde, zur Wahr­heit verklärt.

Jenny Holzer: Abuse of Power Comes As No Surprise; Quelle: pinterest.com

Dazu passt, dass die Wort­führer der neuen Rechten – wie Steve Bannon – ständig einen der bekann­testen Begriffe post­mo­derner Theorie verwenden: Dekon­struk­tion. Bannon spricht von der Dekon­struk­tion der ‚Elite‘, von der Dekon­struk­tion des ‚Staates‘. Im Grunde meint er aber mit Dekon­struk­tion bloß Zerstö­rung. Dennoch handelt es sich nicht nur um den Versuch einer Zerstö­rung der ‚Elite‘ oder des ‚Staates‘. Viel­mehr geht es dabei auch um Begriffs­po­litik: um den Versuch der Unbrauch­bar­ma­chung von kriti­schen Analy­se­instru­menten und Beschrei­bungs­formen. Der ameri­ka­ni­sche Jour­na­list Thomas Frank hat diese Form der Verwen­dung von Begriffen und Protest­formen, die bei den Konser­va­tiven in den USA schon in den 1980er Jahren beginnt, wieder­holt als Mimikry beschrieben. Es handelt sich um eine Mimikry, die an nichts anderem als der hemmungs­losen Durch­set­zung von Macht­an­sprü­chen inter­es­siert ist.

Wenn man nun aber die konser­va­tive, rechts­po­pu­lis­ti­sche Mimikry von post­mo­dernen Begriffen als ‚Post­mo­derne‘ liest, dann ist wirk­lich Hopfen und Malz verloren. Dagegen hilft nur das Studium der post­mo­dernen Theo­rien selbst. Denn diese eignen sich noch immer beson­ders gut dazu, dieje­nigen Konstruk­tionen, die ihren Konstruk­ti­ons­cha­rakter leugnen, aber auch dieje­nigen, die im Gewand der Subver­sion auftreten, zu analy­sieren. Deswegen muss man sich über die Zukunft dieser Theo­rien gar keine Sorgen machen. Sorgen machen muss man sich aber über dieje­nigen, die sich in ihrem Ärger über das, was sie ‚Post­mo­derne‘ nennen, vor einen poli­tisch-popu­lis­ti­schen Karren spannen lassen.