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Sylvia Sasse lehrt Slavis­­ti­sche Litera­tur­­wis­sen­­schaft an der Univer­sität Zürich und ist Mitbe­gründerin und Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK). Sie ist Heraus­geberin von novinki und von Geschichte der Gegenwart.

Anfang der 1940er Jahre schleuste Vladimir Nabokov ein Wort in die ästhe­ti­sche Debatte ein, das wir heute wieder gut gebrau­chen können: Pošlost’ (richtig ausge­spro­chen: Poschlostj, Beto­nung auf der ersten Silbe, am Ende ein „tj“ von „feuchter Weich­heit“). Pošlost’, so Nabokov, ist ein „mitleid­loses“ russi­sches Wort, das ein Spek­trum an Bedeu­tungen abdeckt, für das man im Deut­schen oder Engli­schen stets mindes­tens zwei oder drei Wörter benö­tigt: „cheap“ (billig), „sham“ (unecht, falsch), „common“ (gemein), „smutty“ (schmierig, zotig), „pink-and-blue“ (rosarot und himmel­blau), „in bad taste“ (geschmacklos), „with a lack of spiri­tua­lity“ (mit völliger Abwe­sen­heit von Geist) – im selben Moment aber „high falutin“ (hoch­ge­sto­chen), „tawdry“ (aufge­don­nert) und „meaningful“ (bedeu­tungs­voll).

Familienfoto im goldenen Apartment, Quelle: housebeautiful.com

Fami­li­en­foto im goldenen Apart­ment, Quelle: housebeautiful.com

Pošlost’ über­brückt die Kluft, die sich zwischen den gegen­sätz­li­chen Bedeu­tungen auftut, so dass im Ergebnis so etwas wie „vergol­dete Gewöhn­lich­keit“ oder „hoch­ge­sto­chene Vulga­rität“ oder „gemeine Moral“ oder „billige Bedeut­sam­keit“ heraus­kommt. Deshalb schrieb Nabokov, dass Pošlost’ nicht einfach nur unver­blümter Schund sei, sondern „alles verlogen Bedeut­same, verlogen Geist­reiche, verlogen Anzie­hende.“ Das ist unge­fähr das, was wir sehen, wenn wir auf Fotos schauen, die uns ins goldene Innen­leben von Trumps Tower führen oder die uns von Putins kost­spie­ligen Hobbys wissen lassen. Spätes­tens jetzt ist der Zeit­punkt gekommen, dieses russi­sche Wort auch in die deut­sche Sprache einzu­führen.

Populismus und Pošlost’

Es mag auf den ersten Blick vernach­läs­sigbar erscheinen, sich ange­sichts der poli­ti­schen Zustände mit ästhe­ti­schen Frage­stel­lungen zu beschäf­tigen. Aber Ästhetik ist genau das, was unsere Sinne öffnet, unsere Wahr­neh­mung einstellt und uns eine Perspek­tive liefert. Ohne Ästhetik werden keine Inhalte trans­por­tiert, kommt Kommu­ni­ka­tion gar nicht zustande. Was also macht der offen­sicht­lich zur Schau gestellte und ambi­tio­nierte Prunk von Trump, Putin und Erdoğan, was die simu­lierte Bedeut­sam­keit ihrer Äusse­rungen mit dem Poli­ti­schen?

Als Nabokov sich mit Pošlost’ beschäf­tigte, war er bereits zweimal emigriert, einmal 1920 aus Russ­land, ein weiteres Mal 1936 aus Deutsch­land. Es war insbe­son­dere Deutsch­land, in dem er eine stete Pošlost’ am Werk sah, auch weil er, wie er schreibt, dort

in eben jenen Jahren lebte und schrieb, als nicht nur meine eigenen Eindrücke, sondern auch die meiner deut­schen Freunde – und schliess­lich der Geschichte selbst – immer düsterer wurden, bis der grau­sige Kitsch, den sie und ich verab­scheuten, sich zu einem Regime auswuchs, das in seiner baren, düsteren Vulga­rität nur mit dem Russ­land der sowje­ti­schen Ära zu verglei­chen ist […].

Nabokov sieht die Pošlost’ seiner Zeit in den beiden tota­li­tären Systemen, in der stali­nis­ti­schen Sowjet­union und im deut­schen Faschismus unge­hemmt zutage treten. In der Sowjet­union der 1920er Jahre kann man diesen ästhe­ti­schen Verfall schritt­weise verfolgen.

Während bekannte Künstler wie Malevič, Mejerchol’d und Maja­kovskij zunächst noch vorhatten, eine neue revo­lu­tio­näre prole­ta­ri­sche Ästhetik zu schaffen, fielen diese und ihre künst­le­ri­schen Arbeiten bei der poli­ti­schen Führung bald in Ungnade. Ihre Bilder, Texte und Auffüh­rungen waren Stalin und den Profi­teuren seiner Politik zu expe­ri­men­tell, zu wenig geeignet, den Geschmack der Masse, wie er Stalin vorschwebte, zu beein­flussen. Sie waren zu „elitär“, „zu kritisch“, „zu komisch“ oder zu „unein­deutig“ – alle­samt Merk­male, die auto­kra­ti­sche Systeme nicht aushalten. Als revo­lu­tio­näre prole­ta­ri­sche Ästhetik setzte sich schliess­lich nicht etwa ein parti­zi­pa­tives, hori­zon­tales, dialo­gi­sches Modell durch, wie es zum Beispiel dem russi­schen Philo­so­phen Michail Bachtin vorschwebte, sondern ein reak­tio­näres, verti­kales und hier­ar­chi­sches mit Anleihen aus der bürger­li­chen bzw. aris­to­kra­ti­schen Ästhetik des 19. Jahr­hun­derts.

Die anfäng­liche revo­lu­tio­näre Ästhetik wurde im wört­li­chen Sinne vernichtet und von der poli­ti­schen Führung durch eine imitierte „bürger­liche“ Ästhetik, die man in der Sowjet­union der 1930er Jahre erkennen kann, ersetzt. Diese Imita­tionen des Gest­rigen – Zucker­bä­cker­ar­chi­tektur statt Konstruk­ti­vismus, Fami­li­en­fotos anstelle von Frauen in Berufs­klei­dung, das Wohn­zimmer mit Gummi­baum statt Kommu­nal­woh­nung, Bilder vom Herr­scher anstelle von Bildern des Volkes – diente als raffi­nierte Täuschung.

Der Glanz über der Gewalt

Die mit der Pošlost’ verbun­dene Täuschung tauchte in der Sowjet­union genau in dem Moment auf, als der Terror das normale Leben unmög­lich machte, in den 1930er Jahren. Sie legte eine goldige und gepflegte Schicht über das, was nicht gezeigt werden sollte: Verhaf­tungen, Lager, Erschies­sungen, Folter, Depor­ta­tionen. Nabokov nennt es Tarn­an­strich. Dabei diente die tarnende Pošlost’ einer doppelten Täuschung, sie täuschte mit ihrer glatten glän­zenden Ober­fläche und ihrer pseudo­haften Moral über den Terror hinweg. Und sie täuschte zudem vor, dass das Glatte, Goldige, Fröh­liche und Harmo­ni­sche der ästhe­ti­sche Wunsch des Volkes sei. Der Geschmack der „einfa­chen Leute“, das betont Nabokov ausdrück­lich, ist Pošlost’ aller­dings gerade nicht. Es handelt sich viel­mehr um die falsche bzw. irre­füh­rende Darstel­lung ihres Begeh­rens. Als begeh­rens- und erstre­bens­wert wurden in Stalins System nicht mehr Sozia­bi­lität, Hier­ar­chie­frei­heit, Gleich­heit und Gleich­wer­tig­keit darge­stellt. Was dem Volk entge­gen­blinkte, war viel­mehr der Lohn für bedin­gungs­losen Oppor­tu­nismus.

Die ameri­ka­ni­sche Histo­ri­kerin Svet­lana Boym vergleicht in ihrer Studie zum sowje­ti­schen Alltag Pošlost’ mit Kitsch. Sie tut dies, weil der öster­rei­chi­sche Schrift­steller Hermann Broch fast zur glei­chen Zeit wie Nabokov über Kitsch schrieb – ein Wort, das sich eben­falls kaum in andere Spra­chen über­setzen lässt – und dieses eben­falls mit der tota­li­tären Ästhetik zusam­men­brachte: Broch nannte Hitler einen „Kitsch­men­schen“ und „Kitsch­an­hänger“. Für Broch ist Kitsch immer mit dem Dogma­ti­sch­werden verbunden. Man könnte auch sagen, mit dem Ende des Poli­ti­schen, wenn man das Poli­ti­sche als die Möglich­keit fasst, grund­sätz­lich über alles neu verhan­deln zu können. Kitsch hingegen verhan­delt nichts, ist bar jegli­cher Refle­xion und Unein­deu­tig­keit.

Sowohl Nabokov als auch Broch sehen in Pošlost’ und Kitsch einen Angriff nicht nur auf die Ästhetik, sondern auch auf das Poli­ti­sche. Während aber Broch, wie später auch Adorno, im Grunde die Geste der Abwer­tung wieder­holt, also Kitsch ganz gene­rell als Schund abwertet, geht es Nabokov mit seiner Analyse von Pošlost’ um das Beob­achten einer Praxis ange­strengter, aber miss­lin­gender Aufwer­tung. Pošlost’ ist Kitsch oder Trash mit Ambi­tionen, eine Fehli­mi­ta­tion des als hoch, als glamourös, als welt­män­nisch, als künst­le­risch, als cool und genial Geltenden.

Pošlost’ in Werbung und Propaganda

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“Kleid mit Putin”, gezeigt auf einer Moden­schau an Putins Geburtstag während des Forums “Geopo­li­ti­sche Heraus­for­de­rungen der Gegen­wart und Putins geis­tige Mission”, Design: Mona Al Mansouri, Quelle: meduza.io

In den letzten Jahren lässt sich Pošlost’ nicht mehr nur in der ‚geho­benen’ Paral­lel­ge­sell­schaft – in den Palästen neurei­cher Russen oder bei Reality-Stars (etwa den Geis­sens) – beob­achten. Viel­mehr wird Pošlost’ – und das ist die Zumu­tung – wieder zum Stil des Regie­rens: der Gold­pa­last von Erdoğan, Putins Selbst­in­sze­nie­rungen – und nun auch noch Trump, das Versailles imitie­rende Gold­ap­par­te­ment, seine Fami­li­en­fotos, die sein Programm des Nepo­tismus für alle sichtbar zu erkennen geben. Wer wissen will, in welche Rich­tung das gehen kann, muss nur nach Russ­land schauen. Man sieht dann nicht nur eine absurde Merchan­di­sing-Indus­trie, die einen an Geschmack­lo­sig­keit nicht zu über­bie­tenden Putin­kult kreiert, sondern auch eine staat­liche Förde­rung von Pošlost’ in der Öffent­lich­keit. Stell­ver­tre­tend lässt sich hier der Staats­künstler Zurab Zere­teli nennen, der mit gigan­ti­schen Monu­menten (u.a. Putin­sta­tuen) und bron­zenem Dekor seit Jahren Moskau „verschö­nert“. Zahl­reiche Proteste für die „De-Zere­te­li­sie­rung“ der Stadt blieben ergeb­nislos.

Poslost’ ist der Stil, der Kapi­ta­lismus und Auto­kratie ideal verbindet. In der Werbung, so Nabokov, zeige sich Pošlost’ dadurch, dass man uns zeigen wolle, „der Gipfel mensch­li­cher Glück­se­lig­keit sei käuf­lich“ und der „Kauf adle den Käufer“. Die Welt sei vom Verkäufer gemacht, von einem, „der darauf setzt, dass der Käufer den Trug akzep­tiert.“ Es entstehe eine Schat­ten­welt, an die aber weder Verkäufer noch Käufer glauben. Die ameri­ka­ni­schen Wähler, so könnte man den Deal auf die Wahl über­tragen, haben nicht nur Trump gewählt, sie haben sich auch für das Prinzip der Pošlost’ entschieden, sie haben den Trug, die offen­sicht­liche Lüge akzep­tiert.

Pošlost’ wird nicht mehr verborgen

Nabokov war der Meinung, dass Pošlost’ dann beson­ders wirksam und bösartig sei, wenn das Falsche nicht gleich in die Augen springt. Die Wahl von Trump hat bewiesen, dass dies – zumin­dest für Amerika – nicht mehr stimmt. Trump trägt die Pošlost’ offen zur Schau, sie zeigt seine kapi­ta­lis­ti­sche Kompe­tenz und das von den Trumpfans tausend­fach wieder­holte Narrativ „Der ist schon reich, der wird uns nicht beklauen“ – „der ist schon reich, der hat es geschafft…“.

Die rechts­po­pu­lis­ti­schen Parteien in West­eu­ropa haben sich bislang nicht getraut, ihre Verach­tung des Wählers so offen zu zeigen, auch wenn sie von reichen Polit­un­ter­neh­mern beherrscht werden.  Mit Gold als Ausweis kann man in West­eu­ropa noch keine Wähler­stimmen holen. Sich als König oder Zar zu insze­nieren, wie Trump, oder als Holly­wood-Action-Held wie Putin würde für zu viel unfrei­wil­lige Komik sorgen. In West­eu­ropa operieren die rechten Parteien eher mit dem Verbergen ihrer Pošlost’.

Still aus dem Werbevideo "Welcome to SVP", Quelle: blick.ch

Still aus dem Werbe­video “Welcome to SVP”, Quelle: blick.ch

Beson­ders amüsant ist das in der Schweiz, wo es völlig verpönt ist, den Reichtum zur Schau zu stellen. Für die Wahlen im Jahr 2015 produ­zierte die rechts­na­tio­nale SVP ein Video, in dem sie sich selbst als pošlyj – spiessig, bünzlig, plüschig etc. – aufs Korn nahm. So schnitt Chris­toph Blocher im Garten vor seiner Villa mit einer Nagel­schere Gras und Natalie Rickli schaute mit einer Schüssel voll Chips SRF. Eine verrückte Stra­tegie: Die Werbe­hau­degen der SVP imitierten die Spies­sig­keit als imitiert und sich selbst als cool. Sie hatten sich von der Kunst der Post­mo­derne und der Werbe­in­dus­trie abge­schaut, wie man ironisch mit Kitsch oder Pošlost’ umgehen und diese dabei als etwas sich anschei­nend selbst Reflek­tie­rendes verkaufen kann. Aller­dings blieb es bei der SVP nur bei der Imita­tion von Selbst­ironie. Oder anders gesagt: Sogar die Selbst­ironie war imitiert, sie war eine Marke­ting­mass­nahme, an die aber weder Poli­tiker (Verkäufer) noch Wähler (Käufer) glauben. Die poli­ti­sche Realität entblösste das Werbe­ver­spre­chen aller­dings als das „verlogen Coole“ und das „verlogen Geist­reiche“.

Was also macht Pošlost’ mit dem (heutigen) Poli­ti­schen? Dient es noch immer der ästhe­ti­schen Demagogie, der Tarnung, der Ablen­kung des Blicks – wie bei den beiden grossen Dikta­turen des vergan­genen Jahr­hun­derts? Oder haben wir es mit einer neuen Funk­tion zu tun? Es sieht so aus, als geriete die Poslost’ in der Art, wie Trump und Putin sie zu ihrer Macht­de­mons­tra­tion betreiben, zur eigent­li­chen poli­ti­schen Utopie, sie verdeckt das Ziel nicht, sie ist das Ziel. Dadurch wird sie – als das „verlogen Bedeut­same, verlogen Geist­reiche, verlogen Anzie­hende“ – auch zum Symbol für eine Staats­form, die primär der eigenen Selbst­be­rei­che­rung dient und allen­falls noch ein paar Boni und Prämien an die konformen Wähler verteilt. So muss die Lüge – wie im Fall von Trump und Putin – auch gar nicht mehr verborgen werden. Ganz im Gegen­teil: Ganz offen kann gezeigt werden, dass Kapi­ta­lismus und Auto­kratie zusam­men­passen wie die Faust aufs Auge.

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Sylvia Sasse lehrt Slavis­­ti­sche Litera­tur­­wis­sen­­schaft an der Univer­sität Zürich und ist Mitbe­gründerin und Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK). Sie ist Heraus­geberin von novinki und von Geschichte der Gegenwart.