Geschichten der Gegenwart

Der Rekurs auf die Frei­heit der Bür­ger und des Lan­des ist in der Schwei­ze­ri­schen Bun­des­ver­fas­sung zen­tral:

Die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft schützt die Frei­heit und die Rech­te des Vol­kes und wahrt die Unab­hän­gig­keit und die Sicher­heit des Lan­des.

Auch die Rech­te zum Schutz der Pri­vat­sphä­re sind expli­zit fest­ge­schrie­ben:

Jede Per­son hat Anspruch auf Ach­tung ihres Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens, ihrer Woh­nung sowie ihres Brief-, Post- und Fern­mel­de­ver­kehrs.

Ange­sichts der zustim­men­den Paro­len der soge­nann­ten bür­ger­li­chen Par­tei­en SVP, FDP und CVP (sowie den Kleinst­par­tei­en EVP und EDU) zur NDG-Abstim­mung am nächs­ten Sonn­tag stel­len sich meh­re­re Fra­gen: Wie konn­te es soweit kom­men, dass ein Land, das auf den Idea­len des Libe­ra­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts begrün­det wur­de, die­se Prin­zi­pi­en mit Rekurs auf die Sicher­heit nun bereit­wil­lig über Bord zu wer­fen bereit ist? War­um neh­men die Bür­ger die­sen offen­sicht­li­chen Bruch mit libe­ra­len Posi­tio­nen nicht als staats­po­li­ti­schen Skan­dal wahr? Kön­nen uns die in der Schwei­ze­ri­schen Bun­des­ver­fas­sung ver­brief­ten Grund­rech­te des Daten­schut­zes der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger über­haupt noch vor der Über­wa­chung der inter­na­tio­nal ver­netz­ten Rech­ner in den Hän­den der Geheim­diens­te schüt­zen? Und wel­che Wer­te ste­hen im Kampf um eine ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Pri­vat­sphä­re der­zeit auf dem Spiel?

Die Mär von den „liberalen“ Bürgerlichen

Zunächst muss mit einem Irr­tum auf­ge­räumt wer­den: Das libe­ra­le Cre­do, dass die Frei­heits­rech­te der Bür­ger im Libe­ra­lis­mus beson­ders gut auf­ge­ho­ben sei­en – im That­cher­wahl­jahr 1979 im FDP-Slo­gan „Mehr Frei­heit, weni­ger Staat“ beson­ders pro­non­ciert zum Aus­druck gebracht –, hält näm­lich einer his­to­ri­schen Ana­ly­se nicht stand. Der Poli­to­lo­ge Marc Bühl­mann hat die poli­ti­schen Debat­ten zum Staats­schutz und zum Daten­schutz wäh­rend der letz­ten hun­dert Jah­re in der Schweiz etwas genau­er unter die Lupe genom­men.  Sei­ne Unter­su­chung „Frei­heit vs. Sicher­heit“ zeigt, dass die Zustim­mung der bür­ger­li­chen Par­tei­en zu einer Auf­wei­chung der Bür­ger­rech­te über­haupt kein Novum ist, son­dern Teil ihrer poli­ti­schen Tra­di­ti­on. Seit den Aus­ein­an­der­set­zun­gen über den Aus­bau der poli­ti­schen Poli­zei bzw. des Staats­schut­zes zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, der ins­be­son­de­re kom­mu­nis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche Akti­vi­tä­ten im Visier hat­te, war es immer die Lin­ke, wel­che den Aus­bau von Staats­schutz­mass­nah­men bekämpf­te und sich für indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keits­rech­te ein­setz­te.

Umzug zur Eröffnung des FDP-Parteitags im September 1979 in Brunnen (Quelle: nzz.ch)

Umzug zur Eröff­nung des FDP-Par­tei­tags im Sep­tem­ber 1979 in Brun­nen (Quel­le: nzz.ch)

So gelang es ihr, in den 1920er Jah­ren die not­wen­di­gen Unter­schrif­ten für ein Refe­ren­dum gegen die Ver­schär­fung des Straf­rechts (nach ihrem Schöp­fer Bun­des­rat Hein­rich Häber­lein auch „Lex Häber­lein“ genannt) zu sam­meln und die Abstim­mung an der Urne gegen die bür­ger­li­chen Befür­wor­ter (Libe­ra­le, Kon­ser­va­ti­ve Volks­par­tei, Bau­ern­par­tei) zu gewin­nen. Nicht zuletzt hat­te das Aus­sche­ren eini­ger frei­sin­ni­ger Kan­tons­par­tei­en und Jugend­grup­pen zu die­sem Erfolg bei­ge­tra­gen. Auch eine nach­fol­gen­de Vor­la­ge zur Ver­schär­fung des Staats­schut­zes („Lex Häber­lein II“) schei­ter­te 1934 an der Urne. Aller­dings hat­te der Geset­zes­vor­schlag auch Unter­stüt­zung von eini­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten erfah­ren, da die Vor­la­ge ver­sprach, auch den poli­ti­schen Auf­ruhr von rechts ins Visier zu neh­men. Noch 1978 (im Kon­text von links­ex­tre­mem Ter­ror einer­seits und dem Wider­stand gegen das geplan­te Atom­kraft­werk Kai­ser­augst and­rer­seits) schei­ter­te das bür­ger­li­che Pro­jekt einer natio­na­len Sicher­heits­po­li­zei zur Wah­rung der öffent­li­chen Sicher­heit aber­mals bei den Stimm­bür­gern. Wie­der­um hat­te die Lin­ke das Refe­ren­dum ergrif­fen. Der Erfolg an der Urne kam dies­mal wegen des Aus­sche­rens eini­ger bür­ger­li­cher Kan­tons­sek­tio­nen in der West­schweiz und der Nein-Paro­le der föde­ra­lis­ti­schen Ligue Vau­doi­se zustan­de.

In den 1980er Jah­ren kipp­te aller­dings die Skep­sis der Stimm­bür­ger gegen­über dem Aus­bau von Staats­schutz­mass­nah­men zu Guns­ten einer zustim­men­den Hal­tung: 1982 wur­de die Revi­si­on des Straf­ge­set­zes, wel­che den Ein­satz von Staats­schutz nicht erst nach straf­ba­ren Hand­lun­gen, son­dern bereits in der Grau­zo­ne staats­ge­fähr­den­der Tätig­kei­ten ermög­li­chen soll­te, mit deut­li­cher Mehr­heit (63.7%) an der Urne ange­nom­men. Wie­der­um hat­te die Lin­ke das Refe­ren­dum ergrif­fen, und wie­der­um gab es bür­ger­li­che Abweich­ler (ins­be­son­de­re die jun­ge SVP und die jun­ge FDP). Doch inzwi­schen war die­ser Dis­sens zu gering gewor­den, um eine Staats­schutz­vor­la­ge an der Urne zu kip­pen. Nach­dem Ende der 1980er Jah­re zum Ende des Kal­ten Krie­ges eine par­la­men­ta­ri­sche Unter­su­chungs­kom­mis­si­on (PUK) auf­ge­deckt hat­te, dass die Bun­des­po­li­zei rund 900.000 Kar­tei­en („Fichen“) von ‚ver­däch­ti­gen‘ Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen ange­legt hat­te, geriet die poli­ti­sche Poli­zei zwar unter Kri­tik von lin­ken Par­tei­en, deren Expo­nen­ten und mut­mass­li­chen Sym­pa­thi­san­ten von der Bespit­ze­lung beson­ders betrof­fen waren. Doch die Volks­in­itia­ti­ve zur Abschaf­fung der poli­ti­schen Poli­zei blieb an der Urne 1998 chan­cen­los (24.9% Ja-Stim­men­an­teil).

Marc Bühl­manns Geschich­te der poli­ti­schen Debat­ten um den Daten­schutz in der Schweiz ist im Hin­blick auf die NDG-Abstim­mung vom nächs­ten Sonn­tag des­halb so lehr­reich, weil sie zeigt, dass der Kampf gegen Staats­schutz und Über­wa­chung nie von den libe­ra­len Par­tei­en aus­ging, son­dern immer von links lan­ciert wur­de. Bühl­manns Stu­die zeigt jedoch auch, dass die­se lin­ke Kri­tik am Aus­bau des Staats­schut­zes bei Abstim­mun­gen bis in die 1980er Jah­re auf Zustim­mung stiess, weil jun­ge und wel­sche Abweich­ler aus dem Frei­sinn und der SVP mit­hal­fen, Über­wa­chungs­vor­la­gen zu ver­hin­dern.

Die Privatsphäre ist mehr als ein Kontostand

Plakat zur Volksinitiative "Schutz der finanziellen Privatsphäre" von FDP, CVP und SVP (2013)

Pla­kat zur Volks­in­itia­ti­ve “Schutz der finan­zi­el­len Pri­vat­sphä­re” von FDP, CVP und SVP (2013)

Die bür­ger­li­chen Par­tei­en sind inzwi­schen dazu über­ge­gan­gen, die aus dem Kon­text des bür­ger­li­chen Straf­rechts des 19. Jahr­hun­derts stam­men­den per­sön­lich­keits­recht­li­chen Kon­zep­te als poli­ti­schen Kampf­be­griff zu benut­zen, wenn gegen die Auf­sicht des Staa­tes zur Ver­hin­de­rung von Steu­er­hin­ter­zie­hung argu­men­tiert wer­den soll. Die 2013 von der FDP, CVP und SVP gemein­sam lan­cier­te Initia­ti­ve „Ja zum Schutz der Pri­vat­sphä­re“ ver­engt das libe­ra­le Kon­zept der Pri­vat­sphä­re mit der Rede vom „glä­ser­nen Bür­ger“ zu einem Kon­zept der finan­zi­el­len Pri­vat­sphä­re zur Ver­tei­di­gung des Bank­ge­heim­nis­ses.

Der poli­ti­sche Phi­lo­soph Ray­mond Geuss hat in einem lesens­wer­ten Buch zur Genea­lo­gie der Pri­vat­heit den Sta­tus der Pri­vat­sphä­re in den libe­ra­len poli­ti­schen Theo­ri­en einer kri­ti­schen Ana­ly­se unter­wor­fen. Wenn die Libe­ra­len beto­nen, dass ihr Kon­to­stand „Pri­vat­sa­che“ sei, nie­man­den etwas ange­he und in sei­ner Ver­trau­lich­keit geschützt wer­den müs­se, dann stellt sich die Fra­ge, wel­che Wer­te der Rede um Pri­vat­sphä­re inhä­rent sind, und wes­halb die­se auch aus Sicht der Öffent­lich­keit ein schüt­zens­wer­tes Gut dar­stel­len könn­ten. Geuss argu­men­tiert, dass es eine Rol­le spielt, wel­chem Zweck der Rekurs auf den Schutz der Pri­vat­sphä­re die­nen soll. Ob der Schutz der Pri­vat­sphä­re der Ver­fol­gung mei­ner eige­nen Inter­es­sen dient, bei­spiels­wei­se der Siche­rung des Pri­vat­ei­gen­tums, oder ob der Schutz der Pri­vat­sphä­re dem Erhalt einer Domä­ne gel­ten soll, in der Hand­lun­gen zum öffent­li­chen Wohl gepflegt wer­den.

Geuss’ Über­le­gun­gen sind des­halb auch für eine Kri­tik der Über­wa­chungs­mass­nah­men von Staa­ten bedeut­sam, weil sie zei­gen, dass die Gren­zen zwi­schen dem Pri­va­ten und dem Öffent­li­chen his­to­risch flu­id waren. Wenn nun die Über­wa­chungs­me­tho­den des Staats­schut­zes zuneh­mend in Appa­ra­ten statt in Büro­kra­ti­en ein­ge­la­gert wer­den, ist die Grenz­zie­hung zwi­schen dem Öffent­li­chen und dem Pri­va­ten aber­mals einem fun­da­men­ta­len Wan­del unter­wor­fen. Die Rück­be­sin­nung auf das alte libe­ra­le Kon­zept der Pri­vat­sphä­re ist des­halb ver­ständ­lich.

Den­noch soll­te der poli­ti­sche Kampf gegen die Über­wa­chung durch den Staatschutz und die in der Grau­zo­ne der Lega­li­tät ope­rie­ren­den Geheim­diens­te sich nicht auf die Ver­tei­di­gung eines essen­tia­lis­tisch ver­stan­de­nen Kon­zep­tes der Pri­vat­sphä­re zurück­zie­hen. Es gilt viel­mehr Argu­men­te zu ent­wi­ckeln, wofür eine der Öffent­lich­keit ent­ge­gen­ge­setz­te Pri­vat­sphä­re für Gesell­schaf­ten auch im 21. Jahr­hun­dert zen­tral sein könn­ten. Der Schutz der Pri­vat­sphä­re darf nicht auf die Fra­ge nach dem Kon­to­stand redu­ziert wer­den. Beim Schutz der Pri­vat­sphä­re ste­hen näm­lich nicht ein­fach indi­vi­du­el­le Eigen­in­ter­es­sen, son­dern genu­in kol­lek­ti­ve Güter auf dem Spiel: Der Schutz von Lebens­wei­sen und reli­giö­sen Prak­ti­ken von Min­der­hei­ten, die Wah­rung von Inti­mi­tät, die Pro­tek­ti­on von Räu­men für poli­ti­sche Expe­ri­men­te und non­kon­for­me Lebens­wei­sen, die Rech­te von Dis­si­den­tin­nen und Dis­si­den­ten, eine Sphä­re für sub­ver­si­ve und ket­ze­ri­sche Lite­ra­tur und Kunst und das Wis­sen dar­um, dass der Schutz von Macht­kri­tik für Gemein­schaf­ten zur Über­le­bens­fra­ge wer­den kann. Es ist war immer der unkon­trol­lier­ba­re Macht­miss­brauch, der das Zusam­men­le­ben der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Zei­ten der Tota­li­ta­ris­men bedroht hat.

Datenschutz nach 1984

Plakat zur "Datenschutztagung" von 1984 an der ETH.

Pla­kat zur “Daten­schutz­ta­gung” von 1984 an der ETH.

Als die poli­ti­sche Stim­mung in der Schweiz in den 1980er Jah­ren lang­sam zu Guns­ten eines Aus­baus des Staats­schut­zes kipp­te, waren Com­pu­ter nicht län­ger bloss eini­ge weni­ge Zen­tral­rech­ner, son­dern indi­vi­du­el­le Per­so­nal Com­pu­ter für den Haus­ge­brauch. Die Poli­tik war schlecht vor­be­rei­tet auf die­sen tech­no­lo­gi­schen Umbruch. Auch die Lin­ke rezi­pier­te den Ein­zug des Com­pu­ters in die Arbeits­welt und den All­tag mit­tels jener seman­ti­schen Codes, die sich seit Geor­ge Orwells Dys­to­pie 1984 aus den 1940er Jah­ren in der poli­ti­schen Spra­che eta­bliert hat­ten. Als der Schwei­ze­ri­sche Gewerk­schafts­bund zusam­men mit den Demo­kra­ti­schen Juris­ten im März 1984 an der ETH in Zürich eine Tagung zum Daten­schutz durch­führ­te, warb ein Pla­kat mit­tels einer Bild­spra­che für den Anlass, die auf Orwell, Bar­codes und die Magnet­bän­der der Gross­rech­ner zurück­griff. Mit der Fichen­af­fä­re und dem damit zusam­men­hän­gen­den Volks­zäh­lungs­boy­kott kumu­lier­ten zwar die gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um staat­li­che Über­wa­chungs­tech­no­lo­gi­en. Den­noch blieb eine Debat­te zu den Impli­ka­tio­nen der neu­en elek­tro­ni­schen Medi­en für den Staats­schutz aus. Der Dis­kurs um die Pri­vat­sphä­re in der Boy­kott­be­we­gung der Volks­zäh­lung 1990 ope­rier­te noch voll­stän­dig mit den alten Sprach­bil­dern der Sin­ne­s­ap­pa­ra­te („Schnüf­fel­staat“) und den papie­re­nen Büro­kra­ti­en („Fichen“); zudem geriet mit der Sta­tis­tik jene zen­tra­le Regie­rungs­tech­nik in die Kri­tik, die mit der Ent­ste­hung des Natio­nal- und des Sozi­al­staa­tes seit dem 19. Jahr­hun­dert ver­bun­den war. Und obwohl EDV und Daten­ban­ken bereits am Hori­zont erschie­nen waren, dien­te noch der faschis­ti­sche Tech­nik­ge­brauch der 1930er Jah­re (die mit Hol­le­rith­ma­schi­nen durch­ge­führ­ten Volks­zäh­lun­gen) als Blau­pau­se einer lin­ken Tech­nik­kri­tik.

Der deut­sche Medi­en­wis­sen­schaft­ler Fried­rich Kitt­ler erkann­te jedoch bereits zu die­sem Zeit­punkt die poli­tisch gefähr­li­chen Effek­te des digi­ta­len „Staub­sauger­ver­fah­rens“ jeg­li­cher Daten in den Hän­den von Geheim­diens­ten. In sei­ner Rezen­si­on der Mono­gra­phie von James Bam­ford über die NSA, abge­druckt unter dem pro­phe­ti­schen Titel No Such Agen­cy in der TAZ im Jahr 1986, brach­te Kitt­ler die Poten­tia­le einer Ver­schal­tung ana­lo­ger Medi­en in Com­pu­ter­sys­te­men mit lako­ni­scher Prä­zi­si­on auf den Punkt:

Eine 70.000-Mann-Organisation, die nach vor­sich­ti­ger Schät­zung jede tau­sends­te Fern­mel­de­ver­bin­dung auf die­sem Pla­ne­ten mit Spio­na­ge­sa­tel­li­ten oder Richt­funk­an­ten­nen abhört und in „Plat­form“, einem Netz­werk von 52 welt­weit ver­schal­te­ten Com­pu­ter­sys­te­men, auto­ma­tisch ent­zif­fert, spei­chert und aus­wer­tet, über­lässt die Public Rela­ti­ons gern der CIA mit ihren 4.000 Agen­ten.

Kitt­ler schloss mit dem düs­te­ren Ver­dikt, dass blos­se Geset­ze sol­che auto­ma­ti­sche Daten­ver­ar­bei­tung nicht mehr zu stop­pen ver­mö­gen, son­dern die­sen Tech­no­lo­gi­en nur mehr mit Tech­no­lo­gie bei­zu­kom­men sei.

Plakat der SP zur Abstimmung über das NDG (2016)

Pla­kat der SP zur Abstim­mung über das NDG (2016)

Wenn wir am nächs­ten Sonn­tag an der Urne über das NDG abstim­men, gilt es in die­sem Sin­ne zu beden­ken, dass die Poten­tia­le des Rechts zur Kon­trol­le der Tech­nik begrenzt sind. Dass die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger spä­tes­tens seit Edward Snow­dens Ent­hül­lung der welt­um­span­nen­den Über­wa­chungs­ak­ti­vi­tä­ten der NSA, aller­dings, im Sin­ne von Kitt­lers ‚Gegen-Tech­no­lo­gi­en‘, selbst zu den geheim­dienst­lich erprob­ten Ver­schlüs­se­lungs­tech­no­lo­gi­en grei­fen, um ihre Daten vor Über­wa­chung zu schüt­zen, ist aller­dings kei­ne beru­hi­gen­de Nach­richt.

Nie­mand hat die destruk­ti­ven Effek­te auf die Per­sön­lich­keit und das Zusam­men­le­ben der Men­schen durch Über­wa­chungs­tech­no­lo­gi­en ein­dring­li­cher zur Dar­stel­lung gebracht als Fran­cis Ford Cop­po­la in sei­nem Film The Con­ver­sa­ti­on aus dem Jahr 1974. Im Nach­hall von Water­ga­te gedreht, zeigt der Film, wie die Figur des Abhör­spe­zia­lis­ten Har­ry Caul zuneh­mend zum Opfer einer eige­nen tech­no­lo­gisch auf­ge­rüs­te­ten Abhör­pa­ra­noia wird.

Der Schutz des Grund­rechts der Pri­vat­sphä­re ist des­halb so dring­lich, weil es die ein­zi­ge poli­ti­sche Mög­lich­keit dar­stellt, dem poten­ti­el­len Macht­miss­brauch des Staats­schut­zes und der Geheim­diens­te eine Schran­ke zu set­zen. Wenn die Bür­ger sich nicht mehr auf die­ses Grund­recht beru­fen kön­nen, droht die Para­noia des Staats­schut­zes und der Geheim­diens­te voll­ends zur Para­noia ihrer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger selbst zu wer­den. Gemein­schaf­ten, in wel­chen poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, Kunst, Lite­ra­tur, Inti­mi­tät und Reli­gi­on zur blos­sen Fra­ge der rich­ti­gen Ver­schlüs­se­lungs­tech­no­lo­gie wird, ohne dass sie sich das Veto­recht der Grund­rech­te zubil­li­gen, müs­sen den Buch­sta­ben F wie Frei­heit dann auch aus ihrer Ver­fas­sung strei­chen. – Nimm Dir Dei­ne Grund­rech­te!

Von Monika Dommann

Monika Dommann ist Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich und kommentiert auf twitter.