Geschichten der Gegenwart

Die Rede vom Ver­rat der „ein­fa­chen Men­schen“ durch die Lin­ke ist seit gerau­mer Zeit ein fes­ter Bestand­teil des poli­ti­schen Dis­kur­ses. Die­ser Rede bedien­te sich jüngst etwa Jörg Babe­row­ski: „Vor Jahr­zehn­ten galt als links, wer in der sozia­len Fra­ge als Anwalt der Schwa­chen auf­trat. Heu­te gilt als links, was eine Wohl­stand­s­eli­te der Gesell­schaft ver­ord­net“. Die­se eigen­ar­ti­ge Nost­al­gie nach einer „authen­ti­schen“ Lin­ken äußert sich auch dar­in, dass Prot­ago­nis­ten einer sol­chen ima­gi­nier­ten Lin­ken von rech­ten Publi­zis­ten gegen die gegen­wär­ti­ge Lin­ke (oder das, was sie dar­un­ter ver­ste­hen) in Stel­lung gebracht wer­den. So ver­öf­fent­lich­te Mar­kus Somm vor eini­ger Zeit eine Elo­ge auf den 1991 ver­stor­be­nen Zür­cher kom­mu­nis­ti­schen Buch­händ­ler Theo Pin­kus. Dies über­rascht nur im ers­ten Moment: Pin­kus wird bloß in Stel­lung gebracht, um die „klei­nen Leu­te“ vor dem Dik­tat der poli­tisch kor­rek­ten „Eli­ten“ in Schutz zu neh­men: „Nie wäre es ihm ein­ge­fal­len, die Arbei­ter und klei­nen Ange­stell­ten von Wollis­ho­fen als Sexis­ten und Ras­sis­ten zu beschimp­fen. Sie waren sei­ne Hel­den.“

Hier soll es nicht dar­um gehen, Pin­kus gegen die Ver­ein­nah­mung von rechts zu ver­tei­di­gen – dies hat Erich Kel­ler bereits mit viel Ver­ve getan. Auch die jüngst durch Didier Eri­bon wie­der­be­feu­er­te Dis­kus­si­on, ob die Lin­ke im Ver­lauf der neo­li­be­ra­len Trans­for­ma­ti­on der letz­ten Jahr­zehn­te tat­säch­lich die „Schwa­chen“ im Stich gelas­sen habe, soll hier außen vor blei­ben – wie über­haupt die Fra­ge, ob die Lin­ke (wenn es sie denn je als bruch­lo­ses Kon­ti­nu­um gege­ben hat) his­to­risch „recht“ hat­te oder nicht. Viel­mehr soll hier durch einen Blick auf die his­to­ri­sche Pra­xis der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung die Rede von der Abkehr der Lin­ken von ihrer angeb­lich ursprüng­li­chen Rol­le als Sprach­rohr der „klei­nen Leu­te“ als das aus­ge­macht wer­den, was sie ist: ein Taschen­spie­ler­trick, bei dem nach Belie­ben mit Begrif­fen han­tiert wird, wäh­rend ihre his­to­ri­schen Kon­tex­te unter­schla­gen wer­den. Denn das Ver­hält­nis der Arbei­ter­be­we­gungs­lin­ken, in deren Tra­di­ti­ons­li­nie Pin­kus sich zwei­fel­los ver­or­te­te, zum Arbei­ter war gänz­lich anders gear­tet, als Somm & Co. es ger­ne hät­ten.

Wäh­rend die Rech­te in den „klei­nen Leu­ten“ stets bloß eine Mas­se sah, deren Funk­ti­on nicht über das blo­ße Beju­beln ihrer Poli­tik hin­aus­zu­ge­hen hat­te, fokus­sier­te die Lin­ke den Arbei­ter zunächst ein­mal als Indi­vi­du­um – und das ist ein nur auf den ers­ten Blick über­ra­schen­der Befund. Denn auch wenn für die sozia­lis­ti­sche Bewe­gung die Arbei­terklas­se als Kol­lek­tiv das trei­ben­de Sub­jekt der Geschich­te war, muss­te sich die­se Klas­se erst ein­mal ihrer Lage bewusst wer­den – und die­se Bewusst­wer­dung hat­te not­wen­di­ger­wei­se beim Indi­vi­du­um anzu­fan­gen. Die his­to­ri­sche Lin­ke mach­te sich dabei nicht bloß zum Sprach­rohr der Instink­te und Begehr­lich­kei­ten des „Vol­kes“, son­dern such­te Indi­vi­du­en mit­hil­fe von Bil­dung und Auf­klä­rung zu errei­chen. Dabei hat­te sie kei­ne Beden­ken, die­se auch mit „schwie­ri­gen“ und nicht kon­sens­fä­hi­gen Anlie­gen zu kon­fron­tie­ren.

Durch Bildung zum „Neuen Menschen“

Die sich ab Mit­te des 19. Jahr­hun­derts for­mie­ren­de Arbei­ter­be­we­gung war, ent­ge­gen den spä­te­ren sozia­lis­ti­schen Hel­den­er­zäh­lun­gen, kei­ne Bewe­gung der dif­fu­sen Unter­drück­ten, ent­stan­den „von unten“ aus Wut gegen „die da oben“. Genau­so wenig war sie, ent­ge­gen den libe­ra­len und kon­ser­va­ti­ven Gegen­nar­ra­ti­ven, das Hirn­ge­spinst eini­ger weni­ger intel­lek­tu­el­ler Träu­mer. Die Keim­zel­len der Bewe­gung bestan­den aus wan­dern­den Hand­wer­kern, die sich mit im Vor­märz radi­ka­li­sier­ten Intel­lek­tu­el­len zusam­men­ta­ten. Letz­te­re, nicht zuletzt Marx selbst, wur­den zwar zu zen­tra­len Theo­re­ti­kern der Bewe­gung, aber vie­le der Füh­rungs­ge­stal­ten, die sich durch poli­ti­schen Akti­vis­mus einen Namen mach­ten, ent­spran­gen eben­je­nem Hand­wer­ker­mi­lieu: Der Schnei­der Wil­helm Weit­ling, der Buch­bin­der Her­mann Greu­lich, der Drechs­ler August Bebel und vie­le ande­re.

“Arbei­ter-Jugend! Wis­sen ist Macht!” -
Der Aus­flug einer Jugend­grup­pe und eine Lehr­ver­an­stal­tung wer­den um 1905 auf die­ser Post­kar­te mit dem Eichen­kranz und Schlei­fe ver­bun­den. Quel­le: ADS; www.fes.de

Die gera­de auf­kom­men­de Indus­trie­ar­bei­ter­schaft war zunächst weni­ger Sub­jekt der Bewe­gung als viel­mehr Objekt ihrer Für­sor­ge. Der „Arbei­ter“ war – als Indi­vi­du­um – Gegen­stand einer soli­da­ri­schen Päd­ago­gik. Soli­da­risch des­we­gen (und dies wider­spricht dem gern von rechts bemüh­ten Bild einer bevor­mun­den­den Lin­ken), weil Bil­dung der Selbst­er­mäch­ti­gung dien­te. Bil­dung soll­te es Arbei­tern ermög­li­chen, sowohl Anschluss an die bür­ger­li­che Gesell­schaft zu fin­den als auch eine eige­ne Kul­tur auf­zu­bau­en, die der bür­ger­li­chen über­le­gen sein soll­te. Die Arbei­ter­be­we­gung bot sowohl eine Gegen­kul­tur als auch ein Vehi­kel zum sozia­len Auf­stieg – ein Dop­pel­cha­rak­ter, in dem die gesam­te Dis­kus­si­on um „Radi­ka­lis­mus“ und „Refor­mis­mus“ ange­legt war.

Die Uto­pi­en, von denen sich die unter­schied­li­chen Frak­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung lei­ten lie­ßen, konn­ten stark diver­gie­ren. Was sie in ihrer poli­ti­schen Pra­xis aber ein­te, war das Stre­ben nach Bil­dung und Selbst­bil­dung. Nicht umsonst waren die Arbei­ter­ver­ei­ne, die deut­sche Hand­werks­ge­sel­len ab den 1840er Jah­ren in ganz Euro­pa eta­blier­ten, in ers­ter Linie Arbei­terbil­dungsver­ei­ne, in denen, wie im Zür­cher Arbei­ter­ver­ein „Ein­tracht“, der Schwer­punkt weni­ger auf ideo­lo­gi­scher Schu­lung denn auf all­ge­mei­ner Bil­dung bzw. zunächst ein­mal auf Alpha­be­ti­sie­rung lag. Und wenn auch sol­che Ver­ei­ne Hor­te der Män­ner­ge­sel­lig­keit dar­stell­ten, in denen geschlechts­ex­klu­siv dem Bier­kon­sum gefrönt wur­de, so war es trotz­dem das Stre­ben nach Bil­dung, das die­se Gesel­lig­keit rahm­te.

Wer sich die his­to­ri­sche Lin­ke in der longue durée anschaut, wird ver­mut­lich fest­stel­len, dass die mit Bil­dung ver­bun­de­nen Prak­ti­ken in einem sol­chen Längs­schnitt min­des­tens genau­so viel Platz ein­neh­men wie unmit­tel­bar poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten. Dies zieht sich durch alle Län­der und Frak­tio­nen der Bewe­gung. Spa­ni­sche Anar­chis­ten eta­blier­ten reform­päd­ago­gi­sche Schu­len in den Dör­fern; der Jüdi­sche Arbei­ter­bund spann­te über­all da, wo sei­ne Akti­vis­ten wirk­ten, von Polen bis Argen­ti­ni­en, Net­ze von säku­lar-jüdi­schen Schu­len mit sozi­al­de­mo­kra­ti­schem Bil­dungs­pro­gramm auf; und die deut­schen und öster­rei­chi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ti­en kre­ierten ein gan­zes Orga­ni­sa­tio­nen-Uni­ver­sum, das dem Par­tei­gän­ger eine bil­dungs­zen­trier­te Lebens­welt „von der Wie­ge bis zur Bah­re“ bot.

War­um ist dies rele­vant? Es zeigt, dass die his­to­ri­sche Lin­ke „den Arbei­ter“ nicht so genom­men hat, wie er ist, nicht bloß sei­ne Wut kana­li­sier­te, sich nicht zum Sprach­rohr der „klei­nen Leu­te“ mach­te. Im Gegen­teil ging es stets dar­um, den Arbei­ter über sei­ne Lage hin­aus empor­zu­he­ben, ihn zu einer bewuss­ten, die Welt nach­voll­zie­hen­den Per­sön­lich­keit zu machen. Der „Neue Mensch“, der in der Arbei­ter­be­we­gung immer wie­der zur Spra­che kam, soll­te nicht durch Zucht und Aus­le­se ent­ste­hen, son­dern durch Arbeit am Selbst und anein­an­der.

Tafel am ehe­ma­li­gen Haus des deut­schen Arbei­ter­bil­dungs­ver­eins Ein­tracht in Zürich, Neu­markt 5. Heu­te befin­det sich das Thea­ter am Neu­markt in die­sem Haus., Quel­le: Wiki­pe­dia

Aus­ge­hend von die­sem Fokus auf die Indi­vi­du­en, aus denen sich erst das kämp­fen­de Kol­lek­tiv­sub­jekt for­men soll­te, ergab sich für die Arbei­ter­be­we­gungs­lin­ke eine grund­sätz­li­che stra­te­gi­sche Prä­mis­se: Das „Volk“ hat­te nicht als Legi­ti­ma­ti­ons­ob­jekt für die eige­ne Poli­tik zu die­nen, son­dern es soll­te im Gegen­teil die gan­ze Poli­tik dar­auf aus­ge­rich­tet sein, jenem „Volk“ zur poli­ti­schen Mün­dig­keit zu ver­hel­fen. Erst wenn die Mehr­heit „bewusst“ sei, kön­ne sie auch zur domi­nan­ten schöp­fe­ri­schen Kraft in einem Staats­we­sen wer­den. Zwar hat­te die­se Prä­mis­se auch die Schat­ten­sei­te des Atten­tis­mus der euro­päi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie, ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses als „eine revo­lu­tio­nä­re, nicht aber eine Revo­lu­tio­nen machen­de Par­tei“, wie Karl Kaut­sky for­mu­lier­te. Doch auch der lin­ke Flü­gel, der sehr wohl „Revo­lu­ti­on machen“ woll­te, poch­te wie Rosa Luxem­burg dar­auf, man wer­de „nie anders die Regie­rungs­ge­walt über­neh­men als durch den kla­ren, unzwei­deu­ti­gen Wil­len der gro­ßen Mehr­heit der pro­le­ta­ri­schen Mas­se in Deutsch­land, nie anders als kraft ihrer bewuss­ten Zustim­mung zu [unse­ren] Ansich­ten, Zie­len und Kampf­me­tho­den“. Die „bewuss­te Zustim­mung“ ist hier das Schlüs­sel­wort, denn die­se konn­te nicht anders zustan­de kom­men als durch die Über­zeu­gung zahl­lo­ser Indi­vi­du­en von der Rich­tig­keit der eige­nen Poli­tik.

Antipopulistische Avantgarde

Dass die „ein­fa­chen Leu­te“ als ver­meint­li­che „Hel­den“ der Lin­ken von ihnen nie­mals als „Ras­sis­ten und Sexis­ten beschimpft“ wor­den wären, ist umso ent­schie­de­ner zurück­zu­wei­sen. Eben weil die Lin­ke den Arbei­ter nicht ein­fach so, mit all sei­nen Vor­ur­tei­len, hin­nahm, war der Kampf gegen sol­che Vor­ur­tei­le ein zen­tra­les Anlie­gen. Dabei setz­te sich die Lin­ke auch für Anlie­gen ein, die kei­nes­wegs popu­lär waren. Die Lin­ke trat damit dezi­diert anti­po­pu­lis­tisch auf, d.h. sie schöpf­te die Begrün­dung für ihre Posi­tio­nie­run­gen und Aktio­nen nicht aus der Ima­gi­na­ti­on einer sta­ti­schen und homo­ge­nen „Volks­mas­se“, son­dern posi­tio­nier­te sich aus Über­zeu­gung für mit­un­ter nicht mehr­heits­fä­hi­ge Anlie­gen – auch unter der Gefahr, ihre eige­nen Par­tei­gän­ger vor den Kopf zu sto­ßen.

Besuch des Par­tei­vor­stan­des im Jahr 1907 bei der Reichs­par­tei­schu­le der SPD. Dozen­tin Rosa Luxem­burg (ste­hend vier­te von links). August Bebel (ste­hend fünf­ter von links), Fried­rich Ebert (links in der 3. Bank der rech­ten Bank­rei­he), Quel­le: Wiki­pe­dia

Ein bekann­tes Bei­spiel ist der Ein­satz der Arbei­ter­be­we­gung für Frau­en­rech­te; kei­nes­wegs vor­be­halt­los und von Anfang an, jedoch lan­ge vor dem Kon­sens der bür­ger­li­chen Gesell­schaft in die­ser Fra­ge. Als Bebel 1879 „Die Frau und der Sozia­lis­mus“ publi­zier­te, war die dar­in gefor­der­te Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter im Arbei­ter­mi­lieu alles ande­re als ver­an­kert – den­noch wur­de das Buch, auch kraft der Auto­ri­tät des Ver­fas­sers in der Bewe­gung, euro­pa­weit zur Stan­dard­lek­tü­re der Akti­vis­ten an der Basis. Weni­ger bekannt ist, dass Bebel 1898 öffent­lich für die Abschaf­fung des § 175 ein­trat, der homo­se­xu­el­le Bezie­hun­gen kri­mi­na­li­sier­te. Mit die­sem abso­lu­ten Tabu­the­ma, auch (und gera­de) in der Arbei­ter­schaft, hat­te Bebel nichts zu gewin­nen. Im Gegen­teil rück­te er das Anlie­gen einer gesell­schaft­li­chen Min­der­heit ins Licht der Öffent­lich­keit, auch auf die Gefahr hin, die Kli­en­tel sei­ner Par­tei zu brüs­kie­ren. Ein ande­res Bei­spiel für das Auf­grei­fen „unpo­pu­lä­rer“ The­men durch die Lin­ke ist der Anti­se­mi­tis­mus in der rus­si­schen Revo­lu­ti­on: Es waren v.a. Arbei­ter­be­we­gungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, die zwi­schen Febru­ar und Okto­ber 1917 Anti­se­mi­tis­mus und Pogro­me bekämpf­ten und sich nicht davor scheu­ten, Juden­feind­schaft auch in den „brei­ten Mas­sen“ zu the­ma­ti­sie­ren.

Linker Populismus

Bereits 1914 hat­te der Ers­te Welt­krieg die Ver­hält­nis­se in der Sozi­al­de­mo­kra­tie neu gemischt. In der Fra­ge, ob man sich als Bewe­gung dem „Volk“ fügt oder es im Namen der für rich­tig gehal­te­nen Poli­tik vor den Kopf zu sto­ßen traut, hat­te die Mehr­heit der euro­päi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie mit ihrer Zustim­mung zu den Kriegs­kre­di­ten und zur Lan­des­ver­tei­di­gung eine de fac­to popu­lis­ti­sche Posi­ti­on ein­ge­nom­men. Die lin­ke Min­der­heit hin­ge­gen blieb anti­po­pu­lis­tisch – und nahm ihre eige­ne Mar­gi­na­li­sie­rung in Kauf, zumin­dest bis sich die brei­te Stim­mung zuun­guns­ten des Krie­ges dre­hen soll­te.

Ent­wurf eines Gebäu­des für eine Lese­hüt­te, izba-chital’nja von 1925, Zeich­nung von A. Lavins­kij (Vchu­te­mas), Quel­le: tehne.com

Dann wie­der­um waren es jedoch die Bol­sche­wi­ki als Anti-Kriegs-Frak­ti­on der rus­si­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie, die im Novem­ber 1917 für einen lin­ken Popu­lis­mus optier­ten, indem sie sich ent­schie­den, die Macht der Räte aus­zu­ru­fen, um sie rea­li­ter durch die Macht der Par­tei zu erset­zen. Wenn­gleich die Bol­sche­wi­ki im Ver­lauf des Revo­lu­ti­ons­jah­res zu einer mäch­ti­gen Bewe­gung ange­wach­sen waren, wuss­ten sie kei­nes­wegs die „bewuss­te Zustim­mung“ der Mehr­heit auf ihrer Sei­te. Doch erfolg­te ihr Griff zur Macht genau­so wie das Aus­ein­an­der­ja­gen der Kon­sti­tu­ie­ren­den Ver­samm­lung mit der Begrün­dung, den Wil­len jener Mehr­heit umzu­set­zen. Die im sowje­ti­schen Dis­kurs kano­ni­sier­te Sze­ne, in der ein Matro­se die dis­ku­tie­ren­den, mehr­heit­lich dem lin­ken Par­tei­en­spek­trum zuge­hö­ri­gen Abge­ord­ne­ten mit den Wor­ten „Die Wache ist müde“ barsch zum Nach-Hau­se-Gehen auf­for­dert, weist eine gewis­se Nähe zum aktu­el­len rechts­po­pu­lis­ti­schen Dis­kurs vom „ein­fa­chen Volk“ auf, das der „lin­ken Eli­ten“ über­drüs­sig sei. Es ist auch bezeich­nend, dass die bol­sche­wi­ki­sche Füh­rung im ers­ten Jahr des Bür­ger­kriegs von jüdi­schen Genos­sen dazu ange­hal­ten wer­den muss­te, gegen den Anti­se­mi­tis­mus inner­halb der eige­nen Armee vor­zu­ge­hen – ihr war es zunächst, wie dem von Somm ima­gi­nier­ten Pin­kus, in der Tat „nicht ein­ge­fal­len“, die „klei­nen Leu­te“ unter ihren Par­tei­gän­gern „als Ras­sis­ten … zu beschimp­fen“, da Anti­se­mi­tis­mus in den Augen der Bol­sche­wi­ki pri­mär in den Rei­hen der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on exis­tier­te.

Den­noch ver­ab­schie­de­ten sich die Kom­mu­nis­ten nicht sofort vom ‚Neu­en Men­schen‘ als indi­vi­du­el­lem Bil­dungs­pro­jekt – ganz im Gegen­teil. Bis in die zwei­te Hälf­te der 1920er Jah­re unter­nahm die Par­tei gewal­ti­ge Anstren­gun­gen, um ihre kei­nes­wegs popu­la­ri­täts­hei­schen­den Maß­nah­men, etwa die Aus­wei­tung der Frau­en­rech­te, aber auch die Soli­da­ri­tät mit den Revo­lu­tio­nen im Aus­land, für die Bevöl­ke­rung ratio­nal nach­voll­zieh­bar zu machen. Die Agit­prop-Appa­ra­te häm­mer­ten nicht bloß Paro­len in die Köp­fe der Men­schen, son­dern ver­such­ten sie auch mit­hil­fe von Logik und Fak­ten davon zu über­zeu­gen, war­um man die Ehe­frau nicht mehr schla­gen sol­le oder sich für einen Arbei­ter­streik in Wales zu inter­es­sie­ren habe.

Pla­kat von A. Radakov (1920) im Stil des rus­si­schen Lub­ok: “Der Analpha­bet ist wie der Blin­de: Über­all erwar­tet ihn Miss­er­folg und Unglück”, Quel­le: redavantgarde.com

Die end­gül­ti­ge Wen­de hin zum Popu­lis­mus fand unter Sta­lin statt, als zum einen der Dis­kurs von „Klas­se“ auf „(Sowjet-)Volk“ umschwenk­te, zum ande­ren die früh­so­wje­ti­schen min­der­hei­ten­po­li­ti­schen Errun­gen­schaf­ten mit dem Argu­ment des „gesun­den Volks­emp­fin­dens“ rück­gän­gig gemacht wur­den, und schließ­lich die Mehr­heit der Bil­dungs­pro­jek­te der 1920er Jah­re ein­ge­rollt wur­den. Das Bild von der Selbst­trans­for­ma­ti­on zum „Neu­en Men­schen“ wur­de wei­ter­hin von der Pro­pa­gan­da auf­recht­erhal­ten, doch ging es dabei noch weni­ger als vor­her um eine umfas­sen­de Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung, son­dern um die bedin­gungs­lo­se Ein­ord­nung ins mono­li­thi­sche Pro­jekt des Sta­li­nis­mus. Die „Mas­sen“ ver­ka­men dabei zu mobi­li­sier­ba­ren Sta­tis­ten, die ihre Stim­men jedem Unter­fan­gen des Regimes zu lei­hen hat­ten – bis hin zur Beju­be­lung der Schau­pro­zes­se im Gro­ßen Ter­ror, die bekannt­lich mit Appel­len „ein­fa­cher“ Arbei­ter und Bäue­rin­nen medi­al unter­legt wur­den, mit den (zumeist intel­lek­tu­el­len) „Ver­rä­tern“ kur­zen Pro­zess zu machen.

Gegen das Verstecken hinter dem Rücken der „kleinen Leute“

Es ist genau jene Eigen­schaft, in der die Rech­te die „klei­nen Leu­te“ benö­tigt – als Mobi­li­sie­rungs- und Akkla­ma­ti­ons­mas­se, deren Res­sen­ti­ments nicht etwa durch Auf­klä­rung und Bil­dung aus­ge­räumt, son­dern im Gegen­teil gepflegt und ver­stärkt wer­den sol­len. So konn­te selbst Donald Trump sei­ne Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur im Namen der „Arbei­ter­klas­se“ anprei­sen und zugleich kei­nen Hehl aus sei­ner Aver­si­on gegen Bil­dung und Intel­lek­tu­el­le machen. Denn die­se von der Rech­ten für sich bean­spruch­te „Arbei­ter­klas­se“ soll nicht durch Bil­dung zur Selbst­re­fle­xi­on gelan­gen, da sie dann womög­lich nicht mehr als Jubel­mas­se zur Ver­fü­gung stün­de. Der „klei­ne Mann“ soll sich bloß nicht in einen fra­gen­stel­len­den „lesen­den Arbei­ter“ im Brecht­schen Sin­ne ver­wan­deln.

Es sind also die Rech­ten, denen es nicht „ein­fällt, die Arbei­ter und klei­nen Ange­stell­ten von Wollis­ho­fen als Sexis­ten und Ras­sis­ten zu beschimp­fen“ – aber nicht etwa, weil die­se „ihre Hel­den“ sind, son­dern weil sie aus Unwis­sen und Res­sen­ti­ment poli­ti­sches Kapi­tal schla­gen. Pin­kus sah sich als Ver­fech­ter von Wis­sen und Bil­dung kaum in der Tra­di­ti­on des sta­li­nis­ti­schen Popu­lis­mus, son­dern der soli­da­ri­schen Päd­ago­gik der Arbei­ter­be­we­gung: Er hät­te die „Arbei­ter“ viel­leicht nicht „beschimpft“, aber alles dafür getan, dass sie auf­hö­ren mögen, Sexis­ten und Ras­sis­ten zu sein – was alle­mal schwe­rer ist, als den eige­nen Ras­sis­mus und Sexis­mus hin­ter dem­je­ni­gen der „ein­fa­chen Men­schen“ zu ver­ste­cken. Dass die heu­ti­ge Lin­ke sich die­ser Her­aus­for­de­rung nicht mehr in gebüh­ren­dem Umfang zu stel­len bereit ist, steht frei­lich auf einem ande­ren Blatt.

Von Gleb Albert

Gleb Albert hat an der Universität Bielefeld über den revolutionären Internationialismus in der frühen Sowjetgesellschaft promoviert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Zürich, wo er im Rahmen der internationalen Forschergruppe «Medien und Mimesis» zur Geschichte der globalen Softwarepiraten-Subkulturen der 1980er und frühen 1990er Jahre forscht.