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Unter aufrech­ten Demo­kra­ten geniesst Nietz­sche keinen guten Ruf. Er gilt wegen seiner Verach­tung für die Demo­kra­tie als Wegbe­rei­ter des Faschis­mus. Sein oft kriti­sier­ter Vorwurf an die Demo­kra­tie lautet: Dass sie sich von jenem Ressen­ti­ment nährt, das sie selbst züch­tet. Doch die Nach­rich­ten von jenseits des Teiches schei­nen Nietz­sche Recht zu geben. Eine neue Staats­form ist auf dem Wege, sich zu etablie­ren, die zwar demo­kra­ti­sch legi­ti­miert ist, sich aber nicht auf die Aushand­lung von Inter­es­sen, sondern auf die Bewirt­schaf­tung des Ressen­ti­ments stützt.

Nicht nur der Wahl­er­folg Trumps, sondern auch dieje­ni­gen der AfD, des Front Natio­nal, von Geert Wilders, Viktor Orbán, Tayyip Erdoğan, der polni­schen, slowa­ki­schen und tsche­chi­schen Regie­rung verdan­ken sich einem Gefühl, zu kurz gekom­men zu sein und dafür einer­seits Flücht­linge und sons­tige Fremde, ande­rer­seits „die da oben“, „Brüs­sel“ oder „Washing­ton“ verant­wort­lich machen. All diese Bewe­gun­gen punk­ten mit dem Verspre­chen, das Gefühl des Zu-kurz-gekommen-Seins zu tilgen. Das Gefühl wohl­ver­stan­den und nicht die reale Benach­tei­li­gung.

Die Schlecht­weg­ge­kom­me­nen

Die Frage kann also nicht sein, ob die Gefühle der „Schlecht­weg­ge­kom­me­nen“ (Nietz­sche) berech­tigt sind oder nicht. Ohne Zwei­fel sind die Menschen im Norden Englands, die mehr­heit­lich für den Brexit gestimmt haben, Verlie­rer der Globa­li­sie­rung und Opfer der Libe­ra­li­sie­rung der Märkte. Ihre Ängste um ihre wirt­schaft­li­che Zukunft sind mehr als begrün­det. Doch ebenso wenig Zwei­fel kann es daran geben, dass sich mit einer restrik­ti­ven Flücht­lings­po­li­tik daran kaum etwas ändern wird. Weshalb also lassen sich Menschen durch einen Groll leiten, der ihren Inter­es­sen mögli­cher­weise sogar zuwi­der­läuft?

Friedrich Nietzsche; Quelle: wikipedia.org

Fried­rich Nietz­sche; Quelle: wikipedia.org

Der locus clas­si­cus des Ressen­ti­ments ist die Genea­lo­gie der Moral von 1887, wo Nietz­sche die Herkunft des Ressen­ti­ments durch einen beinahe hege­lia­ni­schen Drei­schritt erklärt. „Gut“ sei zunächst eine Selbst­be­ur­tei­lung der Mäch­ti­gen gewe­sen: Was sie taten, war gut, weil sie es taten. Im Wesent­li­chen war dies die Über­wäl­ti­gung der Schwa­chen, deren Tun entspre­chend als schlecht galt. In der nächs­ten histo­ri­schen Phase wird das Gute als Über­wäl­ti­gung nach innen gewen­det: Die Pries­ter­kaste verlangt von den „Skla­ven“ Selbstüber­win­dung durch Askese. Diese Inter­na­li­sie­rung des Kamp­fes gegen das Schlechte – nun das Böse genannt – führt zu einem unbän­di­gen Hass gegen die Mäch­ti­gen, die diesen Kampf nicht auf sich nehmen müssen und sich nicht über­win­den müssen. Dieses merk­wür­dige Amal­gam von Selbst­über­win­dung und Hass gegen oben verfes­tigt sich als Moral. Im drit­ten Schritt exter­na­li­sie­ren die „Schlecht­weg­ge­kom­me­nen“ diesen Kampf wieder in Form des Ressen­ti­ments gegen die Mäch­ti­gen, denen sie die Schuld für ihr Unglück in die Schuhe schie­ben. Ressen­ti­ment ist für Nietz­sche im Wesent­li­chen Groll darüber, das Gesetz des Handelns nicht bestim­men zu können und dafür denen die Schuld zu geben, die noch aktiv sein dürfen. Ressen­ti­ment ist das reak­tive Gefühl schlecht­hin: „Das Ressen­ti­ment“, schreibt Gilles Deleuze, „es ist deine Schuld, es ist deine Schuld … projek­tive Anklage und projek­tive Gegen­be­schul­di­gung. Es ist deine Schuld, wenn ich schwach und unglück­lich bin.“

Vieles, was Nietz­sche beschreibt, erken­nen wir in der heuti­gen poli­ti­schen Land­schaft wieder: Der Groll über das Gefühl, nicht (mehr) Subjekt der Geschichte zu sein, bestim­men das Abstimmungs- und Wahr­ver­hal­ten in weiten Teilen der Welt. Der Hass entlädt sich dabei, anders als von Nietz­sche analy­siert, in zwei Rich­tun­gen: Gegen (vermeint­li­che) Konkur­ren­ten im Kampf um die spär­li­chen Ressour­cen und gegen „die da oben“, die die Zukurz­ge­kom­me­nen nicht vor dem sozia­len Abstieg schüt­zen.

Über­haupt denkt Nietz­sche das Ressen­ti­ment nicht weit genug, viel­leicht, weil er, wie Cioran meint, sein eige­nes Ressen­ti­ment nicht durch­schaut. Er hat seinen Hegel nicht ernst genug genom­men: Der (Herren-)Mensch ist keines­wegs so unab­hän­gig vom Ressen­ti­ment (des Knechts), wie er (und Nietz­sche) gerne glau­ben möchte, bezieht er doch seine Macht von ihm.

Das Verspre­chen der Rein­heit

Dafür fordern die Schlecht­weg­ge­kom­me­nen auch etwas von den Führern ein: sie sollen die Geschichte rück­gän­gig machen. Die Rheto­rik des Ressen­ti­ments beschreibt die Geschichte als Verschmut­zung eines ursprüng­lich reinen Zustan­des, als Vermi­schung und als Deka­denz. Rein­heit ist immer erträum­ter Ursprung, als woll­ten wir verges­sen, dass inter faeces et urinam nasci­mur. Wenn aber Geschichte Verschmut­zung und Vermi­schung ist, hat die Poli­tik die Aufgabe, die Rein­heit des Ursprungs wieder­her­zu­stel­len. Und genau dies verspre­chen die Mäch­ti­gen dieser Welt: Wenn Erdoğan das osma­ni­sche Reich, Putin die Sowjet­union oder wahl­weise das Zaren­reich, Orbán die alte unga­ri­sche Grösse oder Benja­min Netan­jahu Gros­sis­rael beschwö­ren, so geht es ihnen weni­ger um die schiere Ausdeh­nung ihres Reiches als um ein von aller Verun­rei­ni­gung befrei­tes Gebiet. „Ethnic clean­sing“ ist der barba­rischste Ausdruck dieser Sehn­sucht nach ursprüng­li­cher Rein­heit.

Trump-Supporterinnen in Mobile, Alabama, 21. August 2015; Quelle: snopes.com

Trump-Supporterinnen in Mobile, Alabama, 21. August 2015; Quelle: snopes.com

Damit der Führer sein Verspre­chen – nach Nietz­sche die höchste Form der Souve­rä­ni­tät, weil es selbst das eigene Ich dem Willen zur Macht unter­stellt –, die unbe­fleckte Rein­heit wieder herzu­stel­len, einlö­sen kann, muss er die Geschichte unge­sche­hen machen. Denn Rein­heit gab es nur im Ursprung. Make America Great Again verspricht eine gross­ar­tige, mythi­sche und reine Vergan­gen­heit wieder herzu­stel­len. Doch ein Verspre­chen ohne Adres­sat, der es einfor­dern und ohne Zeugen, der es garan­tie­ren kann, ist hohl und leer. Der Verspre­cher bleibt vom Adres­sa­ten abhän­gig.

Schon Jean Améry hat das Ressen­ti­ment als Forde­rung, Geschichte unge­sche­hen zu machen, diagnos­ti­ziert. Gerade die Absur­di­tät dieser Forde­rung soll für Améry aber Garant gegen das Verges­sen und Stachel im Flei­sch der Wohl­mei­nen­den und Wohl­ge­sinn­ten sein. Doch das Bewusst­sein für die Absur­di­tät der Forde­rung geht den heuti­gen Trägern des Ressen­ti­ments ab. Sie behar­ren auf dem realen Pfund Flei­sch. Zu diesem Zweck erschaf­fen sie eine Figur – den Führer, den „Leader“ –, der die Fähig­keit zuge­spro­chen wird, Wirk­lich­keit ausser Kraft zu setzen und die Geschichte unge­sche­hen zu machen. Inves­ti­ga­tive Jour­na­lis­ten zeigen pausen­los die selbst­herr­li­chen Geset­zes­brü­che und infa­men Lügen dieser neuen poli­ti­schen Führer auf und wundern sich, dass ihre Enthül­lun­gen weder an der Urne noch vor Gericht Konse­quen­zen haben. Doch die Gesetz­lo­sig­keit ist kein Kolla­te­ral­scha­den der poli­ti­schen Ordnung, sondern gera­dezu ihr Funda­ment. Nur wer das Gesetz aufhe­ben kann, ist in der Lage, Geschichte umzu­keh­ren – und Rein­heit herzu­stel­len.

Der Clown und der Held

Zwei Formen der Gesetz­lo­sig­keit haben sich in den letz­ten Jahren etabliert: Der Clown und der Held. Der Typus Clown, wie ihn Berlus­coni und Trump perfekt verkör­pern, trickst das Gesetz zwar aus, hebt es aber nicht auf (und bei beiden ist die Frisur die Insi­gnie des Clow­nes­ken).

Trump hair tutorial; Quelle: YouTube.com

Trump hair tuto­rial; Quelle: YouTube.com

Das Gesetz gilt, aber nicht für mich! sagt der Furbo, und seine Legi­ti­ma­tion ist die Lächer­lich­keit des Geset­zes: An ein Gesetz, dass die Krüm­mung der Banane fest­legt (wie angeb­lich das EU-Recht), muss man sich nicht halten. Mit dem Clown kann sich jeder­mann iden­ti­fi­zie­ren: Was er kann, kann ich auch, was er darf, darf ich auch.

Der Held hinge­gen ist nicht der Doppel­gän­ger des Bürgers, sondern sein Erlö­ser. Hegel analy­siert in seiner Ästhe­tik die Funk­tion des Helden in der Moderne glas­klar: Der Bürger, frus­triert, nur noch ein klei­nes Rädchen im Räder­werk des bürger­li­chen Staa­tes zu sein, phan­ta­siert sich eine Figur herbei, deren indi­vi­du­elle Taten noch eine Bedeu­tung haben und etwas bewir­ken können. Aller­dings muss dazu der bürger­li­che Staat aufge­ho­ben werden, denn in ihm gibt es für indi­vi­du­el­les Helden­tum kein Platz.

Der Held (oder die Heldin wie im Falle der Anti­gone) suspen­diert also den bürger­li­chen Staat zuguns­ten eines höhe­ren Geset­zes – der Gerech­tig­keit selbst. Dieses höhere Recht soll einst am mythi­schen Ursprung gestan­den haben und durch die Geschichte korrum­piert worden sein. Doch weil das bürger­li­che Gesetz Geltung behal­ten muss, endet Helden­tum immer tragi­sch. Hegel stellt klar, dass der Held eine bloss ästhe­ti­sche Figur sein kann, die zugleich der Projek­tion bürger­li­cher Sehn­süchte nach Indi­vi­dua­li­tät als auch der Warnung vor densel­ben dient. Das Ressen­ti­ment ist also nicht, wie Nietz­sche meint, die Schwund­form des heldi­schen (Über)-Menschen, sondern der Held ist die eigent­li­che Schöp­fung des Ressen­ti­ments.

Josef Früchtl hat gezeigt, dass der Western­held genau nach dem Hegel­schen Muster gestrickt ist. Und tatsäch­lich verkör­pern Vladi­mir Putin und Recep Tayyip Erdoğan bis in die Ikono­gra­phie ihrer Selbst­in­sze­nie­rung den Western­hel­den. Hegel hatte wohl nicht damit gerech­net, dass die ästhe­ti­sche Figur des Helden dereinst die Buch­de­ckel verlas­sen und in die poli­ti­sche Reali­tät hinüber­wech­seln könnte. Mit dem Über­tritt in den Raum der Wirk­lich­keit verliert die Saga vom Helden aller­dings ein wesent­li­ches Moment ihrer lite­ra­ri­schen oder kine­ma­to­gra­phi­schen Exis­tenz: Das Schei­tern. Sie insze­nie­ren sich als Führer, die die Gesetz­mäs­sig­kei­ten der Geschichte tatsäch­lich ausser Kraft setzen und die Welt des Ressen­ti­ments wieder in Ordnung brin­gen können.

Die west­eu­ro­päi­sche Form des Ressen­ti­ments

Das west­eu­ro­päi­sche Ressen­ti­ment unter­schei­det sich in wesent­li­chen Punk­ten von den eben beschrie­be­nen Formen: Die Führer­fi­gu­ren spie­len eine gerin­gere Rolle. Sie werden ange­grif­fen (Frauke Petri) oder ausge­wech­selt (Lutz Bach­mann, Nigel Farange, Jean Marie le Pen), ohne dass die Bewe­gung wesent­li­chen Scha­den nimmt.

Viel­leicht bietet jener ominöse Satz, den Angela Merkel am 31. August 2015 ausge­spro­chen hat „Wir schaf­fen das“ einen Zugang zum Verständ­nis des west­eu­ro­päi­schen Ressen­ti­men­ta­lis­mus. Wört­lich sagte die Kanz­le­rin damals: „Deutsch­land ist ein star­kes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge heran­ge­hen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaf­fen das!“

Titelseite Bildzeitung, 4.9.2013; Quelle: bani.blogger.de

Titel­seite Bild­zei­tung, 4.9.2013; Quelle: bani.blogger.de

Die Empö­rung kam verzö­gert, aber umso hefti­ger und sie kostete Merkel beinahe die Kanz­ler­schaft. Doch man versteht nicht recht, woge­gen sich die Empö­rung rich­tet. Die Antwort kann nur sein: Das Ressen­ti­ment will es gar nicht schaf­fen. Es will weder im Sinne Merkels und noch im Sinne Nietz­sches stark sein, weil es sonst seine Exis­tenz­grund­lage verliert. Es will in seinem Unglück verhar­ren und es auskos­ten, weil es nur so das Unglück ausdrü­cken kann. Über­zeugt – und nicht einmal zu Unrecht – dass das Gesetz des Handels nicht bei ihm liegt, zieht er sich auf die souve­räne Sphäre der freien Meinung zurück. Mit der Einlei­tung „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ insze­niert es den freien Ausdruck als Wider­stands gegen die Obrig­keit, der unter­stellt wird, die Wahr­heit unter­drü­cken zu wollen. Das west­eu­ro­päi­sche Ressen­ti­ment ist weit weni­ger auf den Führer ange­wie­sen, weil es selbst den Frei­heits­hel­den verkör­pert: der Held der freien Meinung.

Die Souve­rä­ni­tät dieses Ressen­ti­ments erfüllt sich nicht im Handeln, sondern im blos­sen Ausdrü­cken. Plato hat die Meinung nicht deswe­gen verab­scheut, weil sie falsch wäre, sondern weil sie nicht begrün­det und deshalb nicht legi­ti­miert ist. Die Meinung des Ressen­ti­ments ist hinge­gen dadurch legi­ti­miert, dass sie souve­rä­ner Akt der ausdrü­cken­den Person ist. Die Meinung legi­ti­miert also ebenso die Indi­vi­dua­li­tät, wie die Person die Meinung legi­ti­miert. Ein geschlos­se­ner Kreis.

Das Ressen­ti­ment im „post­fak­ti­schen Zeit­al­ter“ und die „Sorgen der Menschen“

In jüngs­ter Zeit wurde immer wieder das post­fak­ti­sche Zeit­al­ter beschwo­ren: Meinun­gen werden ohne Rück­sicht auf die Fakten in die Welt gesetzt und beherr­schen die poli­ti­sche Agenda. Um dem Ressen­ti­ment freien Lauf lassen zu können, werden die Fakten beisei­te­ge­scho­ben. Die Verleug­nung der Wirk­lich­keit wird somit als unlieb­same Neben­wir­kung der Droge Ressen­ti­ment gedeu­tet. Doch dies scheint mir nicht weit genug zu gehen. Der Akt des Meinens ist als Ausdruck der indi­vi­du­el­len Souve­rä­ni­tät beson­ders trif­tig, wenn er selbst die Wirk­lich­keit hinter sich lässt. „Lügen­presse, Lügen­presse“ ist einer der belieb­tes­ten Rufe an den Demons­tra­tio­nen der Pegida. Die Wirk­lich­keit wird ebenso gehasst wie die Frem­den und die Eliten.

An die Stelle der Wirk­lich­keit oder der Begrün­dung als Legi­ti­ma­ti­ons­in­stanz tritt das Gefühl: Die Subjek­ti­vi­tät des „Es ist wahr, weil Ich es so fühle“ ist der unglück­li­che Resti­tu­ti­ons­ver­such verlo­re­ner Subjek­ti­vi­tät. Aller­dings – und darin liegt der Wider­spruch des blos­sen Meinens – funk­tio­niert die Wieder­ge­win­nung der Indi­vi­dua­li­tät nur im Kollek­tiv, nur wenn es von ande­ren geteilt wird.

Den ande­ren die Schuld für das eigene Unglück zu geben, gilt nicht nur Nietz­sche als Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum des Ressen­ti­ments. Dies ist nicht falsch, greift aber zu kurz. Die Diagnose impli­ziert nämlich – auch bei Nietz­sche –, dass im Grunde die Zukurz­ge­kom­me­nen selbst dafür verant­wort­lich sind, aber nicht bereit sind, die Verant­wor­tung auch zu über­neh­men. Doch am Nieder­gang der Schwer­in­dus­trie im Norden Englands tragen gewiss nicht die Stahl- und Kohle­ar­bei­ter die Schuld. Es geht also weni­ger darum, jeman­den für das eigene Unglück verant­wort­lich zu machen, als in der Sphäre des blos­sen Meinens den letz­ten Zufluchts­ort zerstör­ter Souve­rä­ni­tät zu finden, der, von der Fakti­zi­tät des Wirk­li­chen befreit, dem Ich und seinen Gefüh­len als letzte Legi­ti­ma­ti­ons­in­stanz dient. Es ist wahr, weil ich es finde, weil mein Gefühl es mir sagt. Gerade im scho­nungs­lo­sen und fakten­freien Ausdruck der Meinung findet das Subjekt das Gesetz des Handels und die Souve­rä­ni­tät des Ichs wieder, das es, da hat Nietz­sche wohl recht, so schmerz­lich vermisst hat: Ich kann zwar nichts ändern, aber ich kann jede belie­bige Meinung äussern.

Die übli­che Reak­tion der Wohl­mei­nen­den auf das Ressen­ti­ment lautet: „Man muss die Ängste ernst nehmen.“ Diese ebenso verlo­gene wie herab­las­sende Haltung nähert sich bis zur Unkennt­lich­keit dem Ressen­ti­ment an: Auch sie erklärt das Gefühl zur höchs­ten Instanz. In Tat und Wahr­heit ist das Ressen­ti­ment eine Verleug­nung der Angst. Im kollek­ti­ven Getöse der wieder­ge­won­ne­nen Souve­rä­ni­tät – oder viel­mehr: in dieser Schrumpf­form von Souve­rä­ni­tät – geht die Angst unter. Wer mit ande­ren in dersel­ben Meinung vereint ist, braucht keine Angst mehr zu haben. Dabei gilt: Erst wenn sich echte Angst, vor dem, was kommt, und vor dem, was schon ist, Bahn bricht, kann auf Wider­stand gegen die Verhält­nisse gehofft werden.

Von Daniel Strassberg

Daniel Strassberg, Facharzt für Psychiatrie, ist Psychoanalytiker und Philosoph in Zürich