Geschichten der Gegenwart

Mittwoch, 6. April 2016

Wir sind seit ein paar Tagen in Ido­me­ni und gleich in eine Hel­fer­grup­pe hin­ein­ge­ra­ten, deren Ort im unüber­sicht­li­chen Lager all­ge­mein als „the buil­ding with the ‚fuck your racist borders‘-graffiti“ beschrie­ben wird. Wir geben Klei­der­spen­den aus, so wie vie­le ande­re Grup­pen und ein­zel­ne Leu­te Essens­aus­ga­ben oder medi­zi­ni­sche Bera­tung oder Kin­der­wasch­zel­te oder ande­re Ange­bo­te orga­ni­sie­ren – der Whats­App-Chat der diver­sen Hel­fer aus allen mög­li­chen Län­dern ist ein ziem­lich schö­nes euro­päi­sches Doku­ment in unse­ren Augen. Den Leu­ten im Lager wie­der­um geht es fürch­ter­lich schlecht. Sie schla­fen auf dem Boden, kochen an Feu­er­stel­len in Kon­ser­ven­do­sen, haben die Klei­dung an, in der sie vor Mona­ten nach Grie­chen­land gekom­men sind. Völ­lig zer­stör­te Schu­he und kaput­te Füße, zer­ris­se­ne Her­ren­ho­sen, dicke Jacken, wäh­rend es hier tags schon sehr heiß wird, Frau­en, die ver­zwei­felt nach Hijabs fra­gen. Bei der Aus­ga­be der Sachen, wenn sie in Glücks­fäl­len vor­han­den sind, gibt es unglaub­lich vie­le Anspan­nun­gen und Streit und Kon­flik­te, denn anders als in Deutsch­land wis­sen die­se ca. 12’000 Schutz­su­chen­den ja nie, wann und ob sie wie­der etwas bekom­men wer­den. Über­haupt sind sie in einer ver­zwei­fel­ten Lage. Fast jede Annehm­lich­keit im Camp wie eige­nes Kochen kos­tet auf die ein oder ande­re Wei­se Geld, und mit immer gerin­ge­ren Erspar­nis­sen für eine Wei­ter­rei­se oder irgend­ei­nen ande­ren Plan wird ihre Lage auf die­sem Acker vor Maze­do­ni­en immer noch aus­sichts­lo­ser. Das ist den meis­ten auch bewusst, und das ist viel­leicht für uns das Schlimms­te: Dass sie ihre Lage ken­nen, aber ein­fach nicht wis­sen, wie sie irgend­et­was ändern kön­nen. Ken­nen­ge­lernt haben wir bis­her Afgha­nen, Jesi­den aus dem Irak und vor allem Syrer. Einer von ihnen, gut Eng­lisch spre­chend, mit sei­ner Frau und sei­nen Kin­dern hier, zeig­te mir sei­nen frisch ver­narb­ten, pul­sie­ren­den, kaput­ten Bauch, von einem Bauch­schuss. Das sind also Kriegs­flücht­lin­ge 2016 in Euro­pa.

Idomeni, Foto: Florian Kessler

Ido­me­ni, Foto: Flo­ri­an Kess­ler

Freitag, 8. April 2016

Ein wich­ti­ger Ort von Ido­me­ni liegt nicht im rie­si­gen Camp, son­dern im grie­chi­schen Dorf dazwi­schen: Die rasch eröff­ne­te Wes­tern Uni­on-Bank­fi­lia­le, vor der stän­dig Dut­zen­de Geflüch­te­te war­ten. Die­se Leu­te schi­cken aller­dings kein abge­spar­tes Geld in ihre kriegs­ver­sehr­ten Län­der. Hier in Ido­me­ni ohne Chan­cen auf Aner­ken­nung und Unter­stüt­zung gestran­det, hof­fen sie statt­des­sen ver­zwei­felt auf finan­zi­el­le Hil­fe aus­ge­rech­net durch jene schwä­che­ren Tei­le ihrer Fami­li­en, die nicht mit nach Euro­pa kom­men konn­ten. Das ist dann wohl tat­säch­lich eine neue Stu­fe der Aus­beu­tung: Es kom­men jetzt nicht mehr nur mög­lichst weni­ge Flücht­lin­ge und mög­lichst vie­le Turn­schu­he über das Mit­tel­meer, son­dern es wird sogar noch das Geld der Ärms­ten der Armen aus Län­dern wie Syri­en, Irak, Afgha­ni­stan nach Euro­pa gepumpt. Und so unfass­bar vie­le Ver­bes­se­run­gen der eige­nen Situa­ti­on kos­ten hier Geld, von Feu­er­holz über Lebens­mit­tel zum sel­ber Kochen bis zu Haar­schnit­ten von den Frei­luft-Fri­seu­ren, als die meh­re­re Geflüch­te­te hier arbei­ten. Hier herrscht offen men­schen­ver­ach­ten­der Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus. Das sieht man auch beim rie­si­gen Schwarz­markt mit klei­nen Stän­den an den Stra­ßen, wo sonst nur auf dem Asphalt und Schot­ter die tau­sen­den Zel­te auf­ge­baut sind, und bei dem alles wei­ter­ge­han­delt wird, von fri­schen Eiern über ursprüng­lich kos­ten­los aus­ge­teil­te Sachen der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen bis zu Erd­bee­ren. Und man sieht es auch dar­an, dass man gleich­zei­tig in der Mehr­zahl rich­tig geschwäch­ten Men­schen begeg­net, die in die­ser Hack­ord­nung nicht zurecht­kom­men: unbe­auf­sich­tig­te Kin­der mit Krät­ze und Hus­ten, Män­ner in Lum­pen und ohne Schuh­werk, Fami­li­en­vä­ter, die bet­telnd an der Stra­ße ste­hen. An einer zen­tra­len Stel­le wer­den wäh­rend­des­sen vom grie­chi­schen Staat soli­de­re Was­ser­lei­tun­gen gelegt. Einer­seits ist das eine ziem­lich gute Idee – bei sehr schlech­ter Was­ser­ver­sor­gung und kei­ner ein­zi­gen Dusche für über 12’000 Men­schen, davon etwa die Hälf­te Frau­en und Kin­der. Ande­rer­seits aber sehen die­se Gra­ben­ar­bei­ten ganz und gar nicht so aus, als wür­de irgend­je­mand damit rech­nen, dass sich an die­sen huma­ni­tä­ren Zustän­den mit­ten in Euro­pa bald etwas ändert.

Sonntag, 10. April 2016

Idomeni, Foto: Florian Kessler

Ido­me­ni, Foto: Flo­ri­an Kess­ler

Ges­tern gab es plötz­lich Gerüch­te, dass mor­gen die Gren­ze offen ist. Oder, dass sie am Vor­mit­tag durch eine Demo aller Camp­be­woh­ner gemein­sam geöff­net wer­de und die Gren­ze nach Maze­do­ni­en über­quert wer­den soll. Es tauch­ten auch hand­ge­schrie­be­ne ara­bi­sche Flug­zet­tel auf, die das ver­brei­te­ten. Die Leu­te freu­ten sich. Bei der Klei­der­aus­ga­be gab es wel­che, die sag­ten, wir wür­den uns zum letz­ten Mal sehen, mor­gen sei­en sie schon auf dem Weg nach Nord­eu­ro­pa … Kein Vol­un­teer, dem wir begeg­net sind, unter­stützt sol­che Gerüch­te, da sie die Leu­te in gro­ße Gefahr brin­gen. Auch die Hel­fer­grup­pen erklä­ren immer wie­der öffent­lich, dass die Gren­ze nicht abseh­bar geöff­net wird. Trotz­dem ver­steht man natür­lich die zum Zer­rei­ßen ange­spann­ten Hoff­nun­gen der Leu­te – und auch ihren Wunsch, auf ihre Situa­ti­on auf­merk­sam zu machen. Wir sind gespannt, ob eine gro­ße Demo an der Gren­ze inzwi­schen über­haupt noch in die Medi­en kommt. Die Hel­fer hier sagen, dass die Auf­merk­sam­keit bereits deut­lich gerin­ger wird, das sieht man nicht nur an weni­ger Berich­ten, son­dern auch an sin­ken­den Spen­den und weni­ger neu­an­kom­men­den Vol­un­te­ers. Ido­me­ni wird All­tag. Und das, obwohl die Zustän­de hier ein­fach nicht selbst­ver­ständ­lich wer­den dür­fen. Ein Mann mit natür­lich unbe­han­del­ten Wun­den an den Armen sag­te uns eben­falls erst ges­tern, das wäre ihm beim letz­ten ver­such­ten Grenz­über­tritt vor zwei Wochen pas­siert. Alle erzäh­len, wie bru­tal die maze­do­ni­sche Armee vor­geht. Es gibt ein wei­te­res Gerücht, dass die maze­do­ni­schen Sol­da­ten gedroht haben, es kön­ne auch mal eine gefake­te „Eska­la­ti­on“ mit Todes­schüs­sen in „Not­wehr“ durch sie geben. Und bei einer sol­chen Gren­ze wol­len die­se Kriegs­flücht­lin­ge in ihrer Ver­zweif­lung dann heu­te demons­trie­ren.

Idomeni, Foto: Florian Kessler

Ido­me­ni, Foto: Flo­ri­an Kess­ler

Montag, 11. April 2016

Als die ers­te Trä­nen­gas­gra­na­te zer­platz­te, stan­den wir gera­de vor dem Zelt von Nou­ra. Nou­ra ist eine jun­ge Leh­re­rin aus Syri­en, die gut eng­lisch spricht und die ich schon vor ein paar Tagen ken­nen­ge­lernt habe. Ihr Mann war unter Assad sechs Mona­te im Gefäng­nis. Als er frei­kam, gaben die bei­den sofort ihre Woh­nung auf und mach­ten sich mit ihren drei Jungs auf die Flucht aus Syri­en. Und als jetzt Mona­te spä­ter nur ein paar hun­dert Meter ent­fernt von ihrem Zelt das ers­te Trä­nen­gas der maze­do­ni­schen Armee laut plat­zend deto­nier­te, begann sie sofort zu wei­nen. Sie sag­te, das Geräusch erin­ne­re sie an den Krieg in Syri­en. Wei­nend hol­te sie dann die paar Taschen der Fami­lie aus dem wie alles hier schlam­mi­gen, klei­nen Zelt. Wie vie­le Men­schen um uns her­um woll­te auch ihre Fami­lie nicht abwar­ten, son­dern mit der Men­schen­men­ge auf die Gren­ze zuge­hen – in der ver­zwei­fel­ten Hoff­nung und wider bes­se­res Wis­sen, dass sich die Gren­ze viel­leicht, viel­leicht jetzt doch für sie öff­nen wür­de. Aber das ist natür­lich nicht gesche­hen.
Statt­des­sen wur­den die Leu­te ein­fach fürch­ter­lich behan­delt. Eine wei­te­re nie­der­schmet­tern­de Erfah­rung in ihrer lan­gen Ket­te von nie­der­schmet­tern­den Erfah­run­gen mit euro­päi­scher Asyl­po­li­tik, die offi­zi­ell immer noch den Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­tio­nen zu ent­spre­chen behaup­tet. Die anfäng­li­che Demo jeden­falls wei­te­te sich tat­säch­lich gegen elf Uhr zum ver­such­ten Grenz­über­tritt aus. Vor­ne auf dem Feld vor dem Grenz­strei­fen waren vor allem Män­ner, aber gleich dahin­ter stau­ten sich auch vie­le Fami­li­en, Kin­der, alte Leu­te, man­che von ihnen in Roll­stüh­len. Vie­le Hel­fer warn­ten die Fami­li­en mit Kin­dern, dass es gefähr­lich wer­den wür­de und sie wenigs­tens nicht nach vor­ne gehen soll­ten. Ande­re Hel­fer misch­ten sich ein­fach nur unter die Men­schen, und wir ärger­ten uns über sie. Trotz­dem noch­mal fes­ter Wider­spruch gegen die Behaup­tung man­cher Medi­en, das alles wür­de allein durch „euro­päi­sche Akti­vis­ten“ „ange­zet­telt“, wie sie ja schon so oft benutzt wur­de, um Flücht­lings­pro­tes­te klein­zu­re­den. Die Leu­te sind aber nun wirk­lich sel­ber nicht blöd und vor allem wirk­lich ver­zwei­felt. Sie hal­ten es hier nicht aus. Sie wol­len etwas ver­su­chen und haben Hoff­nun­gen, wie wir alle sie hät­ten. „At least we try“, sag­te einer unse­rer Über­set­zer von der Clo­thes Dis­tri­bu­ti­on dazu, mehr nicht, und damit hat er ein­fach recht.

Für Infor­ma­tio­nen an die Men­schen oder irgend­ei­ne Dees­ka­la­ti­ons­stra­te­gie hat­te weder die grie­chi­sche Poli­zei noch die maze­do­ni­sche Armee Ver­wen­dung. Statt­des­sen gin­gen erst­mal Hub­schrau­ber zum Ang­st­ein­ja­gen immer wie­der so tief run­ter, dass vie­le Zel­te kaputt­gin­gen. Dann schos­sen sie stun­den­lang immer wie­der das Trä­nen­gas in die Men­ge, die vor­ne mit Stei­nen zurück­schmiss, eben­so har­te Gum­mi­ge­schos­se und Blend­gra­na­ten. Die AfD kann sich zurück­leh­nen: Ha, wir sind jetzt wirk­lich schon ganz kurz davor, mit schar­fen Waf­fen Flücht­lin­ge zu erschie­ßen, bezie­hungs­wei­se haben wir auch die­se Drecks­ar­beit an ande­re Staa­ten out­ge­sourct. Es gab vie­le Ver­letz­te. Es gibt hier ja wenig Was­ser, kei­ne Duschen und meist kei­ne Ersatz­klei­dung – die Men­schen krie­gen das Trä­nen­gas also nicht vom Kör­per und lei­den furcht­bar. Auch dreh­te oft der Wind, immer wie­der ver­teil­te sich Trä­nen­gas über gro­ße Tei­le der Zelt­stadt mit den Frau­en und Kin­dern hin­weg. Und zu allem Übel waren vie­le Fami­li­en den gan­zen Mor­gen über aus ande­ren wil­den Camps mit all ihrem Gepäck in der Hit­ze hier­her gewan­dert, weil sie auf die Grenz­öff­nung hoff­ten. Die­se Fami­li­en hat­ten jetzt kei­ne Zel­te. Dann setz­te auch noch Regen ein, und es wur­de dun­kel. Frei­wil­li­ge orga­ni­sier­ten die gan­ze Nacht neue Zel­te für sie. Und das war nur der Sonn­tag in Ido­me­ni. Guten Mor­gen.

Mittwoch, 13. April 2016

Idomeni, Foto: Florian Kessler

Ido­me­ni, Foto: Flo­ri­an Kess­ler

Ido­me­ni war bis vor zwölf Tagen nur ein Name aus den Nach­rich­ten für uns, mit Bil­dern von schmut­zi­gen Kin­dern, vie­len Zel­ten und schlam­mi­gen Fel­dern. Jetzt ist es zu einem rea­len Ort gewor­den, inzwi­schen eher stau­big als ver­schlammt. Es ist ein Ort, an dem Men­schen leben, deren Namen wir jetzt ken­nen, deren Geschich­ten, mit denen wir gelacht, geflucht, gear­bei­tet, geges­sen, gespielt und auch geweint haben. Als wir ges­tern das letz­te Mal die Haupt­stra­ße ent­lang­lau­fen, kommt uns Nara ent­ge­gen. Wir hat­ten ihr mor­gens zum Abschied Lebens­mit­tel geschenkt. Am Nach­mit­tag hat sie nun auf der klei­nen Feu­er­stel­le ihrer Nach­barn gekocht, hat Reis, Huhn und Nüs­se gebra­ten, jetzt steht das Essen in gro­ßen Plas­tik­schüs­seln in ihrem Zelt, und Nara lädt uns ein. Wir zie­hen die Schu­he vor dem Zelt aus und set­zen uns auf die Armee­de­cken und Iso­mat­ten, auf denen die Fami­lie nachts schläft.
Der Wind rüt­telt an den Pla­nen, die zum Schutz vor Regen und Son­ne über das Zelt gespannt sind. An den Sei­ten ist der gesam­te Haus­stand ver­staut: Ein klei­ner Gas­ko­cher, eine Dose Kaf­fee, Lebens­mit­tel, Baby-Nah­rung. Eine Tasche mit den wich­tigs­ten Doku­men­ten, den Päs­sen, Urkun­den und Zeug­nis­sen, in Klar­sicht­hül­len ver­packt. Spiel­zeug, eine Tüte mit Klei­dung. Nara ver­teilt Hygie­ne­tü­cher an ihre vier Söh­ne, ihren Mann und uns, statt Hän­de­wa­schen. Der ältes­te Sohn ist 14, der jüngs­te 8 Mona­te alt. Wir spie­len mit den Ted­dy­bä­ren und brin­gen uns gegen­sei­tig deut­sche und ara­bi­sche Wor­te bei. Cas­hew­nuss, bit­te, Kaf­fee. Spä­ter kocht uns Naras Mann star­ken, süßen Mok­ka. Er spricht kein Eng­lisch, daher führt Nara das Gespräch. Wenn ihr Eng­lisch nicht aus­reicht, tippt sie ihre Sät­ze in Goog­le Trans­la­tor. So bera­ten wir über ihre Lage. „Wird Thü­rin­gen uns auf­neh­men?“, fragt Nara, von die­sem Vor­stoß hat sie gehört. „Lie­ber wäre ich ver­steckt in Syri­en als hier.“ „Wir sind kei­ne Ter­ro­ris­ten, wir wol­len nur eine siche­re Zukunft für unse­re Fami­lie.“ Was kön­nen wir ihr sagen? Ihr Sohn Ali strahlt uns an. „I Love Ger­ma­ny“, sagt er und formt ein Herz aus sei­nen Hän­den.
Wir ver­ab­schie­den uns. Es ist uner­träg­lich, ihnen zu sagen, dass wir bald in ein Flug­zeug stei­gen wer­den, um mit unse­ren deut­schen Päs­sen nach nur zwei Stun­den Flug in Mün­chen zu lan­den. Wäh­rend­des­sen hat auch Naras Fami­lie längst gehört, dass für 5000 Euro pro Kopf Schlep­per den lebens­ge­fähr­li­chen Trans­fer nach Öster­reich anbie­ten – unvor­stell­bar viel Geld für eine Fami­lie, die mit dem Ver­kauf ihrer syri­schen Besitz­tü­mer bereits die Bestechungs­gel­der für die Flucht aus Syri­en und die Boots­plät­ze über das Mit­tel­meer bezahlt hat. Der Unter­schied zwi­schen ihnen und uns ist in die­sem Moment nichts als die­ses Stück lami­nier­tes Papier, unse­re Aus­wei­se.
Wir krab­beln aus dem Zelt, gehen an der Poli­zei­sta­ti­on vor­bei über die von den Flücht­lin­gen besetz­ten Glei­se. Da liegt sie, glän­zend in der Abend­son­ne, die Gren­ze: nichts als ein Zaun aus Sta­chel­draht.

Donnerstag, 14. April 2016

Und was pas­siert, wäh­rend wir nach Thes­sa­lo­ni­ki fah­ren? Unse­re neu­en Freun­de von der Clo­thes Dis­tri­bu­ti­on wer­den auf dem Weg zum Camp Ido­me­ni von der Poli­zei ver­haf­tet, wie allein ges­tern 27 Vol­un­te­ers. Sie sind bis jetzt noch im Gefäng­nis, man hört nichts von ihnen, sie durf­ten nur ein ein­zi­ges Mal jeman­den anru­fen. Wir haben die drei Nor­we­ge­rin­nen vor zwei Wochen ken­nen­ge­lernt. Sie sind Anfang bis Mit­te 20, herz­lich, lus­tig und laut, sie fah­ren ihr Miet­au­to wie die Wahn­sin­ni­gen und arbei­ten jeden Tag wie die Beklopp­ten im Camp. Sie haben sich alle eine freie Zeit von der Uni genom­men und waren vor­her bereits lan­ge Zeit in einem Flücht­lings­pro­jekt im Liba­non, um erst jetzt vor eini­gen Wochen nach Grie­chen­land zu kom­men. Bei der Clo­thes Dis­tri­bu­ti­on der klei­nen NGO Inter­vol­ve arbei­ten ansons­ten in unse­rer Zeit als Frei­wil­li­ge (das wech­selt von Tag zu Tag): eine wei­te­re Deut­sche, ein­mal für zwei Tagen acht wil­de Bas­ken, zwei Polin­nen, drei hol­län­di­sche Migra­ti­ons­be­am­te, die die Aus­wir­kun­gen von Flucht nicht nur aus der Amts­stu­be her­aus beur­tei­len wol­len, ein wei­te­rer Hol­län­der mit sei­ner Mut­ter, die sich wun­dert, war­um nur so weni­ge Rent­ner mit ihrer vie­len frei­en Zeit sich hier­her trau­en, ein Spa­ni­er mit Gitar­re, eine Com­pu­ter-Spe­zia­lis­tin aus Chi­ca­go… Und natür­lich jene Geflo­he­nen aus Syri­en und dem Irak, die als Über­set­zer hel­fen – und dafür eben­falls nichts und wie­der nichts bekom­men. So soli­da­risch stellt man sich Euro­pa vor – auch wenn über dem Elend von Ido­me­ni natür­lich unun­ter­bro­chen die Fra­ge schwebt, wie es sein kann, dass hier Grund­be­dürf­nis­se wie wenigs­tens nicht voll­kom­men zer­ris­se­ne Schu­he für Kin­der oder nach Mona­ten neue Unter­wä­sche für Frau­en und Män­ner allein von Ehren­amt­li­chen pro­vi­so­risch befrie­digt wer­den.

Was unse­re Freun­de ges­tern ver­bro­chen haben? Nun, sie hat­ten bei der Kon­trol­le durch die Poli­zei Wal­kie-Tal­kies dabei, mit denen man angeb­lich auch den Poli­zei­ka­nal abhö­ren kann – und die man im Camp, das an der Gren­ze oft kein gutes Han­dy­netz hat, gut gebrau­chen kann und bis­her immer anstands­los dabei­ha­ben durf­te. Der Grund für die Ver­haf­tung wirkt also vor­ge­scho­ben. Die Vol­un­te­ers den­ken: Nach den Ereig­nis­sen des letz­ten Wochen­en­des wol­len die Grie­chen Ido­me­ni ver­klei­nern. Sie wol­len die Geflo­he­nen dazu bekom­men, frei­wil­lig in jene offi­zi­el­len Camps umzu­sie­deln, in die kri­ti­sche Außen­ste­hen­de nur schwer hin­ein­kom­men und aus denen theo­re­tisch die Leu­te an die Tür­kei aus­ge­lie­fert wer­den könn­ten. Weil die Leu­te aber wei­ter nach Nord­eu­ro­pa wol­len, wo oft auch Fami­li­en­mit­glie­der von ihnen sind, weil sie ver­zwei­felt auf eine Grenz­öff­nung hof­fen, weil sie den Vol­un­te­ers mehr ver­trau­en als der grie­chi­schen Regie­rung … hat Grie­chen­land womög­lich in die­ser Woche den Kurs geän­dert. Es könn­te sein, dass die NGOs in Ido­me­ni jetzt drang­sa­liert wer­den sol­len, dass ihnen die Arbeit erschwert wer­den soll. Um so per­fi­der­wei­se NOCH SCHLECHTERE LEBENSBEDINGUNGEN für die Geflo­he­nen zu erzeu­gen. Damit sie so weich­ge­kocht irgend­wann ein­len­ken und in eines der even­tu­el­len „Detenti­on Camps“ gehen.

Das ist jeden­falls unse­re Sicht der Din­ge. In den Medi­en aber wer­den die vie­len Ver­haf­tun­gen viel­leicht wie­der als Bele­ge dafür genom­men wer­den, dass hier links­ver­wirr­te euro­päi­sche Rädels­füh­rer heim­lich den Fall Euro­pas vor­be­rei­ten. Die drei Nor­we­ge­rin­nen aber kön­nen vor allem jetzt gera­de kei­ne Schwan­ger­schafts-Jeans mehr aus­ge­ben, kei­ne ein­zel­nen Bekannt­schaf­ten mehr machen, nicht mehr in ihren Län­dern davon berich­ten, dass hier Flücht­lin­ge aus Krie­gen ein­fach nur auf ein bes­se­res Leben hof­fen und ein Asyl­recht in Anspruch neh­men möch­ten, das in Grie­chen­land der­zeit nun wirk­lich nicht funk­tio­niert.

Mitteilung von Intervolve vom Mittwoch, 13. April 2016

Pres­se­mit­tei­lung von Inter­vol­ve vom Mitt­woch, 13. April 2016

Von Florian Kessler und Nannina Matz

Florian Kessler ist Lektor beim Hanser Verlag sowie Kultur­jour­na­list. 2013 erschien von ihm bei Hanser „Mut Bürger: Die Kunst des neuen Demons­trie­rens“; Nannina Matz ist Autorin.