„‚System­me­dien‘, ‚linker Main­stream‘, ‚Lügen­presse‘ – liebe Leute, ganz ehrlich, darüber müssen wir reden“. Mit diesem Einstieg begann kürz­lich die Arena, die reich­wei­ten­stärkste Polit-Sendung der Schweiz, und bot Stimmen eine Platt­form, die sich gegen die „etablierten“ Medien richten. Wieder einmal wird damit im öffent­li­chen Diskurs ein Phänomen, das in den USA und Deutsch­land thema­ti­siert und proble­ma­ti­siert wird, in einen Schweizer Kontext gestellt. Dabei werden Ähnlich­keiten sugge­riert, die inso­fern erstaunen, als in der Schweiz kein Regie­rungs­mit­glied die Medien als Feinde des Volkes bezeichnet und keine regel­mäs­sigen Demons­tra­tionen statt­finden, auf denen Wutbürger „Halt die Fresse, Lügen­presse“ skan­dieren. Auch zeigen Umfragen, dass das Vertrauen in die Schweizer Medien weiterhin hoch ist, im Länder­ver­gleich sogar sehr hoch. Viele Schweizer Medien haben denn auch eine gute bis sehr gute Qualität.

Fernseh-Studio; Quelle: srf.ch

Sende­studio Radio SRF 4; Quelle: srf.ch

Eine länder­ver­glei­chende Umfrage zeigt aber auch, dass das Vertrauen in die Medien bei denje­nigen Personen geringer ist, die sich selbst an den Rändern des poli­ti­schen Spek­trums verorten, und zwar beson­ders am rechten Rand. Es ist dieses Miss­trauen, das poli­tisch bewirt­schaftet wird, in der Schweiz vor allem von der SVP. Sie skan­da­li­siert seit Jahren die „linken Medien“, zu denen „ausser der Welt­woche alle in der Schweiz gehören“ (wie zum Beispiel die SVP Herisau kürz­lich verlauten liess). Dazu passt, dass sich die SVP in den letzten Jahren gezielt in Nach­rich­ten­me­dien einge­kauft hat; Meldungen, dass sie im Medi­en­be­reich noch weiteren Einfluss sucht und weitere Zeitungen über­nehmen oder neu gründen möchte, sorgen dabei regel­mässig für Aufruhr.

Haben wir es nun mit einem stark poli­ti­sierten Medi­en­system zu tun, in dem poli­ti­sche Akteure direkt Einfluss auf die Medien ausüben? Oder ist es so, dass sich die Medien gene­rell (wieder) stärker poli­tisch posi­tio­nieren (in welchem Lager auch immer)?

Boulevardjournalismus ist der eigentliche Mainstream

Redat­ki­ons­raum “Blick am Abend”; Quelle. blick.ch

Redak­ti­ons­raum 20Min, TA Media; Quelle: 20min.ch

Die inter­na­tional verglei­chende sozi­al­wis­sen­schaft­liche Lite­ratur hält fest: Die Schweiz hat ein Medi­en­system mit einem sehr starken öffent­li­chen, im Länder­ver­gleich relativ staats­fern orga­ni­sierten Rund­funk. Der öffent­liche Rund­funk in der Schweiz ist rein struk­tu­rell auch von den Parteien relativ weit entfernt. Eine direkte „Einbin­dung“ von Parteien, also eine Über­tra­gung der Partei­po­litik (nach dem Proporz­prinzip) direkt in die Orga­ni­sa­tion des öffent­li­chen Rund­funks, gibt es in der Schweiz, anders als in anderen Ländern nicht. Im Pres­se­be­reich lässt sich im länger­fris­tigen Vergleich hingegen beob­achten, dass in der Schweiz noch bis in die 1970er Jahre partei­ge­bun­dene Zeitungen eine wich­tige Rolle spielten. Erst danach verloren Partei­zei­tungen drama­tisch an Auflage und gingen ganz ein (z.B. die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Tagwacht), oder sie fusio­nierten mit Partei­zei­tungen des poli­ti­schen Gegners (z.B. in Basel oder Luzern), und manche lockerten oder kappten ihre Bindungen an die Partei­mi­lieus. Diese „Entkop­pe­lung“ der Pres­se­titel von ihren früheren sozialen und poli­ti­schen Träger­gruppen geschah in der Schweiz im inter­na­tio­nalen Vergleich sehr spät, aber auch sehr rasch und von Ausnahmen abge­sehen sind die Schweizer Medien heute von Parteien und Milieus relativ unab­hängig. Dass eine grosse Medi­en­or­ga­ni­sa­tion beispiels­weise einer Privat­stif­tung gehört, deren Medien u.a. „dem Geist der katho­li­schen Kirche und ihrer Lehre“ dienen sollen, wie dies in Öster­reich mit Styria der Fall ist, ist hier­zu­lande schon fast nicht mehr vorstellbar.

Schweizer Gratis­zei­tungen: Quelle: vsgz.ch

Diese „Entkop­pe­lung“ der Schweizer Medien ging einher mit einer starken Kommer­zia­li­sie­rung, die sich daran fest­ma­chen lässt, dass die grössten privaten Medi­en­or­ga­ni­sa­tionen der Schweiz multi­me­diale, inter­na­tional tätige Gross­kon­zerne geworden sind. Tamedia, die Grösste der Grossen, ist auch an der Börse kotiert. In der Lite­ratur zur poli­ti­schen Ökonomie gilt dies als klarer Indi­kator für eine gestei­gerte Kommer­zia­li­sie­rung. Eben­falls mit der Kommer­zia­li­sie­rung einher gingen die späte, aber dann rasch zuneh­mende Konzen­tra­tion im Pres­se­be­reich sowie der Aufstieg von Boule­vard­zei­tungen und von boule­var­desken Gratis­zei­tungen. Im öffent­li­chen Diskurs der Schweiz ist noch nicht ganz ange­kommen, dass etwa in der Suisse romande der Pres­se­markt zu rund 80% allein von Tamedia und Ringier domi­niert wird. Dabei ist die Schweiz ein wahres „Gratiszeitungs“-Land und gehört in dieser Hinsicht in Europa sogar zur abso­luten Spitze. Es ist der Boule­vard­jour­na­lismus, der zum eigent­li­chen Main­stream geworden ist.

Ausnahmen: Politische Kopplungen

Eine struk­tu­relle Nähe der privaten Medien zur Politik ist im „entkop­pelten“ und kommer­zia­li­sierten Medi­en­system die Ausnahme. Sie lässt sich noch an zwei Punkten fest­ma­chen, die wiederum von der Entste­hungs­ge­schichte her klar unter­schieden werden müssen. Erstens gibt es in den klei­neren Sprach­re­gionen tradi­tio­nell noch etwas engere Verbin­dungen zwischen Medien und Parteien auf der Ebene der Besitz­ver­hält­nisse. Beispiele sind in der Sviz­zera italiana die Betei­li­gung von CVP-Stän­derat Filippo Lombardi an der Timedia Holding oder in der Suisse romande die poli­ti­schen Biogra­phien der Besitzer von klei­neren Privat­ra­dios.

L’Hebdo, 29.2.1996; Quelle: scriptorium.bcu-lausanne.ch

Und zwei­tens gibt es Medien, die in den letzten Jahren und Jahr­zehnten als milieu- oder partei­nahe Medien gegründet wurden oder ihre Besitz­ver­hält­nisse geän­dert haben. Nach den Grün­dungen der linken WoZ und des links­li­be­ralen L’Hebdo (im Februar 2017 einge­stellt) in den 1980er Jahren sind es nun Medien, die sich an das rechts­kon­ser­va­tive resp. rechts­po­pu­lis­ti­sche Lager anlehnen. Dazu gehören die Grün­dung des im Tessin weit verbrei­teten Sonn­tags­blattes Il Mattino della Dome­nica der Lega dei Tici­nesi, der Einstieg von SVP-Poli­tiker Chris­toph Blocher als Mitbe­sitzer bei der Basler Zeitung und der Kauf der Welt­woche durch Roger Köppel, der aller­spä­tes­tens mit seinem Einstieg in die Partei­po­litik 2015 die enge Bande zur SVP offi­zia­li­sierte.

Bei diesen Titeln im rechts­po­pu­lis­ti­schen Lager handelt es sich also um eine Re-Poli­ti­sie­rung der Medien, die einer partei­po­li­ti­schen Nutzung nahe­kommt. Aber auch wenn diese Titel über ihre tatsäch­liche Leser­schaft hinaus die öffent­liche Debatte mitzu­be­stimmen vermögen, so stellen sie doch klar eine Minder­heit im Medi­en­system der Schweiz dar. Das würde sich frei­lich ändern, sollten es Akteure der SVP nach jahre­langen Bemü­hungen schaffen, den grossen Medi­en­or­ga­ni­sa­tionen Tamedia, Ringier, der NZZ Medi­en­gruppe oder den AZ Medien Zeitungen abzu­kaufen. Aufgrund der sehr hohen Medi­en­kon­zen­tra­tion in der Schweiz kommt somit den verblie­benen grossen Medi­en­or­ga­ni­sa­tionen (darunter auch der SRG SSR) eine hohe Verant­wor­tung zu, ihre Unab­hän­gig­keit gegen­über Partei­in­ter­essen zu wahren.

Kein „parteiisches“ Muster, aber Lücken

Auch mit Blick auf die Medi­en­in­halte bestä­tigt sich das Bild von „Entkop­pe­lung“ und Kommer­zia­li­sie­rung. Das soll nicht heissen, dass Medi­en­titel keinerlei poli­ti­sches Profil mehr aufweisen. Von den oben bespro­chenen Ausnahmen abge­sehen, zeigt sich aber, dass in den meisten Medi­en­ti­teln keine Partei syste­ma­tisch und regel­mässig über die Zeit hinweg auffal­lend bevor­zugt wird. Was die in der Medi­en­be­richt­erstat­tung beob­acht­baren Bewer­tungen der im poli­ti­schen System der Schweiz enorm wich­tigen Initia­tiven und Refe­renden betrifft, die von den Parteien einge­bracht werden, zeigen die Daten des „Abstim­mungs­mo­ni­tors“ eine Domi­nanz der jeweils grös­seren Ad-hoc-Allianz sowie der verschie­denen Konflikt­li­nien. Wenn man denn über­haupt von einer „Schlag­seite“ der Medi­en­be­richt­erstat­tung spre­chen will, dann in zwei­erlei Hinsicht: Erstens domi­nieren in den Medien Posi­tionen, die „rechts“ im wirt­schafts­po­li­ti­schen Sinn sind (wo sich die meisten Parteien posi­tio­nieren). Zwei­tens domi­nieren in den Medien Posi­tionen, die „liberal“ im gesell­schafts­po­li­ti­schen Sinn sind (wo sich eben­falls die meisten Parteien posi­tio­nieren). Doch während die erste „Lücke“ (d. h. kaum wirt­schafts­po­li­tisch linke Medien und Posi­tionen) kein Thema in der Diskus­sion ist, wird die zweite „Lücke“ teil­weise durch hinzu­ge­kaufte Medien (BaZ, Welt­woche) gefüllt; ausserdem findet die rechts­po­pu­lis­tisch geprägte Diskus­sion um diese vermeint­liche „Lücke“ breite Reso­nanz.

Studio der Sendung “Arena” des Schweizer Fern­se­hens SRF; Quelle: srf.ch

Kommerzialisierung und Populismus

Dass die Politik der SVP messbar mit Abstand am meisten Medi­en­re­so­nanz erzielt, liegt also weniger an „ihren“ Zeitungen, sondern an den Reak­tionen der anderen. Dabei ist auch die mediale Kritik Teil des stra­te­gi­schen Kalküls der Partei. Popu­lis­ti­sche Parteien, so hat es beispiels­weise der Poli­tik­wis­sen­schaftler Oliver Geden in seiner Mono­gra­phie zu „Diskurs­stra­te­gien“ des Rechts­po­pu­lismus formu­liert, brau­chen die mediale Kritik gera­dezu, um ihre „Basis­er­zäh­lung“ und das Narrativ „wir gegen die anderen“ aufrecht­erhalten zu können. Inso­fern leben popu­lis­ti­sche Parteien vor allem von der Reso­nanz und sorgen unter anderem mit Provo­ka­tionen dafür, dass andere über sie reden. Je mehr die Medien (und die poli­ti­schen Gegner) auf sie und damit auch auf ihre Themen fixiert sind, desto mehr tragen sie zum Bild eines starken und hand­lungs­fä­higen „Aussen­sei­ters“ bei, der die „Elite“ vor sich hintreibt.

Beides, die wech­sel­hafte und damit in der Summe „unpar­tei­ische“ Posi­tio­nie­rung der meisten Medien sowie die Fixie­rung der Medien auf popu­lis­ti­sche Themen und Akteure gene­rell und auf die SVP im spezi­ellen, lässt sich aber auch als Ausdruck eines kommer­zia­li­sierten Medi­en­sys­tems lesen. Kommer­zi­elle Medien, die stark nach Nach­rich­ten­werten funk­tio­nieren, belohnen den Konflikt und die Pola­ri­sie­rung, und sie belohnen damit vor allem popu­lis­ti­sche Akteure, die mit Provo­ka­tionen eben an solchen zuge­spitzten Konflikten ein grosses Inter­esse haben.

Neue Medien, noch mehr Konflikte

Die Digi­ta­li­sie­rung der News-Medien verstärkt die Pola­ri­sie­rung, den Konflikt und den Popu­lismus aber­mals, denn sie verschärft das Ressour­cen­pro­blem für viele unpar­tei­ische Medien und macht sie damit anfäl­liger für weitere kommer­zi­elle Schübe, die in mehr Boule­vard­be­richt­erstat­tung mündet, oder für poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rungs­ver­suche (oder gar für beides). Poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung und Kommer­zia­li­sie­rung sind hier zwei Seiten derselben Medaille.

Philipp Sarasin, der hier kürz­lich in einem Beitrag von „neuen Kopp­lungen“ zwischen Social Media und „alten“ Medien gespro­chen hat, liegt zwar sicher­lich richtig, dass es sich um ein vola­tiles und damit „flexi­bles Kommu­ni­ka­ti­ons­dis­po­sitiv“ handelt. Vola­ti­lität heisst aber auch, dass durch rasche mora­lisch-emotio­nale Konflikt- und Mobi­li­sie­rungs­spi­ralen jeder Akteur prin­zi­piell hoch­ge­ju­belt werden könnte – oder eben unter die medialen Räder gelangt. Dies wird vermut­lich zunehmen, weil im Online-Bereich (Websites von Medien) und vor allem auf Social Media die Verbrei­tung von Gratis- und Boule­vard­me­dien noch­mals um einiges ausge­prägter ist als im tradi­tio­nellen Nutzungs­be­reich. So steigt wiederum die Wahr­schein­lich­keit, dass je nach Thema und je nach Vorlage jeweils dieje­nigen poli­ti­schen Akteure Reso­nanz erhalten, die als Anti­poden des Konflikts darge­stellt werden können. Eine solche mediale Drama­ti­sie­rung von Konflikten macht es in einem tradi­tio­nell konsens­ori­en­tierten poli­ti­schen System schwie­riger, über­par­tei­liche Brücken zu bauen und poli­ti­schen Konsens zu finden.

Eine Stär­kung der Quali­täts­me­dien ist daher notwendig und sicher­lich erfreu­lich (Sarasin weist auf stei­gende Abon­ne­men­ten­zahlen bei den US-Quali­täts­zei­tungen nach dem Wahl­sieg von Donald J. Trump hin). Aber sie sollte nicht dazu führen, dass es in einer Gesell­schaft nur zwei Sorten von Medien gibt: eine breite Masse von Boule­var­d­an­ge­boten und einige wenige, wieder erstarkte Quali­täts-Leucht­türme. Gerade in einer Gesell­schaft, die weniger pola­ri­siert und weniger geschichtet sein will, braucht es viele klei­nere auch regional veran­kerte Medien, die nicht von Parti­ku­lar­in­ter­essen domi­niert werden, und die weder eine für viele Bevöl­ke­rungs­gruppen zu anspruchs­volle Bericht­erstat­tung pflegen, noch dem Boule­vard­jour­na­lismus frönen. Umso wich­tiger wird es sein, kluge Lösungen zu finden, damit sich verschie­dene Ange­bote unab­hän­giger Schweizer Medi­en­an­bieter, die für eine einord­nende und viel­fäl­tige Bericht­erstat­tung sorgen können, in der digi­talen Umwelt durch­setzen. Hier sind viele gefor­dert – die Medi­en­häuser selber, die ihre Renditen auch in den Jour­na­lismus inves­tieren müssen und die einfa­chere Bezahl­mo­delle im Online-Bereich einführen sollten; die Politik, die über neue Förder­mo­delle für den Jour­na­lismus nach­denken muss; die Schulen, die mehr für Medi­en­kom­pe­tenz machen können, und nicht zuletzt wir als Bürge­rinnen und Bürger, die auch tatsäch­lich für Jour­na­lismus bezahlen.

Von Linards Udris

Linards Udris ist stellvertretender Leiter des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) an der Universität Zürich.