Geschichten der Gegenwart

Seit eini­ger Zeit hört man immer häufi­ger den Vorwurf, dass Flücht­linge aus dem Nahen Osten Rassis­mus und Anti­se­mi­tis­mus in euro­päi­sche Gesell­schaf­ten „impor­tie­ren“ würden. Dahin­ter steht die Vorstel­lung, dass es sich bei Rassis­mus um Einstel­lun­gen handelt, die Menschen wie Gepäck mit sich tragen. Jüngste empi­ri­sche Studien werfen aus rassis­mus­theo­re­ti­scher Sicht dazu viele Fragen auf. Doch selbst wenn man von der Annahme ausgeht, dass ein bestimm­ter Anteil der Geflüch­te­ten rassis­ti­sche Einstel­lun­gen mit sich bringt, und sich darin nicht gross von den Bewoh­ne­rIn­nen der euro­päi­schen Aufnah­me­ge­sell­schaf­ten unter­schei­det, erklärt dies noch lange nicht, wie aus Haltun­gen Hand­lun­gen werden.

Um dieser Frage nach­zu­ge­hen, darf man nicht nur auf die ‚Impor­teure‘ schauen, sondern muss – um im Bild zu blei­ben – auch den ‚Ziel­markt‘ analy­sie­ren, in den die ‚Ware‘ einge­führt wird. Die Forschung zeigt, dass es nicht ausreicht, auf Einstel­lun­gen von Indi­vi­duen zu schauen, wenn man verste­hen will, was Rassis­mus ist und wie er funk­tio­niert. Viel wich­ti­ger ist es, die gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren zu analy­sie­ren, die rassis­ti­sche Einstel­lun­gen fördern, verbrei­ten, repro­du­zie­ren, ja sogar hervor­brin­gen. Sie bilden den Rahmen dafür, dass aus Einstel­lun­gen Hand­lun­gen, Gewohn­hei­ten, ja sogar Insti­tu­tio­nen werden, durch die Menschen aufgrund von Fakto­ren wie Ausse­hen, Namen, Spra­che, Natio­na­li­tät, Reli­gion, Klei­dung, Habi­tus diskri­mi­niert werden. Wenn die Debatte um „impor­tier­ten Rassis­mus“ also mehr sein soll, als ein altbe­kann­tes Manö­ver, bei dem ‚die Auslän­der‘ zur eige­nen Entlas­tung als Sünden­bö­cke an den media­len Pran­ger gestellt werden – nach dem Motto: „Die sind viel rassis­ti­scher (oder alter­na­tiv: sexis­ti­scher, natio­na­lis­ti­scher) als wir!“ – dann muss man genauer hinschauen. Wie – so die eigent­li­che Frage – kann man über „impor­tier­ten Rassis­mus“ spre­chen, ohne rassis­tisch zu sein?

Der helve­ti­sche Rassis­mus und die Hier­ar­chie der Ausländer

Ein Kenn­zei­chen der öffent­li­chen Debat­ten um Flucht und Migra­tion in der Schweiz in den letz­ten Jahren ist ihre erstaun­li­che Amne­sie – als stünde man jedes Mal wieder vor einer Heraus­for­de­rungs­lage ohne histo­ri­sche Vorläu­fer. Dabei wäre ein Blick in die Geschichte, zum Beispiel der soge­nann­ten „Ungarn­flücht­linge“, durch­aus lehrreich.

Als Tausende von Ungarn, nach dem Einmarsch der Sowjets 1956 in die Schweiz flohen, wurden sie offi­zi­ell als Verbün­dete im Kampf gegen den Kommu­nis­mus will­kom­men geheis­sen. Im gesell­schaft­li­chen Alltag trafen sie jedoch auf tief­ver­an­kerte Ressen­ti­ments gegen­über „Frem­den“. Emil Pintér, ein unga­ri­scher Psych­ia­ter, der selbst in die Schweiz geflo­hen war, unter­suchte in den 1960er Jahren das psychi­sche Leid seiner Lands­leute in Hinblick auf diese wider­sprüch­li­che Situa­tion in der Schweiz. Aus Hunder­ten von Inter­views mit den Betrof­fe­nen ermit­telte er die Posi­tion der „Ungarn­flücht­linge“ in einem sozia­len Feld, das er die „Hier­ar­chie der Auslän­der“ nannte:

Hier­ar­chie der Auslän­der, in: Emil Pintér, Wohl­stands­flücht­linge. Eine sozi­al­psych­ia­tri­sche Studie an unga­ri­schen Flücht­lin­gen in der Schweiz, 1969

Pintér rekon­stru­ierte in seiner heute kaum bekann­ten Pionier­stu­die von 1969 das Bild eines sozia­len Systems, dessen konzentrisch-hierarchische Struk­tur auf der Vorstel­lung unter­schied­li­cher Stufen des Fremd­seins beruht. Dabei handelt es sich um eine mentale Scha­blone, die alle Lebens­be­rei­che der Schwei­zer Gesell­schaft durch­zieht, vom Alltag bis zum Rechts­sys­tem, und dabei Hand­lun­gen struk­tu­riert – auch derje­ni­gen, die keine bewuss­ten rassis­ti­schen Haltun­gen pfle­gen, ja sogar von denje­ni­gen, die in dem System selbst als ‚fremd‘ gelten. Pintér zeigt nicht nur die Binnen­dif­fe­ren­zie­rung des helve­ti­schen Rassis­mus auf, sondern verweist gleich­zei­tig auch auf dessen (heute würde man sagen:) inter­sek­tio­nale Kopp­lung mit ande­ren „hier­ar­chi­schen Syste­men“, wie Beruf und Alter – und man könnte ergän­zen: soziale Herkunft, Geschlecht etc.

Die Figur des „Durch­schnitts­schwei­zers“ bildet das norma­tive Zentrum in der Hier­ar­chie der Auslän­der. Alle Anwe­sen­den in der Gesell­schaft werden an diesem weis­sen, christ­li­chen, bürger­li­chen Mass­stab gemes­sen, der so struk­tur­ge­bend ist, dass er im Alltag unaus­ge­spro­chen blei­ben kann. Dabei werden laut Pintér selbst inner­halb des „Schwei­zer­volks“ bestimmte Grup­pen als Aussen­sei­ter fremdmarkiert:

Welsche und Tessi­ner in der deut­schen Schweiz, Juden, Katho­li­ken (in protes­tan­ti­schen Gegen­den), Kommu­nis­ten, Nonkon­for­mis­ten aller Art, Frau­en­stimm­recht­ler (in konser­va­ti­ven Gegen­den), Träger ‚unbür­ger­li­cher Berufe‘, charak­ter­li­che Außen­sei­ter, Taub­stumme, Gebrech­li­che usw.  – Emil Pintér, 1969

Die unterste Stufe des Fremd­seins bilden die „Auslän­der nicht-weisser Rasse“ (noch  Anfang der 1970er Jahre wurde in der Schweiz in der Forschung von Rasse gespro­chen). Seine eige­nen Lands­leute veror­tete Pintér unter den deut­schen und fran­zö­si­schen Einwan­de­rern, aber über den „medi­ter­ra­nen Fremd­ar­bei­tern“, die zu der Zeit der Studie zu Hunder­tau­sen­den in Schwei­zer Fabri­ken und Betrie­ben arbei­ten. Rund ein halbes Jahr­hun­dert nach der soge­nann­ten Schwarzenbach-Initiative gegen „Über­frem­dung“ erscheint es kaum mehr vorstell­bar, dass man damals wegen der südeu­ro­päi­schen Gast­ar­bei­ter genauso in Panik geriet, wie dann in den 1980ern in Anbe­tracht der „Asyl­schwemme“, in den 1990ern aufgrund der „Balkan­flücht­linge“ und heute ange­sichts der „Flücht­lings­krise“.

Ungarn­flücht­linge 1956; Quelle: blick.ch

Pintérs Scha­len­mo­dell des helve­ti­schen Rassis­mus müsste entspre­chend aktua­li­siert, weiter ausdif­fe­ren­ziert und vor allem dyna­misch gedacht werden. Die Figu­ren in den jewei­li­gen Scha­len haben sich aufgrund von histo­ri­schen Ereig­nis­sen aber auch aufgrund der Art und Weise, wie die ‚Frem­den‘ jeweils ihre Hand­lungs­spiel­räume nutzen, um sich zu posi­tio­nie­ren oder auch zu wehren, immer wieder verän­dert und verscho­ben. Doch selbst wenn sich der helve­ti­sche Rassis­mus fort­wäh­rend wandelt, ist er in der konzen­tri­schen Grund­struk­tur histo­risch erstaun­lich lang­le­big. So lässt sich etwa eine direkte Linie von rassis­ti­schen Kultur­kreis-Vorstel­lun­gen aus dem euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus – in den die Schweiz bekannt­lich nicht nur mental invol­viert war – bis hin zum soge­nann­ten „Drei-Kreise-Modell“ der offi­zi­el­len Schwei­zer Migra­ti­ons­po­li­tik in den 1990er Jahren ziehen.

Rassis­mus als Assimilationsstrategie

Menschen, die in die Schweiz flüch­ten bzw. migrie­ren, stehen vor der Heraus­for­de­rung, sich in die bestehende Hier­ar­chie der Auslän­der einzu­fü­gen. Dabei brin­gen sie gewisse ange­bo­rene, ererbte, erlernte bzw. sozia­li­sierte ‚Assets‘ mit sich, aufgrund derer sie bestimmte Posi­tio­nen in diesem Feld einneh­men können, und andere nicht: Haut­farbe, Ausse­hen, Spra­che, Natio­na­li­tät, Reli­gion, Habi­tus. Je grös­ser das ökono­mi­sche, soziale und kultu­relle Kapi­tal von einge­wan­der­ten Menschen – sprich Wohl­stand, Netz­werke und Bildung –, desto grös­ser der Bewe­gungs­spiel­raum. Dabei gilt es, das Zusam­men­spiel von ‚posi­ti­ven‘ rassis­ti­schen Attri­bu­tio­nen („Asia­ten sind intel­li­gent und streb­sam“) und nega­ti­ven Zuschrei­bun­gen („Nord­afri­ka­ner sind krimi­nell“) im Auge zu behal­ten. Die Möglich­keit einzel­ner Indi­vi­duen und Grup­pen, die exotis­ti­schen Begier­den, Projek­tio­nen und Konsum­wün­sche der Domi­nanz­kul­tur zu bedie­nen, – etwa durch ethnic busi­ness –, kann gerade auch im Kontext des Multi­kul­tu­ra­lis­mus die Ausgangs­lage in der Auslän­der­hier­ar­chie verbes­sern. Doch ein Aufstieg ins helve­ti­sche Zentrum, ein wirk­li­ches Gleich­wer­den mit dem inners­ten Kreis – egal ob man es nun Assi­mi­la­tion oder Inte­gra­tion nennt – ist in diesem System nur unter sehr spezi­fi­schen Bedin­gun­gen für sehr wenige möglich.

Der Durch­schnitts­schwei­zer ist ein kaum zu fassen­des und zugleich erstaun­lich robus­tes Phan­tasma. Daher erscheint es für viele ‚Fremde‘ zuwei­len attrak­ti­ver, eine andere Stra­te­gie der sozia­len Selbst­auf­wer­tung zu wählen: Abgren­zung gegen unten. So hatten nicht nur die unga­ri­schen, sondern auch die tsche­cho­slo­wa­ki­schen und tibe­ti­schen Geflüch­te­ten in den 1950/60er Jahren die Option, sich gegen­über den unter Kommunismus-Verdacht stehen­den Italie­nern zu profi­lie­ren. Mit dem Anwach­sen der ausser­eu­ro­päi­schen Asyl­mi­gra­tion ab den 1980er/90er Jahren bot sich dann diesen ehema­li­gen „Fremd­ar­bei­tern“ und auch ihren Kindern die Chance, sich von den noch frem­de­ren „Musli­men“ abzu­set­zen. Man muss hier aller­dings aufpas­sen, keine empi­risch halt­lo­sen Klischees und urba­nen Mythen zu repro­du­zie­ren (z.B. „Secon­dos sind rassis­ti­scher als rich­tige Schwei­zer“), die längst eine Entlas­tungs­funk­tion erfül­len. Man muss viel­mehr sehr genau hinschauen, wer in welcher Situa­tion bereit ist, die ausge­streckte Hand des helve­ti­schen Rassis­mus zu ergrei­fen und sich gegen „noch frem­dere Fremde“ zu profi­lie­ren – und wer nicht.

Ein wich­ti­ger Faktor, der die Bereit­schaft zu einem solchen, letzt­lich system­kon­for­men Verhal­ten erhöht, sind – wenig über­ra­schend – rassis­ti­sche Einstel­lun­gen bei denje­ni­gen, die einen Aufstieg in der Auslän­der­hier­ar­chie anvi­sie­ren. Da macht es zunächst keinen Unter­schied, ob diese Einstel­lun­gen durch die Sozia­li­sa­tion in der Schweiz erwor­ben oder durch Immi­gra­tion „impor­tiert“ werden, bzw. ob beides sich gegen­sei­tig verstärkt. So stamm­ten die meis­ten Gast­ar­bei­ter­fa­mi­lien aus ehema­li­gen euro­päi­schen Kolo­ni­al­mäch­ten wie Italien, Spanien, Portu­gal, wo der jewei­lige gesell­schaft­li­che Rassis­mus ähnlich wie in der Schweiz auf der Vorstel­lung weis­ser, christ­li­cher Über­le­gen­heit beruht. Anti­se­mi­ti­sche, anti­mus­li­mi­sche, antisch­warze, anti­zi­ga­nis­ti­sche und andere Rassis­men gibt es nicht nur in Westeuropa.

Dass Rassis­mus heute jedoch ein globa­les Phäno­men mit sehr vielen Formen und Ausprä­gun­gen ist, hat in der Tat sehr viel mit der Jahr­hun­derte währen­den welt­wei­ten Vorherr­schaft des euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus zutun. So ist der heutige Anti­se­mi­tis­mus im Nahen Osten trotz der präko­lo­nia­len Vorge­schichte nur zu verste­hen, wenn man die Rolle des euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus im 19. und 20. Jahr­hun­dert und auch die Verwick­lun­gen mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus mitdenkt. Der vermeint­li­che Import von Anti­se­mi­tis­mus durch musli­mi­sche Geflüch­tete entpuppt sich bei genaue­rer histo­ri­scher Betrach­tung wenn nicht als Re-Import, so zumin­dest als Produkt einer komple­xen globa­len Verflech­tungs­ge­schichte. In welcher Weise jedoch diese Einstel­lun­gen nach der Einwan­de­rung in die Schweiz und in andere Länder rele­vant werden, hängt vor allem von den struk­tu­rel­len Bedin­gun­gen und Anrei­zen der Aufnah­me­ge­sell­schaf­ten ab.

Rassis­ti­sche Einstel­lun­gen werden tenden­zi­ell dann verstärkt, wenn sie auf entspre­chende Gele­gen­heits­struk­tu­ren tref­fen. Dies ist etwa der Fall, wenn rassis­ti­sche Einstel­lun­gen zur Abgren­zung nach unten bzw. zur eige­nen Aufwer­tung einge­setzt werden können (etwa wenn sich christ­li­che gegen­über musli­mi­schen Flücht­lin­gen profi­lie­ren können, Iraner gegen­über Türken und Arabern, Südeu­ro­päer gegen­über Nord­afri­ka­nern, Kroa­ten gegen­über Alba­nern usw. usf.). Auch die anti­se­mi­ti­schen Einstel­lun­gen musli­mi­scher Einwan­de­rer, die aktu­ell in den Medien skan­da­li­siert werden, stos­sen in euro­päi­schen Ländern in viel­fäl­ti­ger Weise auf Reso­nanz. So gibt es viele Über­schnei­dungs­punkte mit dem einhei­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus, der nicht nur in der Schweiz von links bis rechts viru­lent ist, aber kaum öffent­lich thema­ti­siert wird.

Para­do­xer Rassismus

Diese selek­tive Wahr­neh­mung in Europa hat eine para­doxe Konse­quenz: Das Selbst­bild huma­ni­tä­rer Gesell­schaf­ten, die vermeint­lich „aus dem Holo­caust gelernt“ und den Rassis­mus über­wun­den hätten, fördert Rassis­mus. David Gold­berg nennt dies Racial Euro­pea­ni­za­tion. Europa braucht ein Gegen­über, von dem man sich abgren­zen und dem es die Schuld für das Fort­be­stehen von Rassis­mus und Anti­se­mi­tis­mus geben kann. Tragi­scher­weise erhöht diese Konstel­la­tion das iden­ti­täts­stif­tende Poten­zial von anti­se­mi­ti­schen Haltun­gen und Hand­lun­gen gerade für Grup­pen, die hier aufgrund von Rassis­mus margi­na­li­siert werden – also nicht nur, aber auch Geflüch­tete aus musli­mi­schen Ländern. Unter solchen Bedin­gun­gen verstär­ken sich impor­tier­ter und haus­ge­mach­ter Rassis­mus gegenseitig.

Wenn heute selbst ‚auslän­der­freund­li­che‘ Stim­men aus dem norma­ti­ven Zentrum heraus selek­tiv den impor­tier­ten Rassis­mus und Anti­se­mi­tis­mus „der Flücht­linge“ bekla­gen und mit Inte­gra­ti­ons­kur­sen beikom­men wollen, dann zeigt dies, wie tief die struk­tu­relle Igno­ranz gegen­über dem hiesi­gen Rassis­mus und Anti­se­mi­tis­mus bzw. dem (post)kolonialen Erbe reicht. Die einzige Chance, heute in euro­päi­schen Ländern wie der Schweiz über „impor­tier­ten Rassis­mus“ zu spre­chen, ohne dabei in das Fahr­was­ser rech­ter Diskurse zu gera­ten, besteht darin, Rassis­mus als gesell­schaft­li­che Struk­tur, in die alle in unter­schied­li­cher Weise auch über die eige­nen Landes­gren­zen hinaus verstrickt sind, zu verste­hen und zu untersuchen.

Von Kijan Espahangizi

Kijan Espahangizi ist Geschäftsführer des Zentrums Geschichte des Wissens (ZGW) der ETH & Universität Zürich und forscht zur postmigrantischen Gesellschaft.