Aus dem ArchivGeschichten der Gegenwart

„Wir sind das Volk“ skan­dier­te die ost­deut­sche Bür­ger­rechts­be­we­gung im Okto­ber 1989 gegen den Auto­ri­ta­ris­mus der DDR-Füh­rung. Nur einen Monat spä­ter ver­schob sich der Slo­gan der Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen zu „Wir sind ein Volk“, dem Schlacht­ruf der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Als im Herbst 2014 in Leip­zig und Dres­den die „Wir sind das Volk“-Chöre erneut anho­ben, hat­ten sich Inhalt und Inten­ti­on der Pro­tes­te erneut ver­scho­ben. Wäh­rend sich PEGIDA ger­ne zum Sprach­rohr der poli­tisch Über­gan­ge­nen sti­li­sier­te, pro­vo­zier­ten selbst füh­ren­de Ver­tre­ter der Bewe­gung und der mit ihr ver­ban­del­ten Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) mit einer aggres­si­ven Islam- und Frem­den­feind­lich­keit. Die von der AfD in den aktu­el­len Ent­wür­fen zum Par­tei­pro­gramm gefor­der­te Ein­füh­rung von Volks­ent­schei­den nach Schwei­zer Vor­bild geht somit unmit­tel­bar ein­her mit dem Wunsch nach einer Stär­kung der „his­to­risch-kul­tu­rel­len Iden­ti­tät“ des deut­schen Vol­kes. Wenn wie­der­um die zwi­schen Regie­rungs­ver­ant­wor­tung und aus­ser­par­la­men­ta­ri­scher Oppo­si­ti­on chan­gie­ren­de Schwei­zer Volks­par­tei (SVP) die Stim­me des Vol­kes zu reprä­sen­tie­ren bean­sprucht, geht es viel­fach um die Ver­tei­di­gung spe­zi­fisch Schwei­ze­ri­scher Wer­te, die sie ger­ne gegen die Euro­päi­sche Uni­on und „den Islam“ in Stel­lung bringt. Für die AfD, die SVP und die auch andern­orts auf­stre­ben­den rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en Euro­pas, wie Öster­reichs FPÖ oder Frank­reichs Front Natio­nal, ist klar: „Das“ Volk soll „ein“ Volk sein, eine poli­ti­sche und eine eth­ni­sche, d.h. his­to­risch gewach­se­ne kul­tu­rel­le Gemein­schaft.

Ethnische Identitätspolitiken im Wandel

Die eth­ni­sche Begrün­dung des Poli­ti­schen ist kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich, son­dern his­to­risch jün­ge­ren Datums. Erst im spä­ten 18. Jahr­hun­dert sind mit der auf­klä­re­ri­schen Vor­stel­lung des Vol­kes als poli­ti­schem Sou­ve­rän und dem roman­ti­schen Ide­al des Vol­kes als kul­tu­rel­ler Gemein­schaft die bei­den Kern­ele­men­te moder­ner Staat­lich­keit ent­stan­den, die im 19. Jahr­hun­dert ihren klas­si­schen Aus­druck im Natio­nal­staat fin­den soll­ten. Bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert setz­te sich zunächst in Euro­pa und Ame­ri­ka die Über­zeu­gung durch, dass die ter­ri­to­ria­le Ein­heit des Staa­tes auf der Über­ein­stim­mung poli­ti­scher und eth­ni­scher Gren­zen beru­hen soll­te. Doch auch in ande­ren Tei­len der Welt wur­de die Ver­schrän­kung von Eth­ni­schem und Poli­ti­schem zum Leit­bild der Schaf­fung, Gestal­tung und Reform neu­er Staa­ten. Im Rah­men der gros­sen Deko­lo­ni­sie­rungs­wel­le in Afri­ka von den 1950er bis zu den 1970er Jah­ren lässt sich die letz­te glo­ba­le Hoch­kon­junk­tur und zugleich die Pro­ble­ma­tik die­ser poli­ti­schen Dok­trin beob­ach­ten.

No-Pegida-Demonstration, Quelle: http://www.testspiel.de/neulich-bei-einer-no-pegida-demo-wenn-ihr-das-volk-waert-waer-ich-fluechtling/309984/

“Neu­lich bei einer No-Pegi­da Demo”, Quel­le: testspiel.de/

Schon seit den 1960er Jah­ren wur­de das Ide­al der kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­tät des Natio­nal­staats welt­weit durch ver­schie­de­ne sozia­le und poli­ti­sche Bewe­gun­gen in Fra­ge gestellt, die auf die anhal­ten­de Dis­kri­mi­nie­rung eth­ni­scher Min­der­hei­ten auf­merk­sam mach­ten. Bis zu den 1990er Jah­ren ent­wi­ckel­ten sich daher „Min­der­hei­ten­schutz“, „Pluri­eth­ni­zi­tät“ und „Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“ zu Leit­vo­ka­beln glo­ba­ler poli­ti­scher Debat­ten. Auch Deutsch­land, Öster­reich und vor allem die Schweiz bli­cken auf eine lan­ge Tra­di­ti­on der Aner­ken­nung unter­schied­li­cher „eth­ni­scher Grup­pen“ zurück. Wäh­rend die däni­sche und sor­bi­sche Min­der­heit in Deutsch­land, oder die slo­we­ni­sche und unga­ri­sche Volks­grup­pe in Öster­reich, einen staat­lich aner­kann­ten, in der Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­merk­ten Son­der­sta­tus genies­sen, gehört die „eth­ni­sche Viel­falt“ zum his­to­ri­schen Kern­be­stand des Schwei­zer Selbst­ver­ständ­nis­ses und wird durch viel­fäl­ti­ge poli­ti­sche Mass­nah­men gestützt. Dar­un­ter fal­len neben Sprach­quo­ten in der Bun­des­ver­wal­tung nicht zuletzt die Stär­kung der Kan­tons- und Gemein­de­ver­wal­tung. Wie das Bei­spiel des 1979 geschaf­fe­nen Kan­tons Jura zeigt, ver­läuft die prak­ti­sche Umset­zung mul­ti­kul­tu­rel­ler Poli­tik jedoch selbst in der Schweiz nicht ohne Rei­be­rei­en. In jenem Jahr ende­te für einen Teil des über­wie­gend fran­zö­sisch­spra­chi­gen und katho­li­schen äußers­ten Nord­wes­tens des Lan­des die 165 Jah­re andau­ern­de Ver­wal­tung durch den über­wie­gend deutsch­spra­chi­gen und pro­tes­tan­ti­schen Kan­ton Bern. Die neu­en Ver­wal­tungs­gren­zen waren das Resul­tat eines bis ins 19. Jahr­hun­dert zurück­ge­hen­den Kul­tur­kamp­fes, der im 20. Jahr­hun­dert immer wie­der zu gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen führ­te. Anfang 2012 einig­ten sich die Kan­to­ne Jura und Bern nach jah­re­lan­ger Ver­mitt­lung durch die Bun­des­re­gie­rung in Bern auf ein mehr­stu­fi­ges Ver­fah­ren der Volks­be­fra­gung über den Ver­lauf der künf­ti­gen Kan­tons­gren­ze, das erst im Jahr 2017 mit einer Abstim­mung in der Gemein­de Mou­tier abge­schlos­sen sein wird.

Der sene­ga­le­si­sche Schwin­ger Diey­la­ni Pouye, 2013; Quel­le: 20Min.ch

Letzt­lich kämpft die Poli­tik des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus mit den glei­chen Pro­ble­men wie der Natio­nal­staat, näm­lich dem schwie­ri­gen bis unmög­li­chen Unter­fan­gen, ein­deu­ti­ge poli­ti­sche Grenz­zie­hun­gen auf der Grund­la­ge eth­nisch defi­nier­ter Iden­ti­tä­ten vor­zu­neh­men. Beson­ders umstrit­ten ist der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus bis heu­te im Kon­text der Migra­ti­on. Bereits der poli­ti­sche Umgang mit den „Gast­ar­bei­tern“ der 1960er und 1970er Jah­re in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz haben dies gezeigt. Die Ita­lie­ner in der Schweiz, Jugo­sla­wen in Öster­reich oder Tür­ken in Deutsch­land sahen sich viel­fach der Auf­for­de­rung zur „Inte­gra­ti­on“ oder gar „Assi­mi­la­ti­on“ aus­ge­setzt. In den letz­ten Jah­ren hat sich der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus in der poli­ti­schen Debat­te fast zu einem Schimpf­wort ent­wi­ckelt. So erklär­te Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel im Okto­ber 2010 den „Ansatz für Mul­ti­kul­ti“ als „geschei­tert, abso­lut geschei­tert“, und in der Schweiz wird der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus von kon­ser­va­ti­ver Sei­te heu­te ger­ne als „links­grü­ne“ Träu­me­rei oder Ideo­lo­gie abge­tan.

Dem­ge­gen­über ist in der Schweiz, Öster­reich und Deutsch­land seit den 1990er Jah­ren der poli­ti­sche Ruf nach einer natio­na­len Leit­kul­tur laut gewor­den. Die aktu­el­le Renais­sance natio­na­ler Iden­ti­täts­po­li­ti­ken in Euro­pa bleibt frei­lich inhalt­lich dif­fus und ist in ihrer frem­den­feind­li­chen Zuspit­zung uner­träg­lich. Man muss nicht die rhe­to­ri­sche Keu­le von Ras­sis­mus oder Nazis­mus zie­hen, um den sozia­len Unfrie­den zu bekla­gen, den die aktu­el­len rechts­po­pu­lis­ti­schen Strö­mun­gen im Namen des hei­mi­schen „Vol­kes“ säen und dabei in den Berei­chen von Kul­tur und Reli­gi­on, Fami­lie und Gesell­schaft extrem kon­ser­va­ti­ve und into­le­ran­te Posi­tio­nen ver­tre­ten.

Karikatur Dortmund,(© Tom Körner), Quelle: http://www.bpb.de/lernen/grafstat/rechtsextremismus/176217/m-01-09-karikaturen?type=galerie&show=image&i=176237

© Tom Kör­ner, Quel­le: bpb.de

Die kate­go­ri­sche Unter­schei­dung von Eige­nem und Frem­den hält einer Über­prü­fung der All­tags­rea­li­tät ohne­hin nicht stand. Im März wuss­te die Emmen­ta­ler Gazet­te D’Region unter dem Auf­ma­cher „Ein gros­ses Herz für Asyl­su­chen­de“ zu berich­ten, dass sich das Stimm­volk der Gemein­de Has­le mit gros­ser Mehr­heit für die Bei­be­hal­tung eines Asyl­zen­trums für min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge im Wei­ler Schaf­hau­sen aus­ge­spro­chen hat­te. Selbst die von einem loka­len Ver­tre­ter der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei (!) ange­führ­ten Geg­ner des Zen­trums muss­ten schliess­lich zuge­ben, dass die Unter­brin­gung und der ört­li­che Schul­un­ter­richt der Kin­der und Jugend­li­chen aus Eri­trea, Syri­en, Sri Lan­ka, Irak, Chi­na und vie­len ande­ren Län­dern abso­lut pro­blem­los ver­lie­fen. Die­se Geschich­te ist nicht nur ein Lehr­stück unauf­ge­reg­ter Inte­gra­ti­on, son­dern zeigt oben­drein, dass auch die je nach poli­ti­scher Cou­leur ger­ne über­höh­te oder geschol­te­ne Pro­vinz das Herz auf dem rech­ten Fleck haben kann.

Assimilation versus Parallelgesellschaft?

Bleibt wirk­lich nur die poli­ti­sche Wahl zwi­schen Assi­mi­la­ti­on und eth­ni­scher Aus­gren­zung, das Bekennt­nis zur „Leit­kul­tur“ der Mehr­heits­ge­sell­schaft oder der Rück­zug in die vom Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ver­harm­los­te „Par­al­lel­ge­sell­schaft“? Die Erfolgs­ge­schich­ten von Fuss­bal­lern der deut­schen, öster­rei­chi­schen oder schwei­ze­ri­schen Fuss­ball­na­tio­nal­mann­schaf­ten, die aus Migran­ten­fa­mi­li­en stam­men, erzäh­len eine ande­re Geschich­te. Dar­über hin­aus bekla­gen in Deutsch­land gebo­re­ne Kin­der tür­ki­scher Ein­wan­de­rer den gesell­schaft­li­chen Druck zur öffent­li­chen Annah­me einer klar defi­nier­ten, homo­ge­nen eth­ni­schen Iden­ti­tät. Umso pro­ble­ma­ti­scher ist die Tat­sa­che, dass die eth­ni­sche Abwer­tung oder Aus­gren­zung von Men­schen nicht nur Migran­ten der ers­ten Gene­ra­ti­on trifft, son­dern auch Men­schen, deren fami­liä­re Migra­ti­ons­ge­schich­te Gene­ra­tio­nen zurück­liegt und von gerin­ger Bedeu­tung ist, die auf­grund ihrer Haut­far­be, Reli­gi­on oder Klei­dung aber den­noch als „fremd“ wahr­ge­nom­men wer­den.

Ange­sichts der Pro­ble­ma­tik eines den Kon­zep­ten von „Leit­kul­tur“ und „Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus“ glei­cher­mas­sen zugrun­de­lie­gen­den, auf ver­meint­lich homo­ge­ne eth­ni­sche Grup­pen ein­ge­eng­ten Kul­tur­be­griffs liegt der Appell an die poli­ti­schen Akteu­re nahe, auf eine eth­ni­sche Begrün­dung poli­ti­scher For­de­run­gen grund­sätz­lich zu ver­zich­ten. Aktu­el­le wis­sen­schaft­li­che Debat­ten um neue Gesell­schafts­per­spek­ti­ven jen­seits des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus lie­fern mit den Stich­wör­tern „Post-Eth­ni­zi­tät“, „Inter­kul­tu­ra­li­tät“ oder „Diver­si­tät“ viel­fäl­ti­ge Anre­gun­gen, die sich nicht auf die ver­meint­li­che Spe­zi­fik post­mi­gran­ti­scher Gesell­schaf­ten redu­zie­ren. Dabei wird einer­seits das poli­ti­sche Pos­tu­lat der Unum­kehr­bar­keit und Aus­schließ­lich­keit eth­nisch defi­nier­ter sozia­ler Gren­zen kri­ti­siert, ande­rer­seits das Ver­hält­nis zwi­schen dem Son­der­sta­tus staat­lich aner­kann­ter eth­ni­scher Grup­pen und den Ansprü­chen uni­ver­sel­ler Men­schen- und Bür­ger­rech­te dis­ku­tiert. Als „Diver­si­fi­zie­rung der Diver­si­tät“ erwei­tert sich der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu einer Aner­ken­nung viel­fäl­ti­ger, nicht auf Abstam­mungs­ge­mein­schaf­ten redu­zier­ba­rer kul­tu­rel­ler Tra­di­tio­nen und Lebens­sti­le, die auch ande­re Iden­ti­täts­mar­ker wie Klas­se, Geschlecht oder Alter umfas­sen. Nun ist es aller­dings so, dass für die heu­ti­gen rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en genau die­se Diver­si­tät, Offen­heit und Durch­läs­sig­keit das zen­tra­le Pro­blem­feld dar­stel­len. So gehört es zu den Grund­über­zeu­gun­gen der AfD, dass „Diver­si­ty“ eine von „poli­ti­schen Lob­by­grup­pen“ aus dem „angel­säch­si­schen Raum“ über­nom­me­ne und in Deutsch­land über die EU durch­ge­drück­te aus­län­di­sche Ideo­lo­gie sei. Das Frem­de lau­ert offen­bar über­all.

Von Christian Büschges

Christian Büschges ist Professor für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte an der Universität Bern. Er forscht zu sozialen Bewegungen und Identitätspolitiken in vergleichender und globaler Perspektive.