Geschichten der Gegenwart

Am 3. Okto­ber 2016 fand die wohl größ­te Mobi­li­sie­rung der pol­ni­schen Gesell­schaft seit der Soli­dar­ność-Bewe­gung statt. Zehn­tau­sen­de von Polin­nen und Polen ström­ten auf die Stra­ßen von War­schau, Kra­kau, Gdańsk, Poz­nań, Wro­cław oder Łódź, um gegen das tota­le Abtrei­bungs­ver­bot sowie die Bestra­fung von Frau­en, die einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch durch­füh­ren las­sen, zu pro­tes­tie­ren. Der Schwar­ze Pro­test – wie er wegen der schwar­zen Klei­dung aller im heu­ti­gen Polen um die ver­lo­re­ne Frei­heit und Demo­kra­tie Trau­ern­den genannt wur­de – nahm die Form eines Gene­ral­streiks vor allem des weib­li­chen Teils der pol­ni­schen Gesell­schaft an. Die über die geplan­ten Geset­zes­än­de­run­gen empör­ten, ja wüten­den Frau­en fass­ten den Ent­schluss, am ers­ten Okto­ber­mon­tag ihre Arbeits­plät­ze zu ver­las­sen, um an den Demons­tra­tio­nen teil­zu­neh­men und für die noch ver­blie­be­ne Auto­no­mie zu kämp­fen. Das kla­re „Nein!”, das am 24. Okto­ber in der zwei­ten Run­de des Schwar­zen Pro­tests wie­der­holt wur­de, rich­te­te sich gegen einen Staat, der die Hälf­te der Gesell­schaft ihrer Rech­te beraubt und wie Objek­te behan­delt.

Reaktualisierung der Politik der 20er und 30er Jahre

Pos­ter für den “Schwar­zen Pro­test”, Quel­le: pogotowie.tumblr.com

Die Tat­sa­che, dass die pol­ni­schen Frau­en nicht selbst über ihren Kör­per bestim­men dür­fen, son­dern das Par­la­ment, die Poli­zei, die Jus­tiz und die Ärz­te, ist in Polen kein neu­es Phä­no­men. Im staat­li­chen Bestra­fungs­wil­len ist viel­mehr eine Wie­der­ho­lung des Zustands aus den 1920er Jah­ren zu erken­nen. 1918, nach der Wie­der­erlan­gung der Unab­hän­gig­keit Polens erhiel­ten die Polin­nen zwar das Stimm- und Wahl­recht, das voll­stän­di­ge Abtrei­bungs­ver­bot inklu­si­ve Bestra­fung blieb im neu­en Nach­kriegs­staat jedoch bis 1932 in Kraft. Erst die kon­se­quen­te Kam­pa­gne der säku­la­ren pol­ni­schen Intel­li­genz, zu deren wich­tigs­ten Ver­tre­tern der Autor der Frau­en­höl­le Tade­usz Boy-Żeleń­ski und die pol­nisch-jüdi­sche Femi­nis­tin Irena Krzy­wi­cka gehör­ten, führ­te zur Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung bei medi­zi­ni­scher Indi­ka­ti­on oder nach Ver­ge­wal­ti­gung oder Inzest, was das pol­ni­sche Abtrei­bungs­ge­setz sei­ner­zeit zu einem der libe­rals­ten in ganz Euro­pa mach­te. Das libe­ra­li­sier­te Recht war jedoch in einem wesent­li­chen Punkt nicht zufrie­den­stel­lend, da es sozia­le Ungleich­hei­ten nicht berück­sich­tig­te: Meis­tens beka­men nur die rei­chen Frau­en ein ärzt­li­ches Attest für eine „medi­zi­ni­sche Indi­ka­tio­nen“, so dass die ille­ga­len und oft mit tra­gi­schen Fol­gen durch­ge­führ­ten Schwan­ger­schafts­ab­brü­che bei den Arbei­te­rin­nen nach wie vor üblich waren. Um ein Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch, das alle sozia­len Schich­ten umfasst, durch­zu­set­zen, war also wei­ter­hin eine mas­si­ve Auf­klä­rungs­ar­beit not­wen­dig, u.a. in Form von Bera­tungs­stel­len für eine bewuss­te Mut­ter­schaft, die wie­der­um von Intel­lek­tu­el­len geleis­tet wur­de.

Es han­del­te sich dabei eigent­lich um ein Para­dox der poli­ti­schen Trans­for­ma­tio­nen in Polen nach 1918: Die Libe­ra­li­sie­rung des Abtrei­bungs­rechts, selbst wenn sie zu kei­ner Reduk­ti­on von ille­ga­len Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen unter den armen Gesell­schafts­schich­ten führ­te, war anschei­nend nur wegen des damals stark posi­tio­nier­ten euge­ni­schen Dis­kur­ses mög­lich. Die Abtrei­bungs­zu­las­sung geschah trotz der stark katho­lisch gepräg­ten Gesell­schaft und der fort­schrei­ten­den Mili­ta­ri­sie­rung des Staa­tes unter der Füh­rung von Józef Pił­sud­ski. Der Mar­schall der Zwei­ten Pol­ni­schen Repu­blik, der seit dem Mai­putsch 1926 bis zu sei­nem Tode 1935 dik­ta­to­risch regier­te, ver­such­te unter der Paro­le der Sana­c­ja – der Gene­sung, die zur mora­li­schen Hei­lung des öffent­li­chen Lebens hät­te füh­ren sol­len – nicht nur die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on, son­dern auch ukrai­ni­sche und weiß­rus­si­sche Min­der­hei­ten mit poli­zei­staat­li­chen Maß­nah­men zu unter­drü­cken. Sei­ne Art der Macht­aus­übung stieß damals auf Bewun­de­rung bei einem jun­gen deut­schen Poli­ti­ker, Joseph Goeb­bels. Die­ser wur­de am 15. Juni 1934 in War­schau von Pił­sud­ski offi­zi­ell emp­fan­gen, nach­dem er einen Vor­trag zur Rol­le Nazi-Deutsch­lands bei der Sta­bi­li­sie­rung des Frie­dens (!) in Euro­pa gehal­ten hat­te. Der Ver­lauf des Gesprächs zwi­schen Pił­sud­ski und Goeb­bels ist unbe­kannt geblie­ben. Erhal­ten hat sich jedoch eine Foto­gra­fie, die die Begeg­nung der bei­den Poli­ti­ker doku­men­tiert und die sich heu­te in den Samm­lun­gen des Bun­des­ar­chivs befin­det. Zu den Über­res­ten des Ereig­nis­ses gehö­ren auch schrift­li­che Spu­ren der Pro­tes­te von pol­ni­schen Intel­lek­tu­el­len (wie Tade­usz Kotar­biń­ski oder Anto­ni Słonim­ski) und ande­ren Bür­gern aus War­schau, die auf den Stra­ßen ihre Empö­rung über die Ein­la­dung des engs­ten Mit­ar­bei­ters von Hit­ler mani­fes­tier­ten.

Pos­ter für den “Schwar­zen Pro­test”, Quel­le: pogotowie.tumblr.com

Die­ses Ereig­nis wur­de im kul­tu­rel­len Gedächt­nis Polens voll­kom­men ver­kannt. Die neu­es­ten Ver­stö­ße der pol­ni­schen Regie­rung gegen Frei­heit und Demo­kra­tie sind viel­leicht ein guter Anlass, um dar­an zu erin­nern. Denn es ist gera­de der ehe­ma­li­ge Minis­ter­prä­si­dent und graue Emi­nenz Jaros­ław Kac­zyń­ski, der nach dem Vor­bild von Pił­sudskis Sana­c­ja-Polen die Res­sen­ti­ments gegen Oppo­si­tio­nel­le und Min­der­hei­ten wie­der­be­lebt. Obwohl Kac­zyn­ski weder in den Regie­rungs­struk­tu­ren noch im Par­la­ment eine offi­zi­el­le Funk­ti­on inne­hat, ver­steht er sich selbst als Nach­fol­ger des Mar­schalls sowie als Allein­er­be des Sou­ve­rä­ni­täts­prin­zips der Zwei­ten Pol­ni­schen Repu­blik. Ein zwei­ter Bezugs­punkt (und zugleich Ort der Wie­der­ho­lung) bil­det für Kac­zyń­ski die pol­ni­sche katho­li­sche Kir­che mit der zen­tra­len Figur von Papst Johan­nes Paul II. Dank Kac­zyń­ski, der zum Voll­zug einer natio­na­lis­tisch-kon­ser­va­ti­ven Wen­de in Polen bei­ge­tra­gen hat, ohne die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung dafür zu über­neh­men, gewinnt die Kir­che ihre poli­ti­sche Macht aus den 80er und 90er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts zurück. So steckt hin­ter der soge­nann­ten „Ver­schär­fung“ des Abtrei­bungs­ge­set­zes ein 67-jäh­ri­ger, unver­hei­ra­te­ter, kin­der­lo­ser Mann, der zusam­men mit kirch­li­chen Patri­ar­chen den Kör­per der Frau erneut zum Schlacht­feld der von Män­ner­bün­den gesteu­er­ten und auf Angst beru­hen­den Poli­tik macht.

Traumatisierung durch die Kirche

Die abge­trie­be­nen Föten bil­de­ten bereits das Leit­mo­tiv der poli­ti­schen Trans­for­ma­ti­on in Polen um 1989. Es wur­de als sol­ches jedoch nicht erkannt – weder von der pol­ni­schen Gesell­schaft noch von den west­li­chen Beob­ach­tern. Der Jubel über die wie­der­erlang­te Unab­hän­gig­keit Polens und die all­ge­mei­ne Kapi­ta­lis­mu­seu­pho­rie ver­dräng­ten bzw. ver­deck­ten die kon­se­quen­te Gehirn­wä­sche, die die katho­li­sche Kir­che in Polen betrieb. Das bis heu­te gel­ten­de Anti-Abtrei­bungs­ge­setz, das Schwan­ger­schafts­ab­brü­che nur bei Gefahr für Leben oder Gesund­heit der Mut­ter, nach Ver­ge­wal­ti­gung oder Inzest oder bei Miss­bil­dun­gen des Fötus erlaubt, wur­de am 7. Janu­ar 1993 ein­ge­führt. Dies war aber das Ergeb­nis einer ganz bewuss­ten Stra­te­gie, die schon in den 1980er Jah­ren mit wesent­li­cher Unter­stüt­zung von Papst Johan­nes Paul II. initi­iert wur­de. Der Papst setz­te als Beschüt­zer des unge­bo­re­nen Lebens Abtrei­bung mit Mord gleich. Die katho­li­sche Kir­che, die einer­seits als Zufluchts­ort der poli­ti­schen Oppo­si­ti­on in Polen fun­gier­te, ande­rer­seits als Erzie­hungs­an­stalt für die durch den Kom­mu­nis­mus „ver­dor­be­ne“ Gesell­schaft, ver­wan­del­te sich nach 1989 in die wich­tigs­te mora­li­sche Instanz, für die das The­ma „Schwan­ger­schafts­ab­bruch“ eine zen­tra­le Rol­le spiel­te. Den Höhe­punkt der Gehirn­wä­sche bil­de­te der Film The Silent Scream, die wohl bekann­tes­te ame­ri­ka­ni­sche Pro-Life-Film­pro­duk­ti­on von 1984, in der der Vor­gang einer Abtrei­bung durch Ultra­schall­auf­nah­men des Ute­rus mit Anspruch auf eine detail­lier­te und „wahr­haf­ti­ge“ Doku­men­ta­ti­on prä­sen­tiert wur­de.

Pos­ter für den “Schwar­zen Pro­test”, Quel­le: pogotowie.tumblr.com

Der ent­setz­li­che, von vie­len Medi­zi­nern und Psy­cho­lo­gen scharf kri­ti­sier­te Film, in dem ein Gynä­ko­lo­ge den Schwan­ger­schafts­ab­bruch aus der Per­spek­ti­ve des angeb­lich lei­den­den Opfers – des schrei­en­den zwölf Wochen alten Fötus – erklärt, wur­de Anfang der 1990er Jah­re in Polen ver­brei­tet. Dies geschah – nach dem Mus­ter und höchst­wahr­schein­lich mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung aus den USA (der Film wur­de sogar im Wei­ßen Haus in Anwe­sen­heit von Ronald Rea­gan vor­ge­führt) – sowohl in Kir­chen als auch in öffent­li­chen Schu­len. Das Ziel­pu­bli­kum waren jugend­li­che Frau­en. Die­se ver­bre­che­ri­sche Pro­pa­gan­daar­beit der Kir­che von damals kann ich selbst bezeu­gen. Als Teen­ager wur­de ich gezwun­gen, die­sen „Doku­film“ zu schau­en: das Ein­drin­gen der Stahlin­stru­men­te in die Gebär­mut­ter, das Zer­drü­cken des Fötus, der beschleu­nig­te Herz­schlag der Frau und der angeb­li­che Schrei des abge­trie­be­nen Fötus. Die­se Bil­der und Geräu­sche blie­ben in mei­ner Erin­ne­rung haf­ten, so dass ich noch heu­te, als 41-jäh­ri­ge Frau, den Film Bild für Bild „nach­er­zäh­len“ kann.

Schwarzer Protest als Chance für eine Säkularisierung Polens

Die Bedeu­tung des Films – sowohl der Bil­der an sich als auch der Ver­brei­tungs­me­tho­de und die Rezep­ti­ons­ge­schich­te – wur­de mei­nes Erach­tens poli­tisch unter­schätzt, weil sol­che media­len Pro­vo­ka­tio­nen bei der Ana­ly­se der „gro­ßen Poli­tik“ meis­tens außer Acht gelas­sen wer­den. Es steht aber außer Zwei­fel, dass der mas­sen­haft vor­ge­führ­te Film mit den dras­ti­schen Sze­nen „der Ermor­dung des unschul­di­gen Kin­des“ bei den pol­ni­schen Frau­en, die zu kom­mu­nis­ti­schen Zei­ten einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch durch­füh­ren lie­ßen, ein mas­si­ves Schuld­ge­fühl hin­ter­ließ und zahl­rei­che Jugend­li­che trau­ma­ti­sier­te. Die Pro­pa­gan­daar­beit der Kir­che berei­te­te somit effek­tiv die Ver­schär­fung des Abtrei­bungs­ge­set­zes von 1993 vor und brach­te die Befür­wor­ter des Rechts auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch für vie­le Jah­re zum Schwei­gen. Die psy­chi­sche Gewalt, die die Kir­che mit ihrer Pro­pa­gan­da gegen die pol­ni­schen Frau­en aus­üb­te, mach­te das The­ma „Abtrei­bung“ zu einem der größ­ten Tabus der pol­ni­schen Gesell­schaft. Die­ses Tabu blieb auch wäh­rend der ver­gan­ge­nen fünf­und­zwan­zig Jah­re der Libe­ra­li­sie­rung bestehen. Wie klas­si­sche Opfer waren wir bis­her nicht imstan­de, uns gegen die Macht der Kir­che zu erhe­ben und sie vor supra­na­tio­na­len Rechts­or­ga­nen wie etwa dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te anzu­kla­gen, obwohl die mas­si­ve Ver­brei­tung von The Silent Scream gegen jeg­li­che Schutz­rech­te von Jugend­li­chen ver­stieß.

Pos­ter für den “Schwar­zen Pro­test”, Quel­le: pogotowie.tumblr.com

Das Abtrei­bungs­ge­setz von 1993, das zu den strengs­ten in der EU gehört, funk­tio­niert mit der schwei­gen­den Akzep­tanz der pol­ni­schen Mehr­heit eigent­lich bis heu­te. Erst die para­noi­de Idee, das aktu­el­le Gesetz noch ein­mal extrem zu ver­schär­fen, um, so Kac­zyń­ski, allen Föten das Recht auf die Tau­fe ermög­li­chen zu kön­nen, rief sozia­le Unru­hen her­vor. Die­se radi­ka­le Aberken­nung der Sub­jek­ti­vi­tät der pol­ni­schen Bür­ge­rin­nen im Jah­re 2016 gab den ent­schei­de­nen Anstoß für eine Auf­leh­nung gegen die heu­ti­ge Regie­rung Polens und die in Wirk­lich­keit mit­re­gie­ren­de katho­li­schen Kir­che. Die Men­ge der demons­trie­ren­den wüten­den Polin­nen, die enor­me Unter­stüt­zung von Frau­en aus der gan­zen Welt erhiel­ten, ist viel­leicht ein ers­tes Zei­chen für einen ernst­haf­ten Pro­zess der Säku­la­ri­sie­rung Polens, die sich durch den weib­li­chen Teil der pol­ni­schen Gesell­schaft voll­zie­hen könn­te. Der Schwar­ze Pro­test, der in sei­ner poli­ti­schen Ener­gie der Empör­ten an ande­re kri­ti­sche sozia­le Bewe­gun­gen der letz­ten Jah­re – wie etwa die Indi­gna­dos oder das Occu­py Move­ment – erin­nert, bestärkt auch die Hoff­nung auf supra­na­tio­na­le Alter­na­ti­ven der poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on gegen die glo­ba­le natio­na­lis­tisch-kon­ser­va­ti­ve Wen­de, die durch Kapi­ta­lis­mus, Medi­en und Kir­che unter­stützt wird.

Von Dorota Sajewska

Dorota Sajewska ist Theater- und Kultur­wissen­schaft­lerin, sie lehrt an der Universität Zürich Polonistik und Interart (Osteuropa). Sie ist Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK).