Reizwörter

Iden­ti­täts­po­li­tik ist in aller Mun­de. Seit der Wahl Donald Trumps wird in den Feuil­le­tons jen­seits und dies­seits des Atlan­tiks dar­über dis­ku­tiert, ob Hil­la­ry Clin­tons Nie­der­la­ge auch der Tat­sa­che zuge­schrie­ben wer­den muss, dass ihre Kam­pa­gne expli­zit unter­pri­vi­le­gier­te Grup­pen adres­siert hat: Frau­en, LGBT (Les­ben, Schwu­le, Bise­xu­el­le und Trans*) oder Peop­le of Color. In einem viel­be­ach­te­ten Arti­kel for­dert der His­to­ri­ker Mark Lil­la einen post-iden­ti­tä­ren Libe­ra­lis­mus, der sich auf gemein­schaft­li­che Wer­te zurück­be­sinnt, statt sich an par­ti­ku­la­ren Anlie­gen zu ori­en­tie­ren. Ähn­lich argu­men­tie­ren sozia­lis­tisch ori­en­tier­te Lin­ke: Ange­sagt sei eine gemein­sa­me Klas­sen­po­li­tik, die den Fokus über alle Dif­fe­ren­zen hin­weg auf öko­no­mi­sche Ungleich­heit rich­te. Die­se Ein­wän­de sind nicht neu. Seit Jah­ren zeich­nen west­li­che Medi­en das Zerr­bild einer Iden­ti­täts­po­li­tik, gemäss der pri­vi­le­gier­te Lin­ke den eige­nen Lebens­stil zum poli­ti­schen Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum erklär­ten und dabei sämt­li­che drän­gen­den Fra­gen der Zeit aus­blen­den wür­den. Ver­ges­sen bleibt dabei, dass Iden­ti­täts­po­li­tik als grund­le­gen­de Kri­tik an einem libe­ra­len Gleich­heits­ver­spre­chen ent­stan­den ist, das für vie­le Men­schen auch heu­te noch unein­ge­löst bleibt.

Bos­ton, 1979. Pho­to by Tina Cross, Quel­le: abolitionjournal.org

Iden­ti­täts­po­li­tik bezeich­net ein poli­ti­sches Enga­ge­ment, das von einer gemein­sa­men Unter­drü­ckungs­er­fah­rung aus­geht. In den USA fin­det der Begriff seit den spä­ten 1970er Jah­ren Ver­wen­dung, wobei die gros­sen sozia­len Bewe­gun­gen der Nach­kriegs­zeit (die schwar­ze Bür­ger­rechts­be­we­gung, die Zwei­te Frau­en­be­we­gung, die Ame­ri­ka­ni­sche India­ni­sche Bewe­gung und die Les­ben- und Schwu­len­be­we­gung) ex post dar­un­ter sub­su­miert wer­den. Dass mit der Poli­ti­sie­rung von Iden­ti­tät zahl­rei­che Fall­stri­cke ver­bun­den sind, damit set­zen sich femi­nis­ti­sche, quee­re und post­ko­lo­nia­le Denker_innen seit Jahr­zehn­ten dif­fe­ren­ziert aus­ein­an­der. Vor die­sem Hin­ter­grund kann es nicht dar­um gehen, jeg­li­cher Iden­ti­täts­po­li­tik das Wort zu reden. Dem ener­gi­schen Ruf nach ihrem „Über­win­den“ aber, der zur­zeit von vie­len Sei­ten ertönt, soll im Fol­gen­den ein prä­zi­se­rer Blick auf den ethi­schen und poli­ti­schen Ein­satz von Iden­ti­täts­po­li­tik ent­ge­gen­ge­setzt wer­den.

Die Identitätspolitik des Combahee River Collective

Ein frü­hes Doku­ment der US-ame­ri­ka­ni­schen Iden­ti­täts­po­li­tik ist die Erklä­rung des Com­ba­hee River Collec­tives von 1977, einer in Bos­ton ange­sie­del­ten Grup­pie­rung Schwar­zer Frau­en und Les­ben. Die wir­kungs­volls­te und radi­kals­te Poli­tik, so heisst es in der Erklä­rung des Kol­lek­tivs, gehe von der eige­nen Iden­ti­tät aus. Wird mit einer sol­chen Vor­stel­lung poli­ti­schen Han­delns nicht genau jene Poli­tik der Nabel­schau kul­ti­viert, gegen die sich die erwähn­te Kri­tik rich­tet? Lesen wir wei­ter: Schwar­ze Frau­en, so heisst es, mach­ten all­täg­lich die Erfah­rung, dass ihr Leben weni­ger gilt als das­je­ni­ge von ande­ren. Obwohl sie bru­ta­len und bis­wei­len mör­de­ri­schen Ver­hält­nis­sen aus­ge­setzt sind, fin­den ihre Nöte, Bedürf­nis­se und For­de­run­gen kein Gehör in der brei­ten Öffent­lich­keit.

Com­ba­hee River Collec­tive, Quel­le: lavendermenace.weebly.com

Auch wie­der­holt sich die gesell­schaft­li­che Wei­ge­rung, sie zur Kennt­nis zu neh­men, in den zeit­ge­nös­si­schen Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gun­gen, wel­che alle­samt die Befrei­ung ande­rer Men­schen höher gewich­ten als die­je­ni­ge schwar­zer Frau­en: Im Mit­tel­punkt von sozia­lis­ti­schen Bewe­gun­gen steht der männ­li­che weis­se Arbei­ter, femi­nis­ti­sche Bewe­gun­gen gehen von der weis­sen Mit­tel­schichts­frau aus, die Les­ben­be­we­gung ori­en­tiert sich an weis­sen Les­ben und schwar­ze Bewe­gun­gen rich­ten sich an schwar­zen Män­nern aus. „Unser Haupt­pro­blem“, so heisst es im Text, „besteht dar­in, dass wir Unter­drü­ckung nicht nur an einer Front bekämp­fen, son­dern eine gan­ze Rei­he von Unter­drü­ckungs­er­fah­run­gen adres­sie­ren müs­sen.“ Wenn das Com­ba­hee River Collec­tive zum Schluss kommt, es sei für öko­no­misch pre­ka­ri­sier­te schwar­ze Frau­en ein Wag­nis, die eige­nen Erfah­run­gen zum Aus­gangs­punkt poli­ti­schen Han­delns zu machen, dann hat dies mit der Befind­lich­keits­rhe­to­rik, als die Iden­ti­täts­po­li­tik oft dar­ge­stellt wird, nichts zu tun. Sehr viel aber mit dem Über­le­ben in einer Gesell­schaft, die dem eige­nen Leben wenig Wert bei­misst.

Identitätspolitik und alternatives Wissen

Das Spe­zi­fi­sche an der Situa­ti­on schwar­zer Les­ben und Frau­en ist nicht, dass sie sich an der Schnitt­stel­le unter­schied­li­cher Herr­schafts­lo­gi­ken befin­den (denn das gilt für uns alle), son­dern dass sie sich dabei immer auf der Sei­te der Schwä­che­ren wie­der­fin­den. Ihre Ein­sich­ten wer­den als par­ti­ku­lar wahr­ge­nom­men und den „all­ge­mei­ne­ren“ Erfah­run­gen US-ame­ri­ka­ni­scher Bürger_innen, weis­ser Frau­en, weis­ser Arbei­ter, schwar­zer Män­ner oder weis­ser Les­ben unter­ge­ord­net. Sich in die­ser Situa­ti­on auf eine eige­ne Iden­ti­tät zu bezie­hen, oder genau­er: eine eige­ne Iden­ti­tät zu erfin­den und zu behaup­ten, heisst nichts ande­res, als sich die­ser Aus­lö­schung zu wider­set­zen.

Ali­cia Gar­za, Patris­se Cullors, and Opal Tome­ti, Kam­pa­gne: With Love and Respect: #Scho­l­ars­Re­spond to A Visi­on for Black Lives, Quel­le: aaihs.org

Iden­ti­täts­po­li­tik bedeu­tet dann, den eige­nen Erfah­run­gen durch gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung Bedeu­tung zu ver­lei­hen, und sie zum Aus­gangs­punkt einer Gesell­schafts­kri­tik zu machen, in der die eige­nen Belan­ge nicht negiert, son­dern abge­bil­det wer­den. Iden­ti­täts­po­li­tik hat folg­lich eine weit­rei­chen­de epis­te­mi­sche Dimen­si­on: Sie bringt Erkennt­nis­se her­vor, die in der bestehen­den Wis­sens­ord­nung nicht zum Vor­schein kom­men, die­se aber weit­rei­chend erschüt­tern kön­nen. Denn die Ein­sicht des Kol­lek­tivs, dass das Leben schwar­zer Frau­en in den USA weni­ger Wert ist als das­je­ni­ge ande­rer, steht in einem grund­le­gen­den Wider­spruch zum ame­ri­ka­ni­schen Selbst­ver­ständ­nis. Sie zeigt, dass bestimm­te Men­schen trotz des gel­ten­den Gleich­heits­ver­spre­chens als „less-than-human“ (Judith But­ler) behan­delt wer­den. Gleich­zei­tig berei­tet ein sol­ches alter­na­ti­ves Wis­sen den Boden für eine ande­re Bünd­nis­po­li­tik. Denn ent­ge­gen der Vor­stel­lung, Iden­ti­täts­po­li­tik sei die Kul­ti­vie­rung rei­ner Selbst­be­züg­lich­keit, erör­tert das Com­ba­hee River Collec­tive aus­gie­big die Mög­lich­keit von Koali­tio­nen, in denen das revo­lu­tio­nä­re Wis­sen schwar­zer Femi­nis­tin­nen nicht igno­riert, son­dern aner­kannt und genutzt wird.

Gleichheit ist kein gegebener Massstab

Gefragt nach einem Bespiel, das sei­ne For­de­rung nach einem post-iden­ti­tä­ren Libe­ra­lis­mus ver­deut­li­chen soll, führt Mark Lil­la in einem Inter­view die Ungleich­be­hand­lung schwar­zer Auto­fah­rer durch die Poli­zei an. Man müs­se einem womög­lich igno­ran­ten Gegen­über nicht die gan­ze Geschich­te der schwar­zen Bür­ger­rechts­be­we­gung erzäh­len, um ihn zu über­zeu­gen, dass die Ungleich­be­hand­lung schwar­zer Män­ner am Steu­er unrecht­mäs­sig sei, meint er. Es rei­che viel­mehr, auf die Maxi­me der Gleich­be­hand­lung zu pochen. Die­ser Vor­schlag klingt ver­nünf­tig. War­um greift er den­noch zu kurz? Weil er von einer angeb­lich uni­ver­sa­len Vor­stel­lung von Gleich­heit aus­geht, die wie ein pla­to­ni­sches Ide­al am gemein­sa­men Ide­en­him­mel hängt. Gleich­heit ist aber kein Mass­stab, auf den wir uns alle in glei­cher Wei­se bezie­hen. Viel­mehr stellt die Defi­ni­ti­on mensch­li­cher Gleich­heit seit dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert einen Schau­platz hef­tigs­ter sozia­ler Kämp­fe dar: fal­len ver­sklav­te Men­schen dar­un­ter, Frau­en, Kin­der, nicht-weis­se, nicht-west­li­che, nicht-sess­haf­te und nicht-christ­li­che Men­schen?

L to R: Opal Tome­ti, Ali­cia Gar­za und Patris­se Cullors Co-Foun­der von #Black­Live­s­Mat­ter. (Foto Patri­ce Cullors), Quel­le: kqed.org

Auf Lil­las Bei­spiel ange­wen­det bedeu­tet dies: Der schwar­ze Auto­fah­rer kann nicht davon aus­ge­hen, dass ein weis­ses Gegen­über mit sei­nem Kampf um Gleich­heit ver­traut ist. Er muss ihm erklä­ren, dass die Poli­zei unver­hält­nis­mäs­sig vie­le nicht-weis­se Men­schen für die Kon­trol­le selek­tio­niert. Er muss ihm vom weis­sen Zugriff auf schwar­ze Kör­per erzäh­len, der durch die Skla­ve­rei nor­ma­li­siert wor­den ist, von der Kri­mi­na­li­sie­rung schwar­zer Män­ner als Regie­rungs­ele­ment einer segre­gier­ten Gesell­schaft und von ihrer neo­li­be­ra­len Fort­füh­rung im „Pri­son Indus­tri­al Com­plex“ (Ange­la Davis). Er muss ihm dar­le­gen, war­um es „Black lives mat­ter“ heis­sen soll und nicht „All lives mat­ter“, wie dies zuwei­len gefor­dert wird, weil es näm­lich schwar­ze Leben sind, die in die­ser Gesell­schaft weni­ger zäh­len als ande­re, und weil die­se Hier­ar­chie von lebens­wer­tem Leben auf­ge­deckt und skan­da­li­siert wer­den muss, bevor von Gleich­heit gespro­chen wer­den kann. Er kommt, mit ande­ren Wor­ten, um iden­ti­täts­po­li­ti­sche Argu­men­te nicht her­um.

Das Paradox der Emanzipation

Mit Blick auf die moder­ne Frau­en­be­we­gung hat die His­to­ri­ke­rin Joan W. Scott vom Para­dox der Eman­zi­pa­ti­on gespro­chen. Die Crux mar­gi­na­li­sier­ter Men­schen besteht dem­nach dar­in, dass sie den fal­schen Uni­ver­sa­lis­mus der Mehr­heits­ge­sell­schaft nicht ohne Bezug­nah­me auf die Dif­fe­renz anfech­ten kön­nen, in deren Namen sie aus der All­ge­mein­heit aus­ge­schlos­sen wer­den. Das ist auch der Grund, war­um die For­de­rung nach einem Ende der Iden­ti­täts­po­li­tik, die zur­zeit vor allem von weis­sen Män­nern erho­ben wird, bei vie­len auf Unmut stösst. Der Autor Ta-Nehi­si Coa­tes z.B. schreibt lako­nisch, die Pro­ble­me weis­ser Män­ner gel­ten immer als „öko­no­misch“ rele­vant, wäh­rend alle ande­ren angeb­lich nur ver­such­ten, über ihre Gefüh­le zu spre­chen. Coa­tes kri­ti­siert damit, dass die Ein­tei­lung poli­ti­scher Anlie­gen in wich­ti­ge und unwich­ti­ge, in Haupt- und Neben­wi­der­sprü­che aus der Posi­ti­on jener erfolgt, die im Kampf um Reprä­sen­ta­ti­on immer schon auf der Gewin­ner­sei­te ste­hen. Als erschwe­rend erweist sich dabei, dass mit die­ser pri­vi­le­gier­ten Posi­ti­on eine epis­te­misch bedeut­sa­me Beschränkt­heit der eige­nen Erfah­rung ein­her­geht: Wer sich selbst nicht im Para­dox der Eman­zi­pa­ti­on wie­der­fin­det, dem fehlt (falls er sie sich nicht über Ande­re ange­eig­net hat) die poli­tisch rele­van­te Pra­xis, aus der Dif­fe­renz her­aus agie­ren zu müs­sen.

Doch auch die­se Kon­stel­la­ti­on ist in Bewe­gung. Auf die Rol­le der Iden­ti­täts­po­li­tik für die letz­ten US-ame­ri­ka­ni­schen Wah­len ange­spro­chen, bestä­tigt der Phi­lo­soph Charles W. Mills, dass die­se für den Sieg von Trump aus­schlag­ge­bend gewe­sen sei. Um sogleich anzu­fü­gen, dass er von der weis­sen ras­si­schen Iden­ti­täts­po­li­tik spricht, wel­che die USA von Geburt an geprägt habe.

Mills ist eine von vie­len Stim­men, wel­che Trumps Kam­pa­gne als Aus­druck einer weis­sen Iden­ti­täts­po­li­tik deu­ten. Eine sol­che Ana­ly­se ver­schiebt die Bedeu­tung des Begriffs auf ent­schei­den­de Wei­se: Denn nicht die gemein­sa­me Unter­drü­ckungs­er­fah­rung, son­dern die kol­lek­ti­ve Ver­tei­di­gung von Pri­vi­le­gi­en defi­niert eine weis­se Iden­ti­täts­po­li­tik. Mit dem rhe­to­ri­schen Dreh gelingt es aber, die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der weis­se männ­li­che Poli­ti­ker das Uni­ver­sa­le beset­zen, in einer brei­ten Öffent­lich­keit in Fra­ge zu stel­len. Mit einem ful­mi­nan­ten Ergeb­nis: Wenn Whiteness, so Lai­la Lal­a­mi, nicht mehr als still­schwei­gen­de Stan­dard­ein­stel­lung gilt, dann mutiert sie zu einer Iden­ti­tät unter ande­ren. Damit drängt sich die Ein­sicht auf, dass jede Poli­tik Iden­ti­täts­po­li­tik ist, auch wenn sie bis­lang nicht als sol­che bezeich­net wor­den ist.

Von Patricia Purtschert

Patricia Purtschert ist Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern.