Geschichten der Gegenwart
Louise Brown, das erste "test-tube"-Baby, 1978, Quelle: culture24.org.uk

Loui­se Brown, das ers­te “test-tube”-Baby, 1978, Quel­le: culture24.org.uk

Im Jahr 1978 kam in Eng­land das ers­te Kind zur Welt, das durch eine Ver­ei­ni­gung von Eizel­le und Sper­mi­um in einem Glas („in vitro“) ent­stan­den war. Seit­her haben sich welt­weit Mil­lio­nen von Paa­ren, die auf natür­li­chem Weg kei­ne Kin­der zeu­gen kön­nen, für die­sen Weg ent­schie­den. Die Metho­den der Fort­pflan­zungs­me­di­zin ent­wi­ckel­ten sich in die­ser Zeit lau­fend wei­ter und die zunächst nied­ri­gen Erfolgs­ra­ten stie­gen lang­sam an. Seit den 1990er Jah­ren steht zudem die Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID) zur Ver­fü­gung, die es ermög­licht, Embryo­nen gene­tisch zu unter­su­chen, bevor sie in die Gebär­mut­ter ein­ge­setzt wer­den.

Das Ziel die­ser Metho­de ist es, die Chan­ce auf eine erfolg­rei­che Schwan­ger­schaft zu erhö­hen und die Wei­ter­ga­be von Gen­de­fek­ten zu ver­hin­dern. Was in fast allen euro­päi­schen Län­dern bereits seit län­ge­rer Zeit erlaubt ist, soll mit dem neu­en Fort­pflan­zungs­me­di­zin­ge­setz, über das am 5. Juni abge­stimmt wird, auch in der Schweiz nicht län­ger ver­bo­ten sein. Dabei soll die PID laut Gesetz nur für Paa­re zuge­las­sen wer­den, die Trä­ger von schwe­ren Erb­krank­hei­ten sind oder auf natür­li­chem Weg kei­ne Kin­der bekom­men kön­nen. Expli­zit ver­bo­ten bleibt eine Aus­wahl der Embry­os nach Geschlecht oder nach äus­se­ren Merk­ma­len wie Augen- oder Haar­far­be.

Trotz die­ser Ein­schrän­kun­gen ist gegen das Gesetz das Refe­ren­dum ergrif­fen wor­den. Das Haupt­ar­gu­ment der Geg­ner lau­tet: Mit der PID wer­de eine Selek­ti­on zwi­schen „lebens­wert“ und „lebens­un­wert“ vor­ge­nom­men und damit Euge­nik im Labor betrie­ben. In der Medi­en­map­pe des Nein-Komi­tees war­nen Poli­ti­ker von links bis rechts davor, dass wir uns mit dem revi­dier­ten Gesetz „auf den gefähr­li­chen Weg der Euge­nik“ bege­ben wür­den, und über­bie­ten sich rhe­to­risch in apo­ka­lyp­ti­scher Dra­ma­tik. Laut SVP-Natio­nal­rat Jean-Luc Addor ent­wick­le sich die Fort­pflan­zungs­me­di­zin in Rich­tung einer „Todes­dis­zi­plin“, die es ermög­li­chen wer­de, dass behin­der­te Kin­der „in keim­frei­en Labo­ra­to­ri­en von Trä­gern weis­ser Kit­tel getö­tet“ wür­den; die Natio­nal­rä­tin der Grü­nen, Chris­ti­ne Häs­ler, spricht von „gene­tisch opti­mier­ten Kin­dern“ und der Bio­ethi­ker Antoi­ne Sua­rez will wis­sen, dass das neue Gesetz „das tue, was Ras­sis­ten aller Zei­ten getan“ hät­ten. Die Wör­ter „Euge­nik“ und „euge­nisch“ kom­men in der nur weni­ge Sei­ten umfas­sen­den Map­pe nicht weni­ger als zwölf Mal vor.

Ausweitung des Eugenikbegriffs

Die düs­te­ren Sze­na­ri­en, die hier gezeich­net wer­den, fol­gen offen­sicht­lich einer Skan­da­li­sie­rungs­stra­te­gie, die weni­ger um inhalt­li­che Stim­mig­keit als um media­le Auf­merk­sam­keit bemüht ist. Bemer­kens­wert ist jedoch, dass auch nam­haf­te Exper­ten zum Schluss kom­men, die PID wei­se einen euge­ni­schen Cha­rak­ter auf. Zu die­sen gehö­ren der Rechts­phi­lo­soph Kurt Seel­mann und die Juris­tin Danie­la Dem­ko, die 2013 im Auf­trag des Bun­des­am­tes für Gesund­heit ein Gut­ach­ten mit dem Titel „Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID) und Euge­nik“ ver­öf­fent­lich­ten. Das Gut­ach­ten betont zwar, dass ins­ge­samt rechts­ethisch gute Grün­de (so vor allem die Fort­pflan­zungs­frei­heit) für eine Zulas­sung der PID spre­chen wür­den.

menschliches Embryo im Vierzellstadium, Quelle: newscientist.com

Mensch­li­ches Embryo im Vier­zell­sta­di­um, Quel­le: newscientist.com

In Bezug auf die Euge­nik gibt das Gut­ach­ten jedoch den Geg­nern der Libe­ra­li­sie­rung Recht. Aus­schlag­ge­bend dafür ist eine sehr exten­si­ve Defi­ni­ti­on des Euge­nik­be­griffs, denn die bei­den Juris­ten hal­ten für die­sen ledig­lich eine Kom­bi­na­ti­on von Selek­ti­on und Bewer­tung für kon­sti­tu­tiv. Als euge­nisch beur­tei­len sie dem­nach bereits jede Aus­le­se zwi­schen als „gut“ und „weni­ger gut“ beur­teil­ten Eigen­schaf­ten, womit es durch­aus fol­ge­rich­tig wird, die PID an sich als euge­nisch zu bezeich­nen. Ent­ge­gen dem Selbst­ver­ständ­nis der­je­ni­gen, die sich im 20. Jahr­hun­dert tat­säch­lich als Euge­ni­ker ver­stan­den, spie­len in die­ser aktu­el­len rechts­theo­re­ti­schen Begriffs­fas­sung Inten­tio­nen kei­ner­lei Rol­le. Für eine Zuord­nung zur Euge­nik sei uner­heb­lich, ob der Selek­ti­on der indi­vi­du­el­le Wunsch von Eltern nach einem Kind zugrun­de lie­ge oder die­se etwa der Ver­bes­se­rung einer „Ras­se“ die­nen sol­le.

Das Gut­ach­ten spie­gelt damit eine Ten­denz wider, die Euge­nik von ihrem his­to­ri­schen Kon­text zu lösen und in ein abs­trak­tes Prin­zip zu ver­wan­deln, das schein­bar zeit­los ist. Eine sol­che ahis­to­ri­sche Sicht­wei­se ist vor allem des­halb pro­ble­ma­tisch, weil sie eine zen­tra­le Dimen­si­on der aktu­el­len Dis­kus­si­on um Euge­nik aus­blen­det, näm­lich den Bezug zur Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts. Wer die Euge­nik argu­men­ta­tiv ins Spiel bringt – wie etwa die oben zitier­ten Poli­ti­ker –, dem geht es ja gera­de dar­um, his­to­ri­sche Asso­zia­tio­nen zu wecken, also etwa euge­nisch moti­vier­te Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Erin­ne­rung zu rufen. Das nor­ma­ti­ve Gewicht des Euge­nikar­gu­ments liegt vor allem dar­in, dass es eine Ver­bin­dung zu einer als kata­stro­phal bewer­te­ten Ver­gan­gen­heit behaup­tet. Aus die­sem Grund soll­te die Fra­ge, ob die PID und damit die geplan­te Revi­si­on des Fort­pflan­zungs­me­di­zin­ge­set­zes nun wirk­lich in Kon­ti­nui­tät zur Euge­nik steht, nicht durch abs­trak­te rechts­ethi­sche Erwä­gun­gen, son­dern eben his­to­risch über­prüft wer­den.

Kontinuitäten der Eugenik?

Die Euge­nik ist kein zeit­lo­ses Phä­no­men, son­dern eine genu­in moder­ne wis­sen­schaft­li­che Strö­mung, die sich Ende des 19. Jahr­hun­derts for­mier­te und ihren Höhe­punkt in der Zwi­schen­kriegs­zeit erreich­te. Modern war sie unter ande­rem des­halb, weil sie sich stets an neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen und tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen ori­en­tier­te, aber auch, weil sie zu einer Ratio­na­li­sie­rung von Sexua­li­tät und Fort­pflan­zung bei­trug, wie sie für das 20. Jahr­hun­dert prä­gend war. Es ist des­halb rich­tig, die Euge­nik nicht ledig­lich als ein abge­schlos­se­nes his­to­ri­sches Phä­no­men zu betrach­ten, auch wenn die inter­na­tio­na­le Bewe­gung der Euge­nik seit dem Zwei­ten Welt­krieg einen Nie­der­gang erfuhr. Welt­an­schau­lich war die Euge­nik äus­serst hete­ro­gen; das gemein­sa­me Ziel bestand aber immer dar­in – und dar­an hiel­ten auch libe­ral ori­en­tier­te Euge­ni­ker der Nach­kriegs­zeit fest –, die Erb­an­la­gen der Bevöl­ke­rung zu „ver­bes­sern“ bzw. „Ver­schlech­te­run­gen“ der­sel­ben zu ver­hin­dern.

Die Euge­nik ziel­te also auf die Erb­ge­sund­heit von „ima­gi­ned com­mu­nities“ ab, sei dies eine Nati­on, eine „Ras­se“ oder die gan­ze Mensch­heit. Damit besteht ein wesent­li­cher Unter­schied zum heu­ti­gen Dis­kurs der Fort­pflan­zungs­me­di­zin: Die PID wird nicht mit einer Sor­ge um den „Gen­pool“ der Bevöl­ke­rung legi­ti­miert; es geht hier weder um „Volks­ge­sund­heit“ noch um die Visi­on einer gene­tisch opti­mier­ten Bevöl­ke­rung. Viel­mehr ist für die Befür­wor­ter einer weni­ger restrik­ti­ven Rege­lung der Fort­pflan­zungs­me­di­zin das Argu­ment der Fort­pflan­zungs­au­to­no­mie zen­tral: Dem­nach stellt das Ver­bot der PID einen unnö­ti­gen Ein­griff des Staa­tes in die Fort­pflan­zungs­frei­heit von Indi­vi­du­en dar; es sei, so argu­men­tie­ren sie, pro­ble­ma­tisch, wenn der Staat betrof­fe­ne Paa­re dar­an hin­de­re, ihren Kin­der­wunsch zu erfül­len. Gemäss die­ser libe­ra­len Sicht­wei­sen sol­len Paa­re auch ihre Belas­tungs­gren­zen selbst defi­nie­ren dür­fen und bei­spiels­wei­se eigen­ver­ant­wort­lich ent­schei­den, ob sie es als zumut­bar emp­fin­den, wenn ihr Kind mit einer schwe­ren Erb­krank­heit zur Welt kommt.

Kri­ti­ker der Fort­pflan­zungs­me­di­zin wen­den nun ein, dass genau die­se Sicht­wei­se einer neu­en „libe­ra­len“ Euge­nik den Weg berei­te. Die elter­li­che Auto­no­mie ände­re nichts am selek­ti­ven Pro­zess, wel­cher der PID inhä­rent sei. Es kom­me also nicht auf die Absich­ten, son­dern auf die Wir­kun­gen an. Betrof­fe­ne Paa­re sei­en sich zwar des­sen nicht bewusst, aber der kumu­la­ti­ve Effekt ihrer indi­vi­du­el­len Ent­schei­dun­gen füh­re zu der­sel­ben Selek­ti­on, wel­che die tra­di­tio­nel­le Euge­nik mit staat­li­chen Zwangs­mass­nah­men errei­chen woll­te. Gemäss die­sem Argu­ment erfüllt die PID den alten Traum der Euge­ni­ker, dass näm­lich als „lebens­un­wert“ beur­teil­tes Leben gar nicht erst gebo­ren wer­de.

Die­se Behaup­tung muss zunächst quan­ti­ta­tiv rela­ti­viert wer­den. Die PID wird in der Schweiz vor­aus­sicht­lich bei weni­ger als 1 Pro­zent aller Gebur­ten ange­wen­det wer­den. Der selek­ti­ve Effekt dürf­te dem­nach bei wei­tem gerin­ger sein als bei der Prä­na­tal­dia­gnos­tik, die sich zur Stan­dard­un­ter­su­chung ent­wi­ckelt hat und – im Unter­schied zur PID – von der Kran­ken­kas­se bezahlt wird (und etwa bei Tri­so­mie 21 in rund 90 Pro­zent der Fäl­le zu Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen führt). Vor allem aber stellt sich die Fra­ge: Plä­dier­ten Euge­ni­ker tat­säch­lich für die­sel­be Selek­ti­on, wie sie heu­te mit Hil­fe der PID vor­ge­nom­men wird? Wel­che Kin­der soll­ten den Euge­ni­kern zufol­ge nicht gebo­ren wer­den?

Fortpflanzungsmedizin als Alptraum der Eugeniker

Bekannt­lich war für die Euge­nik ein Argu­ment zen­tral, das sich aus dem popu­lä­ren Dar­wi­nis­mus des spä­ten 19. Jahr­hun­derts speis­te. Die­ses besagt, dass die „natür­li­che Selek­ti­on“ zu einer „Höher­ent­wick­lung“ des mensch­li­chen Lebens füh­re. Die Kri­sen­dia­gno­se der Euge­ni­ker bestand nun dar­in, dass in moder­nen Gesell­schaf­ten die­se „natür­li­che Selek­ti­on“ zuneh­mend aus­ser Kraft gesetzt wer­de, weil zivi­li­sa­to­ri­sche Errun­gen­schaf­ten es auch „Schwa­chen“ und „Unge­sun­den“ ermög­li­chen wür­den, sich fort­zu­pflan­zen. Damit wür­den „schlech­te“ Erb­an­la­gen in der Bevöl­ke­rung zuneh­men – und genau dies galt es aus euge­ni­scher Sicht zu ver­hin­dern.

Erbgesundheits-Propaganda, Deutschland, 1930er Jahre; Quelle: schule-bw.de

Erb­ge­sund­heits-Pro­pa­gan­da, Deutsch­land, 1930er Jah­re; Quel­le: schule-bw.de

Vor die­sem Hin­ter­grund bewer­te­ten Euge­ni­ker die Errun­gen­schaf­ten der Medi­zin; ihre zen­tra­le Fra­ge lau­te­te daher, ob die Medi­zin eine euge­ni­sche oder aber eine dys­ge­ni­sche – also eine den „Gen­pool“ ver­schlech­tern­de – Wir­kung ent­fal­te. Einer der ein­fluss­reichs­ten Euge­ni­ker der Schweiz, der Zür­cher Anthro­po­lo­ge Otto Schlagin­hau­fen, beur­teil­te bei­spiels­wei­se in einem pro­gram­ma­ti­schen Text von 1916 „die geburts­hilf­li­chen Ein­grif­fe, wel­che den Sinn haben, der ver­min­der­ten Gebär­fä­hig­keit ein­zel­ner Frau­en zu Hil­fe zu kom­men.“ Dabei hob er die dys­ge­ni­sche Wir­kung die­ser medi­zi­ni­schen Hil­fe her­vor: „So lang der Mensch nicht die Mit­tel besass, auch den Gebär­un­fä­hi­gen leben­de und lebens­fä­hi­ge Kin­der zu schen­ken, wal­te­te die natür­li­che Selek­ti­on ihres aus­mer­zen­den Amtes. Heu­te aber steht dank der hoch­ent­wi­ckel­ten ope­ra­ti­ven Tech­nik einer Ver­er­bung der Unfä­hig­keit zu gebä­ren, nicht viel im Wege.“

Der Zür­cher Euge­ni­ker nahm damit deut­lich Stel­lung gegen eine Art Fort­pflan­zungs­me­di­zin avant la lett­re. Ähn­li­che Argu­men­ta­tio­nen fin­den sich bei vie­len Euge­ni­kern: Sie beklag­ten, dass die neu­en Mög­lich­kei­ten der Medi­zin Paa­ren zu Nach­wuchs ver­hel­fen wür­den, die von „Natur“ aus nicht zur Fort­pflan­zung fähig wären. Damit wür­den die­se ihre „schlech­ten Erb­an­la­gen“ an ihre Nach­kom­men wei­ter­ge­ben und damit die Gesell­schaft auch sozio­öko­no­misch belas­ten. Die meis­ten Euge­ni­ker waren also dezi­diert gegen medi­zi­ni­sche Ein­grif­fe, die einen Kin­der­wunsch zu erfül­len ver­spra­chen.

Para­do­xer­wei­se wird heu­te also eine Pra­xis als euge­nisch kri­ti­siert, die füh­ren­de Expo­nen­ten der euge­ni­schen Bewe­gung als dys­ge­nisch ver­ur­teilt hät­ten. Euge­ni­ker wie Schlagin­hau­fen woll­ten Per­so­nen­grup­pen von der Fort­pflan­zung aus­schlies­sen, die heu­te gera­de zu poten­ti­el­len Nut­zern der PID gehö­ren: Men­schen mit Behin­de­run­gen, chro­nisch Kran­ke oder Trä­ger von Erb­krank­hei­ten. Die moder­ne Fort­pflan­zungs­me­di­zin erfüllt also nicht den alten Traum der Euge­ni­ker, son­dern sie stellt viel eher deren Alp­traum dar.

Die „Natur austricksen“

Die­se iro­ni­sche Poin­te ist für die heu­ti­gen Dis­kus­sio­nen von Bedeu­tung. Die hier skiz­zier­ten Argu­men­te der Euge­ni­ker sind näm­lich aus der gegen­wär­ti­gen Debat­te nicht gänz­lich ver­schwun­den. Zu den weni­gen Medi­zi­nern, die sich an vor­ders­ter Front gegen das neue Fort­pflan­zungs­me­di­zin­ge­setz enga­gie­ren, gehört der Ber­ner Kar­dio­lo­gie Urs Scher­rer, der in den Wer­be­ma­te­ria­len des Nein-Komi­tees pro­mi­nent zu Wort kommt. Dort ver­weist er stets auf von ihm selbst durch­ge­führ­te Stu­di­en, die zei­gen wür­den, dass Kin­der, die im Labor gezeugt wor­den sei­en, ein erhöh­tes Risi­ko hät­ten, spä­ter an Herz­kreis­lauf­er­kran­kun­gen oder Dia­be­tes zu erkran­ken. Dass Scher­rers Auf­fas­sun­gen in der medi­zi­ni­schen Fach­welt umstrit­ten sind, soll nicht wei­ter aus­ge­führt wer­den. Wich­tig ist hier sei­ne Argu­men­ta­ti­on: Sei­ne Stu­di­en wür­den bele­gen, dass die Fort­pflan­zungs­me­di­zin einen „wichtige[n] Risi­ko­fak­tor für die lang­fris­ti­ge Gesund­heit“ der Bevöl­ke­rung bil­de, weil die Risi­ken über Gene­ra­tio­nen wei­ter­ver­erbt wür­den.

Der Kar­dio­lo­ge stellt also die Fort­pflan­zungs­me­di­zin nicht nur als Gefahr für die Volks­ge­sund­heit dar, son­dern führt auch ein Kos­ten­ar­gu­ment an, das bereits bei Euge­ni­kern äus­serst beliebt war: So warnt er vor den „erheb­li­chen sozio­öko­no­mi­schen Fol­gen“, die eine Ver­er­bung der Risi­ken zei­ti­gen wür­de. Es sei des­halb abzu­leh­nen – so Scher­rer in einem NZZ-Arti­kel –, „poli­tisch kor­rek­te Lösun­gen für den Kin­der­wunsch aller nur denk­ba­ren Grup­pen zu offe­rie­ren“. Der Ber­ner Medi­zi­ner spricht zwar nicht wie Schlagin­hau­fen von der „natür­li­chen Selek­ti­on“, die aus­ge­schal­tet wer­de; er argu­men­tiert aber ganz ana­log, die Fort­pflan­zungs­me­di­zin wür­de unzu­läs­sig „die Natur aus­trick­sen“ und dies zum gesund­heit­li­chen Scha­den der nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen. In den­sel­ben Mate­ria­li­en des Nein-Komi­tees, in der Poli­ti­ker mit Inbrunst vor einer Wie­der­ge­burt der Euge­nik war­nen, fin­den sich folg­lich Argu­men­ta­tio­nen, die deut­li­che Affi­ni­tä­ten zu den antie­ga­li­tä­ren Gesell­schafts­deu­tun­gen der Euge­nik auf­wei­sen.

Man kann es dre­hen und wen­den, wie man will: Es ist nicht plau­si­bel, dass das neue Fort­pflan­zungs­me­di­zin­ge­setz zu einer neu­en Euge­nik führt. In zen­tra­ler Hin­sicht ist es der Euge­nik gera­de­zu ent­ge­gen­ge­setzt. Es will gera­de nicht bestimm­te Per­so­nen­grup­pen von der Repro­duk­ti­on aus­schlies­sen, son­dern im Gegen­teil: Die teil­wei­se Zulas­sung der PID zielt dar­auf ab, allen Men­schen – egal, ob sie als „unge­sund“ oder als „Risi­ko behaf­tet“ gel­ten – eine mög­lichst wenig ein­ge­schränk­te Fort­pflan­zungs­au­to­no­mie zu gewäh­ren. Letzt­lich geht es bei der Abstim­mung vom 5. Juni um die Fra­ge, ob die Mehr­heit einer klei­nen Min­der­heit eine opti­ma­le medi­zi­ni­sche Behand­lung zuge­steht, um ihren Kin­der­wunsch zu ver­wirk­li­chen. Die Erfül­lung die­ses Wun­sches ist näm­lich das pri­mä­re Ziel von betrof­fe­nen Paa­ren und nicht die Ver­hin­de­rung von Erb­krank­hei­ten – und schon gar nicht eine gene­ti­sche Opti­mie­rung. Im Kern han­delt es sich folg­lich ein­mal mehr um eine Abstim­mung, in der die Mehr­heits­ge­sell­schaft über Leid und Hoff­nung einer klei­nen Min­der­heit bestimmt.

zitierte Literatur:
Otto Schlaginhaufen: Sozial-Anthropologie und Krieg, Zürich 1916

Von Pascal Germann

Pascal Germann ist Oberassistent am Institut für Medizingeschichte der Universität Bern. Er promovierte an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich mit einer Arbeit zur Geschichte der Vererbungsforschung in der Schweiz.