Schwan­gere werden angeb­lich von Hormonen beherrscht. Das sagen sie selbst und das sagen andere. Ihr Bauch wächst, ihr Appetit steigt, sie weinen, sie sind glück­lich oder werden depressiv – alles aufgrund ihrer hormo­nellen Situa­tion. Dabei wird den so genannten Schwan­ger­schafts­hor­monen mal die Rolle der ratio­na­lis­ti­schen Erfül­lungs­ge­hilfen attes­tiert, die zum Beispiel die embryo­nale Versor­gung sicher­stellen, mal werden sie als Agenten des Chaos ange­sehen, die Körper und Geist über­schwemmen. Dass die Gefühle von (schwan­geren) Frauen auf ihren Körper redu­ziert werden, beginnt im ausge­henden 18. Jahr­hun­dert, in der Forma­ti­ons­zeit der medi­zi­ni­schen Geburts­hilfe. Das Befinden von Frauen während der Schwan­ger­schaft wurde in medi­zi­ni­schen Diskursen immer mehr zum Thema, und damit einher gingen verschie­dene Ideen über den emotio­nalen Zustand von Schwan­geren, die sich in der Ratge­ber­li­te­ratur, medi­zi­ni­schen Lehr­bü­chern und wissen­schaft­li­chen Texten zeigen und die deut­lich machen: Der Effekt dieser Ideen war (und ist) es unter anderem, die Geschlech­ter­kli­schees der sich heraus­bil­denden bürger­li­chen Geschlech­ter­ord­nung zu zemen­tieren.

Reizbare Verstimmung

Im 18. und 19. Jahr­hun­dert domi­nierte zunächst die Vorstel­lung, dass Schwan­gere auf Grund ihres Nerven­sys­tems zu einer Stim­mungs­ver­schlech­te­rung und Reiz­bar­keit neigen würden. Die Mutter­liebe als posi­tives Element kam in der Fach­li­te­ratur in diesem Zusam­men­hang kaum zur Sprache, zumal die Schwan­ger­schaft an sich zunächst weder für die Medizin noch für die Bevöl­ke­rungs­po­litik eine große Bedeu­tung hatte. Die medi­zi­ni­sche Geburts­hilfe konzen­trierte sich primär auf die Entbin­dung, folg­lich bekamen viele Ärzte ihre Pati­en­tinnen – meist zahlungs­fä­hige Frauen aus Bürgertum und Adel – während der Schwan­ger­schaft kaum zu Gesicht. Auch die bevöl­ke­rungs­po­li­ti­schen Schriften befassten sich noch wenig mit der Schwan­ger­schaft, sie zielten zunächst auf eine Stei­ge­rung des ‚gesunden Anteils der Bevöl­ke­rung’.

Johann Fried­rich August Tisch­bein: Portrait einer Familie, ca. 1795–1800; Quelle: rmn.fr

Erste Maßnahmen rich­teten sich ab dem 18. Jahr­hun­dert darauf, die hohe Säug­lings­sterb­lich­keit zu verrin­gern, für die vor allem das Ammen­wesen verant­wort­lich gemacht wurde. Die Frauen sollten ihre Kinder gefäl­ligst selbst stillen, und damit rückte auch die Idee der ‚Mutter­liebe’ ins Zentrum der Debatte. Ein wich­tiger Wegbe­reiter war der Schweizer Aufklä­rungs­phi­lo­soph Jean-Jaques Rous­seau, der das Stillen roman­ti­sierte und die Kind­heit als eine eigen­stän­dige Phase der Entwick­lung verstand, die einer beson­deren Pflege durch die Prot­ago­nistin ‚Mutter’ bedurfte. Die Mutter­liebe fand nun in viele zeit­ge­nös­si­sche Ratgeber und medi­zi­ni­sche Lehr­bü­cher Eingang, jedoch nur für die Zeit nach der Geburt. In den Abschnitten zur Schwan­ger­schaft fehlte sie weiterhin.

Die Diagnose von der schlechten Stim­mung während der Schwan­ger­schaft passte zu der sich formie­renden bürger­li­chen Geschlech­ter­ord­nung: Zur Verhin­de­rung der angeb­lich ‚nervösen Verstim­mung’ der Schwan­geren sollten diese ihre ‚reiz­baren Nerven’ möglichst schonen. Das heißt, sie sollten sich am besten ruhig und genügsam im weib­lich konno­tierten privaten Raum aufhalten, fernab von den poten­zi­ellen Aufre­gungen des männ­lich konno­tierten öffent­li­chen Lebens.

Stimmungsverbesserung und Muttergefühl

Ab 1900 erscheinen Schwan­gere in der medi­zi­ni­schen Fach­li­te­ratur und den Ratge­bern dann ausge­gli­chener. Allmäh­lich entstand die Vorstel­lung einer posi­tiven schwan­geren Emotio­na­lität, und zugleich wurde nun die Unter­schei­dung zwischen Schwan­geren mit ‚gesunden Anlagen’ und vermeint­lich dege­ne­rierten Frauen wich­tiger. Fest­ge­macht wurde diese Diffe­renz erneut am Körper, das Bezugs­system verschob sich jedoch: Nicht mehr die Stim­mung, sondern die körper­liche Konsti­tu­tion und die Erban­lagen galten nun als entschei­dend. Ansätze der Eugenik und Rassen­hy­giene, Ideen einer mögli­chen ‚Hinauf­züch­tung des Volkes’, die im Natio­nal­so­zia­lismus eine mörde­ri­sche Zuspit­zung erfahren sollten, hatten hier einen Ursprung.

Nach Meinung der dama­ligen Experten entschied die Konsti­tu­tion über den Zustand des Nerven­sys­tems – und nur dieje­nigen Schwan­geren mit zwei­fel­hafter Anlage neigten gemäß medi­zi­ni­scher Lehr­mei­nung zur Verstim­mung, während sich „erbge­sunde“ Frauen einer stabilen Stim­mung erfreuten, durch ihren Zustand zufrie­dener, gesünder und robuster wurden. Vorhe­rige nervöse Leiden sollten durch die Schwan­ger­schaft sogar behoben werden und mütter­liche Gefühle hielten nun auch Einzug in die Phase der Schwan­ger­schaft. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts findet sich bereits verein­zelt die Idee, ‚Mutter­in­stinkte’ würden durch die Kinds­be­we­gungen wie mecha­ni­sche Reflexe ausge­löst.

Gertrude Käse­bier: Mutter­glück, Foto­grafie, 1903; Quelle: photoseed.com

Die Schwan­ger­schaft wurde zuneh­mend in den Bereich der Medizin inte­griert, die durch die Etablie­rung der Sozi­al­ver­si­che­rung und Kran­ken­kassen auch für brei­tere Bevöl­ke­rungs­schichten zugäng­li­cher wurde. Schließ­lich wurde 1929 der erste endo­krine Schwan­ger­schafts­test einge­führt und es entstanden Ideen einer insti­tu­tio­na­li­sierten präpar­talen Vorsorge für alle Schwan­gere. Dieser Prozess hatte mehrere Folgen: Nicht nur kamen Medi­ziner (und erste Medi­zi­ne­rinnen) in inten­si­veren Kontakt zu Schwan­geren in unter­schied­li­chen Lebens­si­tua­tionen. Die zuneh­mende Medi­ka­li­sie­rung von Schwan­ger­schaft führte auch dazu, dass neue Gebiete der Forschung gesucht und gefunden wurden – Emotio­na­lität war eines davon.

Durch die parallel aufkom­menden heftigen Debatten über ein mögli­ches Recht auf Abtrei­bung geriet die schwan­gere Emotio­na­lität noch mehr ins Visier. Der Medi­ziner Paul Willy Siegel, der 1919 als einer der ersten Forscher die Exis­tenz eines „Mutter­schafts­ge­fühls“ in der Schwan­ger­schaft postu­lierte, argu­men­tierte folgen­der­massen gegen Abtrei­bung und für die „Erhal­tung unserer Volks­kraft“: Wenn gesunde Frauen spätes­tens nach Einsetzen der Kinds­be­we­gungen Mutter­glück empfinden, würde ein zuvor geäu­ßerter Wunsch nach einem Abort verschwinden. Auf diese Weise konnten Frauen zu Schwan­ger­schafts­be­ginn darauf vertröstet werden, dass ihre nega­tiven Gefühle nicht ‚echt’ seien, würde doch im späteren Schwan­ger­schafts­ver­lauf der ‚natür­liche Mutter­in­stinkt’ und die Stim­mungs­ver­bes­se­rung einsetzen.

Nach dem Zweiten Welt­krieg inten­si­vierte sich – vor allem in Ratge­ber­li­te­ratur und medi­zi­ni­schen Diskursen in West­deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz – die Vorstel­lung, Schwan­ger­schaft würde grund­sätz­lich zu einer Stim­mungs­ver­bes­se­rung führen, von höchstem Mutter­glück und tiefster Liebe war nun die Rede. Die Schwan­gere sollte zudem von Ruhe erfüllt sein, sich von der äußeren Welt zurück­ziehen und sich emotional nach innen hin zum Kind wenden. Dieses Emoti­ons­muster korre­spon­dierte mit den Geschlech­ter­rollen der 1950er und 1960er Jahren. Gerade in West­deutsch­land kam es in den Nach­kriegs­jahren zum Rückzug ins Idyll des Privaten, in dem tradi­tio­na­lis­ti­sche Weib­lich­keits­bilder und die Haus­frau­enehe wieder verbind­liche Ziele darstellten. Die schwan­gere Physis brachte, nach idealer Vorstel­lung im medi­zi­ni­schen Diskurs, die schwan­gere Psyche dazu, sich in eine glück­liche Haus­frau und Mutter zu verwan­deln.

Hormonelle Stimmungsschwankungen

Zu Beginn der 1980er Jahre voll­zogen sich zwei weitere Prozesse: Hormone, die in der Ratge­ber­li­te­ratur zu Schwan­ger­schaft bislang selten erwähnt worden waren, gewannen nun eine zentrale Bedeu­tung als Erklä­rung für körper­liche Phäno­mene. Es etablierte sich zuneh­mend die Idee der hormo­nellen Stim­mungs­schwan­kungen. Die Schwan­gere schien zwischen emotio­nalen Aufs und Abs gefangen, sie war zerrissen zwischen tränen­rei­cher Mutter­liebe und plötz­li­chen Wutan­fällen. Hier zeigte sich ein deut­li­cher Bruch zur Roman­ti­sie­rung schwan­gerer Gefühle, wie sie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts vorge­herrscht hatte. Statt­dessen wurden nun posi­tive Gefühle wie begin­nende Mutter­liebe ironi­siert, man macht sich lustig darüber, bezeich­nete sie als über­trieben und senti­mental.

Hier zeigt sich die eingangs erwähnte Rede von der ‚Irra­tio­na­lität’, also die Vorstel­lung, Frauen seien während der Schwan­ger­schaft nicht ganz zurech­nungs­fähig, die als Resultat eines gesell­schaft­li­chen Wandels gewertet werden kann. Erneut hatte sich die gesell­schaft­liche Rolle der Frau verän­dert, Bildungs­grad und Erwerbs­tä­tig­keit stiegen, das Leit­bild der Haus­frau wurde in Frage gestellt und ein neues Ideal propa­giert: das der ewig attrak­tiven Frau, die Kind und Karriere scheinbar mühelos verbindet. Zudem führten stagnie­rende Einkom­mens­ver­hält­nisse dazu, dass auch in der Mittel­schicht mehr Mütter erwerbs­tätig sein mussten. Die meisten entschieden sich für die Teil­zeit­be­schäf­ti­gung, was die idea­li­sierten Karrie­re­mög­lich­keiten wiederum erheb­lich einschränkte. Bis heute arbeiten in Deutsch­land etwa 69 Prozent der Mütter in Teil­zeit, die meisten geben als Grund für diese Beschäf­ti­gungs­form das Verein­bar­keits­pro­blem an. Dem stehen nur 6 Prozent von Vätern in Teil­zeit entgegen.

Film­plakat, 2016; Quelle: pinterest.com

Das aktu­elle Ideal der Super-Karriere-Mom steht in starkem Gegen­satz zur struk­tu­rellen Situa­tion, in der der Aufstieg von Frauen oft verhin­dert wird, in der ihre Kompe­tenzen nied­riger bewertet werden oder es meis­tens Männer sind, die die besser bezahlten Jobs haben. Die Vorstel­lung der hormo­nell bedingten Stim­mungs­schwan­kungen hat dieses Span­nungs­ver­hältnis anschei­nenden aufge­griffen, das im neuen Mutter­bild zum Ausdruck kommt: Zwar werden Mutter­ge­fühle weiterhin als natur­ge­mäßer Teil der Schwan­ger­schaft ange­sehen, aber sie werden nicht mehr so geschätzt wie zuvor. Denn sie erscheinen nun als irra­tional und als Hindernis zum wirk­li­chen Erfolg.

Aber auch die Schwan­geren- und Geburts­me­dizin verän­derte sich. Die Medi­ka­li­sie­rung der Schwan­ger­schaft, die in den 1960er Jahren mit der Über­nahme von medi­zi­ni­scher Vorsorge als Kassen­leis­tung wich­tige Hürden genommen hatte, war zuneh­mend vom Risi­ko­kon­zept und Präven­ti­ons­tech­niken geprägt. Dabei stand aller­dings nicht immer das Risiko für die Schwan­gere selbst im Vorder­grund, sondern das medi­zi­ni­sche Inter­esse rich­tete sich oft auf die Risi­ko­mi­ni­mie­rung für das Unge­bo­rene oder, präziser, für die Figur des Fetus, die ab den 1970er Jahren mit immer mehr medi­zi­ni­scher wie kultu­reller Bedeu­tung aufge­laden wurde.

Stress und Rohmilchkäse

Der Fokus auf die fetale Gesund­heit beein­flusste Prak­tiken der Schwan­ger­schaft erheb­lich. Ab den 1970ern entwi­ckelte sich ein immer detail­lier­teres Regel­werk mögli­chen Risi­ko­ver­hal­tens, etwa Ziga­ret­ten­rauch, geringste Alko­hol­mengen oder zu viel Stress und Rohmilch­käse. So bestand schon bald die Haupt­ri­si­ko­quelle für den Fetus primär im Verhalten von Schwan­geren, was wiederum die Proble­ma­ti­sie­rung ihrer Psyche begüns­tigte: Ihre Entschei­dungen und ihre emotio­nale Spon­ta­nität schienen zu zahl­rei­chen Schäden beim Kind führen zu können. In diesem Sinne kann die Vorstel­lung der hormo­nellen Irra­tio­na­lität auch als Ausdruck des gestie­genen Miss­trauens in das schwan­gere Gefühls­leben verstanden werden.

Beyoncé, schwanger, 2017; Quelle: vox.com

Auch das heutige Wissen zu hormo­nellen Stim­mungs­schwan­kungen in der Schwan­ger­schaft ist also Ausdruck bestimmter Weib­lich­keits­kon­zepte. Dabei sind vor allem zwei Aspekte zentral: Erstens führen die aktu­ellen Vorstel­lungen schwan­gerer Gefühle dazu, dass gesell­schaft­liche Probleme – die unge­lösten Fragen nach der Arbeits­tei­lung bei der Kinder­er­zie­hung etwa, oder die zwei­fel­haften Verspre­chen medi­zi­ni­scher Risi­ko­mi­ni­mie­rung – in den Frau­en­körper verlegt werden. Aus poli­ti­schen Wider­sprü­chen wird so hormo­nelle Irra­tio­na­lität. Zwei­tens zeugt der aktu­elle Diskurs zur hormo­nellen Irra­tio­na­lität davon, dass mit der zuneh­menden Eman­zi­pa­tion von Frauen auch eine gewisse Re-Tradi­tio­na­li­sie­rung einher­geht. Zwar können viele Frauen zuneh­mend selbst­be­stimmt handeln. Gleich­zeitig verweisen die Diskurse der Hormone sie auch wieder verstärkt auf ihre ange­stammten Plätze. Denn auf diesem Wege wird Frauen das alte Rollen­bild der hyper-verant­wort­li­chen Mutter in Körper und Psyche einge­schrieben – und zwar bereits während der Schwan­ger­schaft.

Von Lisa Malich

Lisa Malich ist Psycho­login und Histori&shykerin an der Uni&shyversi&shytät zu Lübeck. Sie forscht zur Gefühls&shygeschichte der Schwanger&shyschaft sowie zur Wissens&shygeschichte der klini&shyschen Psycho&shylogie.