Jetzt aber!
Quelle: twitter.com

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In den Medi­en sind reak­tio­nä­re Welt­an­schau­un­gen der­zeit täg­lich zu hören oder zu lesen. Ob anti-mus­li­mi­scher Ras­sis­mus oder prä­his­to­ri­sche Geschlech­ter­de­bat­ten, zu denen wie jüngst im Schwei­zer Fern­se­hen tief-rech­te Expo­nen­ten ein­ge­la­den wer­den – es scheint das Nor­mals­te auf der Welt, dass sol­che Stim­men zu bes­ter Sen­de­zeit ihre Ansich­ten vom Sta­pel las­sen dür­fen. Die Gren­zen des Sag­ba­ren haben sich ver­scho­ben. Und das hat Aus­wir­kun­gen auf die Pra­xis.

Was tun? Was tun gegen sol­che zuneh­mend lau­ten Posi­tio­nen? Man kann ver­su­chen, sie zu igno­rie­ren, man kann sie kri­ti­sie­ren – oder aber iro­ni­sie­ren. Wie bei besag­tem Bespiel des Schwei­zer Fern­se­hens: Die Sen­dung „Are­na“ wirk­te mit ihrem Titel („Frau­en am Herd?“) und den gela­de­nen Gäs­ten der­art rück­schritt­lich und lächer­lich, dass unter den Hash­tags #SRFare­na und #Frau­Am­Herd tage­lang Herd­bil­der, Koch­töp­fe, glück­li­che Haus­frau­en oder soli­da­ri­sche Män­ner am (oder im!) Herd gepos­tet wur­den. Es war ein Spass. Natür­lich wird auf die­se Wei­se das Patri­ar­chat nicht gestürzt, immer­hin wur­den nur Pro­fil­bild­li geän­dert und Rezep­te get­wit­tert. Kon­ser­va­ti­ve Geschlech­ter­mo­del­le sind in der Schweiz nach­hal­tig und tief ver­an­kert. Aber wäh­rend ein paar Stun­den wur­den sicht­bar, dass nicht alle das gut­heis­sen.

Hate goes Party

Elisabeth Koch, erste Schweizer Bundesrätin, am Herd; Quelle: facebook.com

Eli­sa­beth Koch, ers­te Schwei­zer Bun­des­rä­tin, am Herd; Quel­le: facebook.com

Stra­te­gi­en der Iro­ni­sie­rung wur­den in den letz­ten Jah­ren immer wie­der erfolg­reich ein­ge­setzt, um auf gesell­schaft­li­che Pro­ble­me auf­merk­sam zu machen. Zum Bei­spiel an den so genann­ten „Slut­walks“, an denen Frau­en sich die nega­ti­ve Zuschrei­bung „Schlam­pe“ (slut) sati­risch aneig­ne­ten und an ‚Schlam­pen­mär­schen‘ gegen sexua­li­sier­te Gewalt pro­tes­tier­ten.

Ähn­lich selbst­be­wusst wur­de in den 1990er Jah­ren der Begriff „Kana­cke“ von Exil-Tür­ken besetzt, und in Deutsch­land ver­an­stal­te­ten jüngst Journalist_innen mit aus­län­di­schen Namen so genann­te „Hate Poetry“-Abende: Anstatt sich von den ras­sis­ti­schen Anfein­dun­gen, die sie täg­lich per Mail oder Kom­men­ta­ren errei­chen, zer­mür­ben zu las­sen, rezi­tier­ten sie die Hass­kom­men­ta­re öffent­lich. Hate goes Par­ty, es war eine Rie­sen­gau­di mit Scham­pus und Gir­lan­den. Das ist nicht nur befrei­end für Betrof­fe­ne, son­dern auch eine wich­ti­ge Bot­schaft an Rassist_innen: Wir las­sen uns weder unse­re Stim­me neh­men noch die Stim­mung ver­der­ben.

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Viel­leicht ist das in die­ser beängs­ti­gen­den Zeit genau das, was man sich nicht neh­men las­sen soll­te: Ein wenig Spass und der Ver­such, ange­sichts der bestür­zen­den Ent­wick­lun­gen nicht zu erstar­ren, nicht zu ver­här­ten. Viel­leicht aber soll­ten wir noch einen Schritt wei­ter gehen, noch muti­ger wer­den. Der Lite­ra­tur­theo­re­ti­ker und Phi­lo­soph Jean-François Lyo­tard for­der­te in Inten­si­tä­ten (1978), Kri­tik gänz­lich ein­zu­stel­len. Es kön­ne nicht um noch mehr kri­ti­sche Theo­rie gehen, schrieb er, denn Kri­tik las­se sich immer auf die Logik des­sen ein, was kri­ti­siert wird, „sie rich­tet sich im Feld des Ande­ren ein und akzep­tiert, selbst in dem Moment, da sie ihn bekämpft, die Dimen­si­on, die Rich­tun­gen und den Raum des Ande­ren“. Ähn­lich for­mu­lier­te es der Phi­lo­soph Gil­les Deleu­ze in Tau­send Pla­teaus (1980): Kri­tik ersti­cke jeg­li­che Ver­su­che im Keim, neue Kon­zep­te zu ent­wer­fen: „Wann immer man mir mit einem Ein­wand kommt, möch­te ich am liebs­ten sagen: ‚Ein­ver­stan­den, ein­ver­stan­den, gehen wir wei­ter…‘. Mit den meis­ten Ein­wän­den ver­hält es sich wie mit den all­ge­mei­nen Fra­gen: Sie brin­gen uns nicht wei­ter“.

Frau Amherd; Quelle: facebook.com

Frau Amherd; Quel­le: facebook.com

Deleu­ze bemerk­te pro­vo­ka­tiv, dass kein Buch, das gegen etwas ist, jemals Bedeu­tung erlangt habe: „Es zäh­len allein die Bücher für etwas Neu­es“. Folgt man Deleu­ze, ist es letzt­lich nicht der Mühe wert, gegen die Wider­sin­nig­kei­ten zu pro­tes­tie­ren, „man kann sie nicht bekämp­fen, wenn sie ein­mal da sind. Es ist wich­ti­ger, ande­re Din­ge zu tun und mit denen zu arbei­ten, die in die­sel­be Rich­tung gehen.“ Eine ähn­li­che Hal­tung hat auch die Phi­lo­so­phin Wan­da Tom­ma­si, wenn sie for­dert, die inne­re Fixie­rung auf die Macht der ‚Geg­ner‘ zu lockern, sich von ihren Mass­stä­ben und Rich­tun­gen zu lösen. Denn: Sich per­ma­nent an die­sen abzu­ar­bei­ten, füh­re zu einer Art „rebel­li­schen Abhän­gig­keit“, einer zwang­haf­ten Rebel­li­on, die sich unun­ter­bro­chen auf das bezieht, was sie ablehnt. Und das bedeu­te letzt­lich Selbst­be­schrän­kung. Tom­ma­si plä­diert statt­des­sen dafür, sich so weit wie mög­lich in die Posi­ti­on des Sub­jekts zu bege­ben. Damit meint sie nicht, die Tat­sa­che der Dis­kri­mi­nie­rung zu leug­nen, man müs­se sich aber ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass es selbst in der aus­weg­lo­ses­ten Situa­ti­on einen Rest Frei­heit, Sub­jek­ti­vi­tät und selbst­be­stimm­tes Han­deln geben kann.

Herr/Knecht

Angela Merkel am Herd; Quelle: facebook.com

Ange­la Mer­kel am öffent­li­chen Herd; Quel­le: facebook.com

Die­se Frei­heit ent­steht zum Bei­spiel, wenn vor­herr­schen­de Mass­stä­be oder Dis­kurs-Logi­ken abge­lehnt wer­den. Wie das funk­tio­nie­ren kann, hat die afro-ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­le­rin und Theo­re­ti­ke­rin Toni Mor­r­i­son in einem TV-Inter­view vor­ge­macht: Als der (weis­se) Mode­ra­tor Mor­r­i­son frag­te, wie sie mit dem Pro­blem der ras­sis­ti­schen Dis­kri­mi­nie­rung umge­he, ant­wor­te­te sie: „I don’t have a pro­blem with discri­mi­na­ti­on. You have a pro­blem!“ Mor­r­i­son gab den Ball zurück und erklär­te, nicht die Schwar­zen, son­dern die Weis­sen hät­ten das Pro­blem, denn es sei nicht nur fun­da­men­tal wür­de­los, son­dern ein Zei­chen gros­ser Schwä­che, Pri­vi­le­gi­en und Stär­ke aus einem Sys­tem zie­hen zu müs­sen, das ande­re her­ab­setzt.

Mor­r­i­son wei­ger­te sich auf die­se Wei­se, die erfah­re­ne Dis­kri­mi­nie­rung als Effekt einer star­ken weis­sen Macht/Suprematie zu ver­ste­hen, und lenk­te statt­des­sen den Blick auf die oft unsicht­ba­re Tat­sa­che, dass eine sol­che Macht grund­sätz­lich fra­gil ist. Ähn­lich argu­men­tiert auch Tom­ma­si, wenn sie schreibt, die Macht der Herr­schen­den sei immer anfäl­lig, denn sie sei letzt­lich dar­auf ange­wie­sen, von den Beherrsch­ten aner­kannt zu wer­den.

Quelle: twitter.com

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Anhand von Hegels Dia­lek­tik zwi­schen Herr und Knecht zeigt Tom­ma­si das Para­dox der Macht auf: Auch ein Selbst­be­wusst­sein, das sich für abso­lut hält, sei von etwas abhän­gig, näm­lich von der Aner­ken­nung durch ein ande­res Selbst­be­wusst­sein. Des­halb sei es eine wir­kungs­vol­le Stra­te­gie für Mar­gi­na­li­sier­te und Unter­drück­te, die­se Aner­ken­nung und Koope­ra­ti­on inner­lich (und wenn mög­lich auch äus­ser­lich) zu ver­wei­gern. Und zwar dadurch, dass sie die eige­ne Ver­schie­den­heit von den vor­herr­schen­den Kräf­ten beto­nen.

So gese­hen liegt das sub­ver­si­ve Poten­ti­al nicht so sehr in einer mög­lichst prä­zi­sen Kri­tik, und auch nicht im hilf­lo­sen Jam­mern und Augen­ver­dre­hen ob der herr­schen­den Ver­hält­nis­se. Eine sol­che Hal­tung wie­der­holt letzt­lich eben­die­se Ver­hält­nis­se, ver­bleibt in ihrem Spek­trum. Das vor­herr­schen­de Sys­tem wird viel­mehr dann wir­kungs­voll ange­grif­fen und infra­ge gestellt, wenn die­je­ni­gen, die mar­gi­na­li­siert wer­den sol­len, sich abwen­den, die vor­ge­ge­be­nen Dis­kur­se ver­las­sen und ihre Ver­schie­den­heit stär­ken. Es geht dar­um, ein eigen­sin­ni­ges ‚Aus­sen‘ zu ent­fal­ten, das von den ‚Geg­nern‘ nichts fragt und nichts for­dert. Es geht dar­um, die Geschich­te von ande­ren Sub­jekt­wer­dun­gen zu erzäh­len und zu leben, und ihnen Auto­ri­tät und Bedeu­tung zu ver­lei­hen.

Von Franziska Schutzbach

Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.