Geschichten der Gegenwart

Am 5. Sep­tem­ber vor vier­zig Jah­ren über­fiel in Köln ein „Kom­man­do“ der RAF die Dienst­fahr­zeu­ge des deut­schen Arbeit­ge­ber­prä­si­den­ten Hanns-Mar­tin Schley­er und sei­ner Bewa­cher. Schley­er wur­de ent­führt, sei­ne vier Beglei­ter mit unzäh­li­gen Schüs­sen aus auto­ma­ti­schen Waf­fen getö­tet. In einem Beken­ner­schrei­ben am Tag nach der Ent­füh­rung kon­fron­tier­ten die Ent­füh­rer die Regie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit der For­de­rung, die im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Stutt­gart-Stamm­heim gefan­ge­nen RAF-Mit­glie­der der „ers­ten Gene­ra­ti­on“, Andre­as Baa­der, Jan-Carl Ras­pe, Gud­run Ens­slin und Irm­gard Möl­ler, sowie sie­ben wei­te­re RAF-Häft­lin­ge im Aus­tausch gegen den Arbeit­ge­ber­prä­si­den­ten frei­zu­las­sen.

Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Stutt­gart-Stamm­heim, 1977; Quel­le: stuttgarter-nachrichten.de

Die Schley­er-Ent­füh­rung war der End­punkt der von der RAF im Früh­jahr erklär­ten „Offen­si­ve 77“ zur Befrei­ung der Gefan­ge­nen. Im April hat­te sie mit der Ermor­dung des Gene­ral­bun­des­an­walts Sieg­fried Buback und sei­ner Beglei­ter begon­nen; im Okto­ber, mit der Kape­rung einer Luft­han­sa-Maschi­ne durch ein paläs­ti­nen­si­sches Kom­man­do zur Unter­stüt­zung der RAF-For­de­run­gen, wur­de sie zum inter­na­tio­na­len Dra­ma. Doch der von Kanz­ler Hel­mut Schmidt (SPD) prä­si­dier­te  „Gros­ser Kri­sen­stab“, in dem alle Par­tei­en ver­tre­ten waren, gab nicht nach; am 18.10. wur­den die Gei­seln auf dem Flug­ha­fen von Moga­di­schu von einer Spe­zi­al­ein­heit des Bun­des­grenz­schut­zes befreit, in Stamm­heim nah­men sich Baa­der, Ens­slin und Ras­pe das Leben, Möl­ler über­leb­te schwer ver­letzt. Am 19.10. wur­de die Lei­che von Hans-Mar­tin Schley­er in Mühl­hau­sen gefun­den. Die RAF schwor zwar, „der Kampf“ habe „erst begon­nen“, doch „Moga­di­schu“ war ihre ent­schei­den­de Nie­der­la­ge.

„Freiheit und Terror“

Der Zufall der Publi­ka­ti­ons­ter­mi­ne woll­te es, dass frist­ge­recht zu die­sen Ereig­nis­sen im Mer­kur (Nr. 352) der Auf­satz „Frei­heit und Ter­ror“ des in Zürich leh­ren­den, als kon­ser­va­tiv gel­ten­den Phi­lo­so­phen (und des zeit­wei­li­gen SPD-Mit­glieds) Her­mann Lüb­be erschien. Lüb­be erin­ner­te dar­an, dass das Ver­hält­nis von Frei­heit und Ter­ror vor bald zwei­hun­dert Jah­ren nicht zuletzt jene deut­schen Phi­lo­so­phen und poli­ti­schen Lite­ra­ten beschäf­tigt hat­te, die an der Wen­de vom 18. zum 19. Jh. eben­so atem­los wie fas­zi­niert die revo­lu­tio­nä­ren Vor­gän­ge in Frank­reich – und spe­zi­ell die „gran­de terr­eu­re“ der Jako­bi­ner gegen die „Fein­de der Repu­blik“ 1793/94 – beob­ach­te­ten. Seit­her lässt sich, so Lüb­be, mit eini­ger Prä­zi­si­on die Fra­ge stel­len: Was ist Ter­ror? Woher bezieht er sei­ne Kraft, und woher sei­ne Legi­ti­ma­ti­on? Und wie­so waren die Freun­de der Frei­heit immer wie­der vom Ter­ror fas­zi­niert, obwohl sie sei­ne kon­kre­te „Fak­ti­zi­tät“ ver­ab­scheu­ten?

Lüb­be gab eine Ant­wort, die über die übli­che Defi­ni­ti­on – Ter­ror ist demons­tra­ti­ve Gewalt zur Errei­chung poli­ti­scher Zie­le – hin­aus­ging und zudem allein jener his­to­ri­schen Linie folg­te, die von der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on zum aktu­el­len Revo­lu­ti­ons­an­spruch der Lin­ken ver­lief (d.h. er sprach nicht über den anders funk­tio­nie­ren­den Nazi-Ter­ror). Mit Hegel iden­ti­fi­zier­te Lüb­be den Dreh- und Angel­punkt der Fra­ge, was Ter­ror sei, in der All­ge­mein­heit des Anspruchs auf Frei­heit für alle Men­schen. Könn­te es etwas Bes­se­res geben, als Frei­heit für Alle zu wün­schen und ver­wirk­li­chen zu wol­len? War nicht der Wunsch nach Frei­heit für alle eine Tugend? Und wäre der, der alles tut, um das Errei­chen die­ses heh­ren Ziels zu beför­dern, nicht der Tugend­haf­tes­te von allen? Es scheint so. Hegels Ant­wort (in Lüb­bes Wor­ten) war daher klar: Ers­tens, „Ter­ror ist eine Pra­xis, die ihre Legi­ti­mi­tät unmit­tel­bar aus unse­ren höchs­ten Zwe­cken bezieht“, d.h. die sich mit Beru­fung auf die edels­ten poli­ti­schen Zie­le zu recht­fer­ti­gen weiss. Zwei­tens ist die sub­jek­ti­ve Bedin­gung des Ter­rors „das gute Gewis­sen“, mit­hin die Über­zeu­gung, nicht aus Eigen­in­ter­es­se oder per­sön­li­che Bös­ar­tig­keit her­aus zu han­deln – was den Ter­ro­ris­ten tat­säch­lich vom gewöhn­li­chen Kri­mi­nel­len unter­schei­det –, son­dern einem aner­kann­ten poli­ti­schen Ziel zu die­nen.

Die ent­führ­te Luft­han­sa-Maschi­ne “Lands­hut” auf dem Flug­ha­fen von Moga­di­schu, Soma­lia, Okto­ber 1977; Quel­le: spiegel.de

Und drit­tens, so para­phra­sier­te Lüb­be Hegel: „Die ter­ro­ris­ti­sche Pra­xis ist revo­lu­tio­nä­re Pra­xis“ – in ihr ver­schmel­zen und „ver­flüs­si­gen“ sich alle Insti­tu­tio­nen. „Sie ist unge­teil­te, schlecht­hin durch­grei­fen­de Gewalt“, sie übt ihre „Wahr­heit und Gerech­tig­keit“ unmit­tel­bar aus, jen­seits aller der Kor­rup­ti­on ver­däch­ti­gen Insti­tu­tio­nen, dafür aber im Namen des „Vol­kes“. Mit ande­ren Wor­ten: „Die Sub­jek­ti­vi­tät des guten Gewis­ses“ wird mit der „Objek­ti­vi­tät des abso­lu­ten Zwe­ckes der Frei­heit“ zusam­men­ge­schlos­sen, das indi­vi­du­el­le Han­deln ist durch die All­ge­mein­heit und Wahr­heit des poli­ti­schen Ziels immer schon gedeckt.

Doch was hat­te das mit den Ereig­nis­sen im Jahr 1977 zu tun? Und was wäre die Alter­na­ti­ve zu einem poli­ti­schen Pro­gramm, das ‚ter­ror-anfäl­lig‘ ist?

Der Mescalero

Die ehr­lichs­te und wohl auch fol­gen­reichs­te, auch den Stil den nach­fol­gen­den Debat­ten prä­gen­de Stel­lung­nah­me aus dem Feld der mehr oder min­der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken zum Ter­ror der RAF erfolg­te schon kurz nach dem Mord an Sieg­fried Buback im April des Jah­res. Ein anony­mer „Mes­ca­le­ro“ schrieb unter dem Titel „Buback – ein Nach­ruf“ in einer Göt­tin­ger Stu­den­ten­zei­tung zum „Abschuss von Buback“ (das war die Spra­che der Jagd auf Tie­re) zuerst: „Ich konn­te und woll­te (und will) eine klamm­heim­li­che Freu­de nicht ver­heh­len.“ Und er gestand, dass „ich auch über eine Zeit hin­weg (wie so vie­le von uns) die Aktio­nen der bewaff­ne­ten Kämp­fer gou­tiert habe; ich, der ich als Zivi­list noch nie eine Knar­re in der Hand hat­te, eine Bom­be habe hoch­ge­hen las­sen.“ Der Autor voll­zog dann aber im Text die Wen­dung, zuerst hin zu der eher tak­ti­schen Über­le­gung, dass sol­che Taten der Lin­ken scha­den, um dann doch bei einer deut­li­chen Ableh­nung von ter­ro­ris­ti­scher Gewalt zu enden, aller­dings nicht ohne an der schar­fen Unter­schei­dung von Freund und Feind fest­zu­hal­ten: „Unser Weg zum Sozia­lis­mus (wegen mir: Anar­chie) kann nicht mit Lei­chen gepflas­tert wer­den. […] Damit die Lin­ken, die so han­deln, nicht die glei­chen Kil­ler­vi­sa­gen wie die Bubacks krie­gen.“

Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der dis­ku­tiert mit sei­ner Mut­ter über die Schley­er-Ent­füh­rung, Film­stil aus “Deutsch­land im Herbst”, 1978; Quel­le: YouTube.com

Die Reak­tio­nen auf die­sen Text waren hef­tig (sie kön­nen hier nicht wei­ter ver­folgt wer­den), und die öffent­li­che Erre­gung über die ter­ro­ris­ti­sche Gewalt der RAF stei­ger­te sich bis zum „Deut­schen Herbst“ noch erheb­lich. Die Bou­le­vard-Pres­se koch­te über, For­de­run­gen nach der Todes­stra­fe wur­den laut, und der kon­ser­va­ti­ve His­to­ri­ker Golo Mann fan­ta­sier­te in der WELT von „einer grau­sa­men und durch­aus neu­en Art von Bür­ger­krieg“, in der sich die Bun­des­re­pu­blik befin­de, und er for­der­te kaum ver­hüllt, die Grund­rech­te der RAF-Mit­glie­der aus­ser Kraft zu set­zen. Mehr­heit­lich aber wur­de von bei­den Sei­ten des poli­ti­schen Spek­trums Beson­nen­heit ange­mahnt. In pro­mi­nen­ter Wei­se ver­ur­teil­ten auch der ehe­ma­li­ge Ber­li­ner „Stu­den­ten­füh­rer“ von 1967, Rudi Dutsch­ke, der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Hein­rich Böll und der mar­xis­ti­sche Phi­lo­soph Her­bert Mar­cu­se in einem Gespräch in der ZEIT die Gewalt der RAF. Vie­le ande­re Intel­lek­tu­el­le taten es ihnen gleich und ver­tei­dig­ten in einem schnell publi­zier­ten, von Frei­mut Duve im Okto­ber her­aus­ge­ge­be­nen rororo-Taschen­buch Brie­fe zur Ver­tei­di­gung der Repu­blik (mit einem Foto des Kin­der­wa­gens auf dem Titel­bild, in dem die RAF die Maschi­nen­ge­weh­re für den Über­fall auf Schley­er ver­steckt hat­te), die rechts­staat­li­che Ord­nung – aller­dings nicht nur gegen die RAF, son­dern auch gegen den, wie Jür­gen Haber­mas sich ange­sichts des repres­si­ven poli­ti­schen Kli­mas und ver­mehr­ter law-and-order-Rufe aus­drück­te, angeb­lich dro­hen­den „faschis­ti­schen Zer­fall unse­rer poli­ti­schen Kul­tur“.

Für die Revolution, gegen den Terror

So weit, so gut. Dutsch­ke aller­dings – in die­ser Hin­sicht reprä­sen­ta­tiv für sehr vie­le Lin­ke im wei­ten Feld zwi­schen ehe­ma­li­ger Stu­den­ten­be­we­gung und Spon­tis bzw. „Stadt­in­dia­nern“ – hat­te in einem kur­zen Text in der ZEIT vom 23. Sep­tem­ber zusätz­lich fest­ge­hal­ten: „Wir in der Bun­des­re­pu­blik sind nicht am Beginn [wie in Spa­ni­en nach Fran­cos Tod], wir sind viel eher in einer End­pha­se des bür­ger­li­chen Rechts­staa­tes, der in einer tie­fen Kri­se steckt“. Das bedeu­te – im Gegen­satz zu einem von Dutsch­ke erwähn­ten poli­ti­schen Mord in Spa­ni­en –, sich zu den „aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen und par­la­men­ta­ri­schen Mög­lich­kei­ten“ und gegen den indi­vi­du­el­len Ter­ror zu beken­nen. Aber das war nur eine tak­ti­sche Fra­ge in der „End­pha­se des bür­ger­li­chen Rechts­staa­tes“ und schloss den bewaff­ne­ten revo­lu­tio­nä­ren Auf­stand in kei­ner Wei­se aus. Dutsch­ke zitier­te dazu Che Gue­va­ras Paro­le „Schaf­fen wir zwei, drei, vie­le Viet­nams“ – sie war der Titel eines krie­ge­ri­schen Pam­phlets Gue­va­ras von 1967, das Dutsch­ke im sel­ben Jahr auf Deutsch her­aus­ge­ge­ben hat­te –, und beton­te auch jetzt, zehn Jah­re nach Gue­va­ras Tod, noch ihren „sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Sinn“. Schliess­lich nahm er in sei­nem ZEIT-Arti­kel in Bezug auf Buback die­sel­be viel­deu­ti­ge Dif­fe­ren­zie­rung wie der „Mes­ca­le­ro“ vor: „Buback und sei­ne Mit­ar­bei­ter saßen an zen­tra­len Stel­len, um gesell­schaft­lich unkon­trol­lier­te Macht aus­zu­üben. Sie waren, um mit Marx zu spre­chen, ‚gesell­schaft­li­che Cha­rak­ter­mas­ken‘. Ent­frem­de­te Men­schen – aber Men­schen und nicht abzu­schies­sen­de Schwei­ne.“

„Schwei­ne“ war der ver­ächt­li­che ter­mi­nus tech­ni­cus, den die RAF für die Reprä­sen­tan­ten des „Sys­tems“ benutz­te; die Distan­zie­rung war zwin­gend. Allein, wer der Feind war, den es zu bekämp­fen galt, stand für Dutsch­ke und vie­le ande­re revo­lu­tio­när gesinn­te Lin­ke der dama­li­gen Zeit den­noch fest. Buback waren für ihn ein „ent­frem­de­ter Mensch“; das bedeu­te­te im Jar­gon der Zeit: Ein Mensch, der – wie im Kapi­ta­lis­mus eigent­lich alle – auf Grund der gesell­schaft­li­chen Umstän­de noch nicht zu sei­ner „Iden­ti­tät“ gefun­den habe (wie der am 4. August ver­stor­be­ne popu­lä­re Phi­lo­soph Ernst Bloch sag­te, an des­sen Grab Rudi Dutsch­ke gespro­chen hat­te). Im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang hiess das: einer, der die „ent­frem­den­den“ Herr­schafts­ver­hält­nis­se aktiv auf­rech­ter­hielt.

Das „sozia­lis­ti­sche Ziel“, die Auf­he­bung der „Ent­frem­dung“, schien damit in nor­ma­ti­ver Wei­se eine Wahr­heit der Geschich­te vor­zu­ge­ben, die half, mit gutem Gewis­sen scharf zwi­schen Freund und Feind zu unter­schei­den – wenn nötig auch jen­seits rechts­staat­li­cher Regeln. Und es gab dem „Sozia­lis­ten“ daher die Gewiss­heit, dass auch ein bewaff­ne­ter Auf­stand gegen den „bür­ger­li­chen Rechts­staat“ grund­sätz­lich gerecht­fer­tigt wäre. Zwar tra­ge der Ter­ror der RAF dazu bei, so Dutsch­ke in der ZEIT, „der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie den letz­ten Boden weg­zu­neh­men“, jedoch „ohne im gerings­ten eine revo­lu­tio­nä­re Situa­ti­on für die Lin­ken und deren Sym­pa­thi­san­ten zu schaf­fen.“

Die konservative Antwort

Was sag­te Lüb­be par­al­lel dazu und gleich­zei­tig in sei­nem Auf­satz im Mer­kur? Er hat­te den Ter­ro­ris­mus mit dem radi­ka­len Anspruch iden­ti­fi­ziert, der Wahr­heit, der Frei­heit und der „unent­frem­de­ten Iden­ti­tät“ (Lüb­be) zum Durch­bruch zu ver­hel­fen. Doch konn­te die­ser Anspruch denn so falsch sein? „Wäre es denn“, so para­phra­sier­te Lüb­be den Ein­wand eines „jemand“ – gemeint war Haber­mas –, „nicht die voll­ende­te Reduk­ti­on aller Herr­schaft auf die ein­zig noch ver­blei­ben­de unmit­tel­ba­re Herr­schaft von Wahr­heit und Gerech­tig­keit, wenn aller Zwang, dem wir unter­lie­gen, ein­zig der Zwang zwin­gen­der Argu­men­te wäre […]?“ Das war das Kern­ar­gu­ment von Haber­mas’ Dis­kur­s­ethik; es besagt, dass wir die poli­ti­schen Dis­kur­se so ein­rich­ten müs­sen, dass nicht irgend­wel­che Macht sich durch­setzt, son­dern nur noch der „zwang­lo­se Zwang des bes­ten Argu­ments“.

Lüb­bes Ein­wand war nun grund­sätz­lich: In Fra­gen der gesell­schaft­li­chen Regeln und Vor­schrif­ten, die uns „zuge­mu­tet“ wer­den, gäbe es eben kein „bes­tes Argu­ment“, son­dern immer nur beschränkt gute Lösun­gen. Wer hin­ge­gen „Gel­tungs­an­sprü­che“ nicht nur für sol­che Regeln und Geset­ze erhebt – denen gegen­über man reser­viert blei­ben kann, auch wenn man sie befolgt –, son­dern gleich­zei­tig auch den Gel­tungs­an­spruch auf deren vol­le „Wahr­heit“ und „Gerech­tig­keit“ erhebt, behaup­te, die Wahr­heit der Geschich­te zu ken­nen. Aus einer sol­chen Posi­ti­on müs­se er dann die zwin­gen­de Aner­ken­nung von kon­tin­gen­ten welt­li­chen Regeln und Nor­men ablei­ten, bis hin zum Recht, im Namen die­ser Nor­men zu töten. Das aber sei, so Lüb­be, im Kern ter­ro­ris­tisch, ja „tota­li­tär“.

Natür­lich konn­te Haber­mas mit einer sol­chen Aus­le­gung sei­ner Dis­kur­s­ethik nicht ein­ver­stan­den sein, wie sein wüten­der Bei­trag in Brie­fe zur Ver­tei­di­gung der Repu­blik („Stumpf gewor­de­ne Waf­fen aus dem Arse­nal der Gegen­auf­klä­rung“) zeigt, den er vor allem gegen den ähn­lich wie Lüb­be argu­men­tie­ren­den „kon­ser­va­ti­ven“ Poli­to­lo­gen (und SPD-Mit­glied) Kurt Sont­hei­mer rich­te­te. Doch die Argu­men­ta­ti­on von Lüb­be und Sont­hei­mer war kon­sis­tent, und sie hat sich auch im Den­ken jener Lin­ken durch­ge­setzt, die nach 1977 ihre Revo­lu­ti­ons­träu­me auf­ge­ge­ben haben. Sie lau­tet im Kern, dass man den Anspruch auf die Gel­tung kon­tin­gen­ter Nor­men, Regeln und Geset­ze vom Anspruch auf Wahr­heit und Gerech­tig­keit tren­nen muss. Nor­men und Geset­ze ent­ste­hen in poli­ti­schen, rechts­staat­lich gezähm­ten Kräf­te­ver­hält­nis­sen, und sie kön­nen nie die „bes­ten“ oder „zwin­gend“ sein. Die Prin­zi­pi­en von Frei­heit, Wahr­heit und Gerech­tig­keit sei­en hin­ge­gen, so Lüb­be, nor­ma­ti­ve Ide­en, an denen die­se Regeln und Geset­ze gemes­sen, von denen aus sie kri­ti­siert wer­den kön­nen und sol­len – und die daher nicht mit ihnen iden­ti­fi­ziert wer­den dür­fen. Denn sonst wer­de die Kri­tik an kon­tin­gen­ten Nor­men, Regeln und Geset­zen unver­meid­lich als Kri­tik an die­sen obers­ten Prin­zi­pi­en wahr­ge­nom­men. Der Kri­ti­ker ist dann als „Feind“ des „Vol­kes“, der „Revo­lu­ti­on“ oder des „Sozia­lis­mus“ in Lebens­ge­fahr, wie die Geschich­te gezeigt hat – und, in einer Vol­te zurück zu reli­giö­sen Prin­zi­pi­en, gegen­wär­tig wie­der zeigt.

Von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.