Gespräche

Jörg Schel­ler: Fran­cis­zek, du bist Initia­tor und, zusam­men mit ande­ren, Orga­ni­sa­tor der soge­nann­ten “Lich­ter­ket­ten-Pro­tes­te” in Poz­nań. Tau­sen­de Men­schen aus allen Gesell­schafts­schich­ten nah­men dar­an teil, um ihre Unzu­frie­den­heit über die Pola­ri­sie­rung der pol­ni­schen Gesell­schaft und die Poli­tik der regie­ren­den rechts-natio­na­lis­ti­schen Par­tei PiS [Pra­wo i Spra­wi­ed­li­wość, Recht und Gerech­tig­keit] aus­zu­drü­cken. Wie bist du auf die Idee gekom­men, die Men­schen auf dem Plac Wol­ności [Frei­heits­platz] zu ver­sam­meln? Was sind dei­ne Absich­ten?

Fran­cis­zek Ster­c­zew­ski (*1988) ist Archi­tekt und Akti­vist sowie Orga­ni­sa­tor der Lich­ter­ket­ten-Pro­tes­te in Poz­nań.

Fran­cis­zek Ster­c­zew­ski: Ich hat­te über das Inter­net von den Ker­zen­pro­tes­ten vor dem Obers­ten Gericht in War­schau erfah­ren. Die­se wur­den von der Pol­ni­schen Rich­ter­ver­ei­ni­gung “Ius­ti­tia” orga­ni­siert. Ich rief die Ver­ei­ni­gung an und frag­te, ob sie die glei­che Akti­on in Poz­nań durch­füh­ren woll­ten, und dass ich das unter­stüt­zen wür­de. Sie ant­wor­te­ten: Nein, wir kon­zen­trie­ren uns auf War­schau. Also nur zu, mach es selbst! Und so ent­schloss ich mich dazu, nicht zuletzt, weil ich bereits lang­jäh­ri­ge Erfah­rung im Orga­ni­sie­ren öffent­li­cher Anläs­se in Poz­nań und im Ver­sam­meln von Leu­ten habe. Doch wie soll­te ich das genau machen? Ich wuss­te, dass die Men­schen aggres­si­ve, pola­ri­sie­ren­de Sprü­che rufen wür­den, dar­um leg­te ich eini­ge Grund­re­geln fest: kei­ne Fah­nen, kei­ne Paro­len, nur Schwei­gen. Nur im Schwei­gen konn­ten wir über­haupt bei­ein­an­der sein. Es ist das ein­zi­ge Geräusch, das wir alle ver­ste­hen kön­nen. Ich dach­te, dass etwa fünf­hun­dert Leu­te kom­men wür­den. Doch Tau­sen­de kamen. Das war im Juli, und so fing es an.

Schwei­gen kann auch eine Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on sein. Je nach Kon­text nimmt es eine sehr spe­zi­fi­sche Bedeu­tung an.

Genau. Und manch­mal ist es viel lau­ter als die vul­gä­re Spra­che der heu­ti­gen Poli­tik. Nicht nur in Polen – auch die Spra­che von Donald Trump, Geert Wil­ders oder Mari­ne Le Pen. Und ich habe wirk­lich genug von die­ser Spra­che.

Die Ver­ro­hung der poli­ti­schen Spra­che ist erschre­ckend. Ver­ba­le Gewalt ist Tür­öff­ner der phy­si­schen Gewalt. Und die­se Tür steht bereits weit offen…

Im März die­ses Jah­res fuhr ich nach Dan­zig, um das Muse­um des Zwei­ten Welt­kriegs zu besu­chen. Ich woll­te das Muse­um sehen, bevor die PiS („Pra­wo i Spra­wi­ed­li­wość», die regie­ren­de „Recht und Gerechtigkeits“-Partei) die Aus­stel­lung ver­än­dern wür­de. Fünf Stun­den ver­brach­te ich dort, es ist eine rie­si­ge Aus­stel­lung. Am Anfang gibt es einen Bereich zur Vor­kriegs­zeit und der Pro­pa­gan­da in den tota­li­tä­ren Staa­ten, bei­spiels­wei­se in Deutsch­land, Ita­li­en, Russ­land. Es wur­de offen­sicht­lich, dass Krieg mit Wor­ten beginnt, mit media­ler Pro­pa­gan­da und mit der Art und Wei­se, wie die Men­schen mit­ein­an­der reden. Das hat mich wahn­sin­nig beein­druckt. Wir müs­sen für eine gute Spra­che kämp­fen. Wir kön­nen nicht ein­fach dasit­zen und abwar­ten, was als nächs­tes pas­siert.

Vie­le Leu­te den­ken, dass die Spra­che kein The­ma ist. Weil sie so all­ge­gen­wär­tig ist. Alle benut­zen sie. Wir den­ken dar­über nicht wirk­lich nach, weil das Spre­chen so natür­lich scheint wie das Atmen. Doch Spra­che ist alles ande­re als natür­lich. Wir müs­sen Ver­än­de­run­gen in der Spra­che sorg­fäl­tig beob­ach­ten und dar­auf reagie­ren. Was bei­spiels­wei­se Trump tut, ist mit­un­ter weni­ger gefähr­lich, als was er sagt und wie er es sagt. Als Poli­ti­ker hat er es immer­hin mit insti­tu­tio­na­li­sier­ter Gewal­ten­tren­nung und Kon­trol­le zu tun. Im Bereich der Spra­che aber, in sei­nen Reden, Inter­views und beson­ders auf den Soci­al-Media-Kanä­len, kann er Kra­wall schla­gen, wie es ihm nur gefällt.

Fran­cis­zek Ster­c­zew­ski in Poz­nań, Quel­le: www.gloswielkopolski.pl

Es han­delt sich dabei um eine schwe­re Krank­heit, die wir nicht von einem Tag auf den ande­ren kurie­ren kön­nen. Hier geht es um Jah­re und Jah­re har­ter Arbeit. Ich träu­me von einer Gras­wur­zel­be­we­gung in Polen, die nicht dar­auf aus ist, die gro­ße Poli­tik auf einen Schlag zu ver­än­dern. Die Wip­fel der Bäu­me wer­den wir nicht ändern, aber viel­leicht kön­nen wir im Wur­zel­werk etwas bewe­gen. Und ich bin echt scho­ckiert, dass die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on in Polen so etwas nicht sieht. Sie ver­fügt über kei­ne fun­dier­te Dia­gno­se der Gesell­schaft; die PiS aber schon. Die PiS weiß genau, wo die Grund­be­dürf­nis­se der Men­schen lie­gen. Die Men­schen brau­chen Woh­nun­gen, also hat die PiS das Pro­gramm Mieszka­nie+ ein­ge­führt [ein sub­ven­tio­nier­tes Wohn­pro­gramm]. Die Men­schen haben Kin­der, also haben sie das Pro­gramm 500+ ein­ge­führt [eine finan­zi­el­le Unter­stüt­zung für Fami­li­en, ver­gleich­bar mit dem Kin­der­geld in Deutsch­land]. Das ist eigent­lich sehr sozia­lis­tisch…

…obwohl die PiS sich als anti­so­zia­lis­tisch und anti­kom­mu­nis­tisch insze­niert. Glaubst du, dass die­se Pro­gram­me auf län­ge­re Frist nach­hal­tig sind?

Ich weiß nicht, ob sie Polen wirk­lich ver­än­dern wer­den – viel­leicht sind sie nur sym­bo­lisch. Es wird noch eini­ge Jah­re dau­ern, bevor man das beur­tei­len kann. Trotz­dem, allei­ne die Art, wie die PiS über die Pro­gram­me spricht – sie kom­mu­ni­zie­ren wirk­lich mit den weni­ger Pri­vi­le­gier­ten, den gewöhn­li­chen Men­schen und Fami­li­en. Sie haben eine posi­ti­ve Stra­te­gie, ein posi­ti­ves Pro­gramm, nicht nur nega­ti­ve Kri­tik. Und ich den­ke, dass die libe­ra­le und lin­ke Oppo­si­ti­on kein posi­ti­ves Pro­gramm hat. Sie haben kei­ne kla­re Visi­on, oder viel­leicht tei­len sie die­se auch ein­fach nicht mit. Sie sehen, dass der Pati­ent krank ist, doch sie wis­sen nicht, wie sie ihn hei­len sol­len. Sie wol­len ihm den Arm ampu­tie­ren, weil er gebro­chen ist.

Aus der Außen­per­spek­ti­ve scheint die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on in Polen tat­säch­lich eher schwach und inef­fi­zi­ent.

Ich sage dir, was die Oppo­si­ti­on in Poz­nań im Moment macht. Die libe­ra­le Par­tei Nowo­c­zes­na [Die Moder­ne] trom­mel­te vie­le Leu­te zusam­men. Sie hat­ten ein rie­si­ges Pos­ter mit den Gesich­tern der­je­ni­gen PiS-Poli­ti­ke­rIn­nen, die für das neue Gesetz gestimmt hat­ten, also das Gesetz, das dem Jus­tiz­mi­nis­ter die Kon­trol­le über das Obers­te Gericht gibt. Natür­lich ist die­ses Gesetz eine Kata­stro­phe. Aber die Gesich­ter auf einem Pos­ter abzu­bil­den, das ist wie in einem Wes­tern-Film – Wan­ted, dead or ali­ve! Ist das nicht ver­rückt? Sie nen­nen sich Nowo­c­zes­na, also “die Moder­ne”, aber sie ver­wen­den Stra­te­gi­en aus dem 19. Jahr­hun­dert!

Und wenn sich jemand wider­spricht, pro­fi­tie­ren die Geg­ne­rIn­nen davon unge­mein …

Genau. Des­halb hat­te ich auch Angst, dass die­se Men­schen­men­ge zu einem PiS-Büro geht und die Fens­ter­schei­ben ein­schlägt oder so etwas. Das wäre das Schlimms­te – oder eher das Bes­te, näm­lich für die PiS. Es wür­de sie zu Opfern machen. Hass, egal in wel­cher Form, hat die Ener­gie eines Bume­rangs: Er kehrt zu Dir zurück. Aber das ist natür­lich sehr schwer zu kom­mu­ni­zie­ren. Jeder und jede fühlt sich heu­te zuneh­mend berech­tigt, Hass nach außen zu tra­gen. Und sie sehen nicht, dass die­ser Hass zu ihnen zurück­kom­men und sie heim­su­chen wird.

Das bringt uns zurück zur Fra­ge der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wie hat sich die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit und unter den Pro­tes­tie­ren­den auf dem Plac Wol­ności ent­wi­ckelt?

An den Aktio­nen ent­wi­ckel­ten wir tat­säch­lich eine ande­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form. Als ich zusam­men mit Rich­te­rin Olim­pia Barańs­ka-Małus­zek von der Ver­ei­ni­gung “Ius­ti­tia” das ers­te mal auf den Plac Wol­ności ging, setz­ten wir nicht mal ein Laut­spre­cher­sys­tem ein. Ich erzähl­te den Anwe­sen­den ein­fach, wes­halb ich gekom­men war, und dass die­je­ni­gen, die mit mir einig waren, ein Licht anzün­den soll­ten. Małus­zek las eine Stel­lung­nah­me der Rich­te­rIn­nen vor. Das war alles.

Foto von den ers­ten Lich­ter­ket­ten­pro­tes­ten in War­schau. Quel­le: www.deutschlandfunk.de

Das war am Tag Eins. Aber bestimmt gab es danach kri­ti­sche Stim­men. Ich kann mir vor­stel­len, dass vie­le Leu­te argu­men­tier­ten, dass Schwei­gen als poli­ti­scher Akti­vis­mus nicht aus­rei­che.

Tat­säch­lich beschwer­ten sich eini­ge Per­so­nen: Was wollt ihr mit die­sem Schwei­gen bezwe­cken?! Das wird kei­nen Ein­druck auf die PiS machen! Also dach­te ich, gut, machen wir etwas Lärm. Aber ich sah den Hass in die­ser wüten­den Men­ge. Wir muss­ten einen Weg fin­den, mit den Emo­tio­nen umzu­ge­hen und die Span­nung zu ver­rin­gern. Am ers­ten Tag hieß ich alle Leu­te will­kom­men: „Ich begrü­ße alle Poli­ti­ker, ich begrü­ße alle Mecha­ni­ker, ich begrü­ße alle Leh­re­rin­nen, ich begrü­ße alle Anwäl­tin­nen, ich begrü­ße alle gesell­schaft­li­chen Klas­sen“, und so wei­ter. Denn mei­ner Mei­nung nach hat jedeR Anspruch auf ein unab­hän­gi­ges Jus­tiz­sys­tem. Das ist ein grund­le­gen­des Men­schen­recht. Des­halb begrüß­te ich alle. Doch wäh­rend ich das tat, began­nen die Leu­te zu klat­schen. Was dazu führ­te, dass sie gar nicht ver­ste­hen konn­ten, wen ich da begrüß­te. Also führ­te ich am zwei­ten Tag ein neu­es Sche­ma ein. Ich sag­te: „Ich begrü­ße die Mecha­ni­ker“ und for­der­te die Men­ge auf, ein­mal zu klat­schen. Dann sag­te ich: „die Köchin­nen“. Ein Klat­schen. „Die Leh­rer.“ Ein Klat­schen. Und so wei­ter. So wur­de es mehr zu einer Art Hip-Hop-Per­for­mance – okay Leu­te, ich will euch hören! Es war wirk­lich sehr lus­tig, denn wir haben Lin­ke, Rech­te und Gemä­ßig­te begrüßt – eben alle, wie ich schon gesagt habe. Ich habe mich auch bewusst rech­ter bezie­hungs­wei­se der PiS-Spra­che bedient. Ich sag­te: „Ich begrü­ße Vege­ta­ri­er, Rad­fah­re­rin­nen und Intel­lek­tu­el­le“, das heißt all jene, die von den PiS-Poli­ti­ke­rIn­nen her­ab­ge­setzt wer­den.

Ich neh­me an, die Ver­an­stal­tung beschränk­te sich nicht auf das Begrü­ßen der Ver­sam­mel­ten?

Nach der Begrü­ßung rie­fen wir nicht nur nega­ti­ve, son­dern auch posi­ti­ve Paro­len und kon­kre­te For­de­run­gen, etwa „Wir wol­len das Veto!“ [des pol­ni­schen Prä­si­den­ten Andrzej Duda gegen die PiS-Refor­men]. Wir haben aber kei­ne ver­un­glimp­fen­de Spra­che ver­wen­det. Das war abso­lut ver­bo­ten. Danach gab es einen wei­te­ren Teil: Alle waren ein­ge­la­den, vor der Men­ge zu spre­chen. Das heißt, alle außer den Poli­ti­ke­rIn­nen. Ich woll­te ver­hin­dern, dass die Ver­samm­lung durch Par­tei­po­li­tik instru­men­ta­li­sier­te wur­de. Also haben alle mög­li­chen Leu­te gespro­chen, Sozio­lo­gIn­nen, Rich­te­rIn­nen, eben alle mög­li­chen Bür­ge­rIn­nen. Ich freu­te mich über die Medi­en­prä­senz. Die Medi­en haben live vom Plac Wol­ności gesen­det, wäh­rend voll­kom­men zufäl­li­ge Men­schen ihre Mei­nung öffent­lich kund­ta­ten. Natür­lich waren auch PiS-Wäh­le­rIn­nen dar­un­ter, was in kras­sem Gegen­satz zum fort­wäh­ren­den pol­nisch-pol­ni­schen Krieg im Par­la­ment stand. Ich hat­te das nicht erwar­tet. Es ent­pupp­te sich aber immer­hin als Ver­such, eine Brü­cke über den Gra­ben zu bau­en, der die PiS-Wäh­le­rIn­nen von den lin­ken und Mit­te-Links-Wäh­le­rIn­nen trennt. Wir sind alle ver­schie­den. Doch es ist mög­lich, zusam­men­zu­le­ben, solan­ge wir uns nicht radi­ka­li­sie­ren.

Mei­nen eige­nen Beob­ach­tun­gen zufol­ge offen­bart sich die Radi­ka­li­sie­rung der pol­ni­schen Gesell­schaft, beson­ders der soge­nann­ten “Mit­te der Gesell­schaft”, vor allem an Ver­an­stal­tun­gen zu Ehren wich­ti­ger Ereig­nis­se der pol­ni­schen Geschich­te.

In die­ser Hin­sicht ist ein Ver­gleich zwi­schen Poz­nań und War­schau inter­es­sant. Am 11. Novem­ber fei­ert Poz­nań den Mar­tins­tag. Unse­re Haupt­stra­ße trägt den Namen des hei­li­gen Mar­tins. Der Mar­tins­tag ist ein Fami­li­en­an­lass, alle essen Roga­le Świę­to­m­ar­cińs­kie [Pose­ner Mar­tins­hörn­chen, eine loka­le Spe­zia­li­tät], haben Spaß und lau­schen den Kon­zer­ten vor dem Schloss, das von den Deut­schen als Resi­denz für Kai­ser Wil­helm II. erbaut wur­de. Es ist erstaun­lich, dass nie­mand mehr die­ses Gebäu­de als ein deut­sches Gebäu­de ver­steht. Es ist jetzt ein Pose­ner Gebäu­de.

Aller­dings fei­ert Polen am 11. Novem­ber auch den Unab­hän­gig­keits­tag. Es gibt zahl­lo­se Ver­an­stal­tun­gen, Reden von Poli­ti­kern, Armee­pa­ra­den und so wei­ter. Alle sind fürch­ter­lich ernst, obwohl es ein Tag der Freu­de sein soll­te. Natio­na­lis­tIn­nen instru­men­ta­li­sie­ren die­sen Tag für ihre spe­zi­fi­sche Par­tei­po­li­tik. Der Unab­hän­gig­keits­marsch in War­schau ist wirk­lich ang­st­ein­flö­ßend, denn eini­ge Anfüh­rer des Mar­sches skan­die­ren oft ras­sis­ti­sche und xeno­pho­be Paro­len…

Was nicht ein­mal Sinn ergibt, wenn man an die patrio­ti­schen Ide­en des ers­ten Prä­si­den­ten der Zwei­ten Pol­ni­schen Repu­blik (1918–1939/45), Józef Pił­sud­ski (1867–1935), denkt. Er war einer­seits ein mili­tan­ter und auto­ri­tä­rer sozi­al­na­tio­na­lis­ti­scher Roman­ti­ker, ande­rer­seits aber ein Phi­lo­se­mit. Sei­ne Visi­on des neu­en unab­hän­gi­gen Polens war eine mul­ti­kul­tu­rel­le, mul­ti­eth­ni­sche Repu­blik in der Tra­di­ti­on der “Gol­de­nen Ära” des 16. und 17. Jahr­hun­derts.

Wir haben in Polen zwei sich zuwi­der­lau­fen­de patrio­ti­sche Tra­di­tio­nen. Eine stammt, wie du gesagt hast, von Józef Pił­sud­ski. Die ande­re kommt von Roman Dmow­ski [1864–1939], der ein äußerst chau­vi­nis­ti­scher und anti­se­mi­ti­scher Poli­ti­ker war. Die PiS reiht sich in die­se Tra­di­ti­on des Natio­na­lis­mus ein. Es ist kein Zufall, dass der Unab­hän­gig­keits­marsch in War­schau am Dmow­ski-Krei­sel [Ron­do Roma­na Dmow­skie­go] beginnt. So fei­ert War­schau den 11. Novem­ber. Ein­mal gab es auch einen natio­na­lis­ti­schen Marsch in Poz­nań. Die Teil­neh­mer rie­fen: „Poz­nań ist eine natio­na­le Stadt!“. Ich habe einen Kom­men­tar auf Face­book ver­öf­fent­licht, in dem ich schrieb: “Poz­nań ist eine inter­na­tio­na­le Stadt! Das ist, was ihr rufen soll­tet!” Denn im 20. Jahr­hun­dert war die Inter­na­tio­na­le Mes­se Poz­nań der Motor der Stadt und form­te deren Iden­ti­tät. Auch heu­te ist die Mes­se noch wich­tig, aber im Kom­mu­nis­mus und sogar vor dem Zwei­ten Welt­krieg war sie Haupt­an­trieb der Stadt. Es gibt nicht vie­le Städ­te in Polen mit so inter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen. Poz­nań war – und ist immer noch –  ein Fens­ter zur Welt. Unser inter­na­tio­na­ler Cha­rak­ter ist unse­re Iden­ti­tät. Wer das nicht sieht, ist kein Patri­ot, son­dern ein Heuch­ler. Und ich bin stolz dar­auf, dass Poz­nań kei­ne Stadt ist, wo die Leu­te TV-Über­tra­gungs­wa­gen anzün­den oder sich Schar­müt­zel mit der Poli­zei lie­fern. Hier bau­en wir einen Geist der Zusam­men­ge­hö­rig­keit.

Wür­dest du Poz­nań als eine Hoch­burg des libe­ra­len, inter­na­tio­na­len Polens bezeich­nen?

Viel­leicht ist es das, aber die Stadt ist auch gespal­ten. Unser Stadt­prä­si­dent Jacek Jaś­ko­wiak ist zum Teil mit­ver­ant­wort­lich dafür, dass sich die­se Spal­tung noch ver­stärkt. Manch­mal for­ciert er sein pro­gres­si­ves Pro­gramm zu stark. Er hat gute Ide­en, schafft es aber nicht, die­se aus­rei­chend zu kom­mu­ni­zie­ren. Er macht vie­les rich­tig, doch er erklärt zuwe­nig, wes­halb er das macht, was er macht. Wro­cław (Bres­lau), Słupsk und Trój­mi­as­to [Drei­stadt, die Metro­pol­re­gi­on der Städ­te Gdańsk (Dan­zig), Gdy­nia und Sopot] sind eben­falls libe­ra­le Städ­te. Słupsk zum Bei­spiel wird von Robert Biedroń regiert, dem Hoff­nungs­trä­ger der pol­ni­schen Lin­ken, der sich her­vor­ra­gend auf das Kom­mu­ni­zie­ren sei­ner Ide­en ver­steht. Es gibt also mehr als nur Poz­nań. Nichts­des­to­trotz gibt es in Wro­cław auch radi­ka­le Natio­na­lis­ten. Vor nicht all­zu lan­ger Zeit haben sie sogar eine Juden-Pup­pe ver­brannt! Es ist unglaub­lich. In Poz­nań sind wir viel­leicht etwas ver­nünf­ti­ger. Natür­lich gibt es hier Rech­te und natür­lich auch radi­ka­le Grup­pie­run­gen. Aber ich den­ke, dass sie weni­ger zahl­reich sind als woan­ders.

Im 18. Jahr­hun­dert waren es genau die inne­ren Strei­tig­kei­ten und die Unei­nig­keit der PolIn­nen, was dem Nie­der­gang und schließ­lich den drei Tei­lun­gen der Rze­cz­pos­po­li­ta (Repu­blik) den Weg berei­te­te. Hät­ten die pol­ni­schen Adli­gen ein Ein­heits­ge­fühl oder zumin­dest das Ver­ständ­nis dafür gezeigt, dass eine Zusam­men­ge­hö­rig­keit not­wen­dig war, wäre es Preu­ßen, Russ­land und Öster­reich nicht so leicht­ge­fal­len, die pol­ni­schen Gebie­te zu erobern und unter sich auf­zu­tei­len. Und jetzt spal­ten die Natio­na­lis­ten die Nati­on für das angeb­li­che Wohl der Nati­on. Droht Polen die Gefahr, dass sich die Geschich­te wie­der­holt oder eher: wie­der­holt wird? Und siehst du eure über- oder post-par­tei­li­chen Akti­vi­tä­ten in der Zivil­ge­sell­schaft als Ver­such, das zu ver­hin­dern?

Letz­tes Jahr fei­er­ten wir das 60-jäh­ri­ge Jub­liäum des Pose­ner Auf­stands gegen den Kom­mu­nis­mus. Es war einer der trau­rigs­ten Tage mei­nes Lebens. In Poz­nań gab es eine Ver­an­stal­tung mit dem Staats­prä­si­den­ten Andrzej Duda [der enge Ver­bin­dun­gen zur PiS hat und als Mario­net­te von PiS-Par­tei­prä­si­dent Jaros­ław Kac­zyń­ski gilt] und dem ehe­ma­li­gen pol­ni­schen Prä­si­den­ten Lech Wałę­sa [einer der Anfüh­rer der Soli­dar­ność-Bewe­gung, die das Ende der Sowjet­uni­on ein­lei­te­te], an der Tau­sen­de von Men­schen teil­nah­men. Die Ver­an­stal­tung fand vor dem Denk­mal des Pose­ner Auf­stands in der Nähe des Schlos­ses statt. Wäh­rend Wałę­sas Rede klatsch­ten eini­ge Leu­te. Ande­re buh­ten Wałę­sa aus und rie­fen „Geh nach Hau­se, Bolek!“ [Wałę­sas Code­na­me als mut­maß­li­cher Agent des pol­ni­schen Geheim­diensts im Kom­mu­nis­mus]. Wäh­rend Dudas Rede war die Situa­ti­on umge­kehrt. Eini­ge Leu­te klatsch­ten, wäh­rend ande­re buh­ten und „Geh nach Hau­se!“ rie­fen. Das war kei­ne Gesell­schaft. Es war eine Zusam­men­kunft feind­li­cher Stäm­me. Jeder Stamm hat­te sei­ne eige­nen Grund­sät­ze und sei­ne eige­ne Flag­ge. Außer­dem war eine Grup­pe von Radi­ka­len da, Fuß­ball­fans, die rie­fen: „Eins mit der Sichel, eins mit dem Ham­mer!“, was so viel heißt wie: Nie­der mit dem Kom­mu­nis­mus! Aber das war eine Min­der­heit, viel­leicht fünf­zig Leu­te. Für mich war der Gra­ben zwi­schen den rest­li­chen Teil­neh­me­rIn­nen viel trau­ri­ger. Ich dach­te: „Ach du mei­ne Güte, der Bür­ger­krieg ist nur noch eine Fra­ge der Zeit!“ Ich hat­te Angst vor einem pol­ni­schen Mai­dan. Ich den­ke, dass ein Mai­dan-Sze­na­rio in War­schau durch­aus mög­lich ist. Des­halb woll­te ich die­ses Jahr, als ich die Pro­tes­te in Poz­nań zu orga­ni­sie­ren begann, eine Alter­na­ti­ve zu Tei­lung und Pola­ri­sie­rung auf­zei­gen.


Von Jörg Scheller

Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist, Musiker und Bodybuilder in Teilzeit. Er leitet den Bereich Theorie im Bachelor Kunst & Medien an der Zürcher Hochschule der Künste. Nebenbei ist er Sänger und Bassist des Metal-Duos Malmzeit.