Seit Karl Marx’ berühmter Rede vom „Gespenst des Kommu­nismus“ lassen sich Gegen­wart und Politik auch als Orte der Heim­su­chung denken. Die Vorstel­lung einer gespens­ti­schen Gegen­wart kann hierbei in doppelter Hinsicht verstanden werden: Zum einen lässt sich die Gegen­wart als ein von Wieder­gän­gern und Untoten bevöl­kerter Zeit­raum deuten, der von Uner­le­digtem und Verdrängtem durch­spukt wird. Zum anderen kann die Gegen­wart selbst zu einem gespens­ti­schen Zustand werden, wenn sie von Mächten heim­ge­sucht wird, die unsicht­bare, unwirk­liche und furcht­ein­flö­ßende Dinge sugge­rieren.

Die Spann­weite reicht von den guten Geis­tern der Vergan­gen­heit bis hin zu den bedroh­li­chen Gespens­tern der Gegen­wart: Knapp 150 Jahre nach Marx hat Jacques Derrida die Idee des Gespens­ti­schen in seinem Buch Marx’ Gespenster in eine „Haun­to­logie“ – also eine Geis­ter­lehre – verwan­delt und gefor­dert, zu „lernen mit Gespens­tern zu leben“. 2010 schrieb Joseph Vogl vom „Gespenst des Kapi­tals“ und 2017 warnte Bernd Stege­mann vor dem „Gespenst des Popu­lismus“, das gegen­wärtig mit vermeint­lich totge­glaubten Iden­ti­täten wie Volk, Rasse oder der christ­lich-abend­län­di­schen Kultur durch die Gegend geis­tert. Aktuell erin­nert speziell die Wieder­kehr popu­lis­ti­scher, manchmal bürger­lich verklei­deter, teils aber auch gänz­lich unmas­kierter rechts­ex­tremer Posi­tionen an eine Zeile aus George A. Romeros Zombie-Kult­film Dawn of the Dead von 1978: „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück.“

Ghost­bus­ters von 1984, Regie: Ivan Reitman, Quelle: zekefilm.org

Diese Untoten wollen uns mit neuen Schreck­ge­spens­tern Furcht einflößen und sugge­rieren Über­frem­dung, Flücht­lings­krise und Isla­mi­sie­rung als Angst­sze­na­rien. Es könnte also hilf­reich sein, den Gedanken vom „Gespenst des Popu­lismus“ für einen Moment ernster und wört­li­cher zu nehmen, als dies viel­leicht zulässig ist, um danach zu fragen, wie Gespenster eigent­lich gerufen werden. Geis­ter­be­schwö­rung und popu­lis­ti­sche Politik ähneln sich nämlich nicht nur darin, uns Angst einjagen zu wollen. Sie teilen auch eine Reihe von Prak­tiken und Medien, mit denen sie ihre Gespenster zur Erschei­nung bringen.

Tanzende Tische – in Gesellschaft der Gespenster

In seinem Buch Leben mit den Toten über die Entste­hung des Geis­ter­glau­bens in Deutsch­land beschreibt der Histo­riker Diethard Sawicki die Mitte des 19. Jahr­hun­derts zur Mode gewor­dene Technik des Tisch­rü­ckens. Dieses Phänomen, bei dem durch die Vermitt­lung eines „Mediums“ Kontakt zu den Verstor­benen aufge­nommen wurde, die als Geister in der Tisch­ge­sell­schaft Platz nahmen und ange­spro­chen werden konnten, wurde in kürzester Zeit so populär, dass ihm selbst Marx eine Zeile gewidmet hat. Mit Blick auf die chine­si­sche Taiping-Revo­lu­tion, die Reak­ti­onsära nach 1848 und das ab 1853 in Europa gras­sie­rende Tisch­rü­cken schrieb er im Kapital: „Man erin­nert sich, daß China und die Tische zu tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien.“ Es herrschte also ein Klima des poli­ti­schen Rück­schritts, eine Auflö­sung libe­raler Hoff­nungen, das diesem Phänomen zu seiner sprung­haften Verbrei­tung verhalf.

Remake von Ghost­bus­ters 2016, Regie: Paul Feig, Quelle: digitalspy.com

Beim Tisch­rü­cken versam­melte sich eine Gruppe an einem Tisch und bildete mit gespreizten Händen eine „Kette“.  Die meist weib­li­chen „Medien“, so Sawicki, „entwi­ckelten eine Reihe von Tech­niken, ihrem Publikum pochende Geister vorzu­führen – unter anderem, indem sie Klopf- und Knarr­ge­räu­sche durch Mani­pu­la­tion an dem Tisch produ­zierten, um den sie mit den Besu­chern ihrer Séance Platz genommen hatten.“

Entschei­dend in doppelter Hinsicht war die geschlos­sene „Kette“ am Tisch: Zum einen weil alle Anwe­senden zunächst prin­zi­piell an die Exis­tenz von Geis­tern glauben mussten, damit der Spuk funk­tio­nierte. Zum anderen weil sich die mini­malen und unbe­wussten Bewe­gungen jedes Einzelnen in der Gruppe gegen­seitig verstärkten, bis der Tisch schließ­lich zu wackeln und klopfen begann. Doch welche Funk­tion erfüllten diese Séancen im Deutsch­land der geschei­terten Revo­lu­tion? Nicht zuletzt ging es um die Erzeu­gung eines Gemein­schafts­ge­fühls, für das sogar die Geister der Verstor­benen bemüht werden mussten.

Gehirnwäsche-Séancen des Kalten Krieges

Auch wenn das wahre Zeit­alter der Gespenster viel­leicht das 18. und 19. Jahr­hun­dert war, so hat auch der Kalte Krieg seine ganz eigenen Formen der Beschwö­rung hervor­ge­bracht. Der Ort des Gesche­hens war nun nicht mehr der bürger­liche Salon, sondern das wissen­schaft­liche Labor – und in Verbin­dung mit dem Orts­wechsel hatten sich auch die Medien gewan­delt.

Der Ausgangs­punkt waren Gerüchte über kommu­nis­ti­sche Gehirn­wä­sche-Tech­niken, die während des Korea-Kriegs an ameri­ka­ni­schen Kriegs­ge­fan­genen prak­ti­ziert worden seien, um diese propa­gan­dis­tisch zu indok­tri­nieren. Verbrei­tung fanden die Vermu­tungen maßgeb­lich durch das 1951 publi­zierte Buch Brain­wa­shing in Red China des Jour­na­listen Edward Hunter. Zur Unter­su­chung dieser myste­riösen Prak­tiken fanden sich am 1. Juni 1951 im Ritz-Carlton-Hotel in Mont­real vier verschie­dene Parteien zusammen, um ein Forschungs­pro­jekt zu verein­baren: Donald O. Hebb, Psycho­loge an der McGill Univer­sity, sowie Mitar­beiter des kana­di­schen Defense Rese­arch Board, des briti­schen Vertei­di­gungs­mi­nis­te­riums und der Central Intel­li­gence Agency (CIA).

Ghost­bus­ters 2016, Regie: Paul Feig, Quelle: thegeekabides.com

Hebb hatte die kühne Idee für eine Studie, bei der die Versuchs­per­sonen, abge­schottet von allen äußeren Umwelt­ein­flüssen, in einer schall­dichten und gleich­förmig beleuch­teten Isola­ti­ons­zelle unter­ge­bracht werden sollten. Um ihre Wahr­neh­mung noch weiter einzu­schränken, lagen sie auf einer Prit­sche, zudem wurden sie mit einer halb­trans­pa­renten Sicht­blende ausge­rüstet, die ledig­lich ein diffuses Licht durch­ließ. Zur Geräusch­un­ter­drü­ckung wurde der Kopf der Teil­nehmer in einem U-förmigem Kissen plat­ziert. Hebbs Gesprächs­partner waren von dieser Idee sofort über­zeugt. Rasch wurde eine Finan­zie­rung verein­bart und bereits wenige Monate nach dem Treffen konnten die „Sensory Depri­va­tion Studies“ an der McGill Univer­sity beginnen. Die Versuchs­teil­nehmer rekru­tierten sich aus den Kreisen der Studenten und wurden mit 20 Dollar pro Tag dafür entschä­digt, regungslos im Isola­ti­ons­raum zu liegen.

Als die Ergeb­nisse dieser Expe­ri­mente 1956 unter der Über­schrift „The Patho­logy of Boredom“ im Scien­tific American vorge­stellt wurden, schien sich das Schlimmste zu bestä­tigen. Fast alle Probanden hatten während der Isola­tion Hallu­zi­na­tionen entwi­ckelt, die auch nach Been­di­gung des Expe­ri­ments noch einige Tage anhielten. Um zu testen, wie sich dieser Zustand auf die Beein­fluss­bar­keit der Personen auswirken könnte, verwan­delten die Psycho­logen ihr Expe­ri­ment kurzer­hand in eine Gehirn­wä­sche-Séance. So wurden einem Teil der Versuchs­per­sonen während der Isola­tion Tonband­auf­nahmen vorge­spielt, „auf denen die Exis­tenz von Gespens­tern, Polter­geis­tern und anderen über­na­tür­li­chen Phäno­menen behauptet wurde“. Das Ergebnis war beun­ru­hi­gend: Die Isola­tion hatte die Versuchs­per­sonen tatsäch­lich anfällig für Sugges­tion gemacht. „Viele berich­teten einige Tage nach dem Ende des Expe­ri­ments, noch immer Angst zu haben, Gespenster zu sehen.“

In den „Sensory Depri­va­tion Studies“ kamen sich Geis­ter­be­schwö­rung und poli­ti­sche Mani­pu­la­tion gefähr­lich nahe. Hatten die Psycho­logen der McGill Univer­sity viel­leicht noch Marx’ Rede vom kommu­nis­ti­schen Gespenst im Hinter­kopf, als sie ausge­rechnet spiri­tis­ti­sche Botschaften nutzen, um die chine­si­schen Gehirn­wä­sche-Prak­tiken zu simu­lieren? Um die Geister des Kalten Krieges herbei­zu­rufen, hatten sie in jedem Fall ein höchst effek­tives Setting gefunden, dessen Medien eine schall­dichte Kammer, Tonband­ge­räte und Kopf­hörer waren.

Trumps Gespensterjäger

Allen Gespens­tern scheint der Umstand gemeinsam, dass sie erst durch Medien der Vermitt­lung zur Anwe­sen­heit gebracht werden müssen. Inzwi­schen haben sich die Tisch­ge­sell­schaften des 19. Jahr­hun­derts und die Sensory Depri­va­tion Rooms des Kalten Krieges aller­dings ins Digi­tale verschoben. Sie sind als Filter Bubbles und Echo­kam­mern zurück­ge­kehrt, deren Algo­rithmen die Nutzer zuneh­mend von kriti­schen Stimmen, gegen­sätz­li­chen Posi­tionen oder wider­spre­chenden Fakten isolieren. Gespenster werden dort mit ähnli­chen Mitteln präsent gemacht. Es geht um Sugges­tion durch Verstär­kung, Synchro­ni­sie­rung und Wieder­ho­lung in sich stim­miger Meinungen. Spiri­tis­ti­sche Kette, spooky tape-loops, Algo­rithmen – der Modus ist der gleiche und produ­ziert vor allem Rück­kopp­lungs­ef­fekte.

Ghost­bus­ters 2016, Regie: Paul Veig, Quelle: thegeekabides.com

Wie eng anti-kriti­sches und über­sinn­li­ches Denken mitein­ander zusam­men­hängen, zeigt ein aktu­eller Fall. Am 7. September 2017 hat Präsi­dent Trump den Anwalt Brett Talley für einen Posten als Richter am Bundes­be­zirks­ge­richtshof des Middle District of Alabama nomi­niert. Von der American Bar Asso­cia­tion wurde Trumps Kandidat bereits einstimmig für unge­eignet für diese Posi­tion einge­stuft. Doch nicht nur Talleys fach­liche Quali­fi­ka­tion erscheint frag­würdig. Medi­en­be­richten zufolge hatte er sich in der Vergan­gen­heit bereits mehr­fach auf rechts­ex­tremen Inter­net­platt­formen herab­wür­di­gend gegen Barack Obama und Hilary Clinton geäu­ßert. Außerdem ist er ein beken­nender Anhänger der National Rifle Asso­cia­tion und befür­wortet den Gebrauch von Schuss­waffen zur Durch­set­zung seiner poli­ti­schen Inter­essen. Schlimm genug, aber mehr noch: Talley ist ein begeis­terter Geis­ter­jäger.

Er gehörte einer Gruppe an, die sich unter dem Namen „The Tusca­loosa Para­normal Rese­arch Group“ der Suche nach über­sinn­li­chen Phänomen widmet. Zusammen mit dem Gründer der Gruppe, David Higdon, veröf­fent­lichte Talley sogar ein Buch über diese Geis­ter­jagd: „Haunted Tusca­loosa“. Am 9. November wurde seine Nomi­nie­rung dennoch vom Senate Judi­ciary Committee mit 11 zu 9 Stimmen ange­nommen. Nun steht nur noch die Entschei­dung des Senats aus, von der ein ähnli­ches Ergebnis erwartet wird.

Wenn aktuell also die „Gespenster des Popu­lismus“ spuken, dann auch, weil sie nach der Logik einer Geis­ter­be­schwö­rung funk­tio­nieren: Sie wollen uns Dinge sehen machen, die nicht da sind, Geräu­sche hören lassen, wo keine sind – und haben sich aus dem öffent­li­chen Raum in die intel­lek­tu­elle Isola­tion schall­dichter Echo­kam­mern zurück­ge­zogen. Es geht ihnen um Angst­ein­jagen sowie Sugges­tion durch endlose Wieder­ho­lung unheim­li­cher Botschaften. An die Stelle des Para­nor­malen setzen sie Verschwö­rungs­theo­rien und kulti­vieren die Hervor­brin­gung von Gespens­tern als Poli­tik­form. Ihr Modus ist das Irra­tio­nale. Genau wie die Séancen des 19. Jahr­hun­derts soll das gemein­same Fürchten Gemein­schaft stiften, genau wie damals funk­tio­niert der Zauber nur, wenn alle glauben und keiner kritisch fragt. Dass sich Rechte wie Talley nun nicht mehr nur vom eigenen Spuk, sondern auch von tatsäch­li­chen Gespens­tern an der Nase herum­führen lassen, ist da nur konse­quent.

Von Patrick Kilian

Patrick Kilian ist Doktorand an der Universität Zürich und Mitherausgeber des foucaultblog.