Geschichten der Gegenwart

Karohemd-Bilderflut im Inter­net, fünf Minu­ten Schwei­gen bei einer Groß­de­mons­tra­tion vor dem unga­ri­schen Parla­ment, Beset­zung einer Brücke mit schwarz geklei­de­ten Demons­tran­ten, rote Rosen in der Donau oder 30.000 zeit­gleich aufleuch­tende Handy­bild­schirme in der Nacht auf einer Buda­pes­ter Brücke: Die Formen des Protes­tes gegen das Orbán-Regime sind massiv, thea­tral und bild­ge­wal­tig.

Und sie sind popu­lär: In einer aktu­el­len Meinungs­um­frage haben 76% der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung ange­ge­ben, hinter den aktu­el­len Protes­ten der Lehrer, Eltern, Studen­ten und Schü­ler zu stehen. Selbst aus den Reihen der Sympa­thi­san­ten der regie­ren­den rech­ten Fidesz-Partei waren es 67%, die den Protest unter­stüt­zen – ein Protest, der nicht mehr die Inter­es­sen­ver­tre­tung einer Berufs­schicht oder einer poli­ti­schen Rich­tung reprä­sen­tiert, sondern in eine gene­relle Protest­be­we­gung gegen die Igno­ranz der Regie­rungs­par­tei über­ge­gan­gen ist.

Karohemden auf facebook, Quelle: http://propeller.hu/itthon/3193535-omlenek-facebookra-kockas-inges-kepek

Karo­hem­den auf face­book, Quelle: propeller.hu/itthon/3193535-omlenek-facebookra-kockas-inges-kepek

Auslö­ser der Proteste

Auslö­ser der seit Anfang des Jahres andau­ern­den Protest­welle der Pädago­gen war die Zentra­li­sa­tion und flächen­de­ckende staat­li­che Kontrolle der Lehrer und Schul­di­rek­to­ren. Damit verbun­den ist ein radi­ka­ler Eingriff in die Inhalte von Lehr­plä­nen, die Auflö­sung von festen Arbeits­ver­trä­gen, der Verlust der Auto­no­mie der Lehrer und die damit einher­ge­hende Sorge um die poli­ti­sche Bevor­mun­dung einer ganzen Gene­ra­tion. Hinzu kommen absurde Miss­stände, die auf die kata­stro­phale Unter­fi­nan­zie­rung und eine aufge­blähte Büro­kra­tie zurück­zu­füh­ren sind: Es fehlt an Toilet­ten­pa­pier oder Kreide, oder auch einfach an Heiz­ma­te­rial für die Schul­räume.

„Ist es das Ziel, dass die nächste Gene­ra­tion nicht einmal weiß, wie man fragt?“, steht in einem offe­nen Brief aus dem Otto Hermann-Gymnasium, der als Appell an die Regie­rung landes­weit 22.000 Unter­stüt­zer fand. Der 2012 einge­führte „Natio­nale Grund­lehr­plan“ gibt nicht einfach nur die Rich­tung vor, viel­mehr ist er als Verord­nung konzi­piert, die genau umge­setzt werden muss. Formu­lie­run­gen wie „die Förde­rung der patrio­ti­schen Gefühls­welt“, „Förde­rung der univer­sel­len unga­ri­schen natio­na­len Tradi­tion“, „Förde­rung des natio­na­len Selbst­be­wusst­seins“ – die unga­risch stäm­mi­gen Bevöl­ke­rung der Nach­bar­län­der inbe­grif­fen! – finden sich schon in der Einlei­tung zum „Grund­lehr­plan“.  Vorge­ge­ben werden auch die zu verwen­den­den Lehr­bü­cher. Ein staat­li­ches Zulas­sungs­ver­fah­ren garan­tiert, dass nur Bücher auf diese Liste kommen, die der ideologisch-politischen Linie der rechts­na­tio­na­len Regie­rungs­par­tei entspre­chen.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigte eine Konfe­renz der Geschichts­leh­rer, die das Pflicht-Lehrbuch für Neunt­kläss­ler sezier­ten. „Juden: Hass, Chris­ten: Liebe“ – so charak­te­ri­sierte ein Lehrer des Alter­na­ti­ven Wirtschafts-Gymnasiums das Kapi­tel, wo es um die Entste­hung der jüdi­schen und christ­li­chen Reli­gion geht. In den weni­gen Passa­gen über die jüdi­sche Reli­gion wird vier­mal das Wort „Menschen­op­fer“ verwen­det und das Ganze mit Cara­vag­gios Die Opfe­rung von Isaak illus­triert. „Jesus hat die strenge Reli­gion des Juden­tums zur Reli­gion der Liebe gemacht“, steht stell­ver­tre­tend für die ideo­lo­gi­sierte, tiefe Diffe­renz sugge­rie­rende Meinungs­vor­gabe im Pflicht­lehr­buch.

Auch im Kapi­tel über Geschichts­theo­rien im 19. Jahr­hun­dert ist  das Bild stark verzerrt: Auf der rech­ten Seite der Geschichts-Bühne stehen die konser­va­ti­ven „Natio­na­lis­ten“, die an die orga­ni­sche Entwick­lung des Staa­tes glau­ben, und links die „Marxis­ten“, die mit Massen­mor­den in Verbin­dung gebracht werden; die Libe­ra­len spie­len nur eine unbe­deu­tende Rolle und die Spuren der Anar­chis­ten sind gänz­lich getilgt. Ein Karto­graph merkte zudem an: die Geschichts-Karten im Lehr­buch sind zu 90 Prozent falsch.

Der Pflicht-Lehrplan und die Entmün­di­gung der Lehrer hätten als solche aller­dings nicht zu der jetzi­gen Demons­tra­ti­ons­welle geführt. Entschei­den­der war die Erkennt­nis, dass wieder eine ganze Gene­ra­tion mit einem demago­gi­schen, nun jedoch natio­na­lis­ti­schen, „christ­li­chen“ und anti-europäischen Bewusst­sein durch­tränkt werden soll. Das ist nicht die poli­ti­sche Linie, hinter der die Mehr­heit steht – selbst die Mehr­heit der Fidesz-Anhänger nicht. Daher ist die Apathie, die die Bildungs­de­bat­ten lange charak­te­ri­siert hat, jetzt gebro­chen. Und in der Bevöl­ke­rung verbrei­tet sich das starke Empfin­den, von keiner Partei, keiner Inter­es­sen­ver­tre­tung oder sonst einer orga­ni­sier­ten Struk­tur in der Gesell­schaft reprä­sen­tiert zu werden.

Reak­ti­vie­rung eines Feind­bil­des aus dem Sozia­lis­mus

Den Kata­ly­sa­tor für die breite, weit über die Lehrer­schaft hinaus­ge­hende Protest­welle lieferte am 13. Februar István Kling­ham­mer, ein ehema­li­ger Staats­se­kre­tär des Bildungs­mi­nis­te­ri­ums in einem Inter­view, als er über den Aufstand der Pädago­gen spöt­tisch sagte:

Wir brau­chen Pädago­gen, die klug und mora­lisch sind und diese Werte auch an die Schü­ler vermit­teln. Deshalb bin ich wütend, wenn ich im Fern­se­hen sehe, dass eine unra­sierte, unge­kämmte Lehrer­schaft mit karier­ten Hemden herum­lun­gert. –István Kling­ham­mer

Hier wird der Arche­ty­pus des inne­ren Fein­des im sozia­lis­ti­schen System zitiert: der reni­tente, lang­haa­rige, unra­sierte, ziel­los sich trei­ben­las­sende Nonkon­for­mist, das schäd­lichste Element der Gesell­schaft. Wenn Orbán heute davon spricht, dass „äußere Kräfte die Unzu­frie­den­heit der Pädago­gen gene­rie­ren“, erin­nert das an die alte Stra­te­gie, Oppo­si­tio­nelle als vom Westen gesteu­ert und finan­ziert zu diffa­mie­ren. Kling­ham­mers poli­ti­sches Unbe­wuss­tes stammt offen­sicht­lich immer noch aus der Zeit der klaren Feind­bil­der, aus der Zeit des sozia­lis­ti­schen Regimes.

Die Lehrer jeden­falls ließen sich das nicht zwei­mal sagen: Kling­ham­mers Karohemd-Metapher aus dem Kalten Krieg wurde umge­hend ‚reenac­ted‘. Tausende von Fotos wurden über Face­book verbrei­tet, die Studen­ten, Schü­ler und Lehrer einzeln und in Grup­pen mit karier­tem Hemd zeigen. Doch nicht nur Pädago­gen und ihre Schü­ler erschie­nen ‚kariert‘ – auch Cele­bri­ties, ja selbst Poli­ti­ker aus der Fidesz-Partei, gegen die sich der Protest ja rich­tete, haben ihre Karo­hem­den ange­zo­gen. Selbst öffent­li­che Skulp­tu­ren wie jene von Graf István Széche­nyi, dem großen Refor­mer des 19. Jahr­hun­derts, wurde in Cegléd ein Karo­hemd über­ge­zo­gen, und der Graf damit auf Face­book zum natio­na­len Protest­sym­bol. Mehr als 11.000 Menschen haben an der Aktion „Studen­ten für das Karo­hemd“ teil­ge­nom­men, über 35.000 Eltern protes­tier­ten beim „Eltern­streik“  gegen die Bildungs­po­li­tik der Regie­rung; am 29. Februar ließen sie ihre Kinder deshalb die Schule schwän­zen – als Zeichen zivi­len Unge­hor­sams.

Graf István Széchenyi im Karohemd, Quelle: http://www.origo.hu/itthon/20160218-orban-viktor-is-kockas-ingben.html

Graf István Széche­nyi im Karo­hemd, Quelle: origo.hu/itthon/20160218-orban-viktor-is-kockas-ingben.html

„Das Karo­mus­ter ist das neue Zeichen der Frei­heit“, sagte Mária Sándor auf der Demons­tra­tion am 15. März anläss­lich des Natio­nal­fei­er­tags. Sándor hat ein Gefühl für symbol­träch­tige Bilder, denn sie war es, die als Zeichen des Protes­tes gegen die unzu­mut­ba­ren Arbeits­ver­hält­nisse im Gesund­heits­sys­tem schwarz geklei­det im Kran­ken­haus zur Arbeit erschien und ihre Kündi­gung einreichte. Ihre Aktion löste eine Reihe von Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen aus, an denen sich auch Ärzte und Kran­ken­schwes­tern aus Deutsch­land und der Schweiz (die beiden Länder, in denen die meis­ten unga­ri­schen Kran­ken­schwes­tern und Ärzte im Ausland arbei­ten) betei­ligt haben. Tausende „schwarze Bilder“ erschie­nen darauf­hin im Netz. Aus Soli­da­ri­tät haben mehrere Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker im Parla­ment bei einer Sitzung eben­falls schwarz getra­gen – wiederum wurde aus dem Protest einer Berufs­schicht ein allge­mei­ner Protest gegen das System Orbán. Auf die thea­trale Aktion von Sándor folgte eine Aktion im Thea­ter: Ihre Geschichte dient heute als Vorlage für ein Thea­ter­stückTag des Zorns von Árpád Schil­ling.

Solidarität mit Mária Sándor, Quelle: http://444.hu/tag/fekete-ruhas-no

Soli­da­ri­tät mit Mária Sándor, Quelle: 444.hu/tag/fekete-ruhas-no

Mária Sándor war es auch, die auf der Groß­de­mons­tra­tion der Pädago­gen vor dem Parla­ment am 13. Februar 2016 im strö­men­den Regen nach ihrer Rede zu fünf Minu­ten Schwei­gen aufrief. Sie reagierte damit konkret auf die zyni­sche Aussage István Lázárs, dem zwei­ten Mann hinter Orbán, die Pädago­gen sollen sich nicht so auffüh­ren, sondern verhan­deln. Aber mit wem? Kein Verhand­lungs­part­ner weit und breit – nur die bedroh­li­che und tief­trau­rige Stille im strö­men­dem Regen. „Aus dem verletz­ten Stolz die stille Würde – aus der Revolte eine Gemein­schaft. Für fünf Minu­ten“, wie der Philo­soph Miklós Tamás Gáspár in einem Kommen­tar zur Demons­tra­tion schrieb.

Demons­tran­ten und Flücht­linge

Die Spit­zen der Regie­rung reagie­ren sicht­lich nervös auf die Proteste. Ein hoher Fidesz-Funktionär scheute sich nicht, diese mit der Flücht­lings­krise in Verbin­dung zu brin­gen. Laut Szilárd Németh, Frak­ti­ons­vor­sit­zende der Fidesz-Partei, würden die Pädago­gen die Eltern und Schü­ler als – wört­lich – „Bioku­lisse“ nutzen. Er meint damit, die Demons­tran­ten würden „die Kinder genauso hemmungs­los vor sich herschie­ben“ wie regie­rungs­kri­ti­sche Poli­ti­ker „die ille­ga­len Einwan­de­rer, welche Europa über­fal­len“. In ähnli­cher Weise sprach auch János Lázár vom „Miss­brauch“ der Kinder.

Ähnlich aggres­siv reagierte Viktor Orbán selbst, wohl wissend, dass die Luft um ihn herum lang­sam dünner wird. In seiner Rede zum Natio­nal­fei­er­tag am 15. März – sie wurde von deut­lich weni­ger Menschen verfolgt, als er das gewohnt ist, während am Nach­mit­tag vor dem Parla­ment mehrere zehn­tau­send Menschen gegen ihn protes­tier­ten – bediente er sich eines Voka­bu­lars aus den 1920er und 30er Jahren. Europa bezeich­net er als „so zerbrech­lich, schwach und krank wie eine Blume, die von einem versteck­ten Wurm zerfres­sen wird“; er sprach von „Völker­wan­de­rung“, auch davon, dass die „Völker Euro­pas […] in Lebens­ge­fahr“ seien, dass eine „auf uns gerich­tete Menschen­masse käme“, die „Verbre­chen und Terror“ nach Europa bringt. Er verbrei­tete Verschwö­rungs­theo­rien über „Ungarn­has­ser“, schimpfte unge­hal­ten über „Brüs­sels fana­ti­schen Inter­na­tio­na­lis­mus“ und bezeich­nete die protes­tie­ren­den Intel­lek­tu­el­len als einen „Haufen unver­bes­ser­li­cher Kämp­fer für die Menschen­rechte“, die „einen unstill­ba­ren Drang fühlen, uns zu beleh­ren und anzu­kla­gen“. Die Protes­tie­ren­den sind für ihn „Para­si­ten“, die nicht zu Ungarn gehö­ren:

Ohne ein Wirtstier sind ihre Tage gezählt. Wenn aus dem Ausland keine neuen geis­ti­gen und poli­ti­schen Infusions-Hilfspakete ankom­men, dann werden nach den Blät­tern und Ästen auch die Wurzeln austrock­nen, weil die unga­ri­sche Heimat­erde zur Behei­ma­tung des Inter­na­tio­na­lis­mus unfä­hig ist. Und das ist gut so. –Viktor Orbán

All das aller­dings schüch­tert die protes­tie­ren­den Lehrer nicht ein. István Pukli, der Direk­tor des Teleki Blanka Gymna­si­ums in Buda­pest, der sich an die Spitze der Pädagogen-Demonstration gestellt hat, verkün­dete kürz­lich, dass er ein Ulti­ma­tum an Viktor Orbán und János Ader stelle: Soll­ten diese sich nicht entschul­di­gen, werde er am 30. März einen Streik von einer Stunde aller an Schu­len Beschäf­tig­ten durch­set­zen. Da Pädago­gen kein Streik­recht haben, wird dies die nächste Aktion zivi­len Unge­hor­sams darstel­len – und eine neue Heraus­for­de­rung der Regie­rung. Welche Vorlage die „Parasiten-Rede“ für die weite­ren Proteste bieten wird, bleibt abzu­war­ten. Aber dass Viktor Orbán nie wieder ein Karo­hemd anzie­hen kann (was er als Zeichen seiner Volks­nähe doch gerne getan hat), gilt als ziem­lich sicher.

Von Katalin Krasznahorkai

Katalin Krasznahorkai ist Kunsthistorikerin und Kuratorin, sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich.