Geschichten der Gegenwart

Feri­en­lek­türe 1

Die Graphic Novel-Serie von Margue­rite Abouet und Clément Oubre­rie

Gesine Krüger

Marguerite Abouet, Clément Oubrerie, Aya, Quelle: www.reprodukt.com/produkt/aya/aya/

Margue­rite Abouet, Clément Oubre­rie, Aya, Quelle: www.reprodukt.com/produkt/aya/aya/

Aya ist die Haupt­per­son einer wunder­ba­ren sechs­tei­li­gen Graphic Novel-Serie von der ivori­schen Auto­rin Margue­rite Abouet und dem Pari­ser Zeich­ner Clément Oubre­rie, die zwischen 2005 und 2010 im fran­zö­si­schen Origi­nal bei Galli­mard in zwei verschie­de­nen Ausga­ben (Collec­tion Folio und Collec­tion Bayou) erschie­nen ist. Seit 2007 folg­ten engli­sche und deut­sche Fassun­gen. Die drei ersten Teile auf Deut­sch erschie­nen zunächst bei Carl­sen, 2014 hat Repro­dukt in zwei Bänden erst­mals alle sechs Teile in deut­scher Spra­che veröf­fent­licht. Der Über­set­zer Kai Wilksen schrieb: 

das Perso­nal in ‚Aya‘ […] unter­hält sich in einem hinrei­ßen­den afri­ka­ni­schen Fran­zö­si­sch, dem man sich in der Über­set­zung allen­falls annä­hern kann (zum ersten und einzi­gen Mal habe ich bedau­ert, dass Deutsch­land so früh seine Kolo­nien verlo­ren hat…).

Die Klam­mer­be­mer­kung verdeut­licht, warum Afri­ka­ni­sche Graphic Novels und Comics  im deutsch­spra­chi­gen Raum noch wenig bekannt sind. Trotz aller post­ko­lo­nia­ler Spuren fehlt die Verbin­dung zur afri­ka­ni­schen Popkul­tur hier weit­ge­hend – und das ist schade. Wer des Fran­zö­si­schen mäch­tig ist, sollte also unbe­dingt die Origi­nal­aus­gabe lesen, und wer keine Lust zum Lesen hat, kann sich auch die Verfil­mung von 2013 anschauen und anhö­ren, die als bester Anima­ti­ons­film für den renom­mier­ten fran­zö­si­schen Film­preis César nomi­niert war. Schon der erste Band von Aya hatte beim Comic-Festival in Angou­lême den Preis für das beste Debüt-Album erhal­ten und war eben­falls für den ameri­ka­ni­schen Quill Award nomi­niert. Es handelt sich vermut­lich um eine der bekann­tes­ten afri­ka­ni­schen Graphic Novels.

Woher die ganze Begeis­te­rung? Viel­leicht liegt es daran, dass hier eine afri­ka­ni­sche Frau vermeint­lich authen­ti­sche Einbli­cke gibt – doch darin liegt gar nicht die Stärke der Geschichte. Die Auto­rin Margue­rite Abouet wurde 1971 in Abid­jan, der Haupt­stadt der Elfen­bein­küste gebo­ren, in deren Arbei­ter­stadt­teil Yopou­gon auch Aya spielt. Mit zwölf Jahren kam sie mit ihrem Bruder nach Frank­reich und lebte bei einem Onkel, um hier die Schule zu besu­chen. Nach ihrem Abschluss absol­vierte sie eine Ausbil­dung zur Rechts­an­walts­ge­hil­fin und bliebt in Paris. Während ihrer Arbeit in einem Vorort von Paris begann sie damit, Geschich­ten für junge Erwach­sene zu schrei­ben und erreichte schliess­lich mit Aya ihren Durch­bruch.

Die Geschich­ten handeln von einer Clique junger Mädchen im Abid­jan der 1970er Jahre, die sich mit Jungs, Eltern und der Schule, mit Roman­zen, unge­plan­ter Schwan­ger­schaft und ande­ren Proble­men und Alltags­dra­men herum­schla­gen. Die Haupt­per­son bzw. Erzäh­le­rin Aya ist das schönste Mädchen in der Nach­bar­schaft, mag aber kein Kapi­tal aus ihrer Schön­heit schla­gen, sondern lernt lieber für die Schule und wider­setzt sich ihrem Vater, der sie mit dem Sohn seines Chefs verhei­ra­ten möchte. Ayas Ziel ist das Medi­zin­stu­dium, und sie ist genervt von den Lieb­schaf­ten und Dumm­hei­ten ihrer Freun­din­nen. Alles nicht sonder­lich aufre­gend, aber gerade die Beiläu­fig­keit der Erzäh­lung macht sie so gross­ar­tig. Es werden keiner­lei Erwar­tun­gen an ein drama­ti­sches afri­ka­ni­sches Frau­en­schick­sal erfüllt, dabei wird Aya aller­dings konse­quent aus weib­li­cher Sicht erzählt, und die jungen Frauen sind ganz selbst­ver­ständ­lich der Mittel­punkt des Coming-of-age-Plots.

www.reprodukt.com/produkt/aya/aya-leben-in-yop-city/

Margue­rite Abouet, Clément Oubre­rie, Aya: Leben in Yop City, Quelle: reprodukt.com

Die Geschich­ten wenden sich klar an ein euro­päi­sches Publi­kum, das zeigen das Vorwort zur kolo­nia­len und post­ko­lo­nia­len Geschichte der Elfen­bein­küste und der lustige Anhang mit einem Glossar afri­ka­ni­scher Begriffe, Rezep­ten und Anwei­sun­gen dazu, wie afri­ka­ni­sche Tücher rich­tig zu schlin­gen sind. Dennoch blei­ben die Geschich­ten ganz bei sich. Sie erklä­ren weder ‚Afrika‘ noch ‚afri­ka­ni­sches Frau­en­le­ben‘, sondern folgen den Figu­ren – insbe­son­dere Aya und ihren Freun­din­nen Adjoua und Bintou sowie deren Fami­lien – bei ihren alltäg­li­chen Verrich­tun­gen, Proble­men, Freu­den und Aufga­ben. Wenn man bedenkt, wie extrem schwer es afri­ka­ni­sche Themen und insbe­son­dere afri­ka­ni­schen Kunst, Lite­ra­tur und Kultur auf dem deutsch­spra­chi­gen Markt haben, dann ist es umso bemer­kens­wer­ter, dass ausge­rech­net eine Graphic Novel, die sich zudem ‚nur‘ mit dem Alltag einer klei­nen Gruppe junger Frauen in einem Stadt­teil von Abid­jan beschäf­tigt, so einen (rela­tiv) gros­sen Erfolg hatte.

Die mögli­che poli­ti­sche Rele­vanz von Aya zeigt sich bereits im ersten Bild des ersten Bandes. Es werden weder posi­tive noch nega­tive Afri­ka­kli­schees bedient: Gezeigt wird ein moder­nes Afrika der Städte, in dem die Menschen Berufe haben, die Fami­lie am Abend um das TV-Gerät im Wohn­zim­mer versam­melt ist, Hoch­zeits­fo­tos auf dem Tisch stehen, Bilder an der Wand hängen und eine Werbe­kam­pa­gne für Bier im Fern­se­hen läuft. Die Eltern nerven und die Kinder auch. Alles ganz normal. Aya ist keine Stell­ver­tre­te­rin und auch keine Reprä­sen­tan­tin, sondern eine junge Frau mit einem Traum. Wenn es gelingt, Menschen aus Abid­jan, aus Bamako oder Accra, aus Keren, Juba oder Kananga zunächst einmal so wahr­zu­neh­men, als Subjekte mit ihrer Biogra­fie, hat diese Bilder­ge­schichte – deren Zeich­ner auch unbe­dingt gelobt werden muss – viel bewirkt.

Margue­rite Abouet, Clément Oubre­rie, Aya, über­setzt von Kai Wilksen, Berlin: Repro­dukt 2014.
Margue­rite Abouet, Clément Oubre­rie, Aya: Leben in Yop City, über­setzt von Ulrich Pröf­rock, Berlin: Repro­dukt 2014.

Feri­en­lek­türe 2

Susan Sontags Tage­bü­cher, 1964-1980

Sandro Zanetti

Susan Sontag, Tagebücher 1964–1980, Buchcover (www.hanser-literaturverlage.de)

Susan Sontag, Tage­bü­cher 1964–1980, Buch­co­ver (www.hanser-literaturverlage.de)

Susan Sontag (1933–2004) bleibt als Essay­is­tin, Schrift­stel­le­rin und Kriti­ke­rin nach wie vor zu entde­cken. Was ihre Analy­sen zur Kultur und Poli­tik auch heute noch so lesens­wert macht, ist ihr rück­halt­lo­ses Bekennt­nis zur Gegen­wart – zu ihrer Gegen­wart: Je direk­ter sie sich ihrer Gegen­wart zuwen­det, desto weni­ger fern erscheint diese aus heuti­ger Sicht. Der Wille und das Vermö­gen, die Gegen­wart und die Geschichte dieser Gegen­wart nicht nur zu beob­ach­ten und zu beschrei­ben, sondern sich als Teil von ihr zu begrei­fen, ist kenn­zeich­nend für Sontags Schrei­ben. Schrei­ben als Zeit­ge­nos­sen­schaft: das ist das Programm. Sontag folgte dem Anspruch, die Gegen­wart durch teil­ha­bende Analyse erkenn­bar zu machen – auch für künf­tige Lese­rin­nen und Leser.

In ihren Tage­bü­chern wird dieser Anspruch am deut­lichs­ten fass­bar: Für Sontag gibt es keine Ästhe­tik, die nicht mit einer bestimm­ten Ethik verknüpft wäre – und umge­kehrt gibt es kein sozia­les und kein indi­vi­du­el­les Leben, das nicht auf Kommu­ni­ka­tion und also auf Darstel­lung und in diesem Sinne auf Ästhe­tik ange­wie­sen wäre. Die Frage ist nur, auf welche? Welche Form soll das Leben gewin­nen, das man führt?

Sontags Tage­bü­cher krei­sen unab­läs­sig um diese Fragen – und weil sie das so beharr­lich, so scho­nungs­los und so detail­reich tun, erfährt man in den einzel­nen Einträ­gen nie nur etwas über die Zeit, von der sie berich­ten, sondern immer auch etwas über die Form und Haltung, mit der Sontag sich selbst im Medium des Schrei­bens als ‚gegen­wär­tig‘ zu begrei­fen versucht: fragend, wahr­neh­mend, urtei­lend.

Seit ihrem drei­zehn­ten Lebens­jahr verfasste Sontag Tage­buch­ein­träge. 2008 brachte ihr Sohn David Rieff eine Auswahl der Tage­buch­auf­zeich­nun­gen aus den Jahren 1947–1963 (Reborn) heraus. 2012 folgte ein Band mit einer Auswahl der Aufzeich­nun­gen von 1964–1980 (As Conscious­ness is Harnes­sed to Flesh). Beide Bände erschie­nen kurz danach auch in deut­scher Über­set­zung im Hanser Verlag.

Als Feri­en­lek­türe empfeh­len wir den Band mit den Aufzeich­nun­gen von 1964–1980. Er wurde von Kath­rin Razum hervor­ra­gend ins Deut­sche über­setzt und erhielt den (gegen­über dem engli­schen Origi­nal neuen) Titel Ich schreibe, um heraus­zu­fin­den, was ich denke. Der Titel ist ein Zitat aus dem Eintrag vom 20. Novem­ber 1965. Er verdeut­licht das Verfah­ren, das Sontag ihren Aufzeich­nun­gen als Orien­tie­rung zugrunde legt. Das Schrei­ben erweist sich in diesen Aufzeich­nun­gen als eine Form des Denkens. Am selben Tag notiert Sontag:

Dass ich denke, wirk­lich denke, kommt nur in zwei Situa­tio­nen vor:

an der Schreib­ma­schine oder wenn ich in meinen Notiz­hef­ten schreibe (Mono­log)

wenn ich mich mit jeman­dem unter­halte (Dialog).

Aller­dings handelt es sich auch bei der ersten Situa­tion nicht bloß um einen Mono­log, sondern, indem das Schrei­ben zum Denken anhält und vice versa, um einen wech­sel­sei­ti­gen Prozess. Es ist dieser Prozess, der die Lektüre der Tage­buch­auf­zeich­nun­gen so aufschluss­reich macht. Es geht darin nie alleine darum, etwas Gegen­wär­ti­ges fest­zu­hal­ten, sondern darum, das Beschrie­bene auf seine Grund­la­gen und mögli­chen Wirkun­gen hin zu analy­sie­ren: die Geschlech­ter­ver­hält­nisse, das Verhält­nis von Ästhe­tik und Ethik, Sexua­li­tät und Macht, Moral und Poli­tik, der Viet­nam­krieg. Die Pointe: Nichts wird als alter­na­tiv­los beschrie­ben. Oftmals nehmen die Beob­ach­tun­gen ihren Anlass in ganz persön­li­chen Erleb­nis­sen, in Zita­ten aus Gesprä­chen, Erin­ne­run­gen, Reak­tio­nen. Dazwi­schen stehen Lektü­re­pro­to­kolle, Listen mit gese­he­nen Filmen, Skiz­zen für mögli­che Buch- oder Film­pro­jekte.

Das Tage­buch ist ein Labo­ra­to­rium für Gedan­ken, die noch nicht ausge­reift sein müssen, aber weiter­ver­folgt werden können und sollen. In den besten Momen­ten über­trägt sich das auf die Lektüre. Am ehes­ten geschieht dies, wenn Sontag selbst in ihren Eintra­gun­gen, die sich oftmals um persön­li­che Unzu­läng­lich­kei­ten, Verstri­ckun­gen und Krisen drehen, nicht versinkt, sondern zu knap­pen und klaren Formu­lie­run­gen gelangt, an die man dank­bar anknüp­fen kann. So wie hier (31. Juli 1973):

Das Problem, rich­tig erfasst = die Lösung.

Oder hier:

Intellektuelle(r) zu sein heißt, dem grund­le­gen­den Wert der Plura­li­tät sowie dem Recht auf […] kriti­sche Oppo­si­tion inner­halb der Gesell­schaft […] anzu­hän­gen.

Die drei Übel – Miso­gy­nie (Sexis­mus), Anti­se­mi­tis­mus und Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus – die ich bekämpfe.

Wenn ich für irgend­et­was bin, dann ist es – schlicht und einfach – die Dezen­tra­li­sie­rung der Macht.

Sätze also, die sitzen. Und an die Adresse der Kunst­lieb­ha­ber, Kriti­ker und Wissen­schaft­ler:

Man hört oft, etwas sei ‚lang­wei­lig‘ – als wäre das die maßgeb­li­che Instanz, und Kunst­werke hätten kein Recht, uns zu lang­wei­len.

Kunst hervor­he­ben als Instru­ment der Analyse (und nicht des Ausdrucks, der Aussage etc.).

Susan Sontag, „Ich schreibe, um heraus­zu­fin­den, was ich denke“. Tage­bü­cher 1964–1980. Aus dem Ameri­ka­ni­schen von Kath­rin Razum, München: Hanser 2013.

Feri­en­lek­türe 3

The man who sold the world. David Bowie und die 1970er Jahre, von Peter Doggett

Phil­ipp Sara­sin

eter Doggett, The man who sold the world. David Bowie and the 1970s, Buchcover, Quelle, www.bookdepository.com

eter Doggett, The man who sold the world. David Bowie and the 1970s, Buch­co­ver, Quelle, www.bookdepository.com

Der briti­sche Popmu­si­ker und globale Super­star David Bowie, der am 10. Januar dieses Jahres verst­arb, war zwei­fel­los einer der inno­va­tivs­ten und einfluss­reichs­ten Künst­ler im letz­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts, und er blieb bis zu seinem letz­ten, kurz vor dem Tod veröf­fent­lich­ten Album Black Star krea­tiv und über­ra­schend. Die wich­tigs­ten Jahre seiner Karriere als Musi­ker und viel­schich­ti­ger Darstel­ler seiner eige­nen Kunst­fi­gu­ren aber waren die 1970er Jahre. Diese Zeit steht im Mittel­punkt von Peter Doggetts stau­nens­wert kennt­nis­rei­chem und schier uner­schöpf­li­chem Buch The Man Who Sold the World. David Bowie and the 1970s: Biogra­fie, Werk­ver­zeich­nis, Musik- und Kultur­ge­schichte der 1970er Jahre in einem.

Der junge David Jones, wie Bowie mit bürger­li­chem Namen hiess, hatte zwar schon seit der zwei­ten Hälfte der 1960er Jahre im ‚swin­ging London‘, das von Moden, Trends und Ideen vibrierte, in verschie­de­nen Musik­for­ma­tio­nen und Stilen versucht, ein ‚Star‘ zu werden, aber er blieb besten­falls eine Hoff­nung seiner wech­seln­den Plat­ten­fir­men. Zwar brachte ihn „Space Oddity“, sein lakonisch-melancholischer Abge­sang auf die durch die Mond­lan­dung im Juli 1969 geweck­ten welt­wei­ten Raum­fahrt­träume, 1970 auf die vorde­ren Plätze der Single-Charts und zu ersten TV-Auftritten. Aber noch war er ein blond­ge­lock­ter Jüng­ling mit schul­ter­lan­gem Haar wie viele andere Popmu­si­ker auch, seine nach­fol­gen­den Plat­ten­auf­nah­men unter­schie­den ihn vorerst eben­falls noch nicht beson­ders von seinen Konkur­ren­ten.

Was Bowie hinge­gen bald über alle ande­ren heraus­he­ben sollte, war sein radi­ka­ler Bruch mit dem Kult der ‚Authen­ti­zi­tät‘, der in der Jugend-, Protest- und Alter­na­tiv­kul­tur der 1960er und 1970er Jahre zum Synonym für ‚Wahr­heit‘ und – so die eher ‚dyla­neske‘ länd­li­che Vari­ante ab dem Ende der 1960er Jahre – ‚gutes Leben‘ wurde. Bowie hinge­gen wollte keine Wahr­heit und schon gar nicht sein ‚wahres Ich‘ zum Ausdruck brin­gen. Bowie wollte ein Super­star sein, und er hatte viel früher als andere begrif­fen, was das bedeu­tete. Der ehema­lige Werbegrafik- und Marke­ting­lehr­ling begann sich als Bühnen­fi­gur zu erfin­den – am erfolg­reichs­ten ab 1972 als ‚Ziggy Star­dust‘: ein andro­gy­ner Alien mit seiner Band, den Spiders from Mars, ein atem­be­rau­bend geschmink­tes Wesen, weder Mann noch Frau, weder Rock­star noch Pier­rot, und doch alles gleich­zei­tig, eroti­sch und unnah­bar, in immer neuen Kostü­men, mit rotge­färb­ten und gestärk­ten Haaren und einer stil­si­che­ren Stimme.

Für ein solches Konzept gab es zu Beginn der 1970er Jahre nur ein Vorbild: Andy Warhol. Bowie widmete ihm 1971 einen Song und lernte ihn (sowie Lou Reed) kurz danach in New York kennen. Wie für Warhols, so galt auch für Bowies Kunst: sie exis­tiert nur an der Ober­flä­che, sie ist nur ihre eigene Ober­flä­che. Doch noch radi­ka­ler als bei Warhol ist es bei Bowie in den frühen 1970er Jahren nichts weni­ger als der eigene Körper, das eigene Leben, das auf diese Weise zum Kunst­werk wird. „Aus seinem Leben ein Kunst­werk machen“: als Michel Foucault 1980 von einer solchen „Ästhe­tik der Exis­tenz“ sprach, hatte er nur in Worte gefasst, was die Popmu­sik schon zehn Jahre zuvor begrif­fen hatte.

Was aller­dings (nicht nur) Bowie betrifft, so erwies sich dieses ‚Kunstwerk-Sein‘ als ziem­lich anstren­gend. Sein unab­läs­si­ger Koka­in­kon­sum, der ihn – real fass­bar in der Kunst­fi­gur des ‚Thin White Duke‘ (1974/175, mit faschis­to­iden Anklän­gen) – ziem­lich ausbleichte, sein exzes­si­ves Leben in Los Ange­les in der Mitte der 1970er Jahre und der selbst­auf­er­legte Zwang, immer wieder ein ande­rer zu sein, trie­ben ihn 1977 zur Flucht nach West-Berlin. Die graue, isolierte Stadt war für ihn der ideale Ort, um sich wiederum neu zu erfin­den – dies­mal im Kostüm des Normal­ge­klei­de­ten und kaum noch Geschmink­ten, der seine Post­mo­derne schon hinter sich hatte. Aber Bowie blieb auf der Höhe der Zeit: „We can be heroes“ wurde zur Hymne einer Jugend, die die poli­ti­schen Hoff­nun­gen der Revo­lu­ti­ons­jahre längst aufge­ge­ben hatte und eher verzwei­felt das private Glück zu suchen begann.

Was nun die Bowie-Monografie von Peter Doggett betrifft, bleibt nur eine Frage: Ist das eine gute Feri­en­lek­türe? Unbe­dingt! Das Buch beginnt mit einer flüs­sig geschrie­be­nen biogra­fi­schen Skizze der frühen Jahre bis 1970, um dann – detail­liert ­– Song für Song zu analy­sie­ren. Das tönt zwar abschre­ckend, ist aber eine wahre Fund­grube voller bril­lan­ter klei­ner Analy­sen und detail­rei­cher Geschich­ten, ergänzt alle paar Seiten durch kurze Essays zu über­grei­fen­den Themen, die die Karriere Bowies mit der Kultur­ge­schichte der 1970er Jahren verknüp­fen. Das alles muss man nicht am Stück lesen, sondern eher Stück für Stück, viel­leicht auch gerade in der Reihen­folge, wie man sich Bowies Musik aufs Handy strea­men lässt. Danach wissen Sie Vieles, darun­ter viel wirk­lich Rele­van­tes über Bowie – und auch viel über die 1970er Jahre: dieses merk­wür­dige Jahr­zehnt, als Kunst­fi­gu­ren wie David Bowie die Moderne zur Explo­sion brach­ten.

Peter Doggett, The Man Who Sold the World. David Bowie and the 1970s, London: Vintage 2012.

Feri­en­lek­türe 4

Eine Reise ins Reich der Insek­ten: Hugh Raff­les gelehrte Insek­to­pä­die

Gesine Krüger

Hugh Raffles, Insektopädie, Buchcover; Quelle: www.matthes-seitz-berlin.de

Hugh Raff­les, Insek­to­pä­die, Buch­co­ver; Quelle: www.matthes-seitz-berlin.de

Bei der preis­ge­krön­ten Insek­to­pä­die des Anthro­po­lo­gen und Latein­ame­ri­ka­ex­per­ten Hugh Raff­les, der sein Dokto­rat an der Yale School of Fore­stry and Envi­ron­men­tal Studies abschloss, handelt es sich um ein leicht verrück­tes Buch, orga­ni­siert in 26 Lemmata von A bis Z, deren einzige Syste­ma­tik es ist, jedem Buch­sta­ben des Alpha­bets einen Eintrag zuzu­ord­nen, der wiederum in unter­schied­lich viele und unter­schied­lich lange Unter­ka­pi­tel einge­teilt ist. Unter den einzel­nen Stich­wör­tern – von Aether über Fieber/Traum, Juden, Kafka, Lesen bis hin zu Tanz­flie­gen, Visio­nen und Yajima-san oder die Sehn­sucht und Zen und die Kunst des Ssss… – finden sich Essays und Medi­ta­tio­nen, histo­ri­sche Skiz­zen und ento­mo­lo­gi­sche Refe­rate, Beob­ach­tun­gen und Refle­xio­nen zum Verhält­nis Mensch und Insekt und umge­kehrt. Geschrie­ben mit großer Liebe zum Detail – und zu allem mögli­chen Ande­ren –, in einer wunder­bar ernsthaft-verspielten Spra­che und mit umfas­sen­der Sach­kennt­nis verfasst, könnte das Buch selbst Aufnahme in eine Enzy­klo­pä­die natur­wis­sen­schaft­li­cher Hoch­ko­mik (im Sinne der Neuen Frank­fur­ter Schule) finden. Dort würde es dann neben Charles Darwins verlieb­ten Vögeln („bis der chine­si­sche Gänse­rich eine der gemei­nen Gänse verführte“), der konzen­triert lauern­den Zecke von Jakob Johann von Uexküll („nicht Maschine, sondern Maschi­nist“) und natür­lich Brehms Thier­le­ben stehen (als „gut gelaunt und urteils­froh“ bezeich­nete Ulrich Grei­ner den großen Zoolo­gen einmal sehr zu Recht.

Der Eintrag A wie Aether ist Beispiel für einen der histo­ri­schen Exkurse. Seit den 1930er Jahren versuch­ten Forscher mit Flug­zeu­gen, unter ihnen Perry A. Glick vom ameri­ka­ni­schen Büro für Ento­mo­lo­gie und Pflan­zen­qua­ran­täne, das Geheim­nis der Migra­tion von Insek­ten zu erfor­schen, insbe­son­dere um der Baum­woll­kap­sel­motte und ande­ren Motten beizu­kom­men, „die sich durch die natür­li­chen Ressour­cen der Nation hindurch­fra­ßen“ (S. 9). Sie flogen immer höher und fanden immer mehr Insek­ten. In einer Luft­säule über einein­halb Quadrat­me­tern Land in Loui­siana in einer Höhe zwischen fünf­zehn Metern und mehr als vier Kilo­me­tern befan­den sich je nach Jahres­zeit zwischen 25 und 36 Millio­nen Insek­ten, unsicht­bar für das mensch­li­che Auge.

Halt. Wenn Sie drin­nen sind, gehen Sie ans Fens­ter. Öffnen Sie das Fens­ter und wenden Sie Ihr Gesicht zum Himmel. All dieser leere Raum, die tiefe Ausdeh­nung des Äthers, der Himmel hoch über Ihnen. Der Himmel ist voller Insek­ten, und alle sind sie irgend­wo­hin unter­wegs. Jeden Tag, über uns und um uns herum, die kollek­tive Reise von Milli­ar­den von Lebe­we­sen. (S. 15/16)

Beschäf­tigt man sich länger mit Ento­mo­lo­gie, dann fällt auf, dass Insek­ten­for­scher eine ganz eigen­ar­tige Mischung aus einer fast schon geheim­bünd­le­ri­schen Faszi­na­tion und Kenner­schaft, echter Sympa­thie und gnaden­lo­sem Zugriff auf die einzelne Krea­tur zeigen. Die Forscher schnei­den und betäu­ben, verpflan­zen und lähmen, töten und erwe­cken zum Leben. Dabei halten sie immer wieder verzückt inne und wenden sich zärt­lich, gera­dezu mütter­lich dem hilf­lo­sen Expo­nat unter dem Mikro­skop zu. Sehr schön lässt sich dies in den Filmen des Schwei­zer Insek­ten­for­schers Urs Wyss betrach­ten (Insek­ten – Unbe­kannte Welten 1-3), der vergnügt in die Kamera von der Persön­lich­keit der Insek­ten erzählt, während seine Hände weiter­hin damit beschäf­tigt sind, ein Kälte­ex­pe­ri­ment durch­zu­füh­ren.

Hugh Raff­les bezeich­net Insek­ten denn auch als Outlaws, und zwar in zwei­er­lei Hinsicht: Sie halten sich nicht an mensch­li­che Gesetze bzw. gelten diese nicht in ihren Paral­lel­wel­ten, und sie fallen aus dem mensch­li­chen Recht, das sie nicht als Tiere begreift. Sie können beispiels­weise so viele Flie­gen und Mücken töten, wie Sie möch­ten und Schmet­ter­lin­gen die Flügel ausrei­ßen, wenn Ihnen danach ist. Schon bei der kleins­ten Maus hört der Spaß aller­dings auf (nach­zu­le­sen im Kapi­tel über Crush-Videos). Es fällt schwer, sich Insek­ten als Tiere zu denken. Sie besit­zen ein Exos­ke­lett, krie­chen und wimmeln, haben sechs Beine, Auswüchse am Kopf und merk­wür­dige Augen, aber es gibt schließ­lich sehr viele, sehr merk­wür­dige Tiere, die uns doch irgend­wie nahe­kom­men. Insek­ten besit­zen aller­dings keine Mimik, „no mobile faces“, wie Hugh Raff­les sagt. Und mehr noch, sie zeigen keiner­lei beson­de­res Inter­esse an uns. Keine Furcht, keine Zunei­gung, keine Neugierde. Viel­leicht liegt darin eine tiefe Krän­kung. Und sie haben etwas Unheim­li­ches an sich. Während ihre Panzer und Hüllen sie solide nach außen abschir­men, sind sie im Inne­ren merk­wür­dig fluid und verwan­deln ihre Gestalt und Lebens­weise während der Meta­mor­phose voll­stän­dig. Ein ganz ande­res Verhält­nis aller­dings besteht in Japan oder China zu Insek­ten und reicht von einer mehr als tausend Jahre alten Kultur der Haltung von Gril­len als „emotio­nal compa­ni­ons“ zum Kampf und zur Freude an ihrem Gesang bis hin zu den Mangas und Anime, in denen liebens­wür­dige Hybride aus Menschen und Insek­ten oder über­ir­di­sche Insek­ten auftau­chen.

Warum sollte man sich über­haupt für Insek­ten inter­es­sie­ren? Hier wäre kurz und bündig mit Raff­les zu antwor­ten: „We all condi­tion each other’s lives.“ In erschre­cken­der Weise zeigt sich dies im Abschnitt zu Corne­lia Hesse-Honeggers Arbeit. Die Zürcher Künst­le­rin und natur­wis­sen­schaft­li­che Zeich­ne­rin konnte nach­wei­sen, dass selbst schwa­che Strah­lun­gen in der Nähe von Atom­kraft­wer­ken zu grotes­ken Defor­ma­tio­nen bei den von ihr gelieb­ten Blatt­wan­zen führen (auch hier wieder die selt­same Kombi­na­tion: unter dem Mikro­skop eine Wanze, spricht sie vom „Gefühl“ der „Wanzen für bestimmte Situa­tio­nen“ und ihren „indi­vi­du­el­len Unter­schie­den“).

Das Buch wurde von Judith Schalansky gestal­tet, einer Auto­rin und Buch­ma­che­rin, die acht Bände der Reihe Natur­kun­den im Verlag Matthes & Seitz verant­wor­tet (der Band Raben von Cord Riechel­mann ist auch ganz unbe­dingt zu empfeh­len). Der Umschlag aus grünem und blauem Leinen mit einge­wo­be­nen Insek­ten irisiert lila und erin­nert an den Panzer eines Käfers. Das Heupferd­grün des Seiten­schnitts wird bei den Kapi­tel­zah­len und Über­schrif­ten wieder aufge­nom­men. Und es dient der farb­li­chen Verfrem­dung der zahl­rei­chen Illus­tra­tio­nen. Es gibt einen klei­nen feinen Fußno­ten­ap­pa­rat, aber leider keinen Index – wobei sich die Frage stellt, nach welcher Syste­ma­tik dieser wohl sinn­voll ange­legt sein könnte. Dann doch lieber das Buch wieder und wieder zur Hand nehmen und darin blät­tern und sich über Zufalls­funde freuen… Warum aller­dings die Auswahl­bi­blio­gra­fie der ameri­ka­ni­schen Origi­nal­aus­gabe von 2010 (Random House) fehlt, bleibt ein Rätsel.

Hugh Raff­les, Insek­to­pä­die, aus dem Engli­schen über­setzt von Thomas Sches­tag, Berlin: Matthes & Seitz 2013.

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