Geschichten der Gegenwart

Paul Parin, der am 20. Sep­tem­ber 100 Jah­re alt gewor­den wäre, Gol­dy Parin-Mat­t­hèy und als Drit­ter im Bun­de Fritz Mor­gen­tha­ler leb­ten und arbei­te­ten am Uto­quai 41 in Zürich. Ihre psy­cho­ana­ly­ti­sche Pra­xis hat­ten sie hier 1952 ein­ge­rich­tet, nach­dem Paul Parin und Gol­dy Mat­t­hèy aus Jugo­sla­wi­en zurück­ge­kehrt waren, wo sie 1944/45 auf Sei­ten der Par­ti­sa­nen medi­zi­ni­sche Hil­fe geleis­tet hat­ten. Ab Mit­te der 1950er Jah­re gin­gen sie dann gemein­sam mit Ruth und Fritz Mor­gen­tha­ler auf Rei­sen, um in West­afri­ka unter den Dogon und den Agni die psy­cho­ana­ly­ti­sche Metho­de zu erpro­ben.

War es mög­lich, die Ange­hö­ri­gen von nicht-west­li­chen Gesell­schaf­ten mit den theo­re­ti­schen und metho­di­schen Mit­teln der Psy­cho­ana­ly­se zu ver­ste­hen? Aus­ge­hend von einem uni­ver­sa­lis­ti­schen Men­schen­bild, ver­lie­fen ihre For­schungs­in­ter­es­sen aber nicht nur in eine Rich­tung. Die Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­se soll­te auch in der hei­mat­li­chen Umge­bung der Schweiz ange­wen­det wer­den, zur Behand­lung von Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten und zugleich als Form der Gesell­schafts­ana­ly­se und -kri­tik.

Goldy und Paul Parin, Zürich 1946; Quelle: hagalil.com

Gol­dy und Paul Parin, Zürich 1946; Quel­le aller Bil­der: Stu­dio und Archiv Paul Parin & Gol­dy Parin-Mat­t­hèy an der Sig­mund Freud Pri­vat­uni­ver­si­tät Wien

Gol­dy Parin-Mat­t­hèy und Paul Parin, wel­che die Auto­rin und Jour­na­lis­tin Ursu­la Rüt­ten ein­mal als „ver­mähl­te Zwil­lin­ge“ bezeich­net hat, blie­ben Zeit ihres Lebens insti­tu­tio­nell eben­so unab­hän­gig, wie sie in einem aus­ge­dehn­ten, glo­bal ver­netz­ten, lin­ken und undog­ma­ti­schen Freun­des­kreis ver­an­kert waren. Wobei Freund­schaft hier mehr bedeu­tet als blo­ße pri­va­te Bin­dun­gen und Nei­gun­gen – ihre Freund­schaf­ten schu­fen dar­über hin­aus einen Arbeits- und Dis­kus­si­ons­ort. Ste­fan Zwei­fel hat die sonn­täg­li­chen Zusam­men­künf­te am Uto­quai ein­mal als Ver­samm­lung auf einem Affen­fel­sen beschrie­ben, wo er als Kind den Erwach­se­nen zu Füßen saß und ihren Debat­ten zuhör­te („schö­ne Pavia­ne“, die sich „Geschich­ten aus dem Haar laus­ten“).

Freudsches Denken

Mir kam die Woh­nung, Jahr­zehn­te spä­ter, eher wie eine Zeit­ma­schi­ne vor. Der Stra­ßen­lärm der Durch­gangs­stra­ße war durch die Fens­ter­schei­ben eben­so gedämpft wie das Licht durch die ver­gilb­ten Vor­gän­ge, und so konn­ten wir rau­chend und trin­kend an jeden belie­bi­gen Ort der Welt und in jede Zeit rei­sen. Meist aber lan­de­ten wir im frü­hen 20. Jahr­hun­dert irgend­wo in Euro­pa oder in den 1950er und 1960er Jah­ren in Afri­ka. Trotz­dem kei­ne Nost­al­gie. Jede Geschich­te war ein Exem­pel und das Inter­es­se galt der Gegen­wart.

Eine geschlos­se­ne Theo­rie ent­stand aus der eth­n­o­psy­cho­ana­ly­ti­schen For­schungs­pra­xis nicht. Grund­la­ge blieb stets und dezi­diert das Freud­sche Den­ken, wie Paul Parin im Namen der Grup­pe im Text „Sub­jekt im Wider­spruch“ erläu­ter­te: „Erst wenn sich die­se Theo­rie ein­mal nicht eig­ne­te, um unse­re Beob­ach­tun­gen zu erklä­ren, haben wir sie modi­fi­ziert, etwas hin­zu­ge­fügt, ande­res weg­ge­las­sen oder abge­än­dert.“ Ent­schei­dend war die Ver­bin­dung von Psy­cho­ana­ly­se und Eth­no­lo­gie, wobei die For­scher­per­sön­lich­keit mit ihren eige­nen kul­tu­rel­len Ver­stri­ckun­gen in die Ana­ly­se ein­be­zo­gen wor­den ist.

Paul Parin im Gespräch; Quelle: xxx

Paul Parin im Gespräch, frü­he 1960er Jah­re.

Das heißt, bei der For­schung war immer auch die eige­ne Reak­ti­on auf den For­schungs­ge­gen­stand, d.h. auf die ande­ren Men­schen und die frem­de Umge­bung Teil der Betrach­tung, und die­ser Ansatz ist für alle qua­li­ta­tiv arbei­ten­den Wis­sen­schaf­ten bis heu­te rele­vant. Es gilt nicht, das eige­ne Ich (Her­kunft, Geschlech­te, Gene­ra­ti­on, usw.) und die eige­nen kul­tu­rel­len Ver­stri­ckun­gen mög­lichst „aus­zu­schal­ten“, son­dern die­se zu ana­ly­sie­ren und pro­duk­tiv in den For­schungs­pro­zess ein­zu­brin­gen. In den 1950er Jah­ren waren sol­che Über­le­gun­gen in der Eth­no­lo­gie noch uner­hört, galt es doch „im Feld“ eine wis­sen­schaft­li­che Distanz zu wah­ren, und über­dies stan­den Eth­no­lo­gen mit ihrer For­schung zu die­ser Zeit noch häu­fig im Dienst von Kolo­ni­al­in­ter­es­sen. Die kolo­nia­len Unter­ta­nen soll­ten erforscht wer­den, um sie beherrsch­bar zu machen – das galt nicht nur im Süd­afri­ka unter der Apart­heid.

Fremdheit ist keine Eigenschaft

Vor­aus­set­zung und Resul­tat des eth­n­o­psy­cho­ana­ly­ti­schen Zugangs ist, dass Fremd­heit kei­ne Eigen­schaft ist, son­dern ein rela­tio­na­les Ver­hält­nis beschreibt. Das passt zu einer zen­tra­len Über­le­gung Sig­mund Freuds, wonach Neu­ro­sen kei­ne ihnen eige­nen Inhal­te haben, die nicht auch bei „Gesun­den“, bei Men­schen ohne Sym­pto­me, zu fin­den sind. Folgt man die­sen Gedan­ken, exis­tie­ren weder der Frem­de noch der Kran­ke an sich und aus sich selbst her­aus; krank oder fremd ist ein Mensch viel­mehr immer nur in Bezie­hung zu etwas oder zu jemand ande­rem.

Inso­fern ist mit der Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­se auch eine Uto­pie ver­bun­den, eine Form der Auf­klä­rung, die nicht nur das eige­ne Frem­de ein­schließt und ana­ly­siert, son­dern das Frem­de als Eige­nes aner­kennt. Mit der The­se, dass sich Psy­cho­ana­ly­se als Form der Gesell­schafts­kri­tik und der indi­vi­du­el­len Auf­klä­rung auch in ande­ren, kolo­ni­sier­ten Gesell­schaf­ten bewäh­ren wür­de, soll­te eben gera­de kei­ne „afri­ka­ni­sche Psy­che“ (re)konstruiert wer­den. Viel­mehr ging es bei den psy­cho­ana­ly­ti­schen Gesprä­chen um die Ein­zig­ar­tig­keit der Per­so­nen, aller­dings in ihrer Ver­stri­ckung in die jewei­li­ge Gesell­schaft und sozia­le Umwelt. Bei den Agni an der Elfen­bein­küs­te und den Dogon in Mali stell­te sich dies his­to­risch und sozio­lo­gisch höchst unter­schied­lich dar und drück­te sich in unter­schied­li­chen Per­sön­lich­keits­struk­tu­ren aus. So glück­lich und frei sich die Dogon-Gesell­schaft zeig­te, so ver­strickt und bedrückt erleb­ten die Rei­sen­den die Agni.

Die post­ko­lo­nia­le For­de­rung, „den Ande­ren“ eine Stim­me zu geben, ist in der Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­se mit ihren Ein­zel- und Grup­pen­ge­sprä­chen radi­kal umge­setzt. Denn die Inter­view­ten sind nicht Stell­ver­tre­te­rin­nen oder Stell­ver­tre­ter einer Grup­pe von Ande­ren, son­dern erschei­nen in ihrer Indi­vi­dua­li­tät, mit ihren Reak­tio­nen und Emo­tio­nen, ihren Bio­gra­fi­en und Träu­men in so unter­schied­li­chem Mas­se fremd und ver­traut, wie jeder ande­re Mensch, dem wir begeg­nen oder über den wir lesen. Zugleich wer­den aber auch die mate­ri­el­len und sozia­len Struk­tu­ren und Bedin­gun­gen von Glück und von Schei­tern aus den Inter­views und ihren Ana­ly­sen deut­lich.

Goldy und Paul Parin in Mali, ca. 1960; Foto: Fritz Morgenthaler

Gol­dy und Paul Parin in Mali, ca. 1960; Foto: Fritz Mor­gen­tha­ler

Die Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­se bedarf des Orts- und Per­spek­ti­ven­wech­sels, sie ist eine Rei­se in die Frem­de und nach Innen, zu den Ande­ren und zu sich selbst, sie ver­sucht das Gemein­sa­me zu ergrün­den und muss dabei geo­gra­fi­sche und intel­lek­tu­el­le Orte wech­seln, d.h. die eige­nen Annah­men immer in Fra­ge stel­len. Die­se „Pen­del­be­we­gung zwi­schen den Kul­tu­ren“ (Mario Erd­heim) ist gera­de in der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Lage hoch rele­vant. Nie tre­ten die Kon­tu­ren des Eige­nen so scharf her­vor, wie in der Kon­fron­ta­ti­on mit dem Ande­ren. Die Vor­stel­lung, man habe eine ein­zi­ge geschlos­se­ne Kul­tur, an die sich die Frem­den anzu­pas­sen haben, unter­liegt einem Denk­feh­ler. Das was heu­te so vehe­ment als Kern eige­ner Kul­tur ver­tei­digt wird, ist auch in schein­bar homo­ge­nen Gemein­schaf­ten das Ergeb­nis von Ver­mi­schun­gen, Neu­ent­wick­lun­gen, einer Aus­hand­lung zwi­schen Inno­va­ti­on und Tra­di­ti­on sowie zwi­schen Eige­nem und Frem­dem. Alles ver­än­dert sich in die­sen fort­wäh­ren­den Aus­hand­lun­gen, die Spra­che, die Bräu­che, die Erzäh­lun­gen über die Ver­gan­gen­heit.

In der Kon­fron­ta­ti­on mit Fremd­heit, sei es zu Hau­se oder auf Rei­sen, wird die eige­ne Kul­tur aber plötz­lich als schein­bar geschlos­se­nes Gan­zes erfah­ren, man wird zur Deut­schen oder zum Schwei­zer, zum Euro­pä­er oder Afri­ka­ner, wäh­rend im All­tag sol­che Defi­ni­tio­nen weder für die Fremd- noch für die Selbst­zu­schrei­bung nötig sind – da sind die vie­len unter­schied­li­chen Iden­ti­fi­ka­tio­nen und Zuge­hö­rig­kei­ten jeder Per­son weit­aus rele­van­ter. Soll man jedoch die eige­ne Kul­tur erklä­ren, wird sie zumeist zu einem hyper­rea­len Ide­al, Typi­sches wird her­vor­ge­ho­ben oder auch kon­stru­iert, abge­trennt von der all­täg­li­chen Erfah­rung der Unord­nung, Unvoll­stän­dig­keit und Hybri­di­tät, die geleb­te ‚Kul­tur’ aus­zeich­net. Kul­tur ist immer in Bewe­gung (und mag die­se noch so lang­sam sein), das Kul­tur­ge­we­be ist in unter­schied­li­chen his­to­ri­schen Epo­chen geknüpft, sein Mate­ri­al stammt aus ganz ver­schie­de­nen Quel­len, und wird immer wie­der neu inter­pre­tiert. Gera­de weil Kul­tu­ren – also die Lebens­wirk­lich­kei­ten von Men­schen – immer hybrid sind, gera­ten sie durch Orts­wech­sel durch­ein­an­der. Das kann pro­duk­tiv sein oder zu gewalt­tä­ti­ger Erup­ti­on füh­ren.

Ein grosser Erzähler

Heu­te ist der Uto­quai 41 nur noch eine Haus­num­mer, nichts erin­nert mehr an Paul und Gol­dy, und das passt viel­leicht zur Uto­pie der Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­se, denn sie hat im Wort­sin­ne kei­nen Ort, sie kann nur im Gespräch und in der Ana­ly­se ent­ste­hen, da wo zwei oder mehr zusam­men­tref­fen und sich dar­über eini­gen, dass sie etwas ergrün­den wol­len.  Die Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­se hat eine wis­sen­schaft­li­che Pra­xis initi­iert, so Maya Nadig, „die es erlaubt, einen dif­fe­ren­zie­ren­den und krea­ti­ven Blick auf eine kom­pli­zier­te und schwer zu ver­ste­hen­de Welt zu wer­fen. Es ist ein wun­der­bar mensch­li­cher Blick, weil er nicht ein­fach den Ande­ren unter­sucht, son­dern auch die eige­ne Invol­viert­heit und die Gefüh­le in der Bezie­hung zum Ande­ren ernst nimmt. In die­ser Mensch­lich­keit der Metho­de liegt auch ihr poli­ti­sches und revo­lu­tio­nä­res Poten­ti­al.“

Paul Parin mit Gesprächspartner, frühe 1960er Jahre

Paul Parin mit Gesprächs­part­ner, frü­he 1960er Jah­re

Als klar war, dass Paul bald ster­ben wür­de, ver­sam­mel­ten sich die Freun­de in gro­ßer Zahl um ihn. Vie­len schrie­ben sei­ne Sät­ze auf. „Alle Wör­ter lie­gen vor mir auf dem Tisch, aber ich weiß nicht mehr, wie sie zusam­men­ge­hö­ren“, war einer sei­nen letz­ten Sät­ze. Paul Parin bleibt nicht nur als Eth­n­o­psy­cho­ana­ly­ti­ker, son­dern auch als gros­ser Erzäh­ler in Erin­ne­rung.

 

 

 

 

Eine ältere Version dieses Beitrag erschien in der Publikation „De-Neutralize – Globale Geschichten aus Zürich“, Daniel Kurjakovic, Franziska Koch, Lea Pfäffli, Bernhard Schär, Eduardo Simantob, Barbara Preisig (Hrsg.), Ein Kooperationsprojekt der VBK (ZHdK), IFCAR (ZHdK), Professur für Geschichte der modernen Welt (ETH), Johann Jacobs Museum, Zürich 2016.

Von Gesine Krüger

Gesine Krüger lehrt Geschichte der Neuzeit und Ausser­europäische Geschichte an der Univer­sität Zürich und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.