Philipp Sarasin

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Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.

Was war der Kalte Krieg? Gab es nur den einen, den „cold war“ zwischen der Sowjet­union und den USA, der nach allge­meiner Einschät­zung 1946/47 einsetzte und spätes­tens mit dem Ende der Sowjet­union als Staat, also 1991, endete? Oder ist „kalter Krieg“ gene­rell ein Zustand gespannter Feind­schaft zwischen zwei grossen, mäch­tigen Staaten, die sich wie zwei knur­rende Tiere umkreisen, sich aber nicht anzu­greifen wagen, weil sie sich als gleich stark einschätzen? So zu spre­chen klingt verlo­ckend und scheint immer wieder eine brauch­bare Meta­pher zu sein, um poli­ti­sche Span­nungen in der Abtei­lung „Gross- und Super­mächte“ zu charak­te­ri­sieren, so auch jetzt wieder das Verhältnis zwischen Russ­land und den USA unter Putin und Trump. Doch damit über­sieht man Entschei­dendes.

George Orwell und die Atombombe

Der Begriff Kalter Krieg stammt, als „guerre froide“, ursprüng­lich aus der fran­zö­si­schen poli­ti­schen Publi­zistik der 1930er Jahre. Es war dann aber George Orwell, der schon im Oktober 1945 auf einen welt­his­to­ri­schen Einschnitt reagierte und davon ausge­hend die Zukunft eines „cold war“ voraussah, und zwar in einem kurzen Artikel mit dem Titel „You and the Atomic Bomb“. Orwell argu­men­tierte, dass gene­rell die Waffen­tech­no­logie prägend für den Lauf der Geschichte sei. Billige Waffen, die den Vielen zur Verfü­gung stehen, würden Revolten gegen die Herr­schenden ermög­li­chen; daher seien die Muskete und das Gewehr die Waffen des Bürger­tums und der Demo­kratie. Schwere, teure Waffen hingegen würden die Tyrannen bevor­teilen.

Eine Atom­bombe vom Typ ‘Little Boy’, die über Hiro­shima gezündet wurde; Quelle: CNN.com

Die neuar­tige Atom­bombe als eine sehr teure, sehr kompli­zierte Waffe würde, so Orwell, dazu führen, dass sich zwei oder drei Super­mächte bilden, die je über die Atom­waffe verfügen und im Inneren tyran­nisch struk­tu­riert seien. Orwell stellte sich die künf­tige Grenz­zie­hung zwischen diesen neuen Blöcken als absolut vor: Die Logik der Atom­waffe führe zu einer Regie­rungs­form und zu einem poli­ti­schen Handeln, das auf maxi­male Konfron­ta­tion, Distanz zum Gegner und geschlos­sene Grenzen hin ange­legt sei – und zwar unab­hängig von der ideo­lo­gi­schen Ausrich­tung der Blöcke. Aber in der Logik dieser Waffe liegt auch, so Orwells zentrales Argu­ment, dass die Super-Mächte insge­heim über­ein­kommen würden, die Bombe gar nicht einzu­setzen, weil sie einander nicht mehr erobern können, sondern in einem solchen Krieg selbst unter­gehen würden. Sie werden daher, so Orwell, in einem „perma­nent state of ‘cold war’“ leben. Die grossen Kriege würden damit aufhören – „at the cost of prolon­ging inde­fi­ni­tely a ‘peace that is no peace’.“

Orwell argu­men­tierte in diesem Artikel vom Oktober 1945 allein waffen­tech­no­lo­gisch; der Antago­nismus zwischen den Blöcken erschien als reiner Effekt der Atom­waffe, genauer als direkte Konse­quenz der Macht­logik von atom­bom­ben­ge­stützten Olig­ar­chien, die sich einen ‚heissen‘ Krieg um den Preis des eigenen Unter­gangs nicht leisten können. Auch wenn diese überaus kühle Beschrei­bung der Gegner­schaft zwischen den USA und der Sowjet­union bald von Orwell selbst aufge­geben und dann nament­lich vom ameri­ka­ni­schen Jour­na­listen Walter Lipp­mann mit Blick auf die ideo­lo­gi­sche Ausein­an­der­set­zung verwendet wurde, benannte Orwell schon 1945 eines von zwei zentralen Elementen für das Verständnis des Kalten Krieges als einer ganz bestimmten macht­po­li­ti­schen Konstel­la­tion und histo­ri­schen Epoche: Der Kalte Krieg war nicht ‚kalt‘, weil sich zwei Super­mächte im Sicher­heitsrat ständig anknurrten, sondern weil sie ab 1949 in einer atomaren Rüstungs­spi­rale gefangen waren.

Diese Spirale führte zur Entwick­lung eines Zerstö­rungs­po­ten­tials, das nicht nur die wech­sel­sei­tige totale Auslö­schung „garan­tierte“, sondern sogar für mehrere Erden oder Mensch­heiten gereicht hätte. Das damit verbun­dene Droh­po­ten­tial brachte es zudem aber auch mit sich, dass die beiden Super­mächte mehr Macht ausser­halb ihres eigenen geogra­phi­schen Raumes zu proji­zieren vermochten, als ihnen das ohne Atom­waffen möglich gewesen wäre. Der Kalte Krieg wurde deshalb spätes­tens nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961, der die Konfron­ta­tion in Europa gleichsam einfror, zu einem global geführten Konflikt. Und schliess­lich lässt sich sagen: Der Kalte Krieg endete nicht zuletzt, weil Ronald Reagan und Michail Gorbat­schow es im Oktober 1986 buch­stäb­lich am Kamin­feuer einer ehema­ligen Botschaf­ter­re­si­denz ausser­halb von Reyk­javik schafften – aller­dings auf dem Hinter­grund schon jahr­zehn­te­langer Rüstungs­be­schrän­kungs­be­mü­hungen –, diese Aufwärts­spi­rale zu durch­bre­chen.

Churchill, Truman und die „two ways of life”

Das zweite wesent­liche Element, dass den Kalten Krieg zwischen 1946/47 und dem Ende der 1980er Jahre so einzig­artig machte, war das, was man als ideo­lo­gi­schen Gegen­satz bezie­hungs­weise auch als „System­kon­kur­renz“ beschreiben kann. Schon am 5. März 1946 hatte der briti­sche Ex-Premier Winston Chur­chill in einer Rede im West­minster College in Fulton, Missouri, den berühmten Satz ausge­spro­chen: „From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic an iron curtain has descended across the Conti­nent.“ Er meinte damit die Grenze jener Gebiete, die am Ende des Zweiten Welt­krieges von der Sowjet­union unter grössten mili­tä­ri­schen Anstren­gungen erobert worden waren, und wo Stalin ihm genehme Regie­rungen instal­lierte. Chur­chill gestand zwar, ganz Real­po­li­tiker, seinem „wartime comrade, Marshall Stalin“ durchaus die Errich­tung eines poli­ti­schen Einfluss­be­reichs und mili­tä­ri­schen Sicher­heits­gürtel gegen jede künf­tige deut­sche Aggres­sion zu. Dennoch war das Bild vom „eisernen Vorhang“ fast allzu spre­chend: Wenn der Vorhang fällt, ist das Stück aus und wird es dunkel; doch weil man normale Vorhänge zurück­schlagen kann, war dieser hier aus Eisen (wie es ihn im Theater seit dem 19. Jahr­hun­dert als Feuer­schutz gibt).

Doch welches Stück war, dem Bild des iron curtain entspre­chend, nun für Osteu­ropa genau zu Ende? Chur­chill sprach in seiner Rede drei Element an, die seither immer wieder vari­iert wurden: Das spezi­fisch west­liche Modell der Demo­kratie, die betont angel­säch­si­sche „rule of law“ bzw. die rechts­staat­liche Verfasst­heit moderner west­li­cher Gesell­schaften – und die „Chris­tian civi­li­za­tion“, das christ­liche Abend­land, damals noch unter dem exklu­siven, gemäss Chur­chill gott­ge­ge­benen Schutz der Atom­bombe. Das waren zwar, so Chur­chill, west­liche Tradi­tionen, aber er verband sie  – in einer für den kommenden Kalten Krieg überaus typi­schen Weise – mit einem globalen Anspruch: „All this means”, sagte er im März 1946 in Missouri, „that the people of any country have the right, and should have the power by consti­tu­tional action, by free unfet­tered elec­tions […], to choose or change the character or form of government under which they dwell; that freedom of speech and thought should reign“, etc.

Mit anderen Worten: Die west­liche Form der Demo­kratie sei ein Modell für die Orga­ni­sa­tion poli­ti­scher Herr­schaft überall auf der Welt. Es geht hier nicht darum, ob man das ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ findet, sondern nur darum, fest­zu­halten, dass damit der Kalte Krieg von Anfang an als ein Konflikt um grund­sätz­liche poli­ti­sche und welt­an­schau­liche Posi­tionen geführt wurde, und zwar mit einem Anspruch „für die Menschen aller Länder“. Das gilt beson­ders für die poli­tisch, mili­tä­risch und wirt­schaft­lich gestärkt aus dem Zweiten Welt­krieg hervor­ge­gangen USA und ihre Politik versteckter und offener Inter­ven­tionen zugunsten von ihr genehmen Regimes und zur „Eindäm­mung“ des sowje­ti­schen Einflusses.

Partei­chef Chruscht­schow zeigt Vize-Präsi­dent Nixon, wie er winken werde, wenn die Sowjet­union in naher Zukunft die USA über­holt, Moskau 1959; Quelle: youtube.com

Es gilt aber auch für die Sowjet­union. Zwar hatte Stalin seine Politik schon seit den späten 1920er Jahren nach der Maxime des „Aufbaus des Sozia­lismus in einem Land“ ausge­richtet, zudem musste die Sowjet­union nach 1945 das weitaus grösste Ausmass an Kriegs­schäden bewäl­tigen. Aber auch sie hatte den Anspruch, sowohl ideo­lo­gisch wie auch ökono­misch ‚besser‘ zu sein als den Westen und diesen, wie dann Stalins Nach­folger Chruscht­schow immer wieder versprach, bald zu „über­holen“. Und auch die Sowjet­union hat in der soge­nannten Dritten Welt – ein Begriff des Kalten Krieges – unter dem Vorwand der „Soli­da­rität mit den unter­drückten Völkern“ ihre geopo­li­ti­sche Macht auszu­weiten versucht, zuletzt ab 1979 in Afgha­ni­stan. Im Grunde waren sich daher die Gegner zumin­dest in der Beschrei­bung des Kampf­platzes voll­kommen einig, wie man sie in Präsi­dent Trumans eigent­li­cher Kriegs­er­klä­rung vom März 1947 finden kann: Es gehe nun in Zukunft darum, so Truman in seiner Rede vor dem Kongress, dass „nearly every nation must choose between alter­na­tive ways of life“. Darüber, worin diese Wahl bestehe und wie sich die beiden „ways of life“ unter­scheiden – etwa Demo­kratie und Kapi­ta­lismus auf der einen Seite, Herr­schaft der Partei der Arbei­ter­klasse und kollektive(re) Formen der gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tion auf der anderen, etc. –, tobte der Streit. Einig war man sich nur darin: Es ging um Grund­sätz­li­ches.

Das Erbe des Kalten Krieges und die Verteilung der Beute

Diese kurzen Bemer­kungen dienen hier nur dazu, einen Punkt fest­zu­halten, der einen entschei­denden Unter­schied, eine Diffe­renz zu allen anderen histo­ri­schen Epochen vorher und nachher markieren: die Verha­kung von atomarem Rüstungs­wett­lauf mit ideo­lo­gi­scher System­kon­kur­renz im Welt­mass­stab. Es war viel­leicht sogar in erster Linie dieses (atom­bom­ben­ge­stützte) Ringen um den ‚besseren‘ Weg in die Zukunft, das Ringen um Kapi­ta­lismus oder Sozia­lismus, um „Frei­heit“ vs. „Friede“, um „bürger­liche“ oder „prole­ta­ri­sche“ Demo­kratie, das den Kalten Krieg ausmachte. Auch wenn unbe­streitbar ist, dass die USA zumin­dest im Süden bis weit in die 1960er Jahren ein rassis­tisch orga­ni­sierter Staat waren, und dass in der Sowjet­union die Rede vom „Sozia­lismus“ weit­ge­hend eine zyni­sche Leer­formel der Herr­schenden darstellte, waren Demokratie/Freiheit und Sozialismus/Friede sehr macht­volle Fiktionen. Bei allem Zynismus der Macht, bei allem globalen Kämpfen der Super­mächte um den eigenen Vorteil und bei aller irra­tio­nalen Angst vor dem Gegner – etwa in den „red scares“ der 1950er Jahre – kommt man daher nicht ganz umhin, diesem Konflikt eine gewisse Ernst­haf­tig­keit, ja fast schon eine gewisse Würde zuzu­spre­chen. Viele Poli­tiker und Intel­lek­tu­elle, aber auch viele Bürge­rinnen und Bürger auf beiden Seiten des „iron curtains“ glaubten ernst­haft und aus tiefer Über­zeu­gung an ihre Sache. Das macht die Politik im Kalten Krieg nicht besser, als sie war – aber es macht sie zumin­dest histo­risch spezi­fisch.

Diese Einzig­ar­tig­keit des Kalten Krieges aber bedeutet, dass wir heute in einem anderen Zeit­alter leben, einem Zeit­alter, das mit dem Kalten Krieg nicht mehr viel gemein hat. Was heisst das? Zunächst sollte man fragen, wer den Kalten Krieg verloren und wer ihn gewonnen hat. Eine erste, kurze Antwort ist eindeutig: Verloren haben die Sowjet­union und damit das Gesell­schafts­mo­dell des „Sozia­lismus“; gewonnen haben, allge­meiner Auffas­sung zufolge, die „libe­rale Demo­kratie“ und der Kapi­ta­lismus, primär also die USA. Bei genauerem Hinsehen und mit zuneh­mendem histo­ri­schen Abstand zeichnet sich aller­dings ein etwas anders Bild ab. Die Sowjet­union, die sich 1991 so merk­würdig schnell auflöste, war offenbar nur eine ideo­lo­gi­sche Hülle, die, um den Preis aller­dings von Gebiets­ver­lusten, von den Macht­ap­pa­raten und jenen hohen Funk­tio­nären, die sich grosse Teile der Wirt­schaft privat ange­eignet haben, leich­ter­hand abge­worfen werden konnte. Zurück blieb nament­lich in Russ­land ein erzka­pi­ta­lis­tisch funk­tio­nie­render, die klep­to­kra­ti­sche Elite berei­chernder und auto­ritär regierter Staat – der Staat Putins.

Und in den USA? Man kann wohl sagen, dass die USA noch unter Obama tatsäch­lich versuchten, das libe­rale Erbe des Kalten Krieges anzu­treten, aller­dings auf dem Hinter­grund einer schon seit dem Ende der 1970er Jahre sich drama­tisch weitenden sozialen Spal­tung. Heute aber, unter Trump und der von ihm eroberten repu­bli­ka­ni­schen Partei, zeichnet sich ab, dass dieser ameri­ka­ni­sche Kapi­ta­lismus zumin­dest droht, ins unver­hüllt Auto­ri­täre zu kippen. Wenn sich also, auf eine Formel gebracht, im Kalten Krieg auf der einen Seite Kapi­ta­lismus und Demo­kratie, auf der andern auto­ri­tärer Staat und Sozia­lismus gegen­über­standen – besteht dann das länger­fris­tige Erbe des Kalten Krieges womög­lich im russisch-ameri­ka­ni­schen Doppel­sieg eines auto­ri­tären Kapi­ta­lismus, während der Sozia­lismus histo­risch erle­digt und die Demo­kratie auf dem Rückzug ist? Noch ist eine solche Vermu­tung eine blosse Speku­la­tion, die zu veri­fi­zieren uns die nötige histo­ri­sche Distanz fehlt. Wir können nur hoffen, sie sei falsch.

Philipp Sarasin

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Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.