Geschichten der Gegenwart
Sebastian Haffner, ca. 1939; Quelle: peter-adler.de

Sebas­tian Haff­ner, ca. 1939; Quelle: Bundes­ar­chiv / peter-adler.de

Sebas­tian Haff­ner war bei der Macht­er­grei­fung der Nazis 26 Jahre alt und studierte Jura. 1938 emigrierte er nach England. Dort schrieb er auf, was er in den Jahren vor und während der Macht­er­grei­fung erlebt und beob­ach­tet hatte. Es sind die Berichte eines Augen­zeu­gen, ohne historisch-wissenschaftlichen Anspruch, aber von einer Beob­ach­tungs­schärfe, dass manche Histo­ri­ker später bezwei­fel­ten, die Noti­zen seien tatsäch­lich in dieser Zeit und nicht erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg entstan­den (die Zwei­fel erwie­sen sich als falsch).

Entge­gen der Meinung, eine scharfe Sicht bedürfe einer großen zeit­li­chen Distanz, beweist Haff­ner, dass man auch mitten im Getüm­mel blinde Flecken erken­nen und sich von vorherr­schen­den Denk­wei­sen frei­ma­chen kann. Schon 1939 fragte er: Wie konnte es so weit kommen? Warum hat sich kaum jemand gegen das Einsi­ckern der Nazis und der Nazi-Ideologie gewehrt?

Die Versu­chung, rechts zu werden

Die Noti­zen wurden erst 2000, nach seinem Tod, veröf­fent­licht und sind breit rezi­piert worden. Haff­ners Zugang besticht durch die Verknüp­fung von poli­ti­scher Analyse und priva­tem Leben; unglaub­lich lebens­nah berich­tet er, wie der Nazis­mus in den Geist der Menschen, in die Bezie­hun­gen, in die alltäg­li­chen Abläufe und in die Fami­lien sickerte. Er schil­dert den Alltag als junger Erwach­se­ner, schreibt über seine erste Liebe im Tennis­club und über studen­ti­sche Faschings­bälle, die von SS-Leuten durch­sucht werden, später dann über jüdi­sche Freund_innen, die das Land verlas­sen, über die Bezie­hung zu seinem Vater, über Brüche mit Freun­den und poli­ti­sche Diskus­sio­nen mit Bekann­ten, von denen nicht wenige zu den Nazis über­lie­fen.

Auch seine eigene Entwick­lung und Haltung nimmt er fein und manch­mal ironisch unter die Lupe; über seine zuneh­mende Angst nach dem Reichs­tags­brand zum Beispiel schreibt er: „Ich rief eine Jiu-Jitsu-Schule an und fragte nach Prospek­ten und Bedin­gun­gen. Ich hatte das Gefühl, dass eine Zeit kam, wo man Jiu-Jitsu würde können müssen (bald darauf merkte ich frei­lich, dass die Zeit, wo Jiu-Jitsu noch half, schon vorüber war, und dass man sich viel­mehr eine Art geis­ti­ges Jiu-Jitsu aneig­nen musste).“ Diese Leich­tig­keit im Schreck­li­chen neiden dem toten Autor einige, er ist damit zeit­le­bens der offi­zi­el­len Geschichts­wis­sen­schaft in die Quere gekom­men. Und sie rächte sich dafür: Als Haff­ner in den späten acht­zi­ger Jahren die Ehren­dok­tor­würde erhal­ten sollte, verwei­ger­ten sich die Gelehr­ten der Freien Univer­si­tät zu Berlin.

Im Buch geht es vor allem um die (noch) nicht nazis­ti­schen, bürgerlich-städtischen, libe­ral gesinn­ten Deut­schen: Was taten sie, wie fühl­ten und reagier­ten sie, als der Einfluss der Nazis zunahm? Beson­ders anschau­lich ist Haff­ners Skiz­zie­rung der verschie­de­nen „Versu­chun­gen“, denen viele Menschen aus seinem Umfeld erla­gen. Er beob­ach­tet drei Formen: Erstens den Rück­zug ins Private, zwei­tens die Verbit­te­rung, und drit­tens: das Über­lau­fen. Den Rück­zug ins Private beschreibt er als die größte Gefahr – und zählt sich selbst zu dieser Gattung der „Wegse­her“. Noch 1933 versu­chen viele der nicht-nazistischen Deut­schen, die Macht­über­nahme der Nazis zu igno­rie­ren:

Es ist unan­ge­nehm genug, wenn die Luft über einem Land giftig und qual­mig wird. Aber diese Luft kann man bis zu einem gewis­sen Grad aussper­ren, man kann seine Fens­ter dicht zuma­chen, und sich in die vier Wände eines ausge­spar­ten Privat­le­bens zurück­zie­hen. Man kann sich abkap­seln, sich Blumen ins Zimmer stel­len, und sich auf der Straße Ohren und Nase zuhal­ten. Die Versu­chung, so zu verfah­ren, ist groß. Auch bei mir. – Sebas­tian Haff­ner, 1939

Noch sieht man Freunde, noch wird disku­tiert, noch werden Fami­li­en­ge­burts­tage gefei­ert wie immer. Aber gerade dieses mecha­nisch weiter­lau­fende Leben verhin­dert – so Haff­ner – dass irgendwo eine kraft­volle Reak­tion gegen das Unge­heu­er­li­che statt­fin­det. Auch Haff­ner will lange nicht wahr­ha­ben, dass die Nazi-Primitivlinge wirk­lich an die Macht kamen, denn „dass sie Feinde waren – Feinde für mich und für alles, was mir teuer war – darüber täuschte ich mich keinen Augen­blick. Aber ich neigte damals noch dazu, sie nicht ernst zu nehmen – eine verbrei­tete Haltung, die ihnen viel gehol­fen hat und heute noch hilft.“ Dabei befeu­ert das Nicht-Ernstnehmen auch den Irrglau­ben, die Nazis durch Einbin­dung zähmen zu können.

Sich von den Nazis nicht stören lassen

Haff­ner und seines­glei­chen klam­mern sich lange an das normale unpo­li­ti­sche Weiter­le­ben, denn es gibt schein­bar keine Stelle, von wo aus er gegen die Nazis kämp­fen kann, und „so wollte ich mich wenigs­tens nicht von ihnen stören lassen.“ Schon das unge­störte Weiter­funk­tio­nie­ren der Justiz, über­haupt alles eini­ger­ma­ßen unge­störte Leben empfin­det er wie einen Triumph. Bald wird jedoch offen­sicht­lich, dass das Privat­le­ben längst nicht mehr unbe­rührt ist. Immer spür­ba­rer wird eine „neue zitte­rige Span­nung, eine neue Unver­söhn­lich­keit und hitzige Hass­be­reit­schaft, die in die poli­ti­sche Privat­dis­kus­sion drang – in Form eines stets-und-ständig-an-Politik-denken-müssen.“

Der Versuch, die Nazis zu igno­rie­ren, ist auch der Versuch, sich nicht durch Hass und Leiden seelisch korrum­pie­ren zu lassen, man will schließ­lich gutar­tig, anstän­dig und nett blei­ben – auch wenn das bei vielen irgend­wann zum Reali­täts­ver­lust führt. Selbst­kri­tisch beschreibt Haff­ner seine vornehme Weige­rung, sich auf Hass und Hetze einzu­las­sen „Ich habe immer zu wissen geglaubt, dass man schon durch ein zu tiefes sich einlas­sen in Pole­mik, Strei­ten mit Unbe­lehr­ba­ren, Hass auf das Häss­li­che etwas in sich selber zerstört. Meine Geste der Ableh­nung ist Abwen­dung, nicht Angriff.“ Haff­ner ist zu diesem Zeit­punkt noch der Meinung, dass man dem Gegner zu viel Ehre erweist, wenn man ihn des Hasses würdigt. Als die stärkste persön­li­che Belei­di­gung empfin­det er denn auch die Tatsa­che, dass die Nazis ihn „täglich durch ihre Unüber­seh­bar­keit zwan­gen, Hass und Ekel zu empfin­den“.

Er sehnt sich nach der Möglich­keit einer „souve­rä­nen, unge­stör­ten Verach­tung“, möchte – mit Stendhal gespro­chen – den Sturz in den Dreck vermei­den, sich also nicht nur von Mittä­ter­schaft frei­hal­ten, sondern auch vom Dreck des Hasses. Hier wird Haff­ners privi­le­gierte Posi­tion deut­lich, denn nur ein Nicht-Jude, ein Nicht-Verfolgter kann ein solch vorneh­mes Igno­rie­ren, ein solches sich „unver­sehrt halten“ auch nur ansatz­weise in Erwä­gung ziehen.

Bald schon schei­tert aller­dings auch Haff­ner, denn mit dem Rück­zug in den Elfen­bein­turm funk­tio­niert es nicht, „und ich danke Gott dafür, dass mir der Versuch rasch und gründ­lich miss­lang.“ Er kann nicht mehr leug­nen, dass der Triumph des Feind­li­chen das Leben von allen Seiten über­flu­tet, und dass man mitun­ter seinen Seelen­frie­den nur retten kann, indem man ihn opfert (Haff­ner über­wirft sich mit Freun­den und Bekann­ten, verliert seinen Job und muss Deutsch­land bald verlas­sen).

Andere jedoch flüch­ten in die Illu­sion. Am liebs­ten in die Illu­sion der Über­le­gen­heit. Sie versu­chen täglich, sich und ande­ren zu bewei­sen, dass dies alles unmög­lich so weiter­ge­hen könne, sie posie­ren in einer Haltung des „amüsier­ten Besser­wis­sens, sie erspar­ten sich die Wahr­neh­mung des Teuf­li­schen“, wie Haff­ner schreibt, und kompen­sie­ren ihr ohnmäch­ti­ges Ausge­lie­fert­sein mit über­le­ge­nen Progno­sen, die das unver­meid­li­che Ende des Nazi-Regimes voraus­sa­gen.

Das Schlimmste kommt für diese Illu­sio­nis­ten, als die Erfolge der Nazis, die sie immer für unmög­lich gehal­ten hatten, eintref­fen. Zu der Einsicht, dass gerade diese Erfolge das Fürch­ter­li­che sind, haben sie jedoch keine Kraft mehr. Viel­mehr inter­pre­tie­ren sie die Erfolge nun als Beweis, dass die Nazis wohl doch recht haben. Man hört zuneh­mend Sätze wie: „Aber die Nazis haben doch wirk­lich geschafft, was keiner geschafft hat!“ Die Illu­sio­nis­ten werden zu Über­läu­fern.

Bürger­li­che Unter­gangs­geil­heit

Als eine typisch bürger­li­che Versu­chung stuft Haff­ner die Verbit­te­rung und die Selbst­auf­gabe ein. „Wie völlig hilf­los wir geis­tig waren, mit all unse­rer bürger­li­chen Bildung, vor diesem Vorgang, der in allem, was wir gelernt hatten, einfach nicht vorkam!“ Aufzu­ge­ben, sich geschla­gen zu geben erscheint deshalb als eine verlo­ckende Option, die sich bei vielen in Form eines schran­ken­lo­sen Pessi­mis­mus zeigt. Man begeg­net sich und der Welt mit einer „erschlaff­ten Gleich­gül­tig­keit“, einer maso­chis­ti­schen Breit­wil­lig­keit, sich dem Teufel einfach zu über­las­sen. Haff­ner nennt es einen „trot­zi­gen Selbst­mord“, der sehr hero­isch aussieht – denn „man weist jeden Trost von sich“. Gleich­zei­tig über­se­hen diese Leute, dass gerade in dieser Haltung der giftigste, gefähr­lichste und laster­haf­teste Trost liegt.

Das Bürger­tum strotzt vor dieser perver­sen „Wollust der Selbst­auf­gabe“, einer „wagne­ria­ni­schen Todes- und Unter­gangs­geil­heit“, denn sie ist eine Trös­tung für Geschla­gene, die nicht die Kraft aufbrin­gen, ihre Nieder­lage als Nieder­lage zu ertra­gen. Diese Leute gehen herum und „greueln“, wie Haff­ner schreibt:

Das Entsetz­li­che ist die unent­behr­li­che Grund­lage ihres Geis­tes gewor­den; das einzige, düstere Vergnü­gen, das ihnen geblie­ben ist, ist die schwel­ge­ri­sche Ausma­lung der Furcht­bar­kei­ten. Vielen von ihnen würde etwas fehlen, wenn sie dies nicht mehr hätten, und bei manchen hat sich die pessi­mis­ti­sche Verzweif­lung gera­dezu in eine Art Behag­lich­keit umge­setzt. – Sebas­tian Haff­ner, 1939

Ein schma­ler Seiten­weg führt auch von dieser melan­cho­li­schen Behag­lich­keit zum Nazi­tum: Wenn doch schon alles egal, alles verlo­ren, alles des Teufels ist, warum dann nicht selber sich zu den Teufeln schla­gen?

Am 5. März 1933 sind die Nazis noch in der Minder­heit, einige Wochen später schon haben sie die Mehr­heit, auf einmal treten Hundert­tau­sende der Partei bei, die bis dahin gegen sie gestan­den hatten. Sie kommen von den Sozi­al­de­mo­kra­ten und Kommu­nis­ten, es sind die so genann­ten „März­ge­fal­le­nen“, zum ersten Mal auch Arbeiter_innen. Die Gründe für dieses Über­lau­fen sind viel­fäl­tig, Haff­ner beschreibt vor allem die Angst, die Angst bei den Verlie­rern zu sein. Man versucht, mit zu prügeln, um nicht zu den Geprü­gel­ten zu gehö­ren. Das Ergeb­nis ist ein kollek­ti­ver Nerven­zu­sam­men­bruch, ein umfas­sen­des Nach­ge­ben und Kapi­tu­lie­ren mit dem Ergeb­nis eines geein­ten, zu allem berei­ten Volk.

Wer Haff­ner heute liest, hat unwei­ger­lich den aktu­el­len Rechts­rutsch in Europa vor Augen. Natür­lich haben wir nicht die Situa­tion von 1933. Aber nicht in dem Sinne, dass doch eigent­lich bis jetzt die demo­kra­ti­schen, verfas­sungs­recht­li­chen Grund­struk­tu­ren und Insti­tu­tio­nen funk­tio­nie­ren, oder dass eine Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft durch Fahnen­mär­sche und Massen­in­sze­nie­run­gen heute kaum noch denk­bar wäre. Sondern mehr in dem Sinne: die Situa­tion ist deshalb nicht vergleich­bar, weil wir heute ganz genau wissen – noch viel genauer als damals Sebas­tian Haff­nerwohin die Ausbrei­tung reak­tio­nä­rer und rassis­ti­scher Welt­an­schau­un­gen und Bewe­gun­gen führen können. There will be really no excuse.

Eine erste Fassung dieses Textes erschien unter dem Titel „Die Versu­chung, rechts zu werden“ am 16.3.2016 auf Fran­ziska Schutz­bachs blog „präzis und kopf­los“.

Von Franziska Schutzbach

Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.