Flug­blatt zur Gedenk­feier für Winnie Mandelas, Cape Town, 5. April 2018

Als am Oster­montag der Tod von Winnie Madiki­zela-Mandela offi­ziell bekannt wurde, war in den darauf­fol­genden Nach­rufen in natio­nalen und inter­na­tio­nalen Zeitungen, in sozialen Medien sowie im südafri­ka­ni­schen Fern­sehen umge­hend von ihrer „mixed legacy“ die Rede, den gemischten Gefühlen, mit denen man auf ihr Leben zurück­bli­cken würde. Auch die weitere Bericht­erstat­tung zu ihrem Tod, insbe­son­dere in den inter­na­tio­nalen Medien, unter­liegt inter­es­santen Mustern. Einer­seits wird sie zu einer über­zeit­li­chen tragi­schen und fehl­baren Heldin stili­siert, unab­hängig von der Zeit der Apart­heid und Posta­part­heid und den konkreten Umständen ihres Lebens. Ande­rer­seits wird an ihrer Person südafri­ka­ni­sche Geschichte und Gegen­wart in ganz spezi­fi­scher Weise verhan­delt.

Individualisierung der Apartheid

Ein Phänomen der gegen­wär­tigen südafri­ka­ni­schen Erin­ne­rungs­kultur ist die Indi­vi­dua­li­sie­rung der Apart­heid, d.h. sie wird mehr und mehr zur Geschichte von einzelnen Verbre­chern und einzelnen Helden und Heldinnen gemacht. Dazu beige­tragen hat die Wahr­heits- und Versöh­nungs­kom­mis­sion (1996–1998) mit der real­po­li­tisch wohl sinn­vollen, aber für die Millionen von Menschen, die unter der Apart­heid gelitten haben, extrem proble­ma­ti­schen Entschei­dung, sich auf die Unter­su­chung schwerer Menschen­rechts­ver­let­zungen zu beschränken. So wurde der syste­mi­sche Charakter der Apart­heid zwar immer wieder betont, aber nicht ins Zentrum der hoch­ri­tua­li­sierten Anhö­rungen und des abschlie­ßenden Berichts gerückt. Hinzu kam eine Rhetorik der Verge­bung und der Versöh­nung, die notwendig auf das Indi­vi­duum zielt, denn Gruppen können schwer­lich ihr Gewissen prüfen und aufein­ander zugehen.

St George’s Cathe­dral, Cape Town

Diese Indi­vi­dua­li­sie­rung schreibt im Grunde auch der gefei­erte Doku­men­tar­film Winnie von Pascale Lamche (2016) fort, der visuell und durch die Inter­views den Eindruck erweckt, Winnie Mandela habe als einzige Person außer­halb von Gefängnis, Unter­grund und Exil dem Regime die erho­bene Faust entge­gen­ge­reckt. Es ist keine Rede von der breiten Poli­ti­sie­rung im Land, den in weiten Teilen der Gesell­schaft veran­kerten Gras­wur­zel­be­we­gungen und der enorm wich­tigen Grün­dung der United Demo­cratic Front (UDF) 1983. Im Doku­men­tar­film wird diese Lesart durch die Gegen­figur Neil Barnard verstärkt, ehema­liger Chef des Geheim­dienstes, der im Gegen­schnitt selbst­ge­fällig, arro­gant und unge­stört durch jede Nach­frage sein Handeln ausbreiten darf. Auch so inter­es­sante Fragen wie die, warum das Regime Winnie Mandela trotz zahl­loser Verhaf­tungen und schwerster Drang­sa­lie­rungen in vielerlei Hinsicht gewähren ließ, werden ihm nicht gestellt.

The wife of…

Dafür wird im Film gezeigt, wie der Moment, als Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde, ihr Leben drama­tisch verän­derte. „I’ve lost my iden­tity.“ sagt Winnie Mandela, denn nun sollte sie, eine der rang­höchsten ANC Poli­ti­ke­rinnen im Land, zur Seite treten, um Platz für den künf­tigen Präsi­denten zu machen und ihr eigenes poli­ti­sches Profil dem Ziel der Versöh­nung und der weit­rei­chenden Kompro­misse unter­ordnen. Zudem folgte eine mehr oder weniger syste­ma­ti­sche Demon­tage und Dämo­ni­sie­rung ihrer Person inner­halb und außer­halb der Partei. Insbe­son­dere die ihr vorge­wor­fene, nach­weis­lich von einem Geheim­dienst­spitzel ausge­führte Ermor­dung von Stompie Sepei 1989 wurde ihr zum Verhängnis. Bischof Tutu versuchte sie während einer Anhö­rung vor der Wahr­heits­kom­mis­sion zu einer Entschul­di­gung zu zwingen, die sie jedoch verwei­gerte. Sie solle doch bitte einfach nur bekennen, dass sie Fehler gemacht habe, flehte der Vorsit­zende der Wahr­heits­kom­mis­sion inständig – ihr Schweigen und ihr Blick haben einen Nach­hall bis heute. Fredrik de Klerk übri­gens, der letzte Präsi­dent des weißen Südafrikas, log vor der Kommis­sion und versuchte, Teile des Abschluss­be­richts zensieren zu lassen, die seine Verwick­lungen in poli­ti­sche Morde und Bomben­an­schläge betrafen.

Quelle: carlafranklin.com

Nach dem Ende eines Krieges und nach dem Ende einer Über­gangs­zeit haben die Frauen wieder zurück­zu­treten. Das hat sich in Europa nach dem Zweiten Welt­krieg ebenso gezeigt wie bei den Befrei­ungs­be­we­gungen der 1960er Jahre in Afrika und Latein­ame­rika. In Südafrika wurden nach dem Ende der Apart­heid nicht nur Winnie Mandela, sondern auch andere einfluss­reiche Kämp­fe­rinnen, Akti­vis­tinnen und Poli­ti­ke­rinnen wie Alber­tina Sisulu oder Adelaide Tambo zu „Frauen von…“. „Mütter der Nation“. Tatsäch­lich haben sie auch die mit Mütter­lich­keit verbun­denen Aufgaben über­nommen, die alltäg­liche Sorge in den eigenen Fami­lien, aber auch für die Ange­hö­rigen der anderen Gefan­genen und Getö­teten, der ins Exil Getrie­benen. Aber dies war nur eine Seite. In einem anderen Doku­men­tar­film sagt Winnie Mandela, sie habe nie mit Nelson Mandela über Politik disku­tiert, sie sei nicht das „poli­ti­sche Produkt“ ihres Mannes gewesen, der ohnehin die meiste Zeit im Gefängnis sass oder im Unter­grund war. Sie war eine Poli­ti­kerin aus eigenem Recht.

Kompromisslos kontrovers

Bereits während der Apart­heid gehörte Winnie Mandela zu den am meisten foto­gra­fierten Personen des Landes. Ihre auch visu­elle Präsenz war insbe­son­dere im Ausland wichtig, um den Namen Mandela 27 Jahre lang in Erin­ne­rung zu halten. Und es exis­tieren zahl­reiche Film­do­ku­mente, die zeigen, dass ihre strah­lende Schön­heit sich mit einem gera­dezu atem­be­rau­benden Mut verband. Sie schrie Poli­zisten an und fiel ihnen in den Arm, sie zeigte sich öffent­lich in den Farben des verbo­tenen ANC und bekannte sich klar zum bewaff­neten Kampf.

Winnie Mandela mit ihren Töch­tern 1985 auf dem Weg nach Robben Island, Quelle: www.zkhiphani.co.za

Am auffäl­ligsten in vielen Nach­rufen und Berichten ist die Verwen­dung des Begriffs „kontro­vers“, um ihr Leben zu beschreiben. Sie habe Fehler begangen, wird dabei wohl­wol­lend oder auch kopf­schüt­telnd ange­merkt. Was denn sonst. Welcher männ­liche Staats­mann, bedeu­tende Poli­tiker oder Revo­lu­tionär ist denn wohl bruch- und wider­spruchslos in die Geschichts­bü­cher einge­gangen? Wie kann ein Leben ohne Kontro­versen gelebt werden, zumal in einer Situa­tion von Gewalt, Unter­drü­ckung und perma­nenter Verfol­gung?

Winnie Mandela stand unter dauernder Beob­ach­tung und insge­samt 27 Jahre lang unter Bann, eine Art von Haus­ar­rest, der ihre Bewe­gungs­frei­heit und ihre sozialen Kontakte dras­tisch einschränkte. Sieben Jahre dieser Zeit musste sie in Brand­fort im damals von Buren domi­nierten Orange Free State verbringen, einer feind­se­ligen Umge­bung, deren Spra­chen sie nicht sprach. Zuvor saß sie 491 Tage in Isola­ti­ons­haft als Gefan­gene Nummer 1383/69 in einer winzigen Zelle, in der 24 Stunden lang das Licht brannte, und über­lebte tage­lange Verhöre, Quäle­reien und Folter. Zu ihrer Zeit im Gefängnis sagte sie, dass sie vor ihrer Verhaf­tung keinem Menschen etwas hätte antun können, doch diese Zeit habe sie hart gemacht: „It made me the soldier at heart I am today.“

Auch in Brand­fort setzte Winnie Mandela ihre soziale und poli­ti­sche Arbeit fort, legte Gemein­schafts­gärten an und agitierte die schwarze und die weiße Bevöl­ke­rung des Städt­chens, und wurde weiterhin drang­sa­liert, bis sie nach einem Brand­an­schlag auf ihr Haus ihrer Verban­nung selbst ein Ende setzte und nach Soweto zurück­kehrte. Hier blieb sie für den Rest ihres Lebens. Sie hatte sich nicht in den Villen­viertel Johan­nes­burgs nieder­ge­lassen, wie so viele andere ANC-Poli­tiker, und auch das hat viel zu ihrer Glaub­wür­dig­keit beige­tragen.

Gegen-Gewalt

Zu den immer wieder in den Nach­rufen ange­spro­chenen Kontro­versen in Winnie Mandelas Leben gehört das Thema der Gewalt – Gewalt, die sie in ihrer Umge­bung geduldet oder sogar selbst ausgeübt hätte, und die Gewalt des bewaff­neten Kampfes. Als Nelson Mandela nach seiner Frei­las­sung – und insbe­son­dere nach seinem Tod – gera­dezu selig­ge­spro­chen wurde, rückten damit nicht nur seine Genossen und Genos­sinnen wie Chris Hani, Walter und Alber­tina Sisulu, Oliver und Adelaide Tambo und viele andere in den Hinter­grund, sondern er wurde vom Commander-in-Chief des bewaff­neten Arms des ANC zum Frie­dens­fürsten, symbo­li­siert im gemeinsam mit Frederik de Klerk 1993 entge­gen­ge­nom­menen Frie­dens­no­bel­preis. So wichtig es Anfang der 1990er war, ange­sichts eines Gueril­la­krieges gegen die Südafri­ka­ni­sche Armee, der von keiner der beiden Seiten gewonnen werden konnte, und ange­sichts von erup­tiver Gewalt und Terro­rismus durch die rechts­ra­di­kale Afri­kaner Weer­stands­be­we­ging und die sepa­ra­tis­ti­sche Inkhata Freedom Party, einen Bürger­krieg zu verhin­dern, so weit­ge­hend waren die damit verbun­denen Kompro­misse und Zuge­ständ­nisse, die schließ­lich den auch inter­na­tional verhan­delten Über­gang in eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft ermög­lichten.

Winnie Mandela während des Rivonia Prozesses, 1963–1964, Quelle: sahistory.org.za

Diese Kompro­misse, und auch die Entge­gen­nahme des Nobel­preises, hat Winnie Mandela immer kriti­siert und die Erin­ne­rung an die extrem gewalt­för­mige Geschichte Südafrikas aufrecht­erhalten, die ange­sichts der Versöh­nungs­rhe­torik und der Verdrän­gung des bewaff­neten Kampfes in Verges­sen­heit zu geraten droht. Noch mit 80 Jahren kommen­tierte sie scharf die poli­ti­sche Situa­tion in Südafrika und sprach in ihrem letzten Inter­view über die Krise des ANC, die mangelnde ökono­mi­sche Frei­heit, das Problem der Jugend­ar­beits­lo­sig­keit und das Versagen ihrer Gene­ra­tion, eine verläss­liche und gute neue Führungs­schicht heran­ge­bildet zu haben. Sie führte keines­wegs alle gegen­wär­tigen Probleme auf die Apart­heid zurück, ein Regime, das immerhin syste­ma­tisch, nämlich gesetz­lich veran­kert, mehrere Gene­ra­tionen von Kindern und Jugend­li­chen dem Rassen­wahn geop­fert hat. Für viele der heutigen jungen Südafri­ka­ne­rinnen und Südafri­kaner ist sie eine glaub­wür­dige Figur, weil sie die sozio­öko­no­mi­schen und gesell­schaft­li­chen Probleme immer klar benannt hat.

Graça Machel, Poli­ti­kerin, Mensch­rechts­ak­ti­vistin und ehema­lige First Lady von Mosambik und Südafrika, fand zum Abschied poeti­sche und würdige Worte, denen nicht umge­hend ein „aber“ folgte:

The extra­or­di­nary life you led is an example of resi­lient forti­tude and inextin­guis­hable passion that is a source of inspi­ra­tion to us all of how to coura­ge­ously confront chal­lenges with unwa­vering strength and deter­mi­na­tion. Thank you for your bril­liant wisdom, your fierce defi­ance, and your stylish beauty.