Aktueller SchwerpunktGeschichten der Gegenwart

Am Tag danach war der „pussy­hat“ bereits ein Zeichen. Jeder, der mir begeg­nete, als ich am Morgen kurz aus meinem Hotel­zim­mer trat, schenkte mir ein Lächeln. Und innert Minu­ten waren wir im Gespräch. Mabel und Bert aus Miami verab­schie­de­ten mich danach mit einer inni­gen, langen Umar­mung, als wären wir alte Freunde. Ebenso wie Amy, Kris­ten und Ian aus Port­land, die ich am Tag vor dem March auf der Strasse antraf. Oder Melissa aus Wiscon­sin, die in der Menschen­menge eine Weile neben mir stand. Und die ältere, kleine Dame, die einfach ihre Arme um meine Taille legte und mich – oder sich? – lange fest­hielt, nach dem ich sagte: „...from Zurich, Switz­er­land.“ Alle, rest­los alle, denen ich begeg­nete, sagten: „Thank you for coming. Thank you for being with us“. Wir hatten einan­der berührt. So muss das ja irgend­wie gedacht gewe­sen sein mit diesem „alle Menschen werden Brüder“ – bzw. Schwestern.

Gebo­ren 1960, war ich zu jung, um Martin Luther Kings „I have a dream“-Rede mitzu­be­kom­men. Die gros­sen Viet­nam­pro­teste kenne ich nur aus dem Kino. Und als ich im Novem­ber 1989 bei „Radio Züri­see“ Nach­rich­ten schrieb, wusste ich zwar, dass gerade „Geschichte passiert“; aber ich kam nicht einmal auf die Idee, einfach nach Berlin zu fahren. Das reut mich bis heute.

„Donald, das reicht! Stop it, sit down!“

Clin­ton vs. Trump, second dabate; Quelle: dw.com

Den ameri­ka­ni­schen Wahl­kampf habe ich von dem Tag an ernst­haft verfolgt, als Donald Trump offi­zi­el­ler Kandi­dat wurde. Je mehr Gren­zen er über­schritt, desto inten­si­ver habe ich mich damit befasst. Mein persön­li­cher Tief­punkt war das zweite TV-Duell gegen Hillary Clin­ton. Wie er um sie herum­schlich, hinter ihrem Rücken schniefte und schlurfte, immer viel zu nahe – ich hätte sie beschüt­zen wollen. Ha! Und wie er dann hinter diesem hohen Stuhl stand, während sie über Poli­tik sprach, die Lehne umfasste und mit dem Unter­kör­per hin und her wippte, selbst­ver­ges­sen. Einer, der sich einfach nimmt, worauf er ein Anrecht zu haben glaubt. Es war kaum auszu­hal­ten. Und keiner sagte etwas! Auch sie nicht, Hillary Clin­ton. Sie hätte ihn wie einen unge­zo­ge­nen Jungen behan­deln sollen oder wie einen klei­nen Hund und sagen: „Donald, das reicht jetzt. Stop it, sit down!“ Aber wer kann das schon in einer solchen Situation?

Michelle Obama, Rede in Manches­ter, New Hamp­shire, 13.10.2016; Quelle: esquire.com

Später ist im Inter­net ein Tran­skript dieser TV-Aufnahme aufge­taucht. Ein tragi­sches Doku­ment des Unter­bre­chens und Behaup­tens, des „Mans­plai­ning“ und „Manter­rupt­ing“, der Verach­tung, des Unan­stands. Beim Lesen wird einem schlecht. Danach kam noch vieles, und zwar fast täglich. Und dann die „grab them by the pussy“-Geschichte. Und Michelle Obamas Rede. Ich hörte sie mit Herz­klop­fen, dann mit Tränen und war dank­bar. Endlich sprach es jemand für mich aus.

Die Wahl­nacht verbrachte ich auf der Elec­tion Viewing Party der US-Botschafterin für die Schweiz, Suzi LeVine. Ich hatte eine Freun­din dazu einge­la­den, gewis­ser­mas­sen als Geste des „female empower­ment“ in einem histo­ri­schen Moment. Danach waren wir nicht „part­ner in crime“, sondern „part­ner in tears“.

Quelle: womensmarch.com

Vier Tage später, am 13. Novem­ber, es war am Sonn­tag­nach­mit­tag, buchte ich meinen Flug. Die Idee des „Women's March on Washing­ton“ war unmit­tel­bar nach der Wahl auf Face­book aufge­taucht. Das war genau, was ich brauchte. Gewis­ser­mas­sen für mein Seelen­heil. Dass die Sache so gross werden könnte, war nicht voraus­zu­se­hen. Die ganze Zeit – während des Wahl­kamp­fes und auch nach der Wahl­nacht – hatte ich mich gefragt, warum ich Trump, seinen Sexis­mus und seine Frau­en­feind­lich­keit so persön­lich nehme. Ich bin ja nicht einmal ameri­ka­ni­sche Bürge­rin. Jetzt weiss ich es. Und ich weiss auch: Ich bin nicht die einzige.

Die Schweiz, 1971

Abstim­mungs­pla­kat 1971; Quelle: fm1today.ch

Ich war schon auf der Welt, als in der Schweiz die Frauen 1971 das Stimm- und Wahl­recht beka­men. Im Februar 2016, kurz vor der Abstim­mung zur Durch­set­zungs­in­itia­tive, sah ich im Kino den Film Souf­fra­gette. Die Geschichte nahm mich schon in den ersten 40 Minu­ten mit, weil ich gemein fand, wie die Kämp­fe­rin­nen fürs Frau­en­stimm­recht behan­delt wurden, und so ernied­ri­gend. Und dann streifte mich während des Films der Gedanke: „Das ist bei uns ja auch noch nicht so lange her. Wäre heute 45 Jahre früher, hätten am nächs­ten Sonn­tag der Köppel, der Glar­ner, der Hess, mein Bruder, meine männ­li­chen Freunde, Kolle­gen, Kunden... alle hätten sie abstim­men dürfen. Und. Ich. Nicht!“ Ich weinte Tränen der Wut. Darüber, dass es eine Zeit gab, in der ich offi­zi­ell weni­ger Wert war als alle Männer, die ich kenne, und ich diese Zeit selbst erlebt hatte. Wenn auch nur als Mädchen. Ich ging nach­hause, den Film konnte ich nie zu Ende schauen. Aber dieses „nur als Mädchen“-Thema blieb. Meine Gross­mut­ter väter­li­cher­seits hatte ihren dies­be­züg­li­chen Unmut ja schon bei meiner Geburt – als erstes Enkel­kind – deut­lich geäus­sert. Mein Vater (merci, Jules!) hat deswe­gen erst recht für mich Posi­tion bezo­gen. Zum Glück bin ich mit dem Satz „Du kannst das auch“ aufge­wach­sen – mein persön­li­ches „Yes, we can“ gewissermassen.

Dieses Erleb­nis fand noch einmal Reso­nanz in mir während des US-Wahlkampfes. Donald Trump und Hillary Clin­ton. Und was man ihr vorwarf. Likea­bi­lity! Stamina! Ihren Mann, und dass sie ihn nicht verlas­sen hat. Ihre Stimme. Ihren Ehrgeiz. Und nicht zuletzt: ihre Kompe­tenz. Das alles drückte im Wahl­kampf und nach der Wahl­nacht sozu­sa­gen auf den Knopf meines „Urfeh­lers“. Den Fehler, für den ich nichts konnte und an dem sich nichts ändern liess: Mein Geschlecht. Deshalb wollte und musste ich dabei sein. Es war mein Thema. Es war das Thema meiner Zeit. Und ausser­dem wollte ich mir als alte Frau dereinst nicht sagen müssen: „Ich habe es kommen sehen und verschla­fen.“ Ich wuchs im Wissen auf, unsere Demo­kra­tie sei etwas so Selbst­ver­ständ­li­ches und Unum­stöss­li­ches wie das Matter­horn. Gege­ben. Oder von mir aus: gott­ge­ge­ben. Schon seit eini­ger Zeit lerne ich, dass wir ihr auch in der Schweiz Sorge tragen müssen (Danke, Jakob Tanner!). Und dass mit „wir“ auch ich gemeint bin.

Unter Hundert­tau­sen­den

Women's March, Washing­ton, 21.1.2017; Quelle: twitter.com

Women's March, Washing­ton, 21.1.2017; Foto: Chris­tine Loriol

Zwischen der Wahl­nacht und dem Tag der Inau­gu­ra­tion ging es weiter mit Trumps Grenz­über­schrei­tun­gen – und mit den Vorbe­rei­tun­gen auf den Women’s March. Mehr und mehr Menschen, mehr und mehr Frauen, werden sich gedacht haben: „Jetzt reicht's.“ Ich hielt mich via Face­book auf dem Laufen­den. Der Women’s March wurde orga­ni­sa­to­risch rasch profes­sio­na­li­siert. Das Ding wurde gross und grös­ser. Die Medien grif­fen das Thema auf. Trump twit­terte Moti­va­tion zur Teil­nahme. Dann entdeckte ich das „pussy­hat­pro­ject“. Ich fand es witzig und konspi­ra­tiv: poli­ti­sches Stri­cken! Und es hatte genau gleich begon­nen wie der Women’s March: mit der Idee zweier Frauen und deren rasen­der Verbrei­tung über die sozia­len Medien. Ein Meer von „pussyhats“ in Pink war ihr Traum, von dem ich mich anste­cken liess und nach geschätz­ten 30 Jahren zum ersten Mal wieder Wolle und Strick­na­deln kaufte. Das Resul­tat war über­wäl­ti­gend, ebenso wie der 21. Januar und der March. Die Bilder gingen um die Welt: „A sea of pink hats.“

Women's March, Washing­ton, 21.1.2016; Quelle: theglobeandmail.com

Hundert­tau­sende, manche spre­chen von einer halben Million Frauen und sie unter­stüt­zen­den Männern, ström­ten Rich­tung Natio­nal Mall. Verschie­dene Gene­ra­tio­nen, Geschlech­ter, Ethnien, Natio­na­li­tä­ten, Reli­gio­nen. Sie waren besorgt, wütend und sehr entschlos­sen. Und dennoch waren sie alle – alle! – fried­lich und freund­lich mitein­an­der. Und witzig. Sie waren wütend wegen der Themen, die sie beschäf­tig­ten. Aber sie waren rück­sichts­voll und aufmerk­sam. Entschul­dig­ten sich, wenn sie im Gedränge jeman­den ansties­sen, reich­ten die Hand, wenn jemand auf ein Mäuer­chen stei­gen wollte. Poli­zis­ten, die sich durch die Menge wühl­ten, wurden beklatscht und erhiel­ten ein „Thank you for your service!“ hinterhergerufen.

Die Menge pfiff und buhte, als eine Redne­rin Trumps mögli­che Erzie­hungs­mi­nis­te­rin Betsy deVos erwähnte. Sie liess sich anpeit­schen und aufput­schen von America Ferrara und Ashley Judd. Aber die Menschen kümmer­ten sich um dieje­ni­gen, die neben ihnen stan­den. Die Rednerinnen-Liste war sehr lang. Die „Rally“ dauerte mehr als vier Stun­den. Die Reden waren emotio­nal, wütend, intel­lek­tu­ell, poli­tisch, messer­scharf, berüh­rend. Ein 12jähriges mexi­ka­ni­sches Mädchen sprach eloquen­ter als Trump, die grosse Femi­nis­tin Gloria Stei­nem und die inhalt­lich über­ra­gende Akti­vis­tin Angela Davis liefer­ten Denk­fut­ter vom Feins­ten . Doku­men­tar­fil­mer Michael Moore hatte eine Hand­lungs­an­lei­tung für den konkre­ten Wider­stand vorbe­rei­tet, damit es nicht beim March bliebe. Das Line-up war beein­dru­ckend, auch auf der Bühne:

In Los Ange­les sollen 750'000 Menschen demons­triert haben und keine einzige Person verhaf­tet worden sein. In Washing­ton war es genau so. Die einzige Aggres­si­vi­tät, die mir persön­lich begeg­nete, fand ich im Inter­net: in den Kommen­ta­ren zu Medi­en­be­rich­ten über den March. Von Menschen, die nicht dabei waren. Von Menschen, die «pussyhats» erbärm­lich fanden oder den March für eine Trotz­re­ak­tion und für unde­mo­kra­tisch hiel­ten. „Get over it“, wurde uns zuge­ru­fen, Trump sei ja demo­kra­tisch gewählt. „Get over us“ war die eindrück­li­che Antwort in Washing­ton. „This is what demo­cracy looks like!“ rief die Menge. Und immer wieder auch: „Yes, we can!“

pussy hat; Foto: Chris­tine Loriol

Ich habe mein pinkes „pussyhat“-Mützchen am Schluss noch zufrie­den vors Capi­tol getra­gen und ein letz­tes Foto gemacht. Froh, hinge­fah­ren zu sein. Und irgend­wie dank­bar. Das Schönste war vermut­lich: Zuge­hö­rig­keit. Nicht nur zu wissen, sondern auch zu erfah­ren, zu erle­ben und in unver­gess­li­chen Bildern verin­ner­li­chen zu können, dass ich nicht allein bin auf der Welt und auch keine Rand­gruppe. Das Gefühl, rich­tig zu sein und am rich­ti­gen Ort. Ich habe viel erfah­ren, bekom­men und mitge­nom­men. Und ich konnte viel­leicht auch eini­ges geben, weil ich da war und den Weg nach Washing­ton gemacht hatte. Warum ich das tat, hatte einen persön­li­chen Auslö­ser. Aber es ging auch über mein Eige­nes hinaus. Es ist mir bewusst, dass ich selber eine privi­le­gierte Frau bin. Eine Bewe­gung zu unter­stüt­zen, die sich für alle Frauen einset­zen will, war mir wich­tig. Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Sister­hood. Wir Frauen haben Geschichte geschrie­ben. Und das war schon mal ein guter Anfang. „And now: let’s get shit done!“ wie eine meiner Freun­din­nen jeweils sagt. Nicht nur in Washington. 

Wenn ich zurück bin, stri­cke ich für Clau­dia, Marcy und Fran­ziska auch noch ein Käpp­chen. Ich weiss jetzt ja wieder, wie es geht.


Von Christine Loriol

Christine Loriol war Lokal­radio­journalistin, als in Berlin die Mauer fiel. Sie hat später jahre­lang als freie Journa­listin für zahlreiche Print­medien geschrieben und ist seit 20 Jahren als Texterin , Kommunikations­beraterin und Coach selbständig.