Reizwörter

Seit der Sozio­loge Ralf Dahren­dorf den west­li­chen Gesell­schaf­ten 1982 ein „Entschwin­den“ der Arbeit prognos­ti­ziert hat, ist die Rede von der „Krise der Arbeits­ge­sell­schaft“ allge­gen­wär­tig. 1995 doppelte Jeremy Rifkin mit seinem Thesen­buch „Das Ende der Arbeit“ nach. Darin argu­men­tierte der ameri­ka­ni­sche Publi­zist, dass der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt im Zeichen der digi­ta­len Revo­lu­tion Millio­nen von Arbeits­plät­zen wegra­tio­na­li­sie­ren werde. In den letz­ten Jahr­zen­ten ist das gesell­schaft­li­che Arbeits­vo­lu­men jedoch nicht zurück­ge­gan­gen. Wie aktu­elle Daten des schwei­ze­ri­schen Bundes­am­tes für Statis­tik zeigen, leis­ten Ange­stellte und Selb­stän­dige heute gut 12 Prozent mehr Arbeits­stun­den als im Jahr 2000. Entschwun­den sind hinge­gen die Hoff­nun­gen und Utopien, die der Befund eines Endes der Arbeit einst auch ausge­löst hat. Für den Sozi­al­phi­lo­so­phen André Gorz etwa war in den 1980er Jahren klar, dass es für die west­li­chen Gesell­schaf­ten kein Zurück zur Voll­be­schäf­ti­gung gab. In der Ratio­na­li­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung der Produk­tion sah er indes keine Gefahr, sondern die Möglich­keit, das Arbeits­vo­lu­men auf immer weni­ger Wochen­stun­den zusam­men zu kürzen. Vor diesem Hinter­grund plädierte Gorz für eine radi­kale Umver­tei­lung der gesell­schaft­lich notwen­di­gen Arbeit und für ein brei­tes Nach­den­ken darüber, wie Menschen ihr Leben jenseits der Lohn­ar­beit gestal­ten könn­ten.

Globa­li­sie­rung und Rena­tio­na­li­sie­rung der Arbeit

„Mehr Ferien, weni­ger Jobs“: Im März 2012 hat das Schwei­zer Stimm­volk die Feri­en­in­itia­tive der Gewerk­schaft Travail­Su­isse mit 67 Prozent abge­lehnt. Sie forderte eine Anhe­bung des gesetz­li­chen Urlaubs­an­spruchs von vier auf sechs Wochen pro Jahr. Quelle: campaignwatchers.wordpress.com

Von diesen utopi­schen Ener­gien ist heute kaum mehr etwas übrig­ge­blie­ben. Initia­ti­ven zur Reduk­tion der Arbeits­zeit, wie sie etwa die Gewerk­schaft Travail­Su­isse 2012 lanciert hat, schei­tern am Willen zum Fleiss einer Schwei­zer Mehr­heit. Dass die Gegen­kam­pa­gne des Arbeit­ge­ber­ver­ban­des sogar den Mythos festigte, der Wohl­stand der Schwei­zer basiere auf ihrer Arbeits­mo­ral – und nicht etwa auf der Arbeit von Migran­tin­nen oder dem Bank­ge­hei­mi­nis – wäre eine Erör­te­rung für sich wert. Diskus­sio­nen über eine gesell­schaft­li­che Neuor­ga­ni­sa­tion der Arbeit, wie sie 2016 im Zuge der Abstim­mung über das bedin­gungs­lose Grund­ein­kom­men initi­iert wurden, stos­sen mehr­heit­lich auf Unver­ständ­nis oder werden als gefähr­lich bekämpft. In der Schweiz möchte man keine Expe­ri­mente machen. Man möchte ‚normal‘ sein und ‚normal‘ arbei­ten. Dieses Fest­hal­ten an alten Rezep­ten zeitigt jedoch proble­ma­ti­sche Effekte: Während die Arbeits­ver­hält­nisse unter dem Druck von Globa­li­sie­rung und Shareholder-Orientierung auch hier­zu­lande immer prekä­rer werden (befris­tete Anstel­lun­gen, Mini­jobs, Arbeit auf Abruf etc.), gewin­nen national-konservative Initia­ti­ven an Gewicht, welche Arbeits­plätze exklu­siv für Inlän­der zu sichern verspre­chen. Dies ist nicht nur in hohem Masse unso­li­da­ri­sch. Die Beteue­rung, es lasse sich mehr normale Arbeit vom alten Typus schaf­fen, ist besten­falls naiv. Für die gegen­wär­ti­gen Debat­ten um die Gegen­wart und Zukunft der Arbeit ist es sinn­voll, das derzeit geläu­fige Verständ­nis von Arbeit zu histo­ri­sie­ren.

Von der Arbeit zum Normal­ar­beits­ver­hält­nis

Histo­ri­sch betrach­tet ist das „Normal­ar­beits­ver­hält­nis“, das den gegen­wär­ti­gen Diskus­sio­nen zu Grunde liegt, eine rela­tiv junge Erschei­nung, die geogra­phi­sch beschränkt war auf den Globa­len Norden. Arbeit war hier lange gleich­be­deu­tend mit körper­li­chen Tätig­kei­ten, die als Last empfun­den wurden. Das mittel­al­ter­li­che Chris­ten­tum verstand Arbeit noch vornehm­lich als Fluch und Strafe. Erst mit der Aufklä­rung kam es zur empha­ti­schen Aufwer­tung von Arbeit als Quelle von Eigen­tum, Reich­tum und Zivi­li­sa­tion. In den Schrif­ten von Adam Smith oder John Locke erscheint sie als gren­zen­lose dyna­mi­sche Kraft, die Reich­tum und allge­mei­nen Wohl­stand schafft.

„Der Arbeit die Zukunft“ (Wahl­pla­kat von 1946): Die Inte­gra­tion der Arbei­ter­be­we­gung in das sozi­al­staat­li­che Arran­ge­ment war eine zentrale Bedin­gung für das „Norma­ler­werbs­ver­hält­nis“ zentral. Quelle: Schwei­ze­ri­sches Sozi­al­ar­chiv.

Mit dem Fabrik­sys­tem, das mit der indus­tri­el­len Revo­lu­tion seinen Sieges­zug ange­tre­ten hatte, wurde die Lohn­ar­beit, die bisher eine Ausnah­me­er­schei­nung gewe­sen war, zur domi­nan­ten Beschäf­ti­gungs­form. Aber erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg wurde das zu einer sozia­len Reali­tät, was wir heute ‚Normal­ar­beits­ver­hält­nis‘ nennen – die gesetz­lich und kollek­tiv­ver­trag­lich gere­gelte Anstel­lung mit einem ‚Fami­lien­er­nähr­er­lohn‘ bis zur Pensio­nie­rung. In der Prospe­ri­täts­kon­stel­la­tion der Nach­kriegs­zeit stabi­li­sierte sich – in der Schweiz über die AHV (1947), die Inva­li­den­ver­si­che­rung (1960) und die obli­ga­to­ri­sche Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung (1976) – ein System von stan­dar­di­sier­ten Erwerbs­ein­kom­men und stan­dar­di­sier­ten Sozi­al­leis­tun­gen, dessen Leit­bild die ‚Norma­ler­werbs­bio­gra­fie‘ war: die konti­nu­ier­li­che Glie­de­rung des Arbeits­le­bens in die drei Phasen Ausbil­dung, Erwerbs­ar­beit und Ruhe­stand. Als Rollen­mo­dell diente der männ­li­che, verhei­ra­tete und inlän­di­sche Fach­ar­bei­ter, der mit seiner Fami­lie am Wohl­stand teil­hatte.

In der Hoch­kon­junk­tur der trente glori­eu­ses (1945-1975) konso­li­dierte sich mit der Produk­ti­ons­form des Fordis­mus ein exklu­si­ves Modell von Normal­ar­beit, das einer­seits auf einer geschlechts­spe­zi­fi­schen Arbeits­tei­lung zwischen Mr. Bread­win­ner und Mrs. Consu­mer basierte. Ande­rer­seits hing es von der schlecht entlohn­ten Arbeit eines auslän­di­schen Ratio­na­li­sie­rungs­pro­le­ta­ri­ats ab, das in der Schweiz unter dem Stich­wort ‚Italie­ner­pro­blem‘ verhan­delt wurde. Das Zentrum dieser Form von Arbeit war der natio­nal veran­kerte, von der inter­na­tio­na­len Konkur­renz weit­ge­hend abge­schot­tete und in sozi­al­part­ner­schaft­li­che Bezie­hun­gen einge­bet­tete Produk­ti­ons­be­trieb.

Die Erosion der Normal­ar­beit

Dieses Verständ­nis von Arbeit wurde seit Ende der 1960er-Jahre durch die Neue Frau­en­be­we­gung heraus­ge­for­dert und in der Wirt­schafts­krise ab 1974 funda­men­tal erschüt­tert. Auch in der Schweiz wurde die Arbeits­welt von unter­schwel­li­gen Verschie­bun­gen in der Welt­wirt­schaft, von der Neufor­mie­rung der inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung, aber auch von neuen Produktions- und Kalku­la­ti­ons­tech­ni­ken erfasst. Mit dem Bedeu­tungs­zu­wachs des Dienst­leis­tungs­sek­tors und des Share­hol­der Values in den 1990er-Jahren setzte eine Umstel­lung vom tradi­tio­nel­len Produk­ti­ons­be­trieb hin zu einem markt- und inno­va­ti­ons­ori­en­tier­ten Modell des Unter­neh­mens ein.

Unter dem Stich­wort ‚Arbeit 2.0‘ gewinnt in den Ländern des Globa­len Nordens eine neue Arbeits­kul­tur an Kontur, in der sich drei Trends verdich­ten. Erstens hat sich im Zuge der beschleu­nig­ten Globa­li­sie­rung der Wett­be­werb auf den Arbeits­märk­ten auf neuar­tige Weise verschärft. Mit der Shareholder-Orientierung haben sich neue Formen der inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung einge­spielt. Auch in der Schweiz wird Indus­trie­ar­beit zuneh­mend in Billig­lohn­län­der ausge­la­gert. Wo früher Fabri­ken produ­zier­ten, stehen heute Head­quar­ters inter­na­tio­nal täti­ger Firmen, die nach neuen Formen der Dienstleistungs- und Wissens­ar­beit verlan­gen.

„Paths to Para­dise“: In seinem 1983 erschie­ne­nen Buch deutete André Gorz das Ende der Arbeit als Ansatz­punkt für gesell­schaft­li­che Eman­zi­pa­ti­ons­be­stre­bun­gen.

Mit der Digi­ta­li­sie­rung ging zwei­tens eine räum­li­che und soziale Zersplit­te­rung von Arbeit einher. Via Inter­net können Menschen auf elek­tro­ni­schen Netzen arbeits­tei­lig koope­rie­ren, ohne zugleich am glei­chen Ort versam­melt zu sein. Damit wird die Bedeu­tung natio­nal veran­ker­ter Betriebe als Gravi­ta­ti­ons­zen­tren der Arbeits­welt redu­ziert. Hier­mit zusam­men­hän­gend setzen sich drit­tens neue Formen und Konzepte von Arbeit im Zeichen der Flexi­bi­li­sie­rung durch. Flexi­bi­li­siert wird nicht nur die Arbeits­zeit, die immer weni­ger in das Nine-To-Five-Schema passt, sondern auch die Entloh­nung, die sich weni­ger am Arbeits­pen­sum und stär­ker an den Ergeb­nis­sen orien­tiert. Schliess­lich wird auch der Status der Arbeit­neh­men­den flexi­bli­siert. Er entfernt sich vom ‚Normal­ar­beits­ver­hält­nis‘ und wird in eine Viel­zahl neuer, zum Teil prekä­rer Arbeits­for­men – wie Kurz­ar­beit, befris­tete Arbeits­ver­hält­nisse, Teil­zeit­stel­len, Arbeit auf Abruf, Temporär- und Heim­ar­beit oder Fran­chi­sing – zerlegt.

Durch die Entgren­zung der Erwerbs­ar­beit lockerte sich ihre Einbin­dung in kollek­tive Rege­lun­gen. Prak­ti­sch wie ideo­lo­gi­sch beginnt sich das Anfor­de­rungs­pro­fil, die soziale Orga­ni­sa­tion und die rechtlich-vertragliche Kodi­fi­zie­rung von Arbeit vom Modell der Normal­ar­beit zu lösen. Da zugleich auch die soziale Inte­gra­ti­ons­kraft der Arbeits­welt abnimmt (die Stich­worte seit den 1980er-Jahren lauten Massen­ar­beits­lo­sig­keit, Lehr­stel­len­man­gel und Preka­ri­sie­rung), ist die Rede von der „Krise der Arbeits­ge­sell­schaft“ zu einem festen Bestand­teil der aktu­el­len Zeit­dia­gnos­tik gewor­den.

Arbeit inklu­siv denken

„What would you do if your income were taken care of?“ stand bei einer Foto­ak­tion auf einem Platz in Genf anläss­lich der Abstim­mung über ein Grund­ein­kom­men im Juni 2016. Quelle: grundeinkommen.ch

Für Menschen, die im Globa­len Norden aufge­wach­sen sind und leben, ist es kaum vorstell­bar, dass Erwerbs­ar­beit nicht der zentrale Bezugs­punkt des Lebens ist. Was wir heute unter dem Wort ‚Arbeit‘ verste­hen und ange­sichts einschnei­den­der Verän­de­run­gen neu zu konzi­pie­ren suchen, wird noch immer sehr stark bestimmt durch das fordis­ti­sche Arran­ge­ment. Wie der Blick in den histo­ri­schen Rück­spie­gel zeigt, ist das lebens­lange ‚Normal­ar­beits­ver­hält­nis‘ eine Ausnahme. Vorherr­schen konnte es nur während eini­ger Jahr­zehnte: in den reichs­ten Teilen der Welt und vornehm­lich für männ­li­che Fach­ar­bei­ter. Für Bauern, Frauen und Fremd­ar­bei­ter war es jedoch auch im Globa­len Norden nie normal. Ein Blick in die Geschichte und über den Teller­rand west­li­cher Indus­trie­staa­ten hinaus rela­ti­viert das uns heute geläu­fige Verständ­nis von Arbeit also beträcht­lich. Es ist wich­tig, dessen Exklu­si­vi­tät in den gegen­wär­ti­gen Debat­ten über Arbeit im Auge zu behal­ten. Denn es ist mehr als frag­lich, ob sich das Normal­ar­beits­ver­hält­nis sichern lässt, ohne den Ausschluss zu perpe­tu­ie­ren, der für sein Funk­tio­nie­ren konsti­tu­tiv ist. Wenn es um die Zukunft der Arbeit geht, soll­ten wir diesen exklu­si­ven Denk­rah­men über­schrei­ten und darüber nach­den­ken, wie wir in Zukunft soli­da­ri­sch zusam­men­ar­bei­ten und -leben wollen – und zwar gerade auch mit jenen Menschen, für die unsere Vorstel­lun­gen von Arbeit nicht normal sind.

Von Brigitta Bernet

Brigitta Bernet ist Historikerin; sie forscht am Histo­rischen Seminar der Universität Basel zur Geschichte der Arbeit und deren Anthro­po­logien und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.