Egal, wie man die Land­karten statis­ti­scher Erhe­bungen in Deutsch­land auch dreht und wendet, sie ist immer noch da. Man kann ihren Umriss immer noch sehen. Rechts der Lauf der Oder, links die Elbe, im Süden zwei Gebirge, im Norden die Ostsee: die DDR. Wer hätte damals, 1989, als so viele den Fall der Mauer beju­belten, gedacht, dass das Land so lange sichtbar bleibt?

Gemeint ist der statis­ti­sche Schatten, die zahlen­mä­ßige Noch­exis­tenz, die farbige, sicht­bare Markie­rung eines Unter­schieds, der meist dann auftaucht, wenn es um die Wahl­er­geb­nisse von drei Parteien geht: Die Linke, AfD und die Grünen. Auf dem Terri­to­rium der ehema­ligen DDR wählt man im Unter­schied zum west­deut­schen Teil durch­schnitt­lich weniger grün, und man wählt – wiederum im Unter­schied zur ehema­ligen BRD – eher Die Linke und eher die AfD. Die DDR ist aber auch erkennbar, wenn man andere statis­ti­sche Karten zu Hand nimmt – Karten, auf denen etwa Alter, Einkommen, Arbeits­lo­sig­keit, Betreuung von Klein­kin­dern unter drei Jahren oder die Bevöl­ke­rung mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund sowie die Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung abge­bildet werden: Die Leute sind älter, das Durch­schnitts­ein­kommen geringer, die Arbeits­lo­sig­keit höher, die Betreuung von Klein­kin­dern in Krippen stärker nach­ge­fragt, der prozen­tuale Anteil von Migran­tInnen bzw. Einwoh­ne­rInnen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund verschwin­dend gering, die Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung stärker rück­läufig, der Anteil west­deut­scher Manager in Unter­nehmen und der Anteil west­deut­scher Partei­funk­tio­näre in der AfD sehr hoch.

Reanimation der Vergangenheit

Die statis­tisch sicht­bare Zombie­re­pu­blik DDR hat zu einer hitzigen Debatte über das poli­ti­sche Erbe des real­so­zia­lis­ti­schen Staates geführt, die in der geführten Schärfe ihres­glei­chen sucht. Die DDR wird dabei in vielen Beiträgen als eine Art unbe­wäl­tigter Rest, als Untote beschworen, die für die Gegen­wart verant­wort­lich gemacht werden kann. So schrieb etwa Wolf Bier­mann:

Die Menschen, die jetzt geschrien haben, ‚Merkel muss weg, hau ab‘ – das sind die stummen Unter­tanen von damals. Das sind die Leute, die zu lange geschwiegen und alles erduldet, ertragen haben. Sie waren zu feige, weil die lähmende Angst sie hatte, die ja leider auch begründet war.

Oder Haznaid Kazim twit­terte:

Höre, ich solle Ostdeut­sche ‚ernst nehmen‘. Ihr kamt 1990 mit ’nem Trabbi ange­knat­tert und wählt heute AfD, wie soll ich euch ernst nehmen?

Beide Aussagen sind typisch, sie machen die „Ostdeut­schen“ zu Fremden der Demo­kratie oder zu fremden Deut­schen, und das ausge­rechnet in dem Moment, wo es darum geht, die Ursa­chen für Frem­den­feind­lich­keit, also für den Wahl­er­folg der AfD, für das Entstehen von Pegida, die Anzie­hungs­kraft der Iden­ti­tären und die Exis­tenz von Reichs­bür­gern in der Vergan­gen­heit suchen. Und sie machen die Vergan­gen­heit zur Ursache für die Gegen­wart, ohne danach zu fragen, welche Funk­tion diese Reani­ma­tion in der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Debatte und im Alltag hat.

Ausland als Strafe

Dabei steht völlig außer Frage, dass Frem­den­feind­lich­keit für die DDR konsti­tutiv war. Die poli­ti­sche Führung der DDR hat es ausge­zeichnet verstanden, absolut gleich­zeitig inter­na­tio­nale Soli­da­rität und Völker­freund­schaft unter den sozia­lis­ti­schen Staaten zu predigen und natio­na­lis­ti­sche Ressen­ti­ments und rassis­ti­sche Anspie­lungen mehr oder weniger offen zu nutzen, und zwar nicht unbe­dingt, um mit Über­le­gen­heits­ge­fühlen ange­sichts von zuneh­mender Mangel­wirt­schaft Trost zu spenden. Das Ressen­ti­ment diente viel­mehr der poli­ti­schen Unter­drü­ckung der eigenen Bevöl­ke­rung. Denn man konnte von außen beson­ders gut sehen, dass der DDR-Sozia­lismus wohl die spie­ßigste und restrik­tivste Vari­ante im ganzen Block war. Ungarn erschien der ausge­mer­gelten Konsum­seele wie ein Halb­westen, und wer einen unga­ri­schen Ehemann ergat­terte, hatte die Aussicht, nicht nur einfach so nach Ungarn, sondern auch ab und zu in den Westen reisen zu dürfen (alle zwei Jahre auf Besuch, alle drei Jahre touris­tisch).

Die Abwer­tung der Anderen – auch der eigenen Block-Brüder und -Schwes­tern – diente dazu, die DDR irgendwie zusam­men­zu­halten. Xeno­phobie und Ausland­sin­kom­pe­tenz war ein Korsett der DDR. Das zeigte sich auch daran, dass Kontakte zu Auslän­de­rInnen, nicht nur zu west­li­chen, vom Geheim­dienst beob­achtet wurden, weil diese als poten­tiell dissi­den­tisch galten. Umge­kehrt, wie schon Jan C. Behrends, Dennis Kuck und Patrice G. Poutrus analy­siert haben, wurden Auslän­de­rInnen inner­halb der DDR (Vertrags­ar­bei­te­rInnen aus Vietnam, aus Afrika) syste­ma­tisch abge­schottet, sie wurden regel­recht kaser­niert.

Ich kann mich gut daran erin­nern, wie die Mädchen­klasse im Internat in Frank­furt an der Oder, in der ich war, bei der Ankunft ango­la­ni­scher Vertrags­ar­beiter trotz Völker­freund­schaft ange­wiesen wurde, keine (intimen) Kontakte zu Afri­ka­nern zu pflegen. Auslands­er­fah­rung war aber nicht nur Mangel­ware, manchmal wurde das Ausland auch zur Strafe: Zum Beispiel als vier Mitschü­le­rInnen, die sich im Alter von 18 dazu entschlossen hatten, in die Partei einzu­treten, mit einer Reise ins Ausland ‚belohnt‘ wurden: Sie durften als Beweis ihrer Loya­lität kurz nach der Reak­tor­ka­ta­strophe von Tscher­nobyl in die Ukrai­ni­sche Sowjet­re­pu­blik fahren…

Nationale Selbstdekonstruktion

Es lohnt sich deshalb zu fragen, wie unter­schied­lich Ressen­ti­ments gegen Fremde in der DDR und heute poli­tisch genutzt wurden und werden. Wenn also Bier­mann die gegen­wär­tige Frem­den­angst als ein verspä­tetes poli­ti­sches Ausbre­chen liest, dann über­sieht er, dass die Wut im Grunde eine neue Folg­sam­keit ist, eine neue Unter­wer­fung unter die Parolen von Pegida oder AfD. Es sind ja Pegida und die AfD selbst, die ihren Anhän­gern gera­dezu anbieten, die neue Folg­sam­keit als Dissi­denz zu inter­pre­tieren: als vermeint­li­ches Ausbre­chen aus dem ‚Main­stream‘.

Während sich Bier­mann über die zu späte Wut aufregt, ruft Kazims Tweet etwas anderes in Erin­ne­rung. Er ‚orien­ta­li­siert‘ den Osten. Er macht das auf eine Weise, die in den ersten Jahren nach der Wende typisch war. Viele erin­nern sich sicher­lich noch an ‚Zonen­gaby‘, die die halb abge­schälte Gurke in ihrer Hand für eine Banane hielt. In dieser nicht nur sati­ri­schen Lesart gilt Ostdeutsch­land als der rück­stän­dige, etwas unter­be­lich­tete Teil Deutsch­lands. Dabei kann man gerade Zonen­gaby und die, die mit dem Trabi kamen, als bestes Beispiel dafür nehmen, dass ‚Deutsch­sein‘ – eine Quali­fi­ka­tion, die viele schon als völlig ausrei­chend erachten – noch nicht mal im ‚eigenen Land‘ davor schützt, abge­wertet zu werden. Mit anderen Worten: Deutsch­land veran­schau­licht, dass man gar keine Auslän­derIn sein muss, um zur Auslän­derIn gemacht zu werden. Das inner­deut­sche Ressen­ti­ment ist so im Grunde die beste Wider­le­gung natio­naler und rassis­ti­scher Logiken. Deshalb müsste die Zombie-DDR beson­ders dieje­nigen, die mit Fremd­heit Politik machen, daran erin­nern, dass Fremd­heit nichts mit Natio­na­lität oder gar ‚Rasse‘ zu tun haben muss.

Es ist aber genau umge­kehrt: Das inner­deut­sche Ressen­ti­ment liefert eine der am meisten verwen­deten Wutvor­lagen für die anti­de­mo­kra­ti­sche rechts­na­tio­nale Argu­men­ta­tion. Die Wut wird ja gerade damit ange­heizt zu sagen, dass Ostdeut­sche nicht nur 1989 inner­deutsch zu Auslän­dern gemacht worden sind, sondern durch die gesamt­deut­sche Will­kom­mens­kultur quasi ein zweites Mal abge­wertet wurden. Wie eine aktu­elle Studie zeigt, wird dieses Gefühl „frater­naler Depri­va­tion“ – d.h. die Ansicht, „Auslän­de­rInnen werden bei der Güter­ver­tei­lung gegen­über ‚uns‘ privi­le­giert“ – poli­tisch so genutzt, dass „die Bezugs­gruppe, das ‚Wir‘, fast nie ‚Wir sozial Benach­tei­ligte‘ (eigent­lich ökono­misch Benach­tei­ligte), sondern ‚Wir Deut­sche‘ sind.“ So wird nicht nur von ökono­mi­schen Fragen als Ursache abge­lenkt, sondern diese werden für eine zweite Abwer­tung auch noch natio­na­li­siert bzw. kultu­ra­li­siert.

Mobilität des Ressentiments: das Ostmöglichste

Die serbi­sche Ethno­login Milica Bakić-Haiden nennt solche Prozesse flexi­bler Abwer­tung und Fremd­ma­chung ‚nesting Orien­ta­lism‘, ‚einge­nis­teter Orien­ta­lismus‘. Sie greift damit zwar Edward Saids bekannte Thesen zur euro­päi­schen Erfin­dung des Orients als dem Anderen, in der Regel unzi­vi­li­sierten Gegen­über von Europa auf, zeigt aber, wie diese Prak­tiken von Orien­ta­li­sie­rung stets auch inner­halb von natio­nalen Gesell­schaften funk­tio­nieren. Für Bakić-Hayden sind diese Zuschrei­bungen äußerst mobil. Gerade Gruppen, die selbst Abwer­tung betreiben, können blitz­schnell zu abge­wer­teten Gruppen werden – und umge­kehrt. So beginnt auch der ‚Balkan‘ oder der ‚Osten‘ immer gerade dort, wo das unlieb­same Fremde entdeckt wird. Dadurch kann kultu­relle Abwer­tung perma­nent an andere weiter­ge­geben werden – um selbst in der kultu­rellen Hier­ar­chie aufwärts­zu­steigen. So schreibt die bulga­ri­sche Histo­ri­kern Marija Todo­rova in ihrem Buch Imagi­ning the Balkans:

Ein Serbe ist ein Ostler für einen Slowenen, aber ein Bosnier würde für den Slowenen ein Ostler sein, obwohl er geogra­phisch im Westen ange­sie­delt ist. Dasselbe trifft auf die Albaner zu, die im Westen des Balkans ange­sie­delt sind, aber vom Rest der Balkan­na­tionen als das Ostmög­lichste ange­sehen werden.

Todo­rova zeigt nicht nur, wie Vorur­teile selbst nicht nur verin­ner­licht wurden, sondern als solche auch wieder veräu­ßer­licht und weiter­ge­geben werden.

Vaterländisches Voodoo

Es ist ein biss­chen wie bei den Zombies: Während die einen annehmen, dass Zombies quasi von alleine wieder­auf­er­stehen und aus eigenen Stücken herum­geis­tern, wissen die anderen, dass sie aufge­weckt und reak­ti­viert werden müssen, um ihr Unwesen zu treiben. Das ist mit der DDR nicht anders. Und selbst die Debatte darüber belebt immer wieder Vorur­teile und Ressen­ti­ments, statt sich kritisch mit der poli­ti­schen Funk­tion dieser Wieder­be­le­bung ausein­an­der­zu­setzen. Denn es mag sich um das gleiche Ressen­ti­ment handeln, dass es in der DDR und heute gibt (und dazu welt­weit), aber die poli­ti­sche Funk­tion dieses Ressen­ti­ments ist eine andere. Der russi­sche Schrift­steller Vladimir Sorokin schrieb vor kurzem etwas, das auch in Deutsch­land gilt. In Russ­land hätten dieje­nigen das Sowje­ti­sche reani­miert, die es am besten in der Gegen­wart zu nutzen wissen, dieje­nigen, die „ganz genau wussten, wie es aussah, wo seine Nerven­zen­tren liegen. Dort haben sie die jewei­ligen Nadeln gesetzt. So ist das mit dem vater­län­di­schen Voodoo.“