Geschichten der Gegenwart

Der Klima­wan­del – oder besser gesagt: der angeb­lich ausblei­bende Klima­wan­del gehört zu den Lieb­lings­the­men rechts­kon­ser­va­ti­ver und rechts­po­pu­lis­ti­scher Kreise. Man könnte belie­big viele Beispiele von Poli­ti­kern auffüh­ren, die insbe­son­dere in den sozia­len Netz­wer­ken, den Klima­wan­del und seine Folgen rela­ti­vie­ren, verharm­lo­sen oder ganz abstrei­ten.

Donald Trump twittert zum Klima; Quelle: twitter.com

Donald Trump twit­tert zum Wetter - oder zum Klima? 28. Juli 2014; Quelle: twitter.com

Tweed von SVP-Nationalrat Claudio Zanetti, gelöscht; Quelle: twitter.com

Tweed von SVP-Nationalrat Clau­dio Zanetti, 8. August 2015; Quelle: twitter.com

Dabei verwech­selt Donald Trump ab und an schon einmal „Wetter“ mit „Klima“, wenn er einen kühlen New Yorker Juli­tag als Beweis für den ausblei­ben­den Klima­wan­del anführt. Der fleis­sige Twit­ter-User und SVP-Nationalrat Clau­dio Zanetti wiederum spot­tet nicht nur regel­mäs­sig über „Klima­hys­te­ri­ker“, sondern verlinkt immer wieder Texte, die auf angeb­li­che Wider­sprü­che der Klima­for­schung hinwei­sen.

Das sind keines­wegs verstreute Einzel­mei­nun­gen von beson­ders extre­men Expo­nen­ten. Die rech­ten Parteien haben sich die „Klima­wan­del­skep­sis“ auch in ihre Programme geschrie­ben: Die Alter­na­tive für Deutsch­land strei­tet in ihrem kürz­lich verab­schie­de­ten Grund­satz­pro­gramm die Exis­tenz des Klima­wan­dels grund­sätz­lich ab. Beklagt wird hinge­gen eine „Dekar­bo­ni­sie­rung“. Ganz so, als ob es sich bei Kohlen­di­oxid um ein schüt­zens­wer­tes deut­sches Kultur­gut handeln würde. Im aktu­el­len SVP-Parteiprogramm kommen die Begriffe Klima­wan­del oder Klima­er­wär­mung kein einzi­ges Mal vor. „Unse­rer Umwelt geht es gut“, steht da lapi­dar als erster Satz im Kapi­tel zur Umwelt. Die SVP warnt vor „grünen Ideo­lo­gen und Umwelt­theo­re­ti­kern“ und fordert „Praxis vor welt­frem­der Theo­rie“, ohne jedoch genauer auszu­füh­ren, was man sich unter einem „Klima­prak­ti­ker“ genau vorstel­len soll.

Die Haupt­ar­gu­mente der „Skep­ti­ker“

Damit sind die zwei Haupt­ar­gu­mente der selbst­er­nann­ten „Skeptiker-Bewegung“ bereits genannt: Erstens wird unab­läs­sig auf angeb­li­che Unstim­mig­kei­ten und Wider­sprü­che inner­halb der Scien­ti­fic Commu­nity verwie­sen und zwei­tens die Klima­wis­sen­schaft als „ideo­lo­gi­sche Pseu­do­wis­sen­schaft“ diskre­di­tiert. Das erste Argu­ment des vermeint­li­chen Dissen­ses lässt sich in weni­gen Sätzen wider­le­gen: Die Forschung zum Klima­wan­del findet in einem inter­dis­zi­pli­nä­ren, inter­na­tio­na­len Feld statt, und wird nicht nur von Klima­to­lo­gen, sondern unter ande­rem auch von Ozea­no­gra­fen, Geogra­fin­nen oder Sozio­lo­gen mitge­tra­gen. Natür­lich sind sich diese Wissen­schaft­le­rin­nen und Wissen­schaft­ler auch heute keines­wegs in allen Punk­ten einig. Noch immer gibt es viele unge­löste Fragen und Probleme. Doch die derzei­ti­gen Debat­ten – die keines­wegs heim­lich geführt werden, wie die „Skep­ti­ker“ wider besse­ren Wissens bestän­dig behaup­ten – ändern nichts daran, dass ein über­wäl­ti­gen­der Grund­kon­sens zum anthro­po­ge­nen Klima­wan­del besteht, wie etwa die US-amerikanischen Wissen­schafts­his­to­ri­ke­rin Naomi Ores­kes bereits 2004 in Science mit einer Studie zur rele­van­ten peer reviewed Lite­ra­tur im Zeit­raum von 1993 bis 2002 zeigte.

Vor diesem Hinter­grund kann man die belieb­ten Verweise der „Skep­ti­ker“ auf Forschungs- und Zeitungs­be­richte aus den 1970er-Jahren mit Progno­sen einer neuen Eiszeit, die auf angeb­li­che Wider­sprü­che der Wissen­schaft hinwei­sen sollen, nur als absurd bezeich­nen. Tatsäch­lich gab es in den 1970er-Jahren weit­rei­chende Debat­ten, ob und inwie­fern mensch­li­ches Handeln klimare­le­vant sei. Und über Jahre waren sich die Klima­wis­sen­schaft­ler weder einig noch sicher, ob der schon länger bekannte Anstieg von Kohlen­di­oxid in der Atmo­sphäre zu einer Erder­wär­mung oder die Luft­ver­schmut­zung in Kombi­na­tion mit exter­nen Fakto­ren, wie etwa den Sonnen­zy­klen, zu einer neuen Eiszeit führen würden. Der heutige Konsens ist aller­dings das Resul­tat genau dieser jahr­zehn­te­lan­gen Forschung.

Screenshop aus einem Propagandafilm von "Klimaskeptikern"; Quelle: YouTube.com

Screen­shop aus einem Propa­gan­da­film von "Klima­skep­ti­kern"; Quelle: YouTube.com

Das zweite Argu­ment, die Behaup­tung, die Klima­for­schung sei eine „Pseu­do­wis­sen­schaft“, ist perfi­der. Die „Skep­ti­ker“ über­neh­men dabei geschickt die Termi­no­lo­gie der post­mo­der­nen Wissen­schafts­theo­rie und beto­nen sowohl die „Konstru­iert­heit“ wissen­schaft­li­chen Wissens als auch die Bedeu­tung wissen­schafts­ex­ter­ner Fakto­ren. Zunächst wird auf die vermeint­lich fehlen­den empi­ri­schen Grund­la­gen der Klima­mo­delle und -progno­sen hinge­wie­sen und damit das klima­wis­sen­schaft­li­che Wissen als etwas Fikti­ves darge­stellt. Der SVP-Nationalrat Clau­dio Zanetti twit­terte beispiel­weise am 2. Juni 2016: „In der Klima­de­batte geht es nicht um Empi­ris­mus“ und die AfD spricht in ihrem Grund­satz­pro­gramm von „untaug­li­chen Computer-Modellen“. Zudem wird eine „links-grüne Ideo­lo­gie“ imagi­niert, welche als externe Bedin­gung die Wissen­schaft nicht nur beein­flusse und konta­mi­niere, sondern lenke.

Die Einsicht, dass in der Wissen­schaft nicht einfach in Labor- und Feld­ex­pe­ri­men­ten kontext­los „ewige Natur­wahr­hei­ten“ enthüllt werden, ist weder neu noch beson­ders origi­nell. Von einem empha­ti­schen Wahr­heits­be­griff haben sich nicht nur Wissen­schafts­his­to­ri­ker und -theo­re­ti­ke­rin­nen, sondern inzwi­schen auch Natur­wis­sen­schaft­ler verab­schie­det. Nicht zuletzt die unter­schied­li­chen – oft zu Unrecht belä­chel­ten – turns der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten haben den Blick für die Orte, die Mate­ria­li­tät und den histo­ri­schen Kontext der Wissens­pro­duk­tion geschärft. Niemand würde heute ernst­haft eine abso­lute Unab­hän­gig­keit der Wissen­schaf­ten behaup­ten. Spätes­tens seit Bruno Latours Labor­stu­dien ist die Fest­stel­lung, dass Wissen auch unter Labor­be­din­gun­gen in einem konkre­ten sozia­len Austausch produ­ziert wird, ein Gemein­platz. Und dass Wissen­schaft sich in komple­xen Wech­sel­wir­kun­gen mit der Gesell­schaft abspielt, kann heute nur mehr die wenigs­tens über­ra­schen.

Wie Wissen­schaft funk­tio­niert

Das bedeu­tet nun für die Klima­wis­sen­schaft erstens, dass man durch­aus mit einer gewis­sen Vorsicht von einem „grünen Zeit­geist“ spre­chen kann, der nicht nur Forschung zum Klima­wan­del, sondern auch zu umwelt­re­le­van­ten Problem­stel­lun­gen im Allge­mei­nen begüns­tigt. Von den „Skep­ti­kern“ wird dabei aller­dings die Tatsa­che voll­stän­dig ausge­blen­det, dass dieses globale Umwelt­be­wusst­sein zu keinem Zeit­punkt von poli­ti­schen Eliten aufok­troy­iert wurde. Im Gegen­teil: Die Etablie­rung des Umwelt­be­wusst­seins ist ein proto­ty­pi­sches Beispiel einer Gras­wur­zel­be­we­gung.

Zwei­tens und vor allem aber werden in der Klima­wis­sen­schaft (wie in allen ande­ren Wissen­schaf­ten im Übri­gen auch) natür­lich Modelle genutzt. Und man muss sogar hinzu­fü­gen, dass es in den Klima­wis­sen­schaf­ten längst keine „rohen“ Daten mehr gibt, mit welchen die Modelle gefüt­tert werden könn­ten. Jede Daten­samm­lung durch­läuft zunächst eine ganze Reihe von Daten­mo­del­len. Der Wissen­schafts­his­to­ri­ker Paul N. Edwards betont, dass wir alles, was wir über die Vergan­gen­heit, die Gegen­wart und die Zukunft des welt­wei­ten Klimas wissen, durch Modelle wissen. So etwas wie eine „reine“ Klima­si­mu­la­tion gibt es nicht. Daraus folgt, drit­tens, dass es sich bei den Klima­pro­gno­sen um Zukunfts­wis­sen mit einem entspre­chend proble­ma­ti­schen epis­te­mo­lo­gi­schen Status handelt, das nur mit Wahr­schein­lich­kei­ten darge­stellt werden kann.

Die Tatsa­che jedoch, dass wissen­schaft­li­che Erkennt­nisse durch Modelle gewon­nen werden, dass Begriffe und Vorstel­lun­gen, wie Ratio­na­li­tät, Objek­ti­vi­tät und Wert­frei­heit, selbst eine Geschichte haben und nicht mehr als einzige und abso­lute Refe­renz­punkte für wissen­schaft­li­ches Arbei­ten in Frage kommen, bedeu­tet nicht – und das ist das grosse Miss­ver­ständ­nis –, dass das produ­zierte Wissen falsch, fiktiv oder eine blosse Meinung wäre. Die sehr komple­xen und rechen­auf­wän­di­gen Klima­mo­delle werden beispiels­weise immer wieder über­prüft. Unter ande­rem wird getes­tet, ob damit das vergan­gene oder gegen­wär­tige Klima korrekt simu­liert werden kann. Die Scien­ti­fic Commu­nity ist sich also sehr wohl der Probleme bewusst. Fragen zur Aussa­ge­kraft von compu­ter­ge­ne­rier­ten Progno­sen oder zur Kommu­ni­ka­tion von wissen­schaft­li­chen Resul­ta­ten werden offen disku­tiert und reflek­tiert. Gerade diese andau­ern­den Debat­ten führen oftmals zum Eindruck, „die Wissen­schaft“ sei wider­sprüch­lich und gene­rell unzu­ver­läs­sig. Was die „Skep­ti­ker“ tun, ist schlicht, dass sie wissen­schaft­li­che Redlich­keit zum Vorwurf verdre­hen, womit sie sich ein ebenso popu­lis­ti­sches wie zuver­läs­si­ges Instru­ment schaf­fen.

Entlar­vend ist auch, dass diese konstruk­ti­vis­tisch einge­klei­dete „Wissen­schafts­kri­tik“ nur sehr selek­tiv ange­wandt wird. Während die poli­ti­sche Rechte die Klima­wis­sen­schaft oder die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten unter Gene­ral­ver­dacht stellt, bekun­det sie keiner­lei Probleme damit, sich beispiels­weise auf die vor mehr als 50 Jahren geschrie­be­nen Texte eines Milton Fried­mans zu beru­fen, so als ob es sich um heilige Texte handeln würde. Als wissen­schaft­lich und „wahr“ gilt nur noch, was auch poli­tisch genehm ist.

Verschwö­rungs­theo­rien (und die SVP)

Klimaleugner-Karikatur zu Al Gore; Quelle: twitter.com

Klimawandelskeptiker-Karikatur zu Al Gore; Quelle: twitter.com

Dabei ist insbe­son­dere die diskre­di­tie­rende Behaup­tung von der Klima­wis­sen­schaft als einer von „links-grüner Ideo­lo­gie“ bestimm­ten und verfälsch­ten Unter­neh­mung längst über­zeu­gend ausge­he­belt worden. Naomi Ores­kes hat zusam­men mit Erik Conway in ihrem Buch Merchants of Doubt  (2010) für den US-amerikanischen Raum heraus­ge­ar­bei­tet, wie ein klei­nes, aber einfluss- und ressour­cen­rei­ches Netz­werk von Indus­trie­ver­tre­tern, rechts­kon­ser­va­ti­ven Poli­ti­kern, Think Tanks und meist fach­frem­den Wissen­schaft­lern gezielt Zwei­fel am wissen­schaft­li­chen Konsens säen. Die Metho­den reichen dabei von geschick­ter PR-Arbeit, über selek­tive Rezep­tion der wissen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen bis hin zu hand­fes­tem Betrug und persön­li­cher Diffa­mie­rung von Wissen­schaft­lern. Während es für die Annahme, dass tausende renom­mierte Wissen­schaft­ler Vertre­ter einer „links-grünen“ Ideo­lo­gie seien (oder sich zumin­dest von ihr blen­den lassen) doch sehr viel Fanta­sie benö­tigt, lassen sich die „Klima­wan­del­skep­ti­ker“ empi­risch gestützt sehr präzise poli­tisch veror­ten.

...aus der SVP-Parteibibliothek; Quelle: Amazon.de

...aus der SVP-Parteibibliothek; Quelle: Amazon.de

Die „Skep­ti­ker“ sind für solche kriti­schen Argu­mente nicht zugäng­lich. Und da zeigt sich das eigent­li­che Problem: Mit der Behaup­tung, dass die über­wäl­ti­gende Mehr­heit der renom­mier­tes­ten Wissen­schaft­le­rin­nen und Wissen­schaft­ler Teil einer „links-grünen Ideo­lo­gie“ seien und eine versteckte poli­ti­sche Agenda verfolg­ten, verbrei­ten sie nichts ande­res als eine gegen jegli­che Kritik immune Verschwö­rungs­theo­rie. Dieses verschwö­rungs­theo­re­ti­sche Denken der poli­ti­schen Rech­ten zeigt sich beson­ders deut­lich im Partei­pro­gramm der SVP, das bis 2015 gültig war und heute noch auf der offi­zi­el­len Webseite der Partei abruf- und einseh­bar ist. Um den Klima­wan­del in Abrede zu stel­len, greift die Partei sogar auf Zitate aus dem Buch Rote Lügen in grünem Gewand: Der kommu­nis­ti­sche Hinter­grund der Öko-Bewegung von Tors­ten Mann zurück. Darin glaubt der Autor bele­gen zu können, dass der Klima­wan­del eine Lüge sei, und der Umwelt­po­li­tik nicht ökolo­gi­sche Absich­ten, sondern rein ideo­lo­gi­sche Motive zugrunde liegen, die ausschließ­lich darauf abziel­ten, die Markt­wirt­schaft der west­li­chen Natio­nal­staa­ten in den Ruin zu trei­ben. An ihrer Stelle soll – so Tors­ten Mann – ein globa­ler Umver­tei­lungs­staat nach dem Vorbild der Sowjet­union errich­tet werden, der von einer zur Welt­re­gie­rung ausge­bau­ten UNO plan­wirt­schaft­lich kontrol­liert wird. Das Buch ist im Kopp-Verlag erschie­nen, der für sein recht­se­so­te­ri­sches und verschwö­rungs­theo­re­ti­sches Verlags­pro­gramm bekannt gewor­den und äusserst umstrit­ten ist.

Man muss sich das vor Augen halten: Die mit Abstand wähler­stärkste Partei der Schweiz wischt den durch jahr­zehn­te­lange Forschung erreich­ten wissen­schaft­li­chen Konsens mit einer rechts­ex­tre­men Welt­ver­schwö­rungs­theo­rie vom Tisch. Durch ihre Diffa­mie­rung einer gesam­ten Forschungs­rich­tung und ihr Raunen von der Welt­ver­schwö­rung klinkt sich die poli­ti­sche Rechte voll­stän­dig aus wissen­schaft­lich gestütz­ten Diskus­sio­nen aus. Eine Basis für eine gemein­same, ratio­nale Klima-Politik bleibt damit nicht mehr übrig.

Von Manuel Kaiser

Manuel Kaiser ist Doktorand an der Universität Zürich und arbeitet zu Wetter- und Klimawissen im Kalten Krieg.