Geschichten der Gegenwart

„Trump ist über­all“, titel­te nach den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len die Neue Zür­cher Zei­tung in einem Kom­men­tar und wies dar­auf hin, dass „in ande­ren Welt­ge­gen­den […] sei­ne Gesin­nungs­ge­nos­sen im Vor­marsch oder bereits an der Macht“ sei­en. Die nach­fol­gen­de Lis­te von euro­päi­schen Län­dern, in denen ein „Vor­marsch der Popu­lis­ten“ zu ver­zeich­nen sei, reich­te von Frank­reich und Öster­reich, über Däne­mark, Schwe­den und die Nie­der­lan­de, zu Polen und Ungarn. Auf­fal­lend ist, dass die Schweiz fehl­te, obschon die Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei (SVP) sowohl in der For­schungs­li­te­ra­tur als auch in den inter­na­tio­na­len Medi­en als Lehr­bei­spiel für den Auf­schwung des Rechts­po­pu­lis­mus gilt. Die­se Exter­ri­to­ria­li­sie­rung und Aus­blen­dung ist gepaart mit einer erheb­li­chen Geschichts­ver­ges­sen­heit, wenn es um die Rol­le der Schweiz als Avant­gar­de des Rechts­po­pu­lis­mus in der Nach­kriegs­ge­schich­te geht.

Gera­de­zu amne­sisch fehlt in der schwei­ze­ri­schen Deu­tungs- und Erin­ne­rungs­welt der Blick auf die hie­si­gen Erschei­nungs­for­men des Rechts­po­pu­lis­mus, obschon es bereits seit den 1960er Jah­ren ins­ge­samt sie­ben rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en gelun­gen ist, Sit­ze im Natio­nal­rat zu errin­gen. Das sind mehr als in jedem ande­ren euro­päi­schen Land, und es zeugt von einer bemer­kens­wer­ten Kon­ti­nui­tät der Prä­senz von poli­ti­schen Akteu­ren, die sich manichäi­schen Gesell­schafts- und Welt­bil­dern ver­schrei­ben und in dicho­to­mi­schen Unter­schei­dun­gen zwi­schen Eige­nem und Frem­dem, Natio­na­lem und Aus­län­di­schem, Eli­te und Volk den­ken. Sie ver­kör­pern gleich­sam das rechts­po­pu­lis­ti­sche Syn­drom, in dem die Vor­stel­lung des so genann­ten „Heart­land“ (Paul Tag­gart) den zen­tra­len Bedeu­tungs­zu­sam­men­hang im iden­ti­täts­po­li­ti­schen Wech­sel­spiel von Inklu­si­on und Exklu­si­on dar­stellt und das sakra­li­sier­te Pri­mat des Vol­kes der ent­frem­de­ten, angeb­lich macht­vol­len Eli­te gegen­über­ge­stellt wird. Oder, wie es Jan-Wer­ner Mül­ler kürz­lich in einem lesens­wer­ten Essay for­mu­liert hat: im Popu­lis­mus drückt sich eine Poli­tik­vor­stel­lung aus, „laut der einem mora­lisch rei­nen, homo­ge­nen Volk stets unmo­ra­li­sche, kor­rup­te und para­si­tä­re Eli­ten“ gegen­über­ste­hen.

Die Anfänge des neuen Rechtspopulismus

Zwei Befür­wor­ter der Über­frem­dungs-Initia­ti­ve der “Repu­bli­ka­ni­schen Bewe­gung” von James Schwar­zen­bach, 1970; Quel­le: 20min.ch

Es war ein Novum für die west­eu­ro­päi­sche Par­tei­en­land­schaft, als sich ab den 1960er Jah­ren in der Schweiz poli­ti­sche Par­tei­en zu eta­blie­ren began­nen, die kon­se­quent eine rechts­po­pu­lis­ti­sche Poli­tik ver­folg­ten und bestimm­te gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Kon­flikt­li­ni­en bear­bei­te­ten. Die Natio­na­le Akti­on (1961), die Vigi­lan­ce in Genf (1965) und die Repu­bli­ka­ni­sche Bewe­gung (1970) insze­nier­ten sich zum einen als kom­pro­miss­lo­se Ver­tei­di­ger des „Volks­wil­lens“ und such­ten mit Tabu­brü­chen und Pro­vo­ka­tio­nen, die poli­ti­schen Debat­ten zu pola­ri­sie­ren. Zum ande­ren mach­ten sie Migra­ti­on und Aus­län­der­po­li­tik zu zen­tra­len The­men ihrer iden­ti­täts­po­li­ti­schen Agen­da. Mit die­ser dop­pel­ten Stoss­rich­tung begrün­de­ten sie den neu­en Rechts­po­pu­lis­mus der Nach­kriegs­zeit, des­sen Expo­nen­ten sich sym­bo­lisch und poli­tisch vom his­to­ri­schen Faschis­mus abgrenz­ten, um ange­sichts des brei­ten anti­fa­schis­ti­schen und anti­ras­sis­ti­schen Kon­sen­ses in den euro­päi­schen Gesell­schaf­ten nach 1945 über­haupt Fuss fas­sen zu kön­nen.

Auch von den in Frank­reich und Gross­bri­tan­ni­en Mit­te der 1950er und Anfang der 1960 Jah­re auf­tre­ten­den Bewe­gun­gen und Grup­pie­run­gen, wie bei­spiels­wei­se Pierre Poujade’s Uni­on de défen­se des com­mer­çants et artis­ans oder die Bir­ming­ham Immi­gra­ti­on and Sout­hall Resi­dents Asso­cia­ti­on, die eben­falls radi­kal natio­na­lis­ti­sche und xeno­pho­be Posi­tio­nen ver­tra­ten, unter­schie­den sich die schwei­ze­ri­schen Rechts­po­pu­lis­ten. Denn sie waren mehr als nur rudi­men­tär orga­ni­sier­te Bewe­gungs­ak­teu­re, bau­ten sie doch rela­tiv sta­bi­le, par­tei­för­mi­ge Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren auf und konn­ten sich dau­er­haft in der schwei­ze­ri­schen Par­tei­en­land­schaft behaup­ten. Zudem waren sie die ers­ten poli­ti­schen Par­tei­en, die sich ganz dem Kampf gegen die neue Arbeits­im­mi­gra­ti­on der tren­te glo­rio­se (ca. 1945–1975) ver­schrie­ben hat­ten und ent­spre­chen­de demo­gra­fi­sche, sozio­öko­no­mi­sche und kul­tu­rel­le Bedro­hungs­sze­na­ri­en ent­war­fen. So hiess es auf einem der ers­ten Flug­blät­ter der Natio­na­len Akti­on, das 1963 in der Auf­la­ge einer hal­ben Mil­li­on ver­teilt wur­de, die „Inva­si­on unse­rer Hei­mat durch Fremd­ar­bei­ter mit ihren Fami­li­en hat durch ihre nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit des Schwei­zer­vol­kes ein uner­träg­li­ches Aus­mass ange­nom­men“.

Natio­nal­rat James Schwar­zen­bach vor dem Win­kel­ried-Denk­mal in Sem­pach, o.J.; Quel­le: autographenderschweiz.ch

Ihre schwa­che par­la­men­ta­ri­sche Stel­lung als Kleinst­par­tei­en mit gerin­gem Wäh­ler­an­teil kom­pen­sier­ten die Schwei­zer Rechts­po­pu­lis­ten mit dem regen Gebrauch der Instru­men­te der direk­ten Demo­kra­tie. Effi­zi­ent und gera­de­zu ple­bis­zi­tär nutz­ten sie die­sen poli­ti­schen und dis­kur­si­ven Hand­lungs­spiel­raum des schwei­ze­ri­schen poli­ti­schen Sys­tems, um wie­der­holt und nach­hal­tig Druck auf öffent­li­che Debat­ten und poli­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se aus­zu­üben, ins­be­son­de­re in der Migra­ti­ons- und Aus­län­der­po­li­tik. Damit schu­fen sie auch bedeu­ten­de Mobi­li­sie­rungs­er­eig­nis­se, da die jewei­li­gen Abstim­mun­gen nicht nur ihre öffent­li­che Prä­senz und ihren Bekannt­heits­grad beträcht­lich erhöh­ten sowie die real Ein­fluss üben­de Anhän­ger­schaft stark ver­grös­ser­ten; sie konn­ten zudem  auch als popu­lis­ti­scher Moment gedeu­tet wer­den. So erklär­te James Schwar­zen­bach nach der rela­tiv knapp ver­lo­re­nen Abstim­mung über die ers­te so genann­te „Über­frem­dungs­in­itia­ti­ve“ von 1970: „Wir sind stolz auf unser Schwei­zer­volk, das einer infer­na­li­schen Pro­pa­gan­da, von noch nie dage­we­se­nem Aus­mass, erfolg­reich getrotzt hat.“ Es ist denn auch Schwar­zen­bach, der als ers­te rechts­po­pu­lis­ti­sche Lea­der­fi­gur im Nach­kriegs­eu­ro­pa gilt und allen­falls mit dem Unter­haus­ab­ge­ord­ne­ten der bri­ti­schen Con­ser­va­ti­ve Par­ty Enoch Powell ver­gli­chen wer­den kann, der mit sei­ner breit rezi­pier­ten, ras­sis­ti­schen Rivers of Blood-Rede von 1968 Bekannt­heit in Euro­pa erlang­te, aber über kei­ne eige­ne rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei ver­füg­te.

Europäische Ausweitung, helvetischer Vorsprung

Nahe­zu zehn Jah­re spä­ter als in der Schweiz erfolg­te in den 1970er und 1980er Jah­ren in West­eu­ro­pa die ers­te bedeu­ten­de geo­gra­fi­sche Aus­wei­tung des Rechts­po­pu­lis­mus, als in Skan­di­na­vi­en, Frank­reich, Bel­gi­en und Öster­reich neue oder sich neu erfin­den­de Par­tei­en auf die poli­ti­sche Büh­ne tra­ten. Wie ihre schwei­ze­ri­schen Pen­dants gefie­len sie sich dar­in, als hart­nä­cki­ge Wider­sa­cher poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Eli­ten auf­zu­tre­ten, mit aggres­si­ver Rhe­to­rik poli­ti­sche Kam­pa­gnen zu füh­ren und ihre aus­gren­zen­den Vor­stel­lun­gen von „Fremd­heit“ und „Anders­sein“ in die migra­ti­ons­po­li­ti­schen Debat­ten ein­flies­sen zu las­sen.

Vlaams Belang, Pla­kat 2011; Quel­le: vlaamsbelang.org

In Däne­mark und Nor­we­gen übten die sich Anfang der 1970er Jah­re for­mie­ren­den Fort­schritts­par­tei­en har­sche Kri­tik an den eta­blier­ten Par­tei­en, wobei sie sich zunächst auf die Finanz- und Steu­er­po­li­tik und den Wohl­fahrts­staat kon­zen­trier­ten, bevor sie migra­ti­ons- und asyl­po­li­ti­sche Fra­gen zu ihrem Ste­cken­pferd mach­ten. In Frank­reich trans­for­mier­te Jean-Marie Le Pen den 1972 gegrün­de­ten Front natio­nal all­mäh­lich in eine straff orga­ni­sier­te Par­tei, die von Beginn auf das Ein­wan­de­rungs­the­ma setz­te und dabei mit Slo­gans wie „les Français d’abord“ und „la Fran­ce aux Français“ ope­rier­te. In Bel­gi­en ent­stand 1979 mit dem Vlaams Blok eben­falls eine neue Par­tei am rech­ten Rand, die ihre Ursprün­ge im poli­ti­schen Natio­na­lis­mus in Flan­dern hat­te und sich vor allem mit The­men wie Immi­gra­ti­on, Kri­mi­na­li­tät und Sicher­heit befass­te. Nach der Macht­über­nah­me Jörg Hai­ders 1986 gesell­te sich schliess­lich auch die Frei­heit­li­che Par­tei Öster­reichs (FPÖ) zum rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en­la­ger. Sie begann, das öster­rei­chi­sche Kon­kor­danz- und Pro­porz­sys­tem vehe­ment zu atta­ckie­ren, und mach­te die Immi­gra­ti­on zu ihrem zen­tra­len Poli­tik­be­reich, wo sie frem­den­feind­li­che Res­sen­ti­ments und Vor­ur­tei­le schür­te. Gemein­sam war all die­sen Par­tei­en, dass sie ganz im Sin­ne des neu­en Rechts­po­pu­lis­mus Distanz zum klas­si­schen, hier­ar­chi­sie­ren­den Ras­sis­mus mar­kier­ten, aber gleich­zei­tig in eth­nop­lu­ra­lis­ti­scher Manier das Recht auf kul­tu­rel­le Dif­fe­renz ein­for­der­ten und dabei das Prin­zip natio­na­ler Prä­fe­renz hoch­hiel­ten. Zudem muss­ten sie als neue Par­tei­en – aus­ser die FPÖ – viel in auf­wen­di­ge struk­tu­rel­le Auf­bau­ar­beit inves­tie­ren, sich mit Per­so­nal und Res­sour­cen ver­sor­gen und ihren Platz in den jewei­li­gen Par­tei- und Wäh­ler­land­schaf­ten fin­den.

Natio­na­le Akti­on für Volk und Hei­mat: Abstim­mungs­pro­pa­gan­da, 1974; Quel­le: thomashaemmerli.ch

In der Schweiz dage­gen hat­te das rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en­la­ger einen beacht­li­chen Vor­sprung, da bereits Par­tei­struk­tu­ren vor­han­den waren, auf orga­ni­sa­to­ri­sche Erfah­run­gen und stra­te­gi­sche Rou­ti­nen zurück­ge­grif­fen wer­den konn­te und man sich einer, wenn auch rela­tiv klei­nen Anhän­ger- und Wäh­ler­schaft sicher war. Schwä­chend wirk­te indes­sen die anhal­ten­de par­tei­po­li­ti­sche Frag­men­tie­rung, denn neben der Natio­na­len Akti­on und der Vigi­lan­ce kamen nun die Eid­ge­nös­sisch-Demo­kra­ti­sche Uni­on (1975), die Auto­par­tei Schweiz (1985) und die Lega dei Tici­ne­si (1991) hin­zu. Die­se zeich­ne­ten sich zwar durch gewis­se pro­gram­ma­ti­sche Spe­zia­li­sie­run­gen wie neo­li­be­ra­le und anti­öko­lo­gi­sche For­de­run­gen, christ­lich-fun­da­men­ta­lis­ti­sche Wer­te oder regio­na­lis­tisch ori­en­tier­te Iden­ti­täts­po­li­tik aus, sta­chen aber alle durch eine Antie­sta­blish­ment-Hal­tung sowie die radi­ka­le Kri­tik an der Migra­ti­ons­po­li­tik und die Ableh­nung des Bei­tritts der Schweiz zu inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen her­vor. Vor allem wuss­ten die Split­ter­par­tei­en wei­ter­hin die Mobi­li­sie­rungs- und Wir­kungs­kraft der direk­ten Demo­kra­tie zu nut­zen und pro­fi­tier­ten dabei vom Nim­bus der hef­tig und öffent­lich­keits­wirk­sam geführ­ten direkt­de­mo­kra­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der 1970er Jah­re. So gelang es ihnen, nicht nur gesetz­li­che Refor­men im Aus­län­der­recht und in Ein­bür­ge­rungs­fra­gen zu ver­hin­dern, son­dern auch mit eid­ge­nös­si­schen Initia­ti­ven die asyl­po­li­ti­schen Debat­ten der 1980er Jah­re wie auch die Posi­tio­nen eta­blier­ter Par­tei­en zu beein­flus­sen, so dass Denk- und Argu­men­ta­ti­ons­fi­gu­ren wie „Über­frem­dung“, „Wirt­schafts­flücht­lin­ge“ und „unech­te Flücht­lin­ge“ zuse­hends brei­te Akzep­tanz fan­den.

Aufschwung in der Schweiz und Europa

Seit Anfang der 1990er Jah­re ist der euro­päi­sche Rechts­po­pu­lis­mus in eine neue, bis heu­te andau­ern­de Pha­se von Dyna­mik und Auf­schwung getre­ten. Inzwi­schen sind rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei­en in den meis­ten Par­tei­en­sys­te­men Euro­pas ver­tre­ten, wobei Erschei­nungs­for­men und Wäh­ler­an­tei­le in den ein­zel­nen Län­dern vari­ie­ren. Betrach­tet man eini­ge zen­tra­le Bedin­gun­gen und Merk­ma­le, so zeigt sich wie­der­um, wie bei­spiel­haft und auf­schluss­reich der Fall Schweiz ist und wie stark euro­päi­sche Gleich­zei­tig­kei­ten und Ver­floch­ten­hei­ten zu beob­ach­ten sind. Ent­schei­dend für die Situa­ti­on in der Schweiz ist die Trans­for­ma­ti­on der SVP in eine rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei – ähn­lich wie die FPÖ, nach der Macht­über­nah­me durch Jörg Hai­der. Wäh­rend es der SVP gelang, die tra­di­ti­ons­rei­chen Split­ter­par­tei­en nahe­zu voll­stän­dig zu ver­drän­gen und so eine domi­nan­te Stel­lung im rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en­la­ger zu erlan­gen, ver­moch­te sie seit Anfang der 1990er Jah­re, ihren Stim­men­an­teil in Natio­nal­rats­wah­len mehr als zu ver­dop­peln. Damit wur­de sie zur weit­aus wäh­ler­stärks­ten Par­tei der Schweiz und zu einem der erfolg­reichs­ten Mit­glie­der der rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en­fa­mi­lie Euro­pas.

Ihre Kam­pa­gnen und poli­ti­sche Iko­no­gra­fie dien­ten ande­ren Par­tei­en in Euro­pa wie­der­holt als Vor­bild, ihren Vor­stös­sen und Erfol­gen in der Immi­gra­ti­ons- und Euro­pa­po­li­tik applau­dier­ten rechts­po­pu­lis­ti­sche Lea­der-Figu­ren. Auch wird die suc­cess sto­ry der SVP immer wie­der als Zeu­ge auf­ge­ru­fen, um der unter Rechts­po­pu­lis­ten belieb­ten For­de­rung nach direk­ter Demo­kra­tie und die damit ver­bun­de­ne Anru­fung des Volks als letz­te Instanz poli­ti­scher Ent­schei­dungs­pro­zes­se Nach­druck zu ver­lei­hen. Das Bei­spiel der SVP, die sich in der Tra­di­ti­on der rechts­po­pu­lis­ti­schen Split­ter­par­ten zu einer eigent­li­chen Abstim­mungs­par­tei ent­wi­ckelt hat, zeigt damit auch, wie die span­nungs­rei­che Dop­pel­rol­le von Oppo­si­ti­ons- und Regie­rungs­par­tei zugleich dank den Mit­teln der direk­ten Demo­kra­tie erfolg­reich gespielt wer­den kann. Denn die Regie­rungs­be­tei­li­gung gereich­te der SVP – anders als bei ande­ren rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en wie der FPÖ Ende der 1990er Jah­re – nie zum Nach­teil.

Pro­test gegen Asyl­un­ter­kunft in Muhen, Kan­ton Aar­gau, 29.11.2016; Quel­le: watson.ch

Im Gegen­teil: die aus­ge­präg­te Kon­sens- und Kon­kor­danz-Demo­kra­tie, die in der Nach­kriegs­zeit zum zen­tra­len Grün­dungs­my­thos des Erfolgs­mo­dells Schweiz gewor­den ist, hat das Spie­len die­ser Dop­pel­rol­le erst ermög­licht. Und beför­dert wie­der­um wur­de und wird die­ser Mythos bis heu­te nicht zuletzt durch das augen­fäl­li­ge Ver­ges­sen, ja Ver­drän­gen der weg­wei­sen­den Rol­le der Schweiz in der Geschich­te des euro­päi­schen Rechts­po­pu­lis­mus. Das Bei­spiel des prä­ze­denz­lo­sen Auf­stiegs der SVP im Rah­men von Kon­sens und Kon­kor­danz gibt daher auch eine kla­re Ant­wort auf die aktu­ell euro­pa­weit gestell­te Fra­ge, ob eine Poli­tik der Inte­gra­ti­on, oder nicht doch eine der Demar­ka­ti­on, d.h. der deut­li­chen Abgren­zung und Distan­zie­rung gegen­über Rechts­po­pu­lis­ten, zur Ein­däm­mung und Schwä­chung die­ser Par­tei­en führt.

Von Damir Skenderovic

Damir Skenderovic ist Professor für Zeit­geschichte an der Uni­versi­tät Fri­bourg. Er forscht zu Rechts­popu­lismus, Migrations­geschichte, 68er Bewegung und Gegen­kulturen.