Zoran Terzić

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Zoran Terzić, Kulturwissenschaftler, freier Autor und Musiker, schreibt derzeit an einer „Philosophie des Idioten“. Seine Monografie „Kunst des Nationalismus“ (Berlin 2007) beschäftigte sich mit der Kultursemiotik des Krieges.

Etwas ist anders. Die Art und Weise, wie über Politik gespro­chen, befunden und geur­teilt wird, ergibt keinen Sinn mehr. Wenn man heute z.B. Faschisten nicht eindeutig als Faschisten ausma­chen kann und deshalb von „Post­fa­schismus“ oder „Rechts­po­pu­lismus“ spre­chen muss, und wenn diese Rechts­po­pu­listen in manchen Flug­blät­tern fordern, was längst Gesetz ist, dann ist das merk­würdig. Merk­würdig ist auch, wenn linke Akti­visten „Auslän­der­bonzen raus“ an die Wand eines Kreuz­berger Cafes schmieren, um gegen Gentri­fi­zie­rung ein Zeichen zu setzen, oder urbaner Triba­lismus Ressen­ti­ments gegen Touristen schürt, weil das ökolo­gisch bewusste Szene-Bürgertum ihr natür­li­ches Habitat in Gefahr sieht.

 „Niemand außer ein Idiot würde nach einem kleinen Hammer greifen, wenn er einen großen zur Hand hätte.“ … „Nun, und niemand anderer als ein Idiot tat es.“ — Gilbert Keith Ches­terton, Der Hammer Gottes

Merk­würdig ist auch, wenn sich eine junge Dschi­ha­distin frei­willig an die syri­sche Front meldet und dann scho­ckiert ist, mit Krieg und Barbarei konfron­tiert zu werden, oder wenn ein rechter jüdi­scher Blogger mit anti­se­mi­ti­schen Stereo­typen aufwartet, um dem libe­ralen Judentum eines auszu­wi­schen. Auffällig ist, dass poli­ti­sche Posi­tionen nicht nur wider­sprüch­lich, sondern auch will­kür­lich sind, so dass man z.B. am nächsten Morgen googeln muss, um zu verstehen, was man am Abend zuvor gewählt hat. In solch merk­wür­digen Zeiten kann man das christ­liche Abend­land als natio­nale Recht­fer­ti­gung gegen Asyl­un­ter­künfte ins Feld führen, russi­sches Zaren­reich und sowje­ti­schen Stali­nismus versöhnen, ein so anti-west­li­ches wie turbo­ka­pi­ta­lis­ti­sches Kalifat des 18. Jahr­hun­derts gründen oder im vier­rad­ge­trie­benen Sport-Cabrio-Gelän­de­wagen den inner­städ­ti­schen Biomarkt ansteuern.

Idiokratie

Man mag alle diese Fälle als Kurio­si­täten abtun. Für mich offen­bart sich darin eine tiefer gehende Tendenz: die Selbst­sa­bo­tage des poli­ti­schen Denkens, die Herr­schaft der gemeinten Meinung, die keinen Gegen­stand hat oder am laufenden Band Pseudo-Gegen­stände produ­ziert: Pseudo-Debatten, Pseudo-Reli­gionen, Pseudo-Staaten, Pseudo-Fakten, Pseudo-Gefühle. Es gibt viele Namen für diese Tendenz. Der Philo­soph Harry G. Frank­furt hat 2004 in einem berühmten Aufsatz das Verschwinden der diskur­siven Ordnung als Bull­shit bezeichnet. Ein Lügner benö­tigt die strikte Unter­schei­dung von wahr und falsch. Ein Bull­shit-Akteur hingegen zerstört alle Verbind­lich­keit, glaubt aber am Ende selbst an die intimen Para­meter seiner Argu­mente. Für sich genommen, bedeuten all seine Idio­syn­kra­sien nichts – jeder kann sich zuhause problemlos eine private Quatsch-Ideo­logie zusam­men­schus­tern. Das Problem ist, dass dieser Quatsch inzwi­schen zum modus operandi des öffent­li­chen Lebens geworden ist, und dass sich in letzter Konse­quenz die darin waltende „Tyrannei der Inti­mität“ (Richard Sennett) auch gegen sich selbst wendet.

Platon schreibt in den Nomoi, dass das Sonder­in­ter­esse „den Staat zerreißt“. Eine Gesell­schaft von Privat­leuten ist unmög­lich, weil es keine Vermitt­lung aller Einzel­in­ter­essen geben kann und der poli­ti­sche Logos nicht die handelnde Vernunft umfasst. Das antike Wort für das Subjekt dieser Unmög­lich­keit war idiotes. Der idiotes bezeich­nete nicht nur die „Privat­person“, sondern vor allem jemanden, der den Unter­schied von privat und öffent­lich sabo­tierte. Der Begriff wurde in der Antike zwar oft funk­tional verwendet, z.B. als poli­ti­scher Gegen­satz zum stra­tegos, als Begriff für einen Prosaiker im Gegen­satz zum Dichter, als Bezeich­nung für Laien oder zur Kenn­zeich­nung büro­kra­ti­scher Ange­le­gen­heiten (für private Opfer­riten galten beispiels­weise andere Tarife als für öffent­liche). Poli­tisch bedeu­tete idiotes aber eine gesell­schaft­liche Dysfunk­tion. Jedes Mal, wenn man sich in diesen Tagen fragt, warum Wähler gegen ihre eigenen Inter­essen stimmen oder warum Polit-Hasar­deure wie Duterte oder Trump an der Macht sind, sollte man sich die antike Perspek­tive verge­gen­wär­tigen: Man kann es nicht jedem Recht machen, wenn jeder schon auf seine Weise Recht hat, aber genau deswegen gerieren sich Polit-Hasar­deure immer wieder als histo­ri­sche Erfüller der idio­ti­schen Begierde.

Eine tref­fende Illus­tra­tion hierfür liefert der Film Idio­cracy (2006). Die Zukunfts­ge­sell­schaft besteht hier aus daue­r­ona­nie­renden Wutbür­gern, die einen ehema­ligen Wrestler und Porno­star zum Präsi­denten gewählt haben. Ein Produ­zent von Idio­cracy wurde letztes Jahr nach der poli­ti­schen Vision seines Filmes gefragt. Seine Antwort lautete: Idio­cracy sei der einzige Film in der Geschichte der Mensch­heit, der als Spiel­film beginnt und als Doku­men­tar­film endet. Ein Artikel der New York Times mit dem Titel „Trump and the True Meaning of ‚Idiot‘“ über­trägt die filmi­sche Wirk­lich­keit auf die Kultur­ge­schichte: Ein Idiot verstehe nicht, dass Selbst­er­hal­tungs­trieb und soziale Orga­ni­sa­tion mitein­ander verwoben seien. Deshalb unter­wan­dere er sowohl die Gemein­schaft als auch die Kommu­ni­ka­tion, auf der sie beruhe.

Seit Marx lässt sich die bürger­liche Selbst­sa­bo­tage, für die Trump & Co zugleich als Maskott­chen wie auch als Symptom­träger fungieren, unter dem Begriff Idio­tismus zusam­men­fassen:

Daß ein Ding seine eigne Ursache schließ­lich zerstören kann, ist nur für den in den hohen Zinsfuß verliebten Wucherer eine logi­sche Absur­dität. Die Größe der Römer war die Ursache ihrer Erobe­rungen, und ihre Erobe­rungen zerstörten ihre Größe. Reichtum ist die Ursache von Luxus, und Luxus wirkt zerstö­rend auf den Reichtum. […] Der Idio­tismus der jetzigen Bürger­welt kann nicht besser gezeichnet werden als durch den Respekt, den die ‚Logik‘ des Millio­närs […] ganz England einflößte. [Marx]

Der „Zins­wu­cherer“ ist der verlän­gerte Arm des bürger­li­chen Unbe­wussten, der Avant­gar­dist des Kapi­tals, der durch sein Tun versteckte Sehn­süchte der Bour­geoisie abbildet. Die Logik des Milli­ar­därs (infla­ti­ons­be­rei­nigt) wendet sich dialek­tisch gegen sich selbst und „produ­ziert vor allem ihren eigenen Toten­gräber“ (Marx). Keyne­sianer über­setzen diese Selbst­sa­bo­tage heute als These von der Inef­fi­zienz der Märkte. Der Ökonom Robert Shiller verweist z.B. in seinem Best­seller Irra­tional Exuber­ance auf den bizarren Opti­mismus, mit dem sich Markt­teil­nehmer Risiken aussetzen und ihren Unter­gang in Sieger­pose herbei­führen.

Zeit­ge­nös­si­sche Kari­katur, 1845

Das kapitalistische Unbewusste

Marx’ Einsicht bleibt eminent wichtig, da die modernen Produk­ti­ons­pro­zesse zuneh­mend die Indus­trie­ge­sell­schaften, ihre Massen­kul­turen und deren versteckte Idio­tismen prägen. Diese schon von Flau­bert beklagte und später von Ortega y Gasset unter­suchte „Idiotie der Masse“ äußert sich bis heute in einem grund­sätz­lich inkom­pe­tenten Anspruch auf Kompe­tenz. In deren plane­ta­ri­schen Echo­kammer hallen inzwi­schen Myriaden von Online-Kommen­taren wider. Channel 4 and YouGov führten 2016 eine Befra­gung mit 1.700 Briten durch, um zu erfahren, wie viele Nutzer durch so genannte „Fake News“ in die Irre geführt werden. Dafür wurden sie mit verschie­denen Nach­rich­ten­mel­dungen konfron­tiert (z.B. „Tourist bitten by massive croco­dile after trying to take a selfie“, „Immi­grants to be given £8,500 upon arrival to boost economy“ – welche Nach­richt ist wahr, welche falsch?). Nur 4% der Befragten schafften es, alle Meldungen korrekt zuzu­ordnen. 49% waren sich aber sicher, bei allen Beispielen richtig gelegen zu haben.

Die Unfä­hig­keit, seine eigene Unfä­hig­keit zu erkennen, wird in der Psycho­logie manchmal als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet. Diese Selbst­ver­ken­nungen haben aber schon in der kultu­rellen Logik der Post­mo­derne eine gewisse theo­re­ti­sche Fundie­rung erfahren, sie wurden dabei durch eine zuneh­mend libe­ra­li­sierte Ökonomie und die ihr inne­woh­nenden Narzissmen unter­füt­tert. Der Kunst­theo­re­tiker Matthew Poole bezieht sich auf diese Entwick­lung, wenn er vom „Idio­ten­pa­ra­digma“ spricht und damit den neoli­beral gespeisten Unter­gang der poli­ti­schen Urteils­kraft bezeichnet. Damit ist ein „Para­digma der Para­dig­men­lo­sig­keit“ umschrieben, in dem gesell­schaft­liche Leit­un­ter­schei­dungen ihre Bedeu­tung verlieren und jegliche Diffe­ren­zie­rungs­mo­bi­lität sabo­tiert wird. Für Poole heißt das,

dass das kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­system als ein derartig blind machender Komplex, der mit allen Aspekten des Lebens verbunden ist, erscheint, dass wir anschei­nend nicht mehr in der Lage sind, die Bezie­hungen von Ursache und Wirkung zwischen den gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen, ethi­schen oder ökono­mi­schen Akti­vi­täten auf der Welt zu unter­scheiden.

Schon der Histo­riker Moishe Postone betonte, dass bei Marx die Kapi­tal­form gesell­schaft­li­cher Verhält­nisse einen „blinden Charakter“ habe und das Kapital die unauf­hör­liche Selbst­ver­meh­rung des Wertes darstelle – als irra­tio­nale Abstrak­tion, die am laufenden Band ratio­nale Sünden­böcke produ­ziere, z.B. nach dem alten Muster: Jude = Kapital (die heutigen Post­fa­schisten à la Steve Bannon spre­chen von „Globa­listen“, wenn sie George Soros bzw. ‚Juden­geld‘ meinen). Es ist daher nicht verwun­der­lich, wenn in der Ära des Idioten auch Flücht­linge zur Ziel­scheibe des kapi­ta­lis­ti­schen Unbe­wussten werden.

Die Realisierung der Metapher

Den Idio­tismus-Begriff finde ich hier auch deshalb tref­fend, weil er den realen Gehalt der polit-ökono­mi­schen Wirk­lich­keit beschreibt: Die Meta­pher des Idioten ist zur poli­ti­schen Realität aller geworden. Diese „Reali­sie­rung der Meta­pher“ ist dabei nicht nur ein lite­ra­ri­sches Stil­mittel wie etwa im russi­schen Forma­lismus, sondern, wie die Schrift­stel­lerin Dubravka Ugrešić in Kultur der Lüge illus­trierte, auch das Symptom einer Krisen- oder Kriegs­se­miotik. Es herrscht ja nicht nur dort Krieg, wo es knallt, sondern schon dort, wo die Meta­phern real werden. Das „Volk“ (ob himm­lisch oder auser­koren) ist dabei wohl die belieb­teste Ur-Meta­pher, die sich als Terri­to­rium reali­siert oder eben nach Stamm­tisch-Projekten wie BREXIT oder der Trump-Mauer verlangt, deren Verwirk­li­chung gerade im Gange ist.

Einen aus acht Mauer-Proto­typen will Präsi­dent Trump auswählen. © Jorge Duenes/Reuters, Quelle: zeit.de

Der Idio­tismus-Begriff ist außerdem deshalb passend, weil das „Tier in Menschen­form“, wie Julien de La Mettrie Idioten einst nannte, die Form des konsu­mis­ti­schen Menschen bestimmt. Man denke an die Bild­sprache in Martin Scor­seses The Wolf of Wall Street, wo Inves­ti­tionen mit Injek­tionen, Geld­ge­schäfte mit Kokain und Wert­pa­piere mit Prosti­tu­ierten verwachsen – als berauschte Wahr­heit des homo econo­micus. „I smell money“ flüs­tert sich Jarred Vennett in Adam McKays Film The Big Short (2015) zu, bevor er eine Invest­ment­firma von seiner CDO-Stra­tegie über­zeugt. Es geht beim Idioten um situa­tive Instinkte, nicht um Dumm­heit. Der Dumm­kopf kriegt nichts mit, der Idiot alles, nur eben auf absurde Weise. Für diesen Eier­tanz des Bewusst­seins hat der Wirt­schafts­wis­sen­schaftler Willem Buiter den Begriff „cogni­tive capture“ geprägt. Diese spie­gelt sich sowohl im Film als auch in dessen Wirk­lich­keit – in der Figur einer staat­li­chen Finanz­re­gu­lie­rungs­be­amtin – wider, die sich in Las Vegas an einem Pool mit einem Broker von Goldman Sachs vergnügt. Das Kapital ist libi­dinös, und die Libido ist idio­tisch, sie schafft sich ihre Gesell­schafts­ord­nung – die Vermäh­lung der Regu­lierer mit den Regu­lierten. Das ist die Idio­ten­ebene der Wirk­lich­keit, die Funk­tion, die das Ich zum Es verkrümmt, und dabei das Über-Ich aus dem Psycho-Orbit wirft. Das ist das Unaus­ge­spro­chene, das Trump ausspricht, wenn er weihe­voll bekennt: „I am a very instinc­tual person“.

Der Idiot ist der fiktive Symptom­träger der gegen­wär­tigen Wirk­lich­keit, und er ist die reale Mani­fes­ta­tion einer auf Fiktionen fußenden Ökonomie. Commis­sioner Dreyfus bemerkt im zweiten Pink-Panther-Film A Shot in the Dark: „Give me ten men like Clou­seau and I could destroy the entire world.“ Aber in Idio­ten­zeiten genügt da womög­lich schon einer.

In einem Artikel des Guar­dian mit dem Titel The five biggest threats to human exis­tence listet der Autor fünf exis­ten­zi­elle Gefahren für die Mensch­heit auf: Nukle­ar­kon­flikte, Bioen­gi­nee­ring, Super­in­tel­li­gence, Nano­tech­no­logie, Unknown Unknowns. Der Idiot aber bleibt uner­wähnt. Es ist an der Zeit, sich dieser zahl­losen Figur näher zu widmen.

Zoran Terzić

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Zoran Terzić, Kulturwissenschaftler, freier Autor und Musiker, schreibt derzeit an einer „Philosophie des Idioten“. Seine Monografie „Kunst des Nationalismus“ (Berlin 2007) beschäftigte sich mit der Kultursemiotik des Krieges.