Jetzt aber!

Im Herbst 2007 erschien ein viel­be­ach­te­ter Arti­kel in der bri­ti­schen Zei­tung The Inde­pen­dent, der den Titel „Switz­er­land: Europe’s Heart of Darkness?“ trug. Er reagier­te auf eine Kam­pa­gne der Schwei­ze­ri­schen Volks­par­tei (SVP), die eine Initia­ti­ve „Für die Aus­schaf­fung kri­mi­nel­ler Aus­län­der“ lan­ciert hat­te. Die Pla­ka­te zeig­ten weis­se Scha­fe, die ein schwar­zes Schaf aus dem Ter­ri­to­ri­um der Schweiz kicken. Der Inde­pen­dent über­trug Joseph Con­rads berühm­te Kri­tik der euro­päi­schen Kolo­ni­al­herr­schaft im Kon­go pro­vo­ka­tiv auf das Land, das sich seit jeher aus­ser­halb kolo­nia­ler Geschich­te wähnt. In der Schweiz des 21. Jahr­hun­derts, so die Poin­te des Arti­kels, herrscht ein öffent­li­cher Umgang mit dem Erbe der Kolo­ni­al­zeit vor, der andern­orts schon lan­ge als kolo­ni­al, ras­sis­tisch und poli­tisch inak­zep­ta­bel gilt.

Mit der NZZ zurück in die Vergangenheit

"Brownfacing im Schweizer Fernsehen: Victor Giacobbo als Rajiv Prasad", (Quelle SRF)

Brown­fa­cing im Schwei­zer Fern­se­hen: Vic­tor Gia­cob­bo als Rajiv Pra­sad, Quel­le: SRF

Inter­es­san­ter­wei­se nimmt nun die aktu­el­le Aus­ga­be von NZZ Geschich­te mit ihrer Titel­ge­schich­te „Herr Stän­de­rat im Her­zen der Fins­ter­nis“ nicht nur Joseph Con­rads Titel auf, son­dern bestä­tigt damit auch die Kri­tik des Inde­pen­dent. Denn der NZZ geht es kei­nes­wegs dar­um, die Effek­te des Kolo­nia­lis­mus auf die gegen­wär­ti­ge Schweiz zu unter­su­chen. Viel­mehr dis­kre­di­tiert der Ver­fas­ser des Haupt­ar­ti­kels For­schun­gen zur post­ko­lo­nia­len Schweiz, die sol­chen Fra­gen seit vie­len Jah­ren nach­ge­hen, in einer Rand­spal­te als „Wett­be­werb der nach­träg­li­chen Selbst­kas­tei­ung“ und ver­weist dafür nicht zufäl­lig auf zwei Bei­spie­le von nicht-weis­sen For­schern und Poli­ti­kern. In der Tat zeig­te der Sozi­al­an­thro­po­lo­ge Rohit Jain in sei­ner Ana­ly­se von „Rajiv Pra­sad“, einer von Vic­tor Gia­cob­bo im Schwei­zer Fern­se­hen gespiel­ten Come­dy­fi­gur, dass die­se aus einem Arse­nal von kolo­nia­len Ste­reo­ty­pen zusam­men­ge­setzt ist. Die Popu­la­ri­tät der Figur erklärt er damit, dass sie einem links-libe­ra­len weis­sen Publi­kum, das sich sel­ber ger­ne als anti-ras­sis­tisch ver­steht, die Mög­lich­keit bie­tet, mit gutem Gewis­sen gegen die soge­nann­te Poli­ti­cal Cor­rect­ness auf­zu­be­geh­ren und auch mal über das Frem­de zu lachen. Dadurch wür­de jedoch, so Jain, die Frem­den­feind­lich­keit der Rech­ten ver­stärkt. Denn die nicht-weis­se Schweiz blei­be sowohl von der Pro­duk­ti­on als auch vom Kon­sum die­ses spe­zi­fisch weis­sen Humors aus­ge­schlos­sen.

Beim zwei­ten Fall, den die NZZ Geschich­te ins Lächer­li­che zieht, han­delt es sich um die Kri­tik der bei­den Poli­ti­ker Halua Pin­to de Magal­hães und Fuat Köçer an der Sta­tue und am Wap­pen­zei­chen der soge­nann­ten Moh­ren­zunft in der Ber­ner Alt­stadt. Über „Inte­gra­ti­on“ kön­ne nicht sinn­voll dis­ku­tiert wer­den, so argu­men­tie­ren sie, solan­ge im öffent­li­chen Raum weis­se Über­le­gen­heit und schwar­ze Min­der­wer­tig­keit insze­niert wür­den. Die bei­den ver­lan­gen kei­nes­falls eine Ent­fer­nung der ras­sis­ti­schen Objek­te, wie die NZZ Geschich­te behaup­tet. Sie for­dern viel­mehr eine öffent­li­che Debat­te über den Zusam­men­hang zwi­schen kul­tu­rel­lem Ras­sis­mus im öffent­li­chen Raum und dem struk­tu­rel­len Ras­sis­mus, der sich hier­zu­lan­de nicht nur in der sys­te­ma­ti­schen Unter­ver­tre­tung der Migra­ti­ons­be­völ­ke­rung in poli­ti­schen Behör­den, in Ver­wal­tung, Wis­sen­schaft, Kul­tur und Medi­en zeigt, son­dern auch in der Bana­li­sie­rung all­täg­li­cher Ras­sis­mu­ser­fah­run­gen.

Dass ein NZZ-Jour­na­list die­se Argu­men­te nicht nach­voll­zie­hen kann und will, ver­an­schau­licht das Pro­blem und bestä­tigt zugleich Ein­sich­ten der jün­ge­ren post­ko­lo­nia­len For­schung. In der Schweiz, so die Poli­to­lo­gin Noé­mi Michel, wer­de die Bedeu­tung der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit für die post­ko­lo­nia­le Gegen­wart kon­ti­nu­ier­lich in Abre­de gestellt. Dies habe para­do­xer­wei­se zur Fol­ge, dass Indi­vi­du­en, wel­che die Erfah­rung machen, dass ihre Kör­per, Namen und Bio­gra­phi­en kon­ti­nu­ier­lich ras­si­fi­ziert wer­den, gleich­zei­tig nicht als legi­ti­miert gel­ten, in der Öffent­lich­keit über Ras­sis­mus zu spre­chen.

Die ‚color line‘

Zunft zum Moh­ren, Zunfts­haus, Bern: Quel­le: flickr.com

In der pau­scha­len Ver­wer­fung post­ko­lo­nia­ler For­schung durch NZZ Geschich­te ist offen­bar eine nicht-arti­ku­lier­te, zugleich aber sozi­al und epis­te­misch wirk­sa­me ‚color line‘ am Werk: Weiss-Sein ist eine unsicht­ba­re oder genau­er, unsicht­bar-gemach­te Kate­go­rie der Gesell­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on. Ähn­lich wie Männ­lich­keit (deren Wirk­mäch­tig­keit der kur­ze Text eben­falls ein­drück­lich vor Augen führt; denn nament­lich erwähnt wer­den dar­in nur Män­ner, obwohl die Debat­te zur post­ko­lo­nia­len Schweiz wesent­lich von For­sche­rin­nen initi­iert wur­de) struk­tu­riert Weiss-Sein die Lini­en der Zuge­hö­rig­keit, der Auto­ri­tät, der Legi­ti­mi­tät und der Oppor­tu­ni­tät. Kon­kret hat dies zur Fol­ge, dass die NZZ Geschich­te das The­ma Schweiz und Kolo­nia­lis­mus auf eine Art lan­cie­ren kann, bei der alle sonst gül­ti­gen Regeln aka­de­mi­scher und jour­na­lis­ti­scher Red­lich­keit gebro­chen wer­den: Kei­ne ein­zi­ge bei­tra­gen­de Per­son gehört zum Feld der Exper­tin­nen und Exper­ten, wel­che die Geschich­te und Gegen­wart der Schweiz seit Jah­ren aus einer Per­spek­ti­ve ana­ly­sie­ren, die von nicht-weis­sen, nicht-west­li­chen Den­ke­rin­nen und Den­kern ent­wi­ckelt wur­de, der Per­spek­ti­ve der post­ko­lo­nia­len Theo­rie. Das Wis­sen von nicht-weis­sen For­schen­den und sol­ches, das in einer nicht-weis­sen Theo­rie­tra­di­ti­on steht, wird kur­zer­hand als ille­gi­tim oder irra­tio­nal dar­ge­stellt oder schlicht igno­riert.

Die­se ‚color line‘ durch­zieht auch den Haupt­ar­ti­kel des Hef­tes, der von Mar­tin Beglin­ger ver­fasst wur­de. Es geht dar­in um die Geschich­te des gross­bür­ger­li­chen Luzer­ner Poli­ti­kers Edmund von Schu­ma­cher, der um 1900 im Auf­trag des bel­gi­schen Königs in den Kon­go reis­te, um die Gräu­el­ta­ten an der Bevöl­ke­rung zu unter­su­chen. Die Geschich­te ist nicht neu. Der His­to­ri­ker Lukas Vogel hat sie weit reflek­tier­ter bereits vor eini­gen Jah­ren in einem lesens­wer­ten Arti­kel erzählt. Beglin­ger über­nimmt zwar eini­ge nar­ra­ti­ve Ele­men­te und Argu­men­te des His­to­ri­kers, nicht aber des­sen Arbeits­in­stru­ment – die Quel­len­kri­tik. So schil­dert Beglin­ger die Geschich­te ein­sei­tig aus der Per­spek­ti­ve sei­nes Hel­den und über­nimmt auch des­sen Spra­che unkri­tisch: Die kolo­nia­le Rede von „Häupt­lin­gen“ etwa, wie auch Schu­ma­chers Aus­las­sun­gen über den „Kan­ni­ba­lis­mus“ oder die angeb­li­che Angst der „Ein­ge­bo­re­nen“ vor der Kame­ra, die ihre See­le steh­len wür­de. In unzäh­li­gen Stu­di­en wur­den sol­che Mythen als Teil kolo­nia­ler Ideo­lo­gi­en ent­larvt, wel­che die Sicht­wei­sen, Stra­te­gi­en und Hand­lun­gen von kolo­ni­sier­ten Men­schen aus­blen­den und von den viel­fäl­ti­gen For­men der euro­päi­schen Gewalt­aus­übung in den Kolo­ni­en ablen­ken.

Das finstere Herz der populären schweizerischen Geschichtskultur

Kurz­um: Die­ser Arti­kel fällt Jahr­zehn­te hin­ter jeden For­schungs­stand zurück und wäre eigent­lich nicht der Rede wert, wenn er nicht in einem nam­haf­ten Heft erschie­nen und öffent­lich unwi­der­spro­chen geblie­ben wäre. So erlaubt er uns als Phä­no­men einer Geschich­te der Gegen­wart eini­ge auf­schluss­rei­che Ein­sich­ten ins fins­te­re Herz der popu­lä­ren schwei­ze­ri­schen Geschichts­kul­tur. In der anek­do­ti­schen Abhand­lung der Kolo­ni­al­ge­schich­te lässt sich ers­tens eine Abwehr­hal­tung erken­nen, die zum Aus­druck brin­gen will, dass die­se für uns heu­te nicht mehr rele­vant ist. Damit steht sie dem Pro­jekt einer post­ko­lo­nia­len For­schung dia­me­tral ent­ge­gen, wel­che ver­ste­hen will, wie wir hier und heu­te noch vom Kolo­nia­lis­mus gezeich­net sind.

Es ist zwei­tens eine Geschich­te, wel­che ver­sucht, vom Mythos des schwei­ze­ri­schen Son­der­falls zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist. „Wir Nach­ge­bo­re­nen“ soll­ten „unse­re Vor­fah­ren“ nicht vor­schnell „ver­ur­tei­len“, mahnt etwa Redak­ti­ons­lei­ter Peer Teuw­sen im Vor­wort des Hef­tes. Ent­spre­chend fällt Beglin­gers Dar­stel­lung sei­nes Hel­den im Haupt­ar­ti­kel aus: Der gross­bür­ger­li­che Luzer­ner „Stän­de­rat im Her­zen der Fins­ter­nis“ ver­kör­pert gleich­sam die Ehre der Schweiz im kolo­nia­len Kon­text. Zwar ver­tritt er durch­aus ras­sis­ti­sche Sicht­wei­sen und legt eine irri­tie­ren­de Loya­li­tät gegen­über dem mit bru­ta­ler Gewalt herr­schen­den bel­gi­schen König zuta­ge. „Doch was zählt“ ist in den Wor­ten von Redak­ti­ons­lei­ter Teuw­sen etwas ande­res: Der Schwei­zer im Kon­go habe letzt­lich „zur Ver­bes­se­rung der Zustän­de“ und zum Ende der Gewalt­herr­schaft bei­ge­tra­gen. Hier erle­ben wir also die Reinsze­nie­rung des ram­po­nier­ten Mythos der neu­tra­len und huma­ni­tä­ren Schweiz auf der Büh­ne der Kolo­ni­al­ge­schich­te, die in Fort­füh­rung einer lan­gen impe­ria­len Denk­tra­di­ti­on aus­schliess­lich von weis­sen Akteu­rin­nen und Akteu­ren bespielt wird. Denn was zurecht an Con­rads „Herz der Fins­ter­nis“ kri­ti­siert wur­de, gilt auch für Beglin­ger: Die kolo­nia­le Geschich­te des Kon­gos erscheint als Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen weis­sen (und zumeist männ­li­chen) Euro­pä­ern. Den kolo­ni­sier­ten Men­schen wird dabei ledig­lich die Rol­le von anony­men Sta­tis­tin­nen und Sta­tis­ten im Hin­ter­grund zuge­stan­den. Ihr Wider­stand gegen­über der euro­päi­schen Macht wird ver­schwie­gen, und der Über­gang vom Gewalt­re­gime des bel­gi­schen Königs zur bel­gi­schen Staats­ko­lo­nie als exklu­si­ves Werk euro­päi­scher Phil­an­thro­pin­nen, Akti­vis­ten und Poli­ti­ker insze­niert.

Die drit­te Beob­ach­tung zu die­ser Art der Geschichts­ver­ge­gen­wär­ti­gung lässt sich anhand des Titel­bil­des erläu­tern: Die­ses zeigt den Hel­den der Geschich­te – Stän­de­rat Edmund von Schu­ma­cher – umrahmt von vier kolo­ni­sier­ten Frau­en. Wie sich beim Durch­blät­tern des Hef­tes zeigt, han­delt es sich bei die­ser Illus­tra­ti­on um eine Mon­ta­ge aus Foto­gra­fi­en aus dem Nach­lass von Schu­ma­chers. Die zen­tra­le Vor­la­ge ist ein Foto, auf dem der Schwei­zer einer jun­gen kon­go­le­si­schen Frau den Arm um die Schul­ter legt und auf ihre nack­ten Brüs­te blickt. Was auf der Foto­gra­fie als eigen­ar­ti­ge Mischung von Unbe­hol­fen­heit und Lüs­tern­heit des hel­ve­ti­schen Akteurs erscheint, der zugleich die Macht über die Insze­nie­rung inne­hat, wird in der kolo­rier­ten Zeich­nung des NZZ Geschich­te-Titels in eine Aura staats­män­ni­scher Serio­si­tät umge­wan­delt: Von Schu­ma­cher blickt dar­auf ernst­haft und beson­nen in die Kame­ra, wäh­rend die von kolo­nia­ler Gewalt gezeich­ne­ten Frau­en dadurch zu sei­nen Schütz­lin­gen zu mutie­ren schei­nen. Die viel­schich­ti­gen Erfah­run­gen von Ras­sis­mus und Sexis­mus, die sich in den Foto­gra­fi­en aus der Kolo­ni­al­zeit ein­ge­schrie­ben haben, sol­len der­art aus dem Cover­bild getilgt wer­den. Das gespens­ti­sche und sur­rea­le Sze­na­rio, das dabei ent­steht, hält auf ein­drück­li­che Wei­se fest, wie die weis­se Sei­te der hel­ve­ti­schen ‚color line‘ sich gegen­wär­tig gegen die ste­tig lau­ter wer­den­de Kri­tik der post­ko­lo­nia­len und migran­ti­schen Schweiz zu immu­ni­sie­ren ver­sucht: mit dem Mythos der unschul­di­gen Schweiz.

Literaturhinweise:
  • Daniel Kurjaković, Franziska Koch, Lea Pfäffli (Hg.), The Air Will Not Deny You. Zürich im Zeichen einer anderen Globalität, Zürich/Berlin (diaphanes) 2016.
  • Noémi Michel (im Erscheinen), „Sheepology: The Postcolonial Politics of Raceless Racism in Switzerland“, in: Postcolonial Studies.
  • Rohit Jain, „Die Comedyfigur Rajiv Prasad in Viktors Spätprogramm – post_koloniales Phantasma und die Krise des ‚Sonderfalls Schweiz‘‘‘, in: Purtschert, Patricia; Lüthi, Barbara; Falk, Francesca (Hg.): Postkoloniale Schweiz. Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, Bielefeld 2012, S. 175–200.
  • Patricia Purtschert, Harald Fischer-Tiné (Hg.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, London (Palgrave Macmillan) 2015.
  • Lukas Volgel, „Andenken, Abenteuer, Anklage. Gedanken zu einem Fotoalbum aus dem Kongo 1904/05“, in: Menrath, Manuel (Hg.), Afrika im Blick. Afrikabilder im deutschsprachigen Europa, 1870–1970, Zürich 2012, S. 169–188.
  • Bernhard C. Schär, „Berns vergessene Kolonialgeschichte“, in: Der Bund, 29.12.2014, S. 19, online: http://bit.ly/1z2Y78A
  • Paul Vallely, „Switzerland. Europe’s Heart of Darkness?“, in: The Independent, 7.9.2007.

Von Patricia Purtschert, Bernhard C. Schär

Patricia Purtschert ist Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern.
Bernhard C. Schär ist Postdoc am Lehrstuhl für die Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich und assoziiertes Mitglied am Zentrum Geschichte des Wissens der Universität und der ETH Zürich.