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Wir haben im ersten Teil dieses Gesprächs über die Geschichte des öffent­li­chen Raumes bis in die 1970er Jahre gespro­chen. Könnte man sagen, dass zum Beispiel mit dem Platz vor dem Centre Pompi­dou eine neue, eben post­mo­derne Form von öffent­li­chem Raum entstand – in Abset­zung vom moder­nen öffent­li­chen Raum mit all seinen Ambi­va­len­zen zwischen Macht und Flâneur bis 1945?

Chris­toph Haerle: Ja, aber ich muss für eine Antwort zuerst auf Spanien bzw. auf Barce­lona verwei­sen. Mit dem Tod Fran­cos 1975 ist Spanien bekannt­lich erst sehr spät von der Dikta­tur befreit worden. Man muss sich verge­gen­wär­ti­gen, dass insbe­son­dere in Kata­lo­nien bis zu Fran­cos Tod das Gesetz galt, welches ein Zusam­men­ste­hen von mehr als drei Perso­nen als öffent­li­che Zusam­men­rot­tung taxierte. Ab 1978 kommen die ersten neuen Platz­ge­stal­tun­gen in Barce­lona, so auch beim Bahn­hof Sants mit dem dann 1983 errich­te­ten über­ho­hen Schat­ten­dach als einem Ort, um darun­ter zusam­men­zu­ste­hen. Weder Brasi­lia noch Paris, sondern Barce­lona gab den Anstoss zu einem ganz neuen Inter­esse am öffent­li­chen Raum. Es war wie eine Initi­al­zün­dung; alle euro­päi­schen Stadtbaumeister/innen sind nach Barce­lona gefah­ren, um diese neuen Räume zu sehen. Nun, die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­der­nen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giö­sen Funk­tio­nen auszu­stat­ten. Auf dem Schouw­burg­plein Rotter­dam zum Beispiel ist es vor allem ein Multi­plex­kino, das den Platz domi­niert. Dieser Platz ist aber auch in ande­rer Hinsicht ein gutes Beispiel für den post­mo­der­nen öffent­li­chen Raum: Hier wurde 1996 eine Reihe von riesi­gen, gleich­zei­tig aber leich­ten und beweg­li­chen Kande­la­ber aufge­stellt, die man auf sich selbst ausrich­ten kann: Man setzt sich buch­stäb­lich selbst ins Schein­wer­fer­licht. Der Einzelne wird auf diese Weise zum Event – paral­lel zu den Events, und natür­lich auch dem Kommerz, in den umge­ben­den Gebäu­den.

Shouw­burg­plein, Rotter­dam; Bild: Klaas Vermaas; Quelle: flickr.com

Wird der öffent­li­che Raum damit entpo­li­ti­siert?

Ja, denn eine wich­tige Verschie­bung seit den späten 1970er Jahren war die Verschie­bung zwischen den Begrif­fen ‚öffent­lich’ und ‚privat’: Das Indi­vi­duum kommt als priva­tes in den öffent­li­chen Raum und zele­briert sich hier einzeln oder auch in der Masse. Es ist ein ganz wesent­li­cher Wandel, dass der öffent­li­che Raum immer mehr von Priva­ten okku­piert wird und zum Even­traum mutiert – und dabei natür­lich dank­bar vom Kapi­tal aufge­so­gen wird, weil hier ein neuer Markt entsteht.

Wir kommen auf diesen Punkt zurück. Ich möchte Sie als Planer und Archi­tek­ten aber zuerst fragen: Wie gestal­tet man heute und unter diesen Bedin­gun­gen öffent­li­che Räume?

Chris­toph Haerle ist Archi­tekt ETH, Künst­ler und Stadt­pla­ner in Zürich; Lehr­auf­träge an verschie­de­nen Univer­si­tä­ten, regel­mäs­sige Tätig­keit in Wett­be­werbs­ju­rys und Kunst­kom­mis­sio­nen. Viele seiner künst­le­ri­schen Arbei­ten reali­sierte er für den öffent­li­chen Raum Die Gestal­tung des öffent­li­chen Raumes basiert darauf, dass man über­haupt an den öffent­li­chen Raum glaubt. Raum ist Raum – das heisst: Raum findet dann statt, wenn Fläche begrenzt wird, dann entsteht Raum. Die Aufgabe der Gestal­tung im öffent­li­chen Raum besteht nun darin, dass es möglich ist, diesen Raum zu zeigen und ihn nicht zu verstel­len. Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­li­che Räume nur dann gute öffent­li­che Räume sind, wenn sie funk­tio­nal unter­be­stimmt sind. Denn nur so hat auf einem Platz möglichst viel Platz. Je höher der Defi­ni­ti­ons­grad wird, desto schwie­ri­ger wird es, den öffent­li­chen Raum als öffent­li­chen Raum wahr­zu­neh­men. Das ist der Grund­satz.

Man könnte aller­dings auch vermu­ten, dass öffent­li­che Räume einfach dort entste­hen, wo zuerst ein terrain vague ist, ein unbe­stimm­tes Gebiet, wo öffent­li­cher Raum durch den Gebrauch dieser Fläche entsteht – also eine Brache, die in einer bestimm­ten Art benutzt wird, so dass sich schritt­weise Funk­tio­nen eines so entste­hen­den ‚öffent­li­chen’ Raums ausbil­den. Was ist der Unter­schied zwischen öffent­li­chem Raum und einer Brache, einem terrain vague?

Der Unter­schied ist der, dass dieser Raum poli­tisch als öffent­li­cher Raum bestimmt wird. Es ist der Defi­ni­ti­ons­grad, eben der Beschluss zu sagen: dieser Raum ist öffent­lich. Das setzt von Anfang an den Willen und die Bereit­schaft voraus, ange­sichts der hier auftre­ten­den unter­schied­li­chen Ansprü­che, auszu­han­deln, wer diesen Raum wie nutzen kann. Öffent­li­cher Raum glückt dann, wenn dieses Aushan­deln so passiert, dass alle Betei­lig­ten zuguns­ten eines Gesamt­in­ter­es­sens einen Schritt von ihrem Eigen­in­ter­esse zurück­tre­ten. Die parti­elle Über­be­set­zung durch ein spezi­fi­sches Inter­esse – etwa den moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehr – führt dazu, dass man den öffent­li­chen Raum gar nicht mehr als solchen wahr­neh­men kann.

Das ist zum einen natür­lich eine Frage von Gover­nance, d.h. des guten Regie­rens des öffent­li­chen Raumes, um das Über­hand­neh­men eines einzi­gen Inter­es­ses zu verhin­dern. Andrer­seits aber ist dies sicher auch eine Frage der Gestal­tung: Was macht ein Archi­tekt, um die Multi­funk­tio­na­li­tät des öffent­li­chen Raums zu ermög­li­chen?

Oerlikerpark, Zürich Nord; Quelle: haerlehubacher.ch

Oerli­ker­park, Zürich Nord; Quelle: haerlehubacher.ch

Der Archi­tekt oder die Archi­tek­tin hat natür­lich nur ganz selten die Gele­gen­heit, einen neuen öffent­li­chen Raum zu kreieren. In Zürich-Nord konn­ten wir das mit dem Max-Bill-Platz und dem Oerliker-Platz aller­dings tun. Wir haben dort versucht, diese beiden Räume je auf eine ganz einfa­che Art zu nobi­li­tie­ren. Durch die gestal­te­ri­sche Nobi­li­tie­rung, die auch eine räum­li­che Klärung war, geben wir diesen Plät­zen ihre Bedeu­tung. Beim Oerliker-Park zum Beispiel haben wir mit der Pflan­zung von tausend Bäumen und der Lich­tung in seiner Mitte ein robus­tes ‚Gerüst’ geschaf­fen für einen Ort, der sonst nichts vorschreibt. Es gibt keine vorge­ge­be­nen Wege über den Platz, aber es gibt diesen ‚Baum­kör­per’ – auch das ist eine Nobi­li­tie­rung dieses Ortes – mit der Lich­tung, und dort drei initi­ie­rende Elemente: einen Pavil­lon, einen Brun­nen und einen Turm. Dieser ist so ange­legt, dass man von oben sehen kann, wie das Quar­tier rund um den Platz neu entsteht – dass man also den grös­se­ren urba­nen Kontext wahr­neh­men kann.

Reden wir zum Schluss von den heuti­gen Proble­men. Augen­fäl­lig und viel­fach disku­tiert ist die Bele­gung des öffent­li­chen Raumes durch Gross-Events, und dass der öffent­li­che Raum im Gefolge dieser Events gleich­sam aufge­fres­sen, ja blockiert wird. 

Das ist etwas, was in dem ange­spro­che­nen Prozess des Aushan­delns berück­sich­tigt werden muss. Es kann nicht sein, dass man den Erfolg des öffent­li­chen Raumes an seinem kommer­zi­el­len Ertrag misst. Der Erfolg des öffent­li­chen Raumes besteht viel­mehr genau darin, dass er ertrags­los gebraucht werden kann. In einer Zeit, in der die Frei­zeit immer mehr durch ihre Kommer­zia­li­sie­rung fremd­be­stimmt ist und sich dies auch im öffent­li­chen Raum mani­fes­tiert, muss man daran fest­hal­ten, dass kommer­zi­elle Freizeit-Events hier zwar möglich sein sollen, aber nur, wenn auch der öffent­li­che Leer­raum zum Ereig­nis werden kann. Leer­raum in einer Welt, die immer mehr defi­niert und voll­ge­stellt wird, ist der Luxus über­haupt. Es ist wich­tig, dass wir uns wieder Leer­räume leis­ten – und man sieht ja auch, wie dank­bar sie ange­nom­men werden. Leer­räume müssen im Grunde nicht bespielt werden, sie bespie­len sich selbst.

Der öffent­li­che Raum sollte also idea­ler­weise ein nicht-regulierter Raum sein?

Max Bill-Platz, Zürich Nord; Quelle: haerlehubacher.ch

Max Bill-Platz, Zürich Nord; Quelle: haerlehubacher.ch

Wir befin­den uns an der kriti­schen Schwelle, wo öffent­li­cher Raum nicht nur Frei­raum ist, sondern auch ‚Unfrei­raum’ wird. Dabei ist es meine tiefe Über­zeu­gung: Wo man nicht quer gehen kann, kann man auch nicht quer denken. Dass heisst, die physi­sche Erleb­bar­keit der Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten hat eine direkte Rück­wir­kung auf die psychi­sche und die geis­tige Bewe­gungs­mög­lich­keit. Wir wissen zwar, dass die gesamte mensch­li­che Entwick­lungs­ge­schichte die Geschichte des Quer­den­kens ist, aber wir verwen­den unend­lich viel Ener­gie darauf, dass man nur noch gera­de­aus geht. Wir müssen wieder mehr daran denken, was für ein riesi­ges Kapi­tal Bewe­gungs­raum darstellt, denn wir merken gar nicht, wie wir schlei­chend immer mehr einge­schränkt werden in unse­ren Bewe­gungs­frei­hei­ten. Wir müssen sorg­sam mit der Bewe­gungs­frei­heit umge­hen, sie ist ein gros­ses Geschenk.

Ein letz­ter Punkt: Ein gesell­schaft­li­ches Phäno­men, dass man welt­weit beob­ach­tet, ist das Aufge­hen der Schere zwischen nicht nur den ganz Armen, sondern auch der gros­sen Mehr­heit jener, die am öffent­li­chen Raum parti­zi­pie­ren können, die in den Arbeits­markt inte­griert sind, etc., auf der einen Seite, und dem meta­pho­ri­schen „einen Prozent“ einer Elite, die sich davon komplett absetzt, auf der ande­ren. Hat der öffent­li­che Raum ange­sichts dieser Situa­tion noch die Kraft, die Gesell­schaft zu inte­grie­ren, d.h. ‚alle’ zu umfas­sen, oder ist der öffent­li­che Raum ein Mittel­stands­an­ge­bot? Dass also die ganz Armen an den Rändern der Städte keinen Zugang mehr zum öffent­li­chen Raum im Zentrum der Stadt finden – und dass es andrer­seits eine Schicht von sehr reichen Menschen gibt, die sich semi-öffentliche oder semi-private Versamm­lungs­orte schaf­fen wie zum Beispiel Luxus­ho­tels? Ist es, mit andern Worten, nicht vergeb­li­che Liebes­müh zu glau­ben, im öffent­li­chen Raum werde ‚inte­griert’, da werde noch etwas ‚zusam­men­ge­hal­ten’?

Diese Frage ist extrem wich­tig und sie beschäf­tigt mich sehr. Solange unsere gesell­schaft­li­che Struk­tur noch näher bei einer Kugel ist als bei einer Pyra­mide, das heisst die oberste Schicht der ganz Reichen und die unterste der ganz Armen Minder­men­gen sind, reprä­sen­tiert das Kugel­seg­ment, in dem der Äqua­tor sich befin­det, immer noch die grosse Mehr­heit. Aber es gibt ganz klare Indi­zien, dass dem mitt­le­ren Segment die Sensi­bi­li­tät zur Inte­grie­rung des unters­ten Segments zuneh­mend fehlt. So konstru­ierte die Stadt­ver­wal­tung von Zürich zum Beispiel durch das Einfü­gen von Zwischen­wänd­chen öffent­li­che Bänke, auf denen man nicht mehr liegen kann, um das Näch­ti­gen von Obdach­lo­sen zu verhin­dern – noch vor weni­gen Jahr­zehn­ten undenk­bar. Es gibt heute ein gros­ses Inter­esse, Obdach­lose zu margi­na­li­sie­ren und sie aus dem öffent­li­chen Raum wegzu­drü­cken. „Erlaubt ist, was nicht stört“, lautet der Slogan der Stadt­ver­wal­tung Zürichs. Wenn einen nun arme Leute optisch zu „stören“ begin­nen, dann sind sie bereits ein ‚zu behan­deln­des Problem’. Das ist das eine. Das anders ist: Ich bin ein vehe­men­ter Verfech­ter davon, dass gestal­te­risch anspruchs­voll gemachte öffent­li­che Räume nicht nur eine Aufgabe für die städ­ti­schen Zentren sind, sondern ebenso für die Peri­phe­rie der Städte, ja auch der Agglo­me­ra­tion. Öffent­li­che Räume sind für alle da, müssen für alle da sein.

Hochhaus mit Luxuswohnungen an der Hardturmstrasse in Zürich, Quelle: skyscrapercity.com

Hoch­haus mit Luxus­woh­nun­gen an der Hard­turm­strasse in Zürich, Projek­t­ren­de­ring; Quelle: skyscrapercity.com

Auch für die oberste Schicht der ganz Reichen? 

Ich bin immer mehr der Über­zeu­gung, dass diese Leute an der Gesell­schaft gar nicht teil­neh­men wollen. Sie wollen nicht – sie sind asozial. Darum suchen sie sich ihre priva­ten Commu­nities, weil sie der Über­zeu­gung sind, dass der Rest der Welt sie nichts angeht und auch nichts ange­hen muss. Gleich­zei­tig entzie­hen sie sich in oft massi­ver Weise ihrer Verant­wor­tung für die Gesell­schaft. Denn auch die ganz Reichen profi­tie­ren ja von all den riesi­gen Infra­struk­tur­leis­tun­gen, die nur dank der Öffent­lich­keit über­haupt möglich sind – und wir sind immer noch nicht in der Lage, den bei den Priva­ten dadurch entste­hen­den Mehr­wert steu­er­lich abzu­schöp­fen! Wenn man zum Beispiel sieht, was in Zürich West von der öffent­li­chen Hand alles zur Aufwer­tung dieses Quar­tiers geleis­tet wurde, und gleich­zei­tig die hier entstan­de­nen Wohnun­gen an Leute gingen, die nicht hier wohnen, sondern damit speku­lie­ren – dann ist es einfach eine Kata­stro­phe, dass wir nicht in der Lage sind, den Mehr­wert gebüh­rend abzu­schöp­fen. Es ist eine poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Kata­stro­phe, denn öffent­li­cher Raum bedeu­tet auch das gemein­same Beitra­gen zu den Kosten dieses Raumes.

Von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.