Geschichten der Gegenwart

In einem wie immer gelehr­ten Essay vom 14. Februar 2017 mit dem Titel „Wo bleibt die Begeis­te­rung für die Frei­heit?“ benennt René Scheu, sich dabei auf den Philo­so­phen und Psycho­ana­ly­ti­ker Carlo Stren­ger bezie­hend, zeit­ty­pi­sche, aber auch zeit­lose Formen der Abwehr von Verletz­lich­keit und mensch­li­cher Begrenzt­heit: Die Verdrän­gung der Fragi­li­tät der Zivi­li­sa­tion, den Wahn der Rund­um­ab­si­che­rung in allen Lebens­la­gen, das Ideal des reibungs­lo­sen Daseins, die Flucht in den Konsum, den Rück­zug ins Private, die Selbst­über­hö­hung und den mit ihr verbun­de­nen „Dauer­ver­gleich“ aufge­bla­se­ner Egos.

Basie­rend auf diesem Befund führt Scheu – Stren­ger aller­dings mehr als nur frei inter­pre­tie­rend – zwei poli­ti­sche Kampf­be­griffe ein: Schuld an der Aver­sion gegen Verletz­lich­keit und Frei­heit sollen nämlich die „egali­täre Gesell­schaft“ und die „Politi­cal Correct­ness“ sein. Indem Scheu den Ange­hö­ri­gen heuti­ger west­li­cher Gesell­schaf­ten Sehn­sucht nach Gleich­heit, Anspruchs­hal­tung und ein beque­mes Wunsch­den­ken unter­stellt, denun­ziert er – gestützt auf die Flos­kel „Psycho­lo­gie des verwöhn­ten Kindes“ – das Stre­ben nach Eman­zi­pa­tion, Frei­heit und Gleich­heit, wie sie moderne Gesell­schaf­ten auszeich­nen, bloss noch als ein Rezept fürs Unglück­lich­sein:

Was das verwöhnte Indi­vi­duum quält, sind über­höhte Leis­tungs­er­war­tun­gen an sich selbst, die es aus dem Dauer­ver­gleich mit ande­ren gewinnt. In der gefühl­ten egali­tä­ren Gesell­schaft der Gegen­wart vergleicht sich jeder mit jedem, auch wenn er am Ende mit dem Ergeb­nis des Vergleichs nicht leben kann. Die meis­ten sehen sich als poten­zi­elle Über­flie­ger – und leiden zwangs­läu­fig am eige­nen Unge­nü­gen, weil auch unter Glei­chen nicht alle zu den Besten zählen können. Was bleibt, sind oftmals bloss Abstiegs- und Versa­gens­ängste. – René Scheu

Aver­sion gegen das Recht

Solche Zeit­dia­gno­sen unter­schla­gen, dass es bei den Ansprü­chen auf mehr Gleich­be­rech­ti­gung und gegen Diskri­mi­nie­rung aller Art, gegen die Scheu mit seinen wohl­fei­len Kampf­be­grif­fen abzielt, um zutiefst libe­rale Werte geht: um Grund­frei­hei­ten, Rechts­staat und Demo­kra­tie, aber eben auch um ihre insti­tu­tio­nel­len, kultu­rel­len und mate­ri­el­len Voraus­set­zun­gen.

Zwar weiss auch Scheu, und es ist schlicht unbe­streit­bar: „Nur wo das Gefüge von Grund­frei­hei­ten, Rechts­staat und Demo­kra­tie gege­ben ist, können sich Indi­vi­duen entfal­ten und nach ihrer Fasson glück­lich werden.“ Scheu unter­schlägt aller­dings nicht zufäl­lig, dass zu diesem forma­len Rahmen des Rechts­staa­tes auch der Sozi­al­staat gehört, auf den der Kampf­be­griff „egali­täre Gesell­schaft“ ja in Wahr­heit zielt.  Scheu – und mit ihm viele neurechte Intel­lek­tu­elle – unter­schla­gen, dass die Frei­heit, von der sie spre­chen, mate­ri­elle Voraus­set­zun­gen hat, die sie gerne und bewusst unaus­ge­spro­chen einzig dem priva­ten Vermö­gen und Können über­ant­wor­ten. Das Code-Wort dafür ist „nach seiner Fasson“ glück­lich werden.

Nan Goldin: Self-portrait in Kimono with Brian, 1983; Quelle: lempertz.com

Die ideo­lo­gi­sche Umkeh­rung ist daher unter der Hand flux voll­zo­gen: Nicht die möglichst von staat­li­chen Schran­ken befreite neoli­be­rale Wett­be­werbs­wirt­schaft erzeuge Verlie­rer und Unglück, sondern die angeb­lich durch den Sozi­al­staat erzeugte „Gleich­ma­che­rei“. Scheu krei­det den Umstand, dass der Wett­be­werb Verlie­rer erzeugt, kurzer­hand dem „betreu­en­den“ Sozi­al­staat an, dessen Funk­tion es in Wahr­heit ist, jene Verlie­rer aufzu­fan­gen, die die Ausschluss-Gesellschaft erzeugt.

Die im neurech­ten Feuil­le­ton immer wieder herum­ge­reichte These, dass es die pater­na­lis­ti­sche Betreu­ung durch den Sozi­al­staat sei, die die Indi­vi­duen dauernd mitein­an­der konkur­rie­ren lässt, und nicht der Götze Konkur­renz und Wett­be­werb als allein­se­lig­ma­chen­des Steue­rungs­prin­zip, lenkt nur davon ab, die Härte dieses Wett­be­werbs mit kriti­schen Augen zu sehen. Ist es denn nicht gerade der Wett­be­werbs­druck, der die Menschen in einer sinn­ent­leer­ten Dauer­op­ti­mie­rung hält, sie entso­li­da­ri­siert und – wenn es denn zutref­fen sollte – genau damit entpo­li­ti­siert, d.h. von der Beschäf­ti­gung mit und dem Enga­ge­ment für das Poli­ti­sche fern­hält?

Aver­sion gegen Kultur

Auf die kultu­rel­len Voraus­set­zun­gen von Grund­frei­hei­ten, Rechts­staat und Demo­kra­tie will Scheu eben­falls nicht verzich­ten. Scheu betont im Gegen­teil und im Anschluss an den Juris­ten Ernst-Wolfgang Böcken­förde, dass das Recht nicht ohne (Rechts-)Kultur auskommt: „Die frei­heit­li­che Ordnung lebt von kultu­rel­len und menta­len Voraus­set­zun­gen, die sie selbst nicht garan­tie­ren kann.“ Warum dann aber die Pole­mik gegen die „Politi­cal Correct­ness“? Geht es dieser nicht genau um diese frei­heit­li­che Kultur, die nicht ausgrenzt und nicht diskri­mi­niert? Um eine Kultur also, die Voraus­set­zung des freiheitlich-demokratischen Rechts­staa­tes ist?

Nan Goldin: One Month After Being Batte­red, 1984; Quelle: hellofirechild.com

Poli­ti­sche Korrekt­heit wendet sich gegen jede Ideo­lo­gie der Ungleich­wer­tig­keit, gegen die Abwer­tung von Menschen bestimm­ter Grup­pen, weil in dieser Diskre­di­tie­rung von Menschen der Ausschluss aus dem Diskurs und der Raub der Stimme liegt. Ausge­spro­chene oder unaus­ge­spro­chene Kern­bot­schaf­ten der Reak­tio­nä­ren machen dies deut­lich: „Auslän­der haben hier nichts zu sagen“, „Muslime haben sich anzu­pas­sen“, „Frauen gehö­ren ins Haus und nicht in die Poli­tik“, „Arme sollen nicht über die Verwen­dung von Steu­ern mitbe­stim­men, die sie nicht zahlen“ usw. Die Reduk­tion von poli­ti­scher Korrekt­heit auf Sprech­ver­bote negiert und verkehrt ihren ursprüng­li­chen Sinn. Authen­ti­sche poli­ti­sche Korrekt­heit will im Gegen­teil, dass jedes Mitglied der Gesell­schaft seine Stimme frei erhe­ben und mitbe­stim­men kann.

Abge­lenkt werden soll wohl davon, dass der Kampf um libe­rale Werte längst in andere Hände über­ge­gan­gen ist. Denn denje­ni­gen, auf die Scheu mit seinen Kampf­be­grif­fen abzielt, geht es tatsäch­lich um urli­be­rale Werte wie Gleich­be­rech­ti­gung unab­hän­gig von Geburt, Geschlecht, Haut­farbe, Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, sexu­el­ler Präfe­renz oder finan­zi­el­ler Potenz.  Scheu beklagt zwar bezug­neh­mend auf Carlo Stren­ger zu Recht die Abwe­sen­heit eines Bewusst­seins mensch­li­cher Begrenzt­heit: „Der verwöhnte Mensch über­schätzt sich laufend selbst, weil er seine eige­nen Gren­zen nicht erfah­ren hat. Für ihn sind Leben und Glück nicht in erster Linie Aufgabe, sondern Anspruch.“

Doch welches ist die Ideo­lo­gie, die behaup­tet, man könne alles aus sich machen, wenn man nur will? Der von Scheu in sehr eigen­sin­ni­ger Weise bemühte Stren­ger spricht vom „Just-do-it-Prinzip“, einem Prin­zip, welches Gren­zen negiert und zu hybri­der Selbst­über­schät­zung anhält. Doch was begüns­tigt diesen Machbarkeits-, Männlichkeits- und Poten­z­wahn? Ist es der „verwöh­nende“ Sozi­al­staat – oder ist es die gesell­schaft­li­che Forde­rung, aus sich einen „Gewin­ner“ zu machen und sich in allen Lebens­be­rei­chen über andere zu erhe­ben? Und was würden Betrof­fene dazu sagen, dass der Sozi­al­staat die Menschen „verwöhnt“?

Aver­sion gegen unver­füg­bare Gren­zen

Zurück zu den Gren­zen. An Gren­zen wächst man: Nulla crux, nulla corona – per aspera ad astra – keine Ostern ohne Karfrei­tag… Was macht Scheu aus dieser alten Weis­heit? Er setzt kurzer­hand ontologisch-transzendente Gren­zen wie Leiden und Tod (das heisst: Unver­füg­bar­keit) mit sozia­len Gren­zen wie Ausbeu­tung und Diskri­mi­nie­rung gleich. Erstere muss man anneh­men, gegen Letz­tere hinge­gen muss man sich aufleh­nen, wenn man frei werden will.

Nan Goldin: Jimmy Paulette and Taboo! in the bathroom, 1991; Quelle: fadedandblurred.com

Der Reak­tio­när verfährt genau umge­kehrt. Das Ressen­ti­ment rich­tet sich gegen unver­füg­bare Gren­zen, es ist „Wider­wille gegen die Zeit“ (Nietz­sche) und rich­tet sich gegen die Eman­zi­pa­tion, da die Eman­zi­pa­tion dem Ressen­ti­ment Sünden­bö­cke wegzu­neh­men droht, auf die sich bedroh­li­che Unver­füg­bar­keit proji­zie­ren lässt. Diese entschei­dende Diffe­renz unter­schla­gen reak­tio­näre Vorden­ker wie Scheu oder Sloter­dijk, die uns die Schwa­chen, Entrech­te­ten, Gerings­ten und ihre Fürspre­cher als sozi­al­po­li­ti­schen Abgrund präsen­tie­ren. Die Perfi­die ihres Vorge­hens liegt darin, dass sie eine Wahr­heit anspre­chen, um sie für deren Patho­lo­gie frucht­bar zu machen: Sie brechen mutig das gesell­schaft­li­che Tabu Schei­tern, Leiden und Tod, unter­schie­ben es dann aber feige den Schwa­chen und eman­zi­pa­ti­ven Kräf­ten: „Verzär­telte“ Schwa­che und „Linke“ würden ein Schwach­sein leug­nen, das zum Leben gehört, und damit vor Frei­heit flie­hen.

Das Leiden an unver­rück­ba­ren Gren­zen ist eine gesell­schaft­lich verdrängte, anthro­po­lo­gi­sche Grund­kon­stante, deren Wirkung auf Alltag und Poli­tik gar nicht hoch genug einge­schätzt werden kann. Eben­falls zum Menschen gehört die Neigung, unver­füg­bare Gren­zen auf „Objekte“ zu proji­zie­ren und die eigene Begrenzt­heit dann in ihnen zu hassen. Diese Neigung machen sich alle reak­tio­nä­ren Kräfte zunutze – egal, in welche ideo­lo­gi­schen Mäntel­chen sie sich hüllen.  Durch diese Verschie­bung von Unver­füg­bar­keit auf Sünden­bö­cke erhält man eine Illu­sion der Kontrolle über ontologisch-transzendente „Fakten“, d.h. über die facts of life, das ens realis­si­mum, das „aller­wirk­lichste Wirk­li­che“: die harten Gren­zen der Exis­tenz. Hier ist auch der tiefere Grund zu suchen für die reak­tio­näre Aver­sion gegen Fakten über­haupt. Die reak­tio­näre Versu­chung besteht darin, vor seinen Gren­zen in mehr oder weni­ger geschlos­sene Welt­an­schau­un­gen (Ideo­lo­gien) zu flie­hen, welche die Abspal­tung der in den Affek­ten Angst und Scham erfah­re­nen mensch­li­chen Begrenzt­heit ratio­na­li­sie­ren und legi­ti­mie­ren helfen.

Eine Frage der intel­lek­tu­el­len Redlich­keit

Die Wett­be­werbs­ideo­lo­gie aber begüns­tigt die in der condi­tio humana ange­legte Abwehr abso­lu­ter Begrenzt­heit und Verdrän­gung eige­ner Schwä­che, welche Fremde als bedroh­lich konstru­iert und Schwa­che verach­tet. Sie schafft einer­seits neue, soziale Gren­zen, indem sie Indi­vi­duen oder Gebiets­kör­per­schaf­ten gegen­ein­an­der ausspielt – etwa im Steu­er­wett­be­werb, der poli­ti­sche Hand­lungs­frei­heit kostet. Ander­seits leug­net sie mensch­li­che Gren­zen und muss sie gemäss ihrer Logik auch leug­nen. Ihr in sich wider­sprüch­li­ches Credo lautet: Jeder kann es an die Spitze schaf­fen – wenn er nur will. Ihr Impe­ra­tiv lautet: „Leugne (Deine) Gren­zen“, „nimm Dich nicht als das endli­che und begrenzte Wesen an, welches Du wirk­lich bist“ und damit „werde nicht, der Du bist“.

Nan Goldin: Amanda in the mirror, 1992, Quelle: hellofirechild.com

Frei­heit aber grün­det auf Selbst­ak­zep­tanz, wie der von Scheu bemühte Carlo Stren­ger doch im Anschluss an Jaspers nicht müde wird zu beto­nen. Fassade und Anse­hen aber kosten die Frei­heit, weil man sich im uner­bitt­li­chen Wett­be­werbs­druck keine Fehler erlau­ben, keine Schwä­che zeigen und keine Blösse geben darf. Scheu löst nicht ein, was er bezug­neh­mend auf Stren­ger für sich rekla­miert, nämlich „ein ehrli­ches Verhält­nis zur Tragik mensch­li­cher Exis­tenz“. Scheu betreibt hier genau das, was Adorno Heideg­ger vorwarf: Er über­höht die Tragik substan­zon­to­lo­gisch – und entzieht sich ihr gerade auf diese Weise. Scheu konstru­iert den Abgrund bei denje­ni­gen, die für glei­che Lebens­chan­cen aller Menschen kämp­fen und in diesem Sinne „egali­tär“ und „korrekt“ sind. Aver­sion gegen Leiden und Tod, oder mit Freud gespro­chen: die Revolte gegen die „Reali­tät“, rich­tet sich immer auch gegen intel­lek­tu­elle Redlich­keit, da kriti­sches und herme­neu­ti­sches Denken der eige­nen Vulnera­bi­li­täts­ab­wehr gefähr­lich wird. Dieses Opfer der Vernunft (sacrfi­cium intel­lec­tus) aber bezeich­net der Funda­men­tal­theo­loge René Buch­holz nicht ohne Grund als das „erste grosse, gegen die eigene Person gerich­tete Atten­tat“ im ideo­lo­gi­schen Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zess eines Menschen.

Von Matthias Bertschinger

Matthias Bertschinger ist Jurist und Konflikt­analytiker. Gegen­stand seines Inter­es­ses sind psy­chi­sche Konflikt­ursachen (existen­ziale bzw. herme­neu­tische Konflikt­analyse und Rechtstheorie).