Geschichten der Gegenwart

In den letz­ten dreis­sig Jahren hat sich das Verhält­nis Arbeit und Krea­ti­vi­tät funda­men­tal verän­dert. Das produk­tive Poten­tial des Schöp­fe­ri­schen, aber auch das projekt­för­mige selb­stän­dige Arbei­ten in zeit­lich begrenz­ten Netz­wer­ken erschei­nen in den flexi­blen und kapi­tal­markt­ori­en­tier­ten Arbeits­wel­ten der neoli­be­ra­len Wirt­schafts­ord­nung als Merk­male selbst­be­stimm­ten Arbei­tens. Der Block­bus­ter der neuen Manage­ment­li­te­ra­tur, Tom Peters und Robert Water­mans In Search of Excel­lence, begrün­det den Innovations- und Krea­ti­vi­täts­im­pe­ra­tiv der Gegen­wart doppelt: einer­seits ökono­misch mit dem Konkur­renz­druck auf den hoch­kom­pe­ti­ti­ven globa­len Märk­ten und ande­rer­seits psycho­lo­gisch mit der natür­lich vorhan­de­nen Krea­ti­vi­tät der Beschäf­tig­ten. Die Nega­tiv­fo­lie des Krea­tiv­sub­jekts ist der „Normal­ar­bei­ter“, der zu fixen Zeiten in der glei­chen Firma einer regel­mäs­si­gen Lohn­ar­beit nach­geht, die durch Sozi­al­ver­si­che­run­gen und Kollek­tiv­ver­träge abge­si­chert ist. Entge­gen empi­ri­schen Unter­su­chun­gen, die zeigen, dass die Beschäf­tig­ten eines Unter­neh­mens ein hohes Bedürf­nis nach Sicher­heit und Routine haben, wird der arbei­tende Mensch heute als krea­ti­ver Selbst­un­ter­neh­mer stili­siert, der in einem dyna­mi­schen Arbeits­um­feld nach Selbst­wachs­tum und immer neuen Heraus­for­de­run­gen strebt.

Be crea­tive! Von der Künst­ler­kri­tik zum Krea­ti­vi­täts­im­pe­ra­tiv

Nach dem Kalten Krieg erhob die New Economy das Künst­ler­sub­jekt zum Rollen­mo­dell. Folgt man Luc Bolt­an­ski und Eve Chia­pello, so ist Der Neue Geist des Kapi­ta­lis­mus durch eine ambi­va­lente Verbin­dung von Selbst­be­stim­mung und Selbst­aus­beu­tung gekenn­zeich­net, die im Krea­ti­vi­täts­im­pe­ra­tiv gipfelt. Ambi­va­lent ist dieser Impe­ra­tiv deshalb, weil er die tradi­tio­nell oppo­si­tio­nel­len Wert­ori­en­tie­run­gen von Kunst und Ökono­mie in sich vereint. Im Über­gang vom Fordis­mus zum Post­for­dis­mus hat sich das flexi­ble Unter­neh­men die „Künst­ler­kri­tik“ der 68er-Generation ange­eig­net und zu einer produk­ti­ven Ressource gemacht. Tatsäch­lich fielen die Forde­run­gen nach Krea­ti­vi­tät und Auto­no­mie, die um 1970 noch zum Voka­bu­lar der Eman­zi­pa­tion gehör­ten, in den 1990er Jahren auf einen ganz ande­ren Reso­nanz­bo­den.

Die 68er-Kritik am hierarchisch-bürokratischen Unter­neh­men bezog ihre Dring­lich­keit aus der Vision eines selbst­or­ga­ni­sier­ten und krea­ti­ven Lebens jenseits der fordis­ti­schen Fabrik. In den 1980er Jahren erleb­ten diese Postu­late eine Wieder­be­le­bung – nun jedoch aufsei­ten der Unter­neh­men. Hier griff man die subver­si­ven Ener­gien und alter­na­ti­ven Arbeits­kon­zepte von „68“ auf und machte sie zur Flexi­bi­li­sie­rung und Entsi­che­rung von Normal­ar­beits­ver­hält­nis­sen produk­tiv. Wie Marion von Osten treff­lich fest­hält, setzte nun ein „Umschlag vom Befrei­ungs­pro­gramm zum Anfor­de­rungs­pro­fil“ ein. Seit den 1990er Jahren werden Arbeits­platz­struk­tu­ren, Unter­neh­mens­or­ga­ni­sa­tio­nen, sozi­al­part­ner­schaft­li­che Rege­lun­gen und damit grund­le­gende Bestand­teile des alten Produk­ti­ons­sys­tems mit Beru­fung auf das eigen­ver­ant­wort­li­che und intrin­sisch moti­vierte Krea­tiv­sub­jekt neu ausge­rich­tet. Projekt­ori­en­tierte und zeit­lich limi­tierte Anstel­lun­gen, Beschäf­ti­gun­gen auf Prak­ti­kums­ba­sis, Dritt­mit­tel­ein­wer­bung zur Finan­zie­rung des eige­nen Salärs, unre­gel­mäs­sige Arbeits­zei­ten und geringe bis keine Entloh­nung: Solche prekä­ren Arbeits­for­men, wie sie lange nur für die selbst­or­ga­ni­sier­ten Krea­tiv­be­rufe typisch waren, finden heute Eingang in die Arbeits­welt. Auto­no­mie, Krea­ti­vi­tät und Selbst­be­stim­mung bilden hier die Grund­lage der neuen indi­rek­ten Steue­rungs­for­men, welche die Arbei­ten­den unmit­tel­bar an die wach­sende Dyna­mik von Markt- und Kunden­an­for­de­run­gen anschlies­sen.

Quelle: campaignlive.co.uk

Quelle: campaignlive.co.uk

Crea­tive Cities und Crea­tive Econo­mies

Krea­tiv­wirt­schaft und neoli­be­rale Poli­tik stel­len eine schlag­kräf­tige Alli­anz dar. Ein dies­be­züg­lich fulmi­nan­ter Auftakt war die provo­kant doppel­deu­tige Wahl­kam­pa­gne Labour isn’t working, die Marga­ret That­cher auf ihrem Weg an die Macht beglei­tete. Erst­mals in der Geschichte Gross­bri­tan­ni­ens war 1978 eine poli­ti­sche Partei Kundin bei einer Werbe­agen­tur (bei der kunst­af­fi­nen Saatchi&Saatchi) gewor­den. Das Plakat, das eine lange Menschen­schlange vor dem Arbeits­amt zeigt und das That­cher zum Einzug in die Downing Street verhalf, machte Krea­ti­vagen­tu­ren auf dem poli­ti­schen Parkett salon­fä­hig. In den 1980ern halfen diese tatkräf­tig mit, die Priva­ti­sie­rungs­pro­gramme der Regie­rung unter die Leute zu brin­gen. Werbung war nicht die einzige Krea­tiv­bran­che, die damals einen Boom erlebte. Paral­lel zum Bedeu­tungs­ver­lust der Produk­tion stieg die Nach­frage nach kultu­rel­len Produk­ten und Dienst­leis­tun­gen. Marke­ting, Image­bil­dung, Kunden­bin­dung, Life­style, Bran­ding und der Faktor „Unter­neh­mens­kul­tur“ wurden wich­tig. Mit dem Struk­tur­wan­del der Industrie- zur Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft erlebte die Crea­tive Economy eine Hoch­blüte. In den 90er Jahren geprägt, bezeich­nete der Begriff die unzäh­li­gen Krea­ti­ven und Kultur­schaf­fen­den, die tempo­rär in ehema­li­gen Indus­trie­area­len einge­mie­tet waren und ohne Subven­tio­nen Produkte vorleg­ten, die künst­le­risch und kommer­zi­ell erfolg­reich waren. Auch in Zürich entstand damals ein krea­ti­ves Netz­werk aus Ateliers, Probe­büh­nen, Tanz­werk­stät­ten, Band­räu­men, Party­lo­ca­ti­ons oder Archi­tek­tur­bü­ros.

Das erweiterte Modell der Creative Economies, wie es vom „Kreativwirtschaftsbericht Schweiz 2016“ propagiert wird."

Das erwei­terte Modell der Crea­tive Econo­mies, wie es vom „Krea­tiv­wirt­schafts­be­richt Schweiz 2016“ propa­giert wird.

Auch die Wirtschafts- und Stand­ort­för­de­rung hat die Bedeu­tung der Kultur- und Krea­ti­v­öko­no­mie erkannt. Wie der kürz­lich erschie­nene Krea­tiv­wirt­schafts­be­richt Schweiz 2016 posi­tiv vermerkt, werden die Gren­zen zwischen Kultur und Wirt­schaft immer durch­läs­si­ger. Viele der jungen Krea­ti­ven (denen in der Schweiz unter­des­sen rund 470'000 Arbeit­neh­mende an der Schnitt­stelle zwischen Kultur, Wirt­schaft und Tech­no­lo­gie und im Kanton Zürich rund 11% der Beschäf­tig­ten zuge­rech­net werden), verste­hen sich als Unter­neh­mer und vernet­zen sich mit Wirt­schaft und Forschung. Über­haupt werden die Crea­tive Econo­mies heute brei­ter gefasst. Ihnen werden nicht nur die Thea­ter­ma­che­rin und der Künst­ler, sondern auch die Jour­na­lis­tin, der Archi­tekt und die bei einer Gross­bank ange­stellte Grafik-Designerin zuge­rech­net. Das Credo, wonach die wirt­schaft­li­che Prospe­ri­tät und die kultu­relle Attrak­ti­vi­tät eines Stand­or­tes davon abhän­gen, ob es der (Stadt-)Politik gelingt, Krea­tive zu halten und an sich zu ziehen, ist in der gegen­wär­ti­gen Kultur- und Wirt­schafts­för­de­rung fest veran­kert. Die Euro­päi­sche Union, die Pro Helve­tia und auch die Kantone reden der Krea­tiv­wirt­schaft das Wort. Von 2010 bis 2014 erhob auch Zürich die „Crea­tive City“ zum Legis­la­tur­schwer­punkt. Die „Kultur- und Krea­tiv­stadt Zürich“ empfahl sich darin als Ferment der wirt­schaft­li­chen Prospe­ri­tät und als sozia­ler Kitt, um unter den hete­ro­ge­nen Bewoh­ne­rIn­nen auf loka­ler Ebene ein neues Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl zu schaf­fen. Zu ihren Zielen gehör­ten die bessere Zugäng­lich­keit von Produk­ti­ons­räu­men für Krea­tiv­schaf­fende, die Erschlies­sung neuer Kultur­kon­su­men­tIn­nen und die inter­na­tio­nale Posi­tio­nie­rung von Zürich als attrak­tive und inno­va­tive Kultur­stadt. Ein Meilen­stein des Schwer­punkts ist die Durch­füh­rung der Mani­festa 11 in Zürich.

Krea­ti­vi­tät zwischen Kommerz und Kritik

Zur Eröffnung ließ eine Gruppe von Studierenden und Kunstschaffenden 50-Franken-Noten auf die Festgäste herabregnen – mit dem Konterfei von Jankowski und einem neuen Manifesta-Logo: Moneyfesta. - derstandard.at/2000038788392/What-People-Do-For-Money-Stink-und-Stunk-bei-der

Zur Eröff­nung ließen Studie­rende und Künst­ler 50-Franken-Noten mit dem Konter­fei von Jankow­ski und einem neuen Manifesta-Logo: Money­festa vom Unige­bäude herab­reg­nen.

Für das Feld der Kunst stel­len die neuen Grenz­zie­hun­gen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit und die flies­sen­den Über­gänge zur Ökono­mie eine Heraus­for­de­rung dar. Dem Anpassungs- und Verwer­tungs­druck der Wirt­schaft unver­min­dert ausge­setzt, erscheint es umso dring­li­cher, die Kunst als einen Ort der Kritik zu bewäh­ren, um alter­na­tive Sicht­wei­sen auf Arbeit und Leben zu entwi­ckeln und den aktu­el­len Wandel im Kunst­be­trieb zu reflek­tie­ren. Gemes­sen an ihrem eige­nen Anspruch weckte die Mani­festa 11 nicht wenige Hoff­nun­gen auf eine kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit diesen Problem­la­gen. Seit ihrer Grün­dung im Jahr 1996 sieht die wandernde Bien­nale ihre Haupt­auf­gabe darin, die neuen (auch wirt­schaft­li­chen) Grenz­zie­hun­gen in einem nach dem Kalten Krieg erwei­ter­ten Europa von den Rändern her kritisch und konstruk­tiv zu beleuch­ten und „Rahmen­be­din­gun­gen für radi­ka­les Denken und Handeln zu entwi­ckeln“. Für Zürich hat sich der Künstler-Kurator Chris­tian Jankow­ski das Themen­feld der Arbeit vorge­nom­men – eine gute Wahl. In einer Finanz­me­tro­pole, die sich selber gerne als Kultur­weltstadt präsen­tiert, ist die Frage nach der (Lohn-)Arbeit nicht nur darum wich­tig, weil diese zur Finanz­spe­ku­la­tion und zur Kunst tradi­tio­nell in einer span­nungs­rei­chen Verbin­dung steht. Gerade die neuen Grenz­zie­hun­gen zwischen diesen Berei­chen sind es aber, die einer kriti­schen Erhel­lung durch die Kunst beson­ders bedürf­ten. Und wirk­lich greift die Ausstel­lung unter dem Titel What People do for Money. Some Joint Ventures das Thema der Grenz­zie­hung konzep­tu­ell auf. Ihren Kern bilden dreis­sig Begeg­nun­gen von inter­na­tio­nal bekann­ten Künst­le­rIn­nen mit einhei­mi­schen Berufs­leu­ten (Hosts). Wie die Kunst müsse auch die Berufs­welt einen Weg „raus aus den gewohn­ten Inter­pre­ta­tio­nen“ finden, erläu­tert Chris­tian Jankow­ski die Idee der Joint Ventures. Für die Kunst ergebe sich die Möglich­keit, dass Hosts aus ande­ren Beru­fen „ihre Meinun­gen, ihre Stimme, ihre Erwar­tun­gen in die Kunst einschrei­ben“ könn­ten. Die Berufs­leute hinge­gen müss­ten lernen, neue Sicht­wei­sen auf Arbeit jenseits klarer Kompe­ten­zen zu entwi­ckeln. In der Kunst­welt seien die Anfor­de­run­gen nämlich „häufig komple­xer als in der gere­gel­ten Arbeits­welt“, betont Jankow­ski: „Jetzt wird man plötz­lich aufge­for­dert, übers Seil zu tanzen, eine Antwort rück­wärts zu geben und zu arbei­ten, wenn Feier­abend ist.“

Die Selbst­blind­heit des Kunst­be­triebs

Manifesta 11, Protestaktion zu Beginn der Manifesta

Mani­festa 11, Protest­ak­tion zur Eröff­nung: Geld­re­gen vom Unige­bäude, Quelle: www.m11.manifesta.org/de

Sicher­lich darf man den Einfluss kura­to­ri­scher Leit­ideen nicht über­schät­zen. Erstaun­lich ist aber doch, dass die Künst­ler­fi­gur hier einmal mehr zum flexi­blen Krea­ti­vi­deal verklärt wird. Nach einer Ausein­an­der­set­zung mit den konkre­ten Produk­ti­ons­be­din­gun­gen des Kunst­be­triebs oder mit der Funk­ti­ons­lo­gik von Kunst­märk­ten und Kunst­mes­sen sucht man hinge­gen verge­bens. Irri­tie­rend sind auch die Echo­ef­fekte zwischen der Rheto­rik der Manifesta-Leitung und jener der krea­tiv­wirt­schaft­li­chen Stand­ort­för­de­rung, welche die Home­page der Bien­nale durch­zie­hen. Rich­tig­ge­hend schmerz­haft wird es aber dort, wo der Kunst­an­lass die Ideo­lo­gie der Krea­tiv­ar­beit selbst produk­tiv zu machen sucht. Nach­dem im Vorfeld der Ausstel­lung Kritik laut gewor­den war, dass einige Museen Mitar­bei­te­rIn­nen frei­ge­stellt und für die Dauer der Ausstel­lung durch unbe­zahlt arbei­tende Volun­te­ers ersetzt hatten, warf auch die vergleichs­weise nied­rige Entloh­nung der fünf­zig tempo­rär Ange­stell­ten des Kunst­e­vents Fragen auf. Mehrere Beschäf­tigte klag­ten über ausge­dehnte Arbeits­tage, die nicht selten bis spät in die Nacht hinein dauer­ten und oft auch das Wochen­ende umfass­ten. Konfron­tiert mit dieser Kritik, wiesen Stadt und Mani­festa die erho­be­nen Vorwürfe einhel­lig zurück. Beide Pres­se­stel­len antwor­te­ten auf Fragen nach der Lohn­höhe mit dem Bescheid, dass das nied­rige Salär durch die „Chance, Teil dieses ausser­ge­wöhn­li­chen Projekts zu sein“, mehr als aufge­wo­gen werde. Dass ausge­rech­net die Mani­festa, welche das Themen­feld der Arbeit auslo­ten und analy­sie­ren will, mit ihren Arbeits­be­din­gun­gen zur Preka­ri­sie­rung beiträgt, gehört zu den qual­vol­len Selbst­blind­hei­ten des Kunst­be­triebs. Mit der Beru­fung auf den Wert von Krea­ti­vi­tät und Selbst­be­stim­mung bei gleich­zei­ti­ger Ausblen­dung von sozio­öko­no­mi­schen Rahmen­be­din­gun­gen und Mecha­nis­men der Selbst­aus­beu­tung bekräf­tigt sie die Krea­ti­vi­täts­ideo­lo­gie unge­bro­chen. Der Über­gang von der Künst­ler­kri­tik zum Krea­ti­vi­täts­im­pe­ra­tiv wird so erneut voll­zo­gen anstatt kritisch reflek­tiert.

Von Brigitta Bernet

Brigitta Bernet ist Historikerin; sie forscht am Histo­rischen Seminar der Universität Basel zur Geschichte der Arbeit und deren Anthro­po­logien und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.