Geschichten der Gegenwart

Wenn sie es sich aus­su­chen könn­ten, wür­den vie­le Men­schen erst um halb zehn zur Arbeit gehen, viel­leicht auch spä­ter. Denn erst abends wer­den sie aktiv, und es fällt ihnen dies oder jenes ein, was sich bei durch­ge­tak­te­ter Tages­be­las­tung ein­fach nicht aus den Tie­fen heben lässt – oder sich gar nicht zu rüh­ren getraut, weil der Deckel der Müdig­keit alles erdrückt. Die Nut­zung des Tages­lich­tes ist in den meis­ten Län­dern der Welt kei­ne Richt­li­nie mehr,  denn inzwi­schen wird bei aus­rei­chend vor­han­de­ner Elek­tri­zi­tät Tag und Nacht rund um den Glo­bus gear­bei­tet. Die­se Erzie­hung zum gestör­ten Schlaf beginnt früh. Wer 1980 noch als Sieb­zehn­jäh­ri­ger am Sams­tag um 24 Uhr zu Hau­se sein muss­te, der sieht heu­te „alt“ aus, denn vor 23 Uhr beginnt am Wochen­en­de kei­ne Par­ty, und wenn man als Jugend­li­cher unter der Woche end­lich die läs­ti­gen Eltern oder die klei­ne Schwes­ter los ist, kann man im Bett Face­book mit per­sön­li­chen Daten füt­tern…

James Dean, schlaflos, Foto Dennis Stock, Quelle: tumblr.com

James Dean, schlaf­los, Foto Den­nis Stock, Quel­le: tumblr.com

Mit dem The­ma des schwin­den­den Schla­fes in unse­rer Gesell­schaft beschäf­ti­gen sich in den letz­ten Jah­ren welt­weit zuneh­mend Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Jour­na­lis­ten, Phi­lo­so­phen und Medi­zi­ne­rin­nen unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen, um das Phä­no­men zu beschrei­ben, die Ursa­chen zu erken­nen und auch die Aus­wir­kun­gen in ihrer Viel­falt zu erfas­sen. Tere­sa Brenn­an zum Bei­spiel, eine aus­tra­li­sche Geis­tes­wis­sen­schaft­le­rin, setzt sich in Glo­ba­li­sa­ti­on and Its Ter­rors (2002) mit der Glo­ba­li­sie­rung und ihren Schat­ten­sei­ten aus­ein­an­der. Schnel­le Pro­duk­ti­on für schnel­len Pro­fit for­dert nach Brenn­ans Ana­ly­se ihren Tri­but in Form von Umwelt­zer­stö­rung und gesund­heit­li­chen Schä­den: “… the fas­ter pro­duc­tion is the more short-term pro­fit it makes (and the sicker we and the world beco­me)“; Natur und Mensch brau­chen Zeit zur Erho­lung, zur Rekrea­ti­on, um Neu­es erschaf­fen zu kön­nen, fol­gert die Auto­rin. Auch Jona­than Cra­ry, Pro­fes­sor für Kul­tur und Theo­rie in New York, beschäf­tigt sich in 24/7, Schlaf­los im Spät­ka­pi­ta­lis­mus (2014), mit der Viel­falt des all­ge­mein akzep­tier­ten Schlaf­ent­zugs und hat ein Pam­phlet für die Ret­tung des Schla­fes ver­fasst. Noch einen Schritt wei­ter geht die ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin Jane May­er in The Dark Side (2008): Sie hat die Fol­ter­tech­ni­ken in exter­ri­to­ria­len Gefäng­nis­sen der USA recher­chiert und zeigt das Extrem von Schlaf­ent­zug als Fol­ter auf.

Es fehlt aber auch nicht an prak­ti­schen Rat­schlä­gen: Peter Spork, ein deut­scher Wis­sen­schafts­jour­na­list, fasst in Wake up (2014) die neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se zur bio­lo­gi­schen Rhyth­mus­for­schung zusam­men und bie­tet prak­ti­sche Anre­gun­gen, wie man zu mehr und gesün­de­rem Schlaf kom­men kann. Anna Wirz-Jus­ti­ce schliess­lich, eme­ri­tier­te Pro­fes­so­rin für Chro­no­bio­lo­gie in Basel und Vor­kämp­fe­rin für Licht- und Wach­the­ra­pie (Schlaf­ent­zugs­the­ra­pie) im Bereich der Psych­ia­trie, dis­ku­tiert  in Chro­no­the­ra­peutics for Affec­tive Dis­or­ders (gemein­sam mit F. Bene­det­ti und M. Ter­man, 2009)  den Ein­satz von Licht und Dun­kel­heit in der Behand­lung von Depres­sio­nen.

Robert de Niro, schaflos, Taxi Driver (1976)

Robert de Niro, schlaf­los: “Taxi Dri­ver” (1976)

„nur im Schlaf zum Kern des Lebens vordringen

Medi­zi­ner fas­sen die Anpas­sung des Men­schen an den Wech­sel von Tag und Nacht, von Akti­vi­tät und Ruhe, unter dem Begriff des Bio­rhyth­mus zusam­men, ein Phä­no­men, über das wir immer mehr wis­sen, das uns jedoch zuneh­mend abge­wöhnt wer­den soll und wird. Licht­ver­schmut­zung in den Städ­ten, 24 Stun­den Laden­öff­nungs­zei­ten, 24 Stun­den Online­prä­senz. Es soll rund um die Uhr kon­su­miert wer­den – allein, der Schlaf mit sei­ner behä­bi­gen Phy­sio­lo­gie hin­dert den Men­schen dar­an. Daher wird, in einer ansons­ten erober­ten Welt, auch im Schlaf wirt­schaft­li­ches Wachs­tums­po­ten­ti­al geor­tet; es gilt, die dunk­le Sei­te des Lebens in Geld umzu­set­zen. So zum Bei­spiel durch die Phar­ma­in­dus­trie: Einer­seits mit Schlaf­mit­teln, die immer mehr Men­schen abhän­gig machen – in der Schweiz schlu­cken fast 10% der Bevöl­ke­rung regel­mäs­sig und über Jah­re hin­weg Schlaf- und Beru­hi­gungs­mit­tel. Und and­rer­seits: Wer nicht gut aus­ge­schla­fen ist, kann wie­der­um mehr Schwung in sei­nem lan­gen Arbeits­tag errei­chen durch aller­lei leis­tungs­stei­gern­de Pil­len, die ver­bes­ser­te Arbeits- und Denk­leis­tun­gen (neu­deutsch „Neu­ro-Enhan­ce­ment“) ver­spre­chen, oder durch Wach­ma­cher, wie sie in der Par­ty­sze­ne ein­ge­setzt wer­den, um den Schlaf zu über­lis­ten.

Brad Pitt, nachts: "Fight Club" (1999)

Brad Pitt, nachts: “Fight Club” (1999)

Wer gera­de nicht online arbei­tet, kann sich die Zeit mit Com­pu­ter­spie­len ver­trei­ben, wie ein Pla­kat eines Tele­fon-Anbie­ters sug­ge­riert, auf dem ein klei­ner Jun­ge mit sei­nem Gross­va­ter bei Regen­wet­ter in einem Zelt über ein Tablet gebeugt beim „Gamen“ abge­bil­det ist, frei nach dem Mot­to “Es gibt kein schlech­tes Wet­ter, es gibt nur schlech­te Ver­bin­dung ins Inter­net“. So wird uns abge­wöhnt, die zeit­li­chen Zwi­schen­räu­me als sinn­voll zu emp­fin­den, als geschenk­te Zeit, in der etwas ent­ste­hen kann, aus einer Lan­ge­wei­le her­aus, in der sich das Hirn neu posi­tio­nie­ren kann, um aus Erleb­tem Neu­es zu gene­rie­ren. Es fin­det sich zuneh­mend weni­ger Zeit für Ruhe, Stil­le, für Anwe­sen­heit im gegen­wär­ti­gen Moment. Han­dy in der Tram, im Zug, auf dem Zebra­strei­fen, beim Auto­fah­ren, im Bett. Stän­di­ge Beschäf­ti­gung mit Irgend­et­was und noch mehr ist ange­sagt; der post­mo­der­ne Mensch braucht kei­ne Pau­sen, er hat sie ver­lernt, sie wer­den ihm aus­ge­trie­ben, um zu kon­su­mie­ren – oder sie wer­den so gestal­tet, dass gan­ze Wirt­schafts­zwei­ge davon leben, wie die Ent­span­nungs­in­dus­trie mit Licht­dusch­ses­seln, Sphä­ren­mu­sik, Bio­feed­back­ge­rä­ten, Medi­ta­ti­ons-Apps und Acht­sam­keits­kur­sen. Man kann mit dem Schlaf ande­rer Leu­te viel Geld ver­die­nen.

Der Beginn der Geschich­te des schlei­chen­den Schlaf­dieb­stahls liegt weit zurück. Die Men­schen in Mit­tel­eu­ro­pa schlie­fen zu Beginn des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts noch zehn Stun­den, wäh­rend sie in Nord­ame­ri­ka heu­te nur mehr sechs­ein­halb Stun­den täg­lich schla­fen, in Mit­tel­eu­ro­pa sie­ben Stun­den. Seit dem Beginn der Indus­tria­li­sie­rung wur­de der Schlaf als unpro­duk­ti­ve Pha­se und schein­bar not­wen­di­ges Übel betrach­tet, er schien irrele­vant für die Ent­wick­lung des Ver­stan­des und für die Erkennt­nis. Arthur Scho­pen­hau­er hin­ge­gen ver­such­te den Schlaf zu wür­di­gen, indem er mein­te, wir wür­den „nur im Schlaf zum Kern des Lebens vor­drin­gen“, und Sig­mund Freud nutz­te die Träu­me als Quel­le zur Deu­tung des Unbe­wuss­ten.

Edward Norton vor dem Bildschirm: "Fight Club" (1999)

Edward Nor­ton vor dem Bild­schirm, schlaf­los: “Fight Club” (1999)

Inzwi­schen steigt die Zahl der Men­schen, die nachts auf­ste­hen, um zum Bei­spiel Mails abzu­ar­bei­ten, ste­tig an. Das mag in man­chen Fäl­len not­wen­dig erschei­nen, um einen wich­ti­gen Deal nicht zu ver­säu­men und den Han­dels­part­nern in Über­see gerecht zu wer­den. Doch zugleich ver­fliesst die Gren­ze zwi­schen pri­va­ten und geschäft­li­chen Akti­vi­tä­ten im vir­tu­el­len Raum zuneh­mend. Der Sucht­fak­tor, der die­sen Akti­vi­tä­ten inne­wohnt, und der dem all­seits legi­ti­mier­ten Nar­ziss­mus dient, ist enorm, sowohl im Beruf, wo es um das geeig­ne­te Netz­werk für die zukünf­ti­ge Kar­rie­re geht, als auch in der Frei­zeit, wenn das Sel­fie, auf dem Berg­gip­fel mit dem neu­es­ten Moun­tain­bike, für den männ­li­chen und weib­li­chen „Freun­des­kreis“ gepos­tet wer­den muss, um dann auch dem Chef noch einen Link dazu zu sen­den. Die Crux bei der Sache ist, dass die Gerät­schaf­ten, mit denen das Geschäft der Kom­mu­ni­ka­ti­on betrie­ben wird, über LED Bild­schir­me ver­fü­gen, die einen hohen Anteil an blau­em Licht abstrah­len. Die­ser Anteil des Lichts beein­flusst die Bil­dung des Schlaf­hor­mons Mela­to­nin nega­tiv, das wir für einen ruhi­gen Nacht­schlaf benö­ti­gen. Wer sich nach geta­ner Face­book-, Mail-, Twit­ter- und Whats­app-Arbeit dann recht­schaf­fen müde, viel­leicht bereits zum wie­der­hol­ten Mal in die­ser Nacht, ins Bett legt und dar­auf war­tet, end­lich ruhig ein­schla­fen zu kön­nen, hat sich daher ver­rech­net. Auch ist es nicht rat­sam, immer wie­der auf die LED-erleuch­te­te Schei­be des Han­dy zu sehen, das auf dem Nacht­tisch liegt, um her­aus­zu­fin­den, wie spät es ist. Doch es gibt inzwi­schen Abhil­fe mit soge­nann­ten Blue­blo­cker-Bril­len oder man kann sich Pro­gram­me auf den PC laden, die den Blau­licht­an­teil regu­lie­ren. Aber auch auf Her­stel­ler­ebe­ne ist man sich des Pro­blems zuneh­mend bewusst und gibt Gegen­steu­er mit Betriebs­sys­te­men, die nachts den Anteil des roten Lich­tes für mobi­le Gerä­te erhö­hen.

Unentbehrlichkeitsfantasien und Müttergeschwätz

Zu wenig Schlaf macht krank, macht unglück­lich und macht auch letzt­end­lich phan­ta­sie- und wil­len­los, wobei dies der Kon­sum­be­reit­schaft zwei­fels­oh­ne ent­ge­gen­kommt. Schlaf­ent­zug ist nach der ers­ten Nacht eupho­ri­sie­rend und wird auch in der Psych­ia­trie als Initi­al­zün­dung für eine anti­de­pres­si­ve The­ra­pie ein­ge­setzt, doch dau­ert der Schlaf­ent­zug zu lan­ge, kommt es zu schwe­ren Beschwer­den bis hin zu psy­cho­ti­schen Zustands­bil­dern, nach unge­fähr 10 Tagen stirbt der schlaf­lo­se Mensch.

Wiona Ryder gibt Gena Rowland Feuer, nachts im Taxi: "Night on Earth" (1991)

Wino­na Ryder gibt Gena Row­lands Feu­er, nachts, im Taxi: “Night on Earth” (1991)

Doch abge­se­hen vom Extrem des tota­len Schlaf­ent­zu­ges, der als Fol­ter­me­tho­de ein­ge­setzt wird, zeigt auch der chro­ni­sche Man­gel an Schlaf Lang­zeit­schä­den, wobei die­ses Gefah­ren­po­ten­ti­al zwar erkannt, die­se Erkennt­nis aber noch nicht aus­rei­chend Ein­zug in Erzie­hung, Gesund­heits­be­ra­tung und Prä­ven­ti­on gefun­den hat. Was soll man zu einem intel­li­gen­ten Top­ma­na­ger sagen, der nach drei Jah­ren stän­di­gen Rhyth­mus­wech­sels durch Jet­lags, durch lan­ge Arbeits­ta­ge mit fle­xi­blem Büro, neu­deutsch „Home-office“ genannt, und der Unent­behr­lich­keits­fan­ta­sie, die sol­che Spe­zia­lis­ten antreibt, mit asch­grau­em Gesicht, tie­fen Augen­rin­gen und von zahl­rei­chen Infek­ten geplagt, über eine Gewichts­zu­nah­me trotz Kalo­ri­en­re­strik­ti­on berich­tet, sich über Kopf­schmer­zen beklagt und neben­bei erwähnt, in Tren­nung von sei­ner Frau zu leben, weil sie sei­ne Reiz­bar­keit nicht län­ger erträgt…? Und wenn es dann wei­ter heisst, dies alles daue­re bereits meh­re­re Mona­te, doch neu­lich hät­ten ihn die Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me und Wort­fin­dungs­stö­run­gen, wäh­rend wich­ti­ger Ver­hand­lun­gen mit einem chi­ne­si­schen Gross­kon­zern, durch sein unglaub­wür­di­ges Auf­tre­ten fast um den hoch­do­tier­ten Arbeits­platz gebracht. Was tun?

Maggie Cheung und Tony Leung Chiu Wai nachts, im Taxi: "In the Mood for Love" (2000)

Mag­gie Che­ung und Tony Leung Chiu Wai nachts, im Taxi: “In the Mood for Love” (2000)

Die­ser Mann wird dem Arzt nicht glau­ben, wenn der ihm sagt, er sol­le sich strikt an Bett­zei­ten hal­ten, soll sei­nen Lap­top und das Screen­pho­ne abschal­ten und vor allem auf regel­mäs­si­ge Essens­zei­ten ach­ten. Er wird dem Arzt nicht glau­ben, denn obwohl die oben auf­ge­lis­te­ten Sym­pto­me inzwi­schen weit­ver­brei­te­te Phä­no­me­ne dar­stel­len, gibt es um sie so etwas wie eine Tabu­zo­ne. Sie rie­chen nach per­sön­li­chem Ver­sa­gen, denn der Mensch kann doch nicht so alt­mo­disch sein, das alte Rezept der Mut­ter befol­gen zu müs­sen, die ihn damals, als der Kerl noch am Anfang sei­ner Kar­rie­re stand, frag­te „.….schläfst Du wohl genug und hast Du regel­mäs­sig geges­sen?“ Müt­ter­ge­schwätz.

The Stanford Prison Experiment, 1971; Bild: Chuck Painter / The Crime Museum

The Stan­ford Pri­son Expe­ri­ment, 1971; Bild: Chuck Pain­ter / The Crime Muse­um

Wenn der Arzt Gefahr läuft, in die­sel­be Schub­la­de wie die Mut­ter gesteckt zu wer­den, hilft der Hin­weis auf Schlaf­ent­zug als Fol­ter­me­tho­de: Fens­ter­lo­se Zel­len unter stän­di­ger Beleuch­tung. Die Ver­wei­ge­rung des Schla­fes ist die gewalt­sa­me Ent­eig­nung des Selbst durch eine äus­se­re Macht und dient der plan­mäs­si­gen Ver­nich­tung des Indi­vi­du­ums. Weis­se Fol­ter, eine sau­be­re Sache: nicht nach­weis­bar am Kör­per und auch nicht bei nach­träg­li­chen neu­ro­psy­cho­lo­gi­schen Tests.

Die psychiatrische Erfahrung

Doch die Beein­träch­ti­gung des frei­en Wil­lens beginnt bereits bei einer harm­los erschei­nen­den mehr­wö­chi­gen Ver­kür­zung der Schlaf­dau­er auf vier bis sechs Stun­den. Bei der Beob­ach­tung von Men­schen auf einer Bur­nout-Abtei­lung, die über län­ge­re Zeit durch­gän­gig unter Stö­rung ihres cir­ca­dia­nen (Tag/­Nacht-) Rhyth­mus lit­ten, zeigt sich, dass ein Mensch vier bis sechs Wochen nor­ma­le Schlaf­dau­er benö­tigt, bevor wie­der Lebens­freu­de und die Bereit­schaft, Neu­es auf­zu­neh­men, zum Vor­schein kom­men. Anfäng­lich bekla­gen sich die­se Pati­en­ten über angeb­li­che Män­gel auf der Abtei­lung; es wird an allem her­um­ge­krit­telt, sei es am Essen, oder der Zim­mer­ein­rich­tung. Ein Sym­ptom: Der Sta­tus durch Din­ge erscheint wich­tig, um dem Selbst noch genü­gend Halt hin­ter der brö­ckeln­den Fas­sa­de zu sichern.

Jürgen Teller: Young Pink Kate, London 1991; Quelle: esel.at

Jür­gen Tel­ler: Young Pink Kate, Lon­don 1991; Quel­le: esel.at

Die­se Hal­tung ver­liert sich, wenn die Pati­en­ten aus­ge­schla­fen sind, sich selbst wie­der spü­ren und genü­gend Kraft ent­wi­ckeln, um die Umge­bung dif­fe­ren­ziert und neu­gie­rig zu betrach­ten und zudem sagen kön­nen, was sie wol­len und was nicht. Grund­la­ge der Selbst­be­stim­mung, Grund­la­ge eines gesell­schaft­li­chen Mit­ein­an­ders und dafür, selbst­be­stimmt Zeit zu ver­brin­gen, viel­leicht in der Natur, ohne „Gad­gets“, um resis­ten­ter zu wer­den gegen die ver­lo­cken­den Anfech­tun­gen der Zeit­fress­ma­schi­nen, die Selbst­ent­frem­dung por­tie­ren.

Der Druck, Schlaf und Erho­lung für Pro­duk­ti­on oder Kon­sum zu nut­zen, trifft aller­dings auch die Ärz­te selbst. Es gibt zum Bei­spiel Über­le­gun­gen, dass ein Arzt, der in der Nacht Dienst auf einer Sta­ti­on ver­sieht, in den Stun­den, in denen er nicht von Pati­en­ten in Anspruch genom­men wird, ande­re Tätig­kei­ten ver­rich­ten soll, und sei es, Admi­nis­tra­ti­ves für die Ver­wal­tung des Spi­tals zu erle­di­gen. Auch der Arbeits­tag des Arz­tes ist extrem durch­ge­plant, und es darf nichts Unvor­her­ge­se­he­nes gesche­hen, wie etwa ein Gespräch mit einem unein­sich­ti­gen Pati­en­ten, der nicht ver­steht, dass er das Spi­tal ver­las­sen soll, weil die Kos­ten­gut­spra­che seit zwei Tagen abge­lau­fen ist. Ganz zu schwei­gen von „Zeit­fres­sern“, wenn ein Pati­ent unge­plant an der Brüs­tung der Dach­ter­ras­se steht, um sich in die Tie­fe zu stür­zen. Der Beruf des Arz­tes besteht in der Bewäl­ti­gung sol­cher Situa­tio­nen. Ein Pla­nungs­pro­gramm, das ver­sucht, Leer­zei­ten zu ver­hin­dern und die vor­ge­ge­be­ne Ter­min­fre­quenz ver­dich­tet, zer­stört die beruf­li­che Zufrie­den­heit. Die Ent­wick­lung eines krea­ti­ven, hoch­pro­fes­sio­nel­len Eigen­rhyth­mus, der sich vir­tu­os an die Anfor­de­run­gen anzu­pas­sen ver­steht und der zwi­schen schnell und lang­sam, viel und wenig, laut und lei­se zu unter­schei­den ver­mag, wird abge­schafft. Unzu­frie­den­heit gene­riert auch eine Ver­tei­lung der Auf­ga­ben im Arbeits­all­tag mit 2/3 Doku­men­ta­ti­on und Orga­ni­sa­ti­on, zu 1/3 Pati­en­ten­kon­takt, wobei Ers­te­res haupt­säch­lich der Abbil­dung von Letz­te­rem mit elek­tro­ni­schen Mit­teln dient. Es ist kaum mög­lich, sol­che Vor­ga­ben ohne Ver­lust von mensch­li­cher Begeg­nungs­qua­li­tät zu erfül­len. Der Arzt ist hier nur Stell­ver­tre­ter für ande­re Berufs­grup­pen, die der gras­sie­ren­den Struk­tu­rie­rungs­wut unter­wor­fen sind. Am schmerz­lichs­ten spür­bar jeden­falls sind die Aus­wir­kun­gen des Neo­li­be­ra­lis­mus in den Arbeits­be­rei­chen, die mit Men­schen, Bezie­hun­gen, Erzäh­lun­gen und Dia­lo­gen zu tun haben.

Kreativität braucht Schlaf

Tilda Swinton schläft in einer Vitrine des MoMa, New York, 2013; Quelle: sueddeutsche.de

Til­da Swin­ton schläft in einer Vitri­ne des MoMa, New York, 2013; Quel­le: sueddeutsche.de

Die Fähig­keit, krea­tiv zu sein, und das ist nicht nur im künst­le­ri­schen Sinn gemeint, braucht Pau­sen. Eine wei­te­re Vor­aus­set­zung für die­se Fähig­keit krea­tiv zu sein, besteht dar­in, im Schlaf mit etwas in uns und um uns in Berüh­rung zu kom­men, was nicht nor­miert, durch­struk­tu­riert und kon­sum­ori­en­tiert ist. Krea­ti­vi­tät birgt auch „Eigen­sinn“ in der Bedeu­tung, das phy­si­sche und psy­chi­sche „Selbst“ bes­ser wahr­neh­men zu kön­nen, um zu einer selbst­be­stimm­ten Wil­lens­äus­se­rung im Stan­de zu sein. Die­se aus­ge­schla­fe­ne und bewuss­te, von Kon­sum und Ansprü­chen unbe­ein­fluss­te Wil­lens­äus­se­rung ist unter ande­rem eine Vor­aus­set­zung für ein hoch­ent­wi­ckel­tes demo­kra­ti­sches Sozi­al­ge­fü­ge. Krea­ti­vi­tät braucht als Grund­be­din­gung eben­so eine Zone, in der wir dem stän­di­gen „Dabei­sein“ ent­rin­nen kön­nen. Gewalt, Ter­ror und Krie­ge auf unse­rem Pla­ne­ten sind medi­al omni­prä­sent und sickern in unser Unbe­wuss­tes, das dazu auf­for­dern möch­te, nicht untä­tig zu sein. Die Nai­vi­tät des Schla­fes erscheint als unpas­sen­de phy­sio­lo­gi­sche Reak­ti­on, was nicht zuletzt auch die gras­sie­ren­de Schlaf­lo­sig­keit erklärt. Viel­leicht brau­chen wir wie­der weni­ger Infor­ma­tio­nen, um wirk­lich mit­re­den und mit­ge­stal­ten zu kön­nen, und soll­ten uns den Luxus leis­ten, die Gerä­te abzu­schal­ten, Pau­sen zu machen, nicht stän­dig online und durch­ge­tak­tet zu sein. Wir ver­schwen­den uns selbst und die Res­sour­cen der Erde, auf der wir leben, wenn wir 24 Stun­den pro­du­zie­ren, kon­su­mie­ren, Müll anhäu­fen und alles bis in den letz­ten Win­kel aus­leuch­ten, um nicht das gerings­te Geheim­nis mehr zu fin­den in den dunk­len Stun­den des Lebens, die vor lan­gen Zei­ten so dun­kel waren, dass man im Licht der Ster­ne wan­dern konn­te.

Von Melitta Breznik

Melitta Breznik ist als Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und als Leitende Ärztin einer psychosomatischen Klinik in der Schweiz tätig. Ihre Prosabücher erscheinen im Luchterhandverlag München.