Geschichten der Gegenwart

Mit dem Kriegs­aus­bruch im Herbst 1939 vergrös­serte sich die Einfluss­sphäre des Drit­ten Reichs. Von Frank­reich bis zur Wolga, von Norwe­gen bis Grie­chen­land wurden Menschen verfolgt und ermor­det, zur Zwangs­ar­beit verschleppt oder massen­weise in Lager depor­tiert. Die Schweiz erschien demge­gen­über als siche­rer Hafen oder wahl­weise als Rettungs­boot, verschont von Krieg und Besat­zung. Stär­ker noch als den realen Bedin­gun­gen während des Zwei­ten Welt­kriegs entspricht dieses Bild der Schweiz dem Sonder­fall­den­ken, mit dem sich unser Land seit den 50er Jahren aus der euro­päi­schen Geschichte heraus­zu­deu­ten und damit auch vor Fragen nach historisch-politischer Verant­wor­tung zu schüt­zen suchte. Bis heute verstellt der Mythos vom Sonder­fall den Blick auf die Geschichte der Schweiz. Das zeigt der vergan­gen­heits­po­li­ti­sche Umgang mit Schwei­zer Opfern der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfolgung.

Die Geschichte des René Pilloud

KZ Maut­hau­sen, Häft­linge beim Trans­port von Stei­nen über die "Todes­stiege", SS-Foto, zwischen 1942 und 1944, www.mauthausen-memorial.org

Über Holocaust-Überlebende, die als Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer dem NS-Terror ausge­setzt waren oder nach dem Ende des Natio­nal­so­zia­lis­mus in die Schweiz kamen, wissen wir bis heute wenig. Gut Tausend Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer fielen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfol­gung zwischen 1933 und 1945 zum Opfer. Einer von ihnen war René Pill­oud. 1916 in Châtel St-Denis im Kanton Frei­burg gebo­ren, zog er als Kind mit seiner Fami­lie nach Belle­garde in Frank­reich. Im Februar 1944 befand sich der 18-Jährige mit Kolle­gen im Auto auf dem Weg zu einem Sport­wett­be­werb in der Region, als sie von der Gestapo ange­hal­ten wurden. Ihnen wurde – fälsch­li­cher­weise – vorge­wor­fen, Mitglie­der der fran­zö­si­schen Wider­stands­be­we­gung zu sein. Die Jugend­li­chen wurden zunächst ins Tran­sit­la­ger Compiègne gebracht. Von dort trans­por­tierte man Pill­oud in einem plom­bier­ten Vieh­wa­gen ins Konzen­tra­ti­ons­la­ger Maut­hau­sen. Hier musste er zunächst in einem Stein­bruch arbei­ten. Ab Januar 1945 zwan­gen ihn die Natio­nal­so­zia­lis­ten zur Arbeit im Krema­to­rium, wo er 300 bis 400 Leichen pro Tag verbren­nen musste. Im Januar 1945 starb der Schwei­zer Marcel Gail­lard, der mit Pill­oud gefan­gen­ge­nom­men und ins Lager verschleppt worden war. Pill­oud über­lebte. Als er im April 1945 mit einem Konvoi des IKRK in die Schweiz gelangte, wog er noch 39 Kilo. Zusam­men mit ehema­li­gen Mithäft­lin­gen wurde er ins Spital von Same­dan gebracht. Pill­oud erkrankte an Tuber­ku­lose und kam 1946 in ein Sana­to­rium nach Leysin. Später kehrte er nach Frank­reich zurück. Im Rahmen des Wieder­gut­ma­chungs­ab­kom­mens zwischen der BRD und der Schweiz erhielt er 1959 eine finan­zi­elle Entschä­di­gung für das Erlit­tene. Obwohl Pill­oud von offi­zi­el­ler Seite als Opfer aner­kannt worden ist, ist ein Schick­sal wie seines im kollek­ti­ven Gedächt­nis der Schweiz nur bruch­stück­haft – wenn über­haupt –  repräsentiert.

Schwei­zer Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfolgung

René Pill­oud war jedoch längt nicht das einzige schwei­ze­ri­sche Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfol­gung. Wie ihm ging es vielen weite­ren Frauen und Männern, die für den fran­zö­si­schen oder belgi­schen Wider­stand gekämpft oder sich in Osteu­ropa Parti­sa­nen­grup­pen ange­schlos­sen hatten. Melde­ten sie sich Ende der 1950er Jahre im Rahmen des Entschä­di­gungs­ab­kom­mens zwischen der Schweiz und der BRD für eine finan­zi­elle Wieder­gut­ma­chung an, so erhiel­ten sie in der Regel nicht die volle Entschä­di­gungs­summe, da sie nach Ansicht der zustän­di­gen Kommis­sion aufgrund der Neutra­li­tät der Schweiz ein „Selbst­ver­schul­den“ für ihre Verfol­gung aufwie­sen. Mit der Unter­stüt­zung der Rési­s­tance, so die Argu­men­ta­tion der Kommis­sion, hätten diese Perso­nen gegen die damals geltende Neutra­li­täts­ma­xime der Schweiz verstos­sen, weshalb sie nun bei der Entschä­di­gung Einschrän­kun­gen in Kauf nehmen müssten.

Die Schwei­zer Holocaust-Überlebende Nina Weil, eine von vier­zehn Über­le­ben­den des Holo­caust, denen in der ETH eine Ausstel­lung gewid­met war. Foto: Beat Mumenthaler

Zahl­rei­che Schwei­zer Fami­lien, die im Ausland gelebt hatten, wurden als Juden verfolgt und konn­ten nur unter Zurück­las­sung ihres gesam­ten Hab und Gut in ihr ursprüng­li­ches Heimat­land flie­hen. Sie erhiel­ten weni­ger Entschä­di­gung, wenn ihre mate­ri­elle Situa­tion am Ende der 1950er Jahre von der zustän­di­gen Kommis­sion als „gut“ einge­schätzt wurde. Andere Jüdin­nen und Juden waren depor­tiert und über Drancy nach Ausch­witz, Flos­sen­bürg oder andere NS-Lager gebracht worden, wo die meis­ten von ihnen ums Leben kamen. So erging es André Weill, 1895 in La Chaux-de-Fonds gebo­ren. 1943 lebte er in Frank­reich, als er aufgrund seiner jüdi­schen Herkunft zusam­men mit seiner Frau verhaf­tet wurde. Von Drancy depor­tierte man ihn nach Ausch­witz, wo sich seine Spur verliert. Bei vielen dieser NS-Verfolgten handelte es sich um Doppel­bür­ger, um Perso­nen, die in der Schweiz gebo­ren waren oder um solche, deren Eltern Schwei­zer waren. Sie waren ins Ausland ausge­wan­dert oder hiel­ten sich dort vorüber­ge­hend auf.

Lücken im kollek­ti­ven Gedächt­nis

Hinsicht­lich der NS-Verfolgten besteht im öffent­li­chen Gedächt­nis der Schweiz eine merk­wür­dige Diskre­panz zwischen dem allge­mei­nen Inter­esse am Holo­caust einer­seits und dem Herstel­len einer Verbin­dung zur Schweiz ande­rer­seits. Auf der einen Seite ist der Holo­caust wie über­all in den west­li­chen Gesell­schaf­ten auch hier­zu­lande ein allge­gen­wär­ti­ges Thema. In den letz­ten Jahren sind Lehr­mit­tel erschie­nen, die die NS-Zeit für Schü­le­rin­nen und Schü­ler zugäng­lich machen. Seit 2004 wird in mehre­ren Kanto­nen in den Mittel­schu­len jeweils Ende Januar ein Holocaust-Gedenktag began­gen, und an verschie­de­nen Pädago­gi­schen Hoch­schu­len nimmt die soge­nannte Holocaust-Education einen wich­ti­gen Stel­len­wert ein. Auch in Ausstel­lun­gen wird den Über­le­ben­den des Holo­caust gedacht: so in der aktu­el­len Ausstel­lung „The last Swiss Holo­caust Survi­vors“ zu den letz­ten noch leben­den Opfern des Holo­caust in der Schweiz, die aktu­ell im Archiv für Zeit­ge­schichte in Zürich zu sehen ist. Schliess­lich hat die Schweiz dieses Jahr den Vorsitz der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance über­nom­men: einer aus 31 Mitglied­staa­ten bestehen­den Orga­ni­sa­tion, die die Förde­rung von Forschung und Bildung im Zusam­men­hang mit dem Holo­caust sowie die Erin­ne­rung an die Opfer durch Gedenk­fei­ern und -stät­ten zum Ziel hat.

Der Holocaust-Gedenkstein auf dem jüdi­schen Fried­hof in Endin­gen, Quelle: srf.ch

Während das gesell­schafts­po­li­ti­sche Inter­esse der inter­na­tio­na­len Debatte folgt, bleibt die wissen­schaft­li­che Ausein­an­der­set­zung mit dem Thema hinter den inter­na­tio­na­len Stan­dards zurück. Dies gilt insbe­son­dere für Forschun­gen, die eine Verbin­dung zwischen der Schweiz und der Shoah – und somit auch zu Schwei­zer Opfern der NS-Verfolgung – herstel­len. Weil diese Biogra­fien bisher nicht syste­ma­tisch aufge­ar­bei­tet wurden, figu­riert die Schweiz in inter­na­tio­na­len Stan­dard­wer­ken zu NS-Opfern wie jenem von Wolf­gang Benz zu den „Dimen­sio­nen des Völker­mords“ als weis­ser Fleck. Im Gegen­satz zu den meis­ten euro­päi­schen Ländern gibt es hier­zu­lande weder eine Liste, welche die Schwei­zer Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus erfas­sen würde, noch eine Erin­ne­rungs­kul­tur, die diesen Schick­sa­len (wenn über­haupt) eine über den Einzel­fall hinaus­ge­hende Bedeu­tung zumes­sen würde. Ganz anders präsen­tiert sich die Situa­tion im eben­falls neutra­len Schwe­den, wo der Shoah offi­zi­ell gedacht wird. Auf dem Holo­caust­denk­mal in Stock­holm sind auch die Namen jener Lager­in­sas­sin­nen und –insas­sen eingra­viert, die – woher sie ursprüng­lich auch immer stamm­ten – nach ihrer Befrei­ung zur Erho­lung nach Schwe­den kamen, aufgrund ihres schlech­ten Gesund­heits­zu­stan­des dort aber kurz darauf verstar­ben. In der Schweiz hinge­gen ist über die zahl­rei­chen über­le­ben­den Lager­häft­linge wie René Pill­oud kaum etwas bekannt. Sie fehlen nicht nur in den wissen­schaft­li­chen Stan­dard­wer­ken. Sie fehlen auch im Geschichts­be­wusst­sein und im kultu­rel­len Gedächt­nis einer Schwei­zer Öffent­lich­keit, die sich für den Holo­caust zwar sehr inter­es­siert, aber gerade den Schweiz-Bezug dieses Themas verpasst.

Kogni­tive Orien­tie­run­gen des Sonderfalldenkens

In der Zeit nach dem Mai 1945 war das Inter­esse für die Geschich­ten von ehema­li­gen KZ-InsassInnen auch in der Schweiz vorhan­den. Print­me­dien oder auch Radio Bero­müns­ter berich­te­ten über NS-Opfer aus der Schweiz. Andere Verfolgte traten wie René Pill­oud selber an Zeitun­gen heran und mach­ten ihre Erleb­nisse publik. Diese Thema­ti­sie­rungs­kon­junk­tur flachte aber schnell ab. Bereits in den 50er Jahren wollte man von solchen Schick­sa­len nichts mehr wissen. Zurück­zu­füh­ren ist dies einer­seits auf den laten­ten Anti­se­mi­tis­mus, an den man in der Schweiz nach 1945 ohne Aufar­bei­tung anknüpfte. Dass die Empa­thie mit den mehr­heit­lich jüdi­schen Schwei­zer Opfern der NS-Verfolgung nicht allzu gross war, zeigte sich nicht nur am gerin­gen media­len Inter­esse für den Entschä­di­gungs­pro­zess am Ende des Jahr­zehnts, sondern auch in den unüber­hör­ba­ren anti­se­mi­ti­schen Unter­tö­nen, welche die parla­men­ta­ri­sche Debatte dazu beglei­te­ten. Wie in der Schweiz wohn­hafte Holocaust-Überlebende berich­ten, war die Thema­ti­sie­rungs­schwelle hoch. Die Angst vor Stig­ma­ti­sie­rung und Anti­se­mi­tis­mus trug mit dazu bei, dass ihre Erleb­nisse selbst inner­halb der Fami­lie kaum zur Spra­che kamen. Für das Abeb­ben der Bericht­erstat­tung war ande­rer­seits entschei­dend, dass die Sonderfall-Doktrin in den 50er Jahren zum staats­po­li­ti­schen Dogma gerann. Im glei­chen Masse, wie die Neutra­li­tät der Schweiz zum zentra­len Para­digma der Erin­ne­rung an die Kriegs­jahre wurde, traten die Schwei­zer Opfer der NS-Verfolgung, die es aus Neutra­li­täts­grün­den gar nicht hätte geben dürfen, in den Hinter­grund. In Verlän­ge­rung des Neutra­li­täts­pa­ra­dig­mas erschei­nen sie bis heute als eine Unmög­lich­keit. So gese­hen lebt die kogni­tive Orien­tie­rung des Sonder­fall­den­kens mit ihrer charak­te­ris­ti­schen Mischung aus Über­le­gen­heits­ge­fühl und Isola­tio­nis­mus in der histo­ri­schen Forschung der Gegen­wart fort.

Abbau von Denk­bar­rie­ren als (geschichts-)politische Aufgabe

„Von der SVP wegen seines „selbst­anklä­ge­ri­schen Grund­tons“ massiv kriti­siert, von der Lehrer­schaft aber geschätzt: Das 2006 erschie­nene Lehr­mit­tel "Hinschauen und nach­fra­gen: die Schweiz und die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus im Licht aktu­el­ler Fragen“.

Das ist erstaun­lich, ist der Sonder­fall Schweiz mitt­ler­weile doch zu einem belieb­ten Studi­en­ob­jekt der Geschichts­wis­sen­schaft gewor­den. Spätes­tens seit die Schweiz vor gut zwan­zig Jahren von den „Schat­ten des Zwei­ten Welt­kriegs“ einge­holt wurde, lässt sich dieser Mythos nicht mehr halten. Mitte der 1990er Jahre wurde die Schweiz auf Druck von aussen gezwun­gen, ihre kollek­tive Erin­ne­rung an die Zeit des NS und des Kriegs an die euro­päi­sche anzu­glei­chen. Gefragt war nicht mehr das Andenken an Armee und Neutra­li­tät, sondern die Aufar­bei­tung der wirt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zu NS-Deutschland. Mit der Unab­hän­gi­gen Exper­ten­kom­mis­sion Schweiz – Zwei­ter Welt­krieg (Bergier-Kommission), die ihre Arbeit 1996 aufnahm, setzte ein eigent­li­cher Forschungs­boom ein, der das histo­ri­sche Wissen um das Verhal­ten der Schweiz zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus erheb­lich erwei­tert hat. Obwohl die UEK in ihrem Schluss­be­richt von 2002 die fehlende Aufar­bei­tung der Schwei­zer Opfer der NS-Verfolgung beklagte und diese expli­zit als Forschungs­de­si­de­rat heraus­stellte, ist gerade in diesem Punkt ein beharr­li­ches Treten an Ort zu verzeichnen.

Es ist wich­tig, dass die Geschichts­for­schung diese Denk­bar­rie­ren aus dem Kalten Krieg endlich über­win­det. Es wäre nicht nur selt­sam, wenn die Schweiz in ihrer aktu­el­len Funk­tion als Vorsit­zende der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­brance Alli­ance es ausge­rech­net im eige­nen Land versäumte, die mit der NS-Verfolgung verknüpfte(n) Geschichte(n) zu erfor­schen und zu rekon­stru­ie­ren. Als Mitglied einer Orga­ni­sa­tion, die sich die Unter­stüt­zung, Koor­di­na­tion und Mobi­li­sa­tion von poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Initia­ti­ven zur Aufklä­rung, Erin­ne­rung und Forschung über den Holo­caust auf natio­na­ler wie auf inter­na­tio­na­ler Ebene ebenso zum Ziel gesetzt hat wie den Kampf gegen Anti­se­mi­tis­mus, sollte die Schweiz viel­mehr aktiv dazu über­ge­hen, indi­vi­du­elle Erin­ne­run­gen wie jene von René Pill­oud dem kollek­ti­ven Geden­ken durch entspre­chende Gedächt­nis­orte zugäng­lich zu machen. Wenn die letz­ten Zeit­zeu­g­in­nen und Zeit­zeu­gen der NS-Verfolgung ster­ben, versie­gen die Erzäh­lun­gen aus eige­ner Anschau­ung. Es ist Aufgabe der Geschichts­wis­sen­schaft, die indi­vi­du­el­len Schick­sale zu rekon­stru­ie­ren, in den Archi­ven aufzu­spü­ren und in einen grös­se­ren Zusam­men­hang zu stel­len. Die Gesell­schaft als Ganze ist dafür verant­wort­lich, ihnen auf dieser Grund­lage einen ange­mes­se­nen Platz im kultu­rel­len Gedächt­nis zu verschaffen.

Von Christina Späti

Christina Späti ist Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg i. Üe. Sie forscht zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus, zu Antisemitismus und Orientalismus, vergleichender Sprachenpolitik und zur 68er Bewegung.