Geschichten der Gegenwart

Auf die Infor­ma­tio­nen kommt es an! So sieht es auch die Mehr­heit der rund 14000 „Verleger_innen“ (d.h. Abonnent_innen) des viel­ver­spre­chen­den Crowd­fun­ding-Pro­jekts „Repu­blik“. Die neu­es­te Hoff­nung eines unab­hän­gi­gen Jour­na­lis­mus für die Schweiz hat­te ihre „Verleger_innen“ vor die Wahl gestellt: Eine Neu­an­stel­lung für Sati­re, Deutsch­land­kor­re­spon­denz oder Daten­jour­na­lis­mus? Mit einer deut­li­chen Mehr­heit von 58% ent­schied man sich für die Anstel­lung eines/einer Datenjournalisten/in. Die Beschrei­bung der Stel­le für „zeit­ge­mä­ße Recher­che“ (Repu­blik) umreißt die Dring­lich­keit in unse­rer kom­ple­xen Welt, gesi­cher­te Fak­ten zu sam­meln und die­se in anschau­li­che Com­pu­ter­mo­del­le und Gra­fi­ken zu über­tra­gen. Die Maschi­ne als Kor­rek­tiv der „Feh­ler des Kop­fes“ (Repu­blik).

Die genann­te Abstim­mung zeugt von einer regel­rech­ten Begeis­te­rung für die Infor­ma­ti­on in unse­rer Gegen­wart. Es haf­tet die stil­le Hoff­nung an den Infor­ma­tio­nen, dass ihr Erwerb die kom­pli­zier­te Welt kla­rer und bes­ser macht – gewis­ser­ma­ßen von selbst. Die­sem Ver­trau­en ent­springt in jüngs­ter Zeit auch eine gan­ze Fül­le an Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fungs­tools für Jeder­mann – so z.B. der Fak­ten­fin­der der ARD Tages­the­men. Hier wird die „inten­si­ve Recher­che von mut­maß­li­chen Falsch­in­for­ma­tio­nen“ (Kai Gniff­ke, Chef­re­dak­teur ARD-aktu­ell) durch­ge­führt und allen zur Ver­fü­gung gestellt. Infor­ma­tio­nen, Daten und Fak­ten – als oft mehr oder weni­ger syn­onym ver­wen­de­te For­men des Wis­sens – sind seit neu­es­tem durch das Post­fak­ti­sche und Fake-News einem rech­ten Rela­ti­vis­mus aus­ge­setzt. Das macht unser Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis nicht wirk­lich gerin­ger. Nein, wir bau­en gera­de dar­auf unse­re gan­zen Erwar­tun­gen. Hilft doch nur die sorg­fäl­ti­ge Recher­che, das Post­fak­ti­sche als Unsinn zu ent­lar­ven – gemäß der The­se all jener, die sich dem Post­fak­ti­schen ent­ge­gen­stel­len. Dass das Über­prü­fen von ‚Fak­ten’ eine Fra­ge der Red­lich­keit ist, dar­auf hat Phil­ipp Sara­sin hier eben­falls zurecht auf­merk­sam gemacht.

Die Fehler des Kopfes

Neben dem durch­aus berech­tig­ten und not­wen­di­gen Behar­ren auf gewis­sen­haf­ter Über­prü­fung von Aus­sa­gen und Zusam­men­hän­gen scheint der Gewährs­mann der oben erwähn­ten stil­len Hoff­nung, die maschi­nel­le Ver­nunft der Infor­ma­tio­nen zu sein. „Lan­ge Zeit war der ein­zi­ge Ort, Ver­wi­ckel­tes zu ent­wir­ren“, erklärt die „Repu­blik“ wei­ter zum Daten­jour­na­lis­mus, „der ein­zel­ne Kopf. Der füll­te sich, wur­de krank und gebar dann meist unter Schmer­zen ein Buch, einen Film, einen Arti­kel.“ Aber bei der Kom­ple­xi­tät und unüber­sicht­li­chen Fül­le an kon­kur­rie­ren­de und teils ver­steck­ten Fak­ten „reicht der Kopf längst nicht mehr aus“. Was aus den anschau­li­chen und die Welt in Form gie­ßen­den Pro­gram­men des Daten­jour­na­lis­ten ent­steht, sei eben „hand­fest“ – so die Repu­blik und mit ihr eine Mode, die glaubt, der Welt mit Ratio allein nicht mehr bei­kom­men zu kön­nen. Im Ver­trau­en auf die Infor­ma­tio­nen steckt der Wunsch, aus einem erklä­ren­den einen exak­ten Jour­na­lis­mus wer­den zu las­sen. Hier flam­men Stim­men einer alten Strei­tig­keit wie­der auf. Es geht um die Ver­mes­sung des Stel­len­werts von Natur und Tech­nik, von Mensch und Maschi­ne, letzt­lich um die Dicho­to­mie von Vita­lis­mus und Mecha­nis­mus, die in Kul­tur und Wis­sen­schaft spä­tes­tens seit dem 18. Jahr­hun­dert immer wie­der neu durch­de­kli­niert wird und ihre Gegen­sät­ze auf unter­schied­li­che Wei­se zu ver­bin­den sucht.

Schul­wand­bild “Obst­baum-Schäd­lin­ge”, frü­hes 20. Jahr­hun­dert; Quel­le: zvab.com

Der Infor­ma­ti­ons­be­griff in sei­ner heu­ti­gen Seman­tik ist Ergeb­nis einer sol­chen Neu­ver­mes­sung. Fin­det der Begriff aktu­ell sowohl in zahl­rei­chen Wis­sen­schaf­ten als auch im all­täg­li­chen Sprach­ge­brauch Ver­wen­dung, war er bis in die 20er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts eher unge­bräuch­lich und wur­de nur in der geho­be­nen Spra­che für „Unter­richt“, „Anwei­sung“ oder „Aus­kunft“ genutzt. Man infor­mier­te sich nicht, son­dern wur­de infor­miert – der Schü­ler also durch den Infor­ma­tor belehrt.

Der Begrün­der der Infor­ma­ti­ons­theo­rie und wei­chen­stel­len­der Theo­re­ti­ker aller Daten­über­tra­gungs­tech­no­lo­gi­en seit­her war der Mathe­ma­ti­ker Clau­de E. Shan­non. Mit sei­nem viel­be­ach­te­ten Haupt­werk von 1949, A Mathe­ma­ti­cal Theo­ry of Com­mu­ni­ca­ti­on, tra­ten die bis anhin gel­ten­den Bedeu­tun­gen von Kom­mu­ni­ka­ti­on in den Hin­ter­grund und begann die stei­le Kar­rie­re des Infor­ma­ti­ons­be­griffs – auch jen­seits der Wis­sen­schaft. Shan­non unter­such­te die Über­tra­gung von Nach­rich­ten inner­halb eines geschlos­se­nen Sys­tems, die Codie­rung und Deco­die­rung von Infor­ma­tio­nen hin­sicht­lich Effi­zi­enz, Ver­lust und Red­un­danz. Ihm ging es um die tech­ni­sche Opti­mie­rung von Über­tra­gungs­sys­te­men – vor­erst in künst­li­chen Spra­chen. Er selbst schloss jedoch nicht aus, dass sei­ne Theo­rie nicht auch auf natür­li­che Spra­chen anwend­bar sei. In der Rezep­ti­on geschah genau das. Infor­ma­ti­on avan­cier­te zu einem Schlag­wort effi­zi­en­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie wur­de zu einer Modell­vor­stel­lung kleins­ter Häpp­chen eines jeden Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gangs. Dar­um über­tru­gen sich Infor­ma­tio­nen fort­an inner­halb des mensch­li­chen Kör­pers, zwi­schen den Men­schen und ande­ren Lebe­we­sen wie auch inner­halb der Maschi­nen – sie wur­den zu einer Art all­ge­mei­nem Lebens­prin­zip tech­ni­scher wie bio­lo­gi­scher Orga­nis­men.

„Abwesenheit von Nichtwissen“

Infor­ma­ti­on tech­no­lo­gy con­cept on com­pu­ter dis­play with ani­ma­ted dots and lines of mole­cu­le on blue back­ground; Quel­le: videoblocks.com

Die auf der Theo­rie Shan­nons basie­ren­de Kyber­ne­tik popu­la­ri­sier­te den Infor­ma­ti­ons­be­griff auf brei­tem Feld in Wis­sen­schaft und Gesell­schaft. Mit­te der 60er Jah­re defi­nier­ten die Grund­be­grif­fe der Kyber­ne­tik Infor­ma­ti­on als die „Abwe­sen­heit von Nicht­wis­sen in einem Zusam­men­hang von Sen­der und Emp­fän­ger“. Infor­ma­ti­on gerann zu etwas Gegen­ständ­li­chem, zu etwas Aus­tausch­ba­rem, das Wis­sen ver­sprach und dies bis heu­te tut. Der wis­sen­schaft­li­che Begriff von Infor­ma­ti­on hat zwar dem all­tags­sprach­li­chen neue Popu­la­ri­tät geschenkt, aber der tech­ni­sche Aspekt des effi­zi­en­ten, for­ma­li­sier­ten Aus­tauschs bestimmt seit Shan­non sei­ne Bedeu­tung. Das unge­stör­te Sen­den und Emp­fan­gen wur­de zum Poli­ti­kum. Bereits die „All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te“ for­mu­lier­te in Arti­kel 19 zur Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit die For­de­rung, „Infor­ma­tio­nen und Gedan­ken­gut [unge­hin­dert] zu suchen, zu emp­fan­gen und zu ver­brei­ten“ (AEMR). Infor­ma­tio­nen wur­den zu etwas poli­tisch Umkämpf­tem und ihr Aus­tausch zur Not­wen­dig­keit demo­kra­ti­scher Staa­ten – ermög­licht ein frei­er Zugang zu Infor­ma­tio­nen doch eine freie Pres­se, den mün­di­gen Bür­ger und damit die Demo­kra­tie über­haupt. Die ‚Leaks’ der letz­ten Jah­re unter­strei­chen die poli­ti­sche Dimen­si­on der Infor­ma­tio­nen.

Sich zu infor­mie­ren, ist mit der Bürg­schaft tech­ni­scher Prä­zi­si­on sowie maschi­nel­ler Unfehl­bar­keit ver­se­hen und ver­spricht den Aus­weg aus dem Unwis­sen. Dies ist die maschi­nel­le Ver­nunft, auf der das Ver­trau­en in die Infor­ma­tio­nen sein Fun­da­ment fin­det. Es ist die Ver­schrän­kung der tech­nisch-maschi­nel­len Seman­tik mit der demo­kra­ti­schen Ver­hei­ßung im Infor­ma­ti­ons­be­griff, der das Ver­trau­en auf die Infor­ma­tio­nen unter­mau­ert. Man glaubt mit ihnen ein prä­zi­ses Tool zur Abschaf­fung von Nicht­wis­sen und Eta­blie­rung von Demo­kra­tie zu besit­zen.

Man könn­te sich aller­dings täu­schen. Ter­ry Gil­liams hat 1985 in sei­ner Gro­tes­ke Bra­zil eine monu­men­ta­le Engels­sta­tue in der Ein­gangs­hal­le des Minis­try of Infor­ma­ti­on insze­niert, auf deren Sockel der Satz ein­gra­viert ist: „The truth shall make you free“. Die kri­ti­sche Bot­schaft des Films war klar: Die­se faschis­to­ide Fes­tung der Büro­kra­tie ist die sym­bo­li­sche Per­ver­tie­rung einer Welt­erschlie­ßung, die schein­bar unfehl­ba­re Infor­ma­tio­nen mit Wahr­heit ver­wech­selt. Ein über­trie­be­ner Ver­wal­tungs­ap­pa­rat tritt auf der Stel­le und dreht sich im Kreis, um über alles und jeden die Vogel­per­spek­ti­ve zu erlan­gen. Dass „die Wahr­heit uns frei mache“, erscheint hier als die gröss­te Lüge.

“Minis­try of Infor­ma­ti­on”, aus Bra­zil von Ter­ry Gil­liams, 1985: Quel­le: theredlist.com

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Ohne ein Wis­sen im Über­blick geht es heu­te gewiss nicht mehr, und das Ide­al des infor­mier­ten Men­schen ist ein heh­res. Was also könn­te man gegen das Ein­ho­len von Infor­ma­tio­nen und ihre Auf­be­rei­tung ein­zu­wen­den haben? Keh­ren wir zurück zu den Daten­jour­na­lis­ten und Fak­ten­che­ckern. Wie der Schrift­stel­ler und Jour­na­list Maxi­mi­li­an Stein­beis vor eini­ger Zeit schrieb, sei die­se Art der Bericht­erstat­tung „die Zukunft des Poli­tik­jour­na­lis­mus“. Das Ver­trau­en auf die Infor­ma­ti­on ist Sym­ptom einer Logik, die nach den Regeln des Reagie­rens und nicht des akti­ven Han­delns spielt. Denn es bleibt die Fra­ge, was wir mit all dem Über­blick und der Anschau­ung machen wol­len. Als Bei­spiel für die Früch­te des Daten­jour­na­lis­mus führt die „Repu­blik“ an: „Fas­zi­nie­rend ist, dass Daten­jour­na­lis­mus Feh­ler des Kop­fes kor­ri­giert. Etwa den, dass alles schlech­ter wird. Wer sich etwa auf der Sei­te ‚Our World in Data’ des Öko­no­men Max Roser tum­melt, sieht, wie atem­be­rau­bend gut sich die Mensch­heit in den letz­ten 200 Jah­ren gemacht hat: etwa in Sachen Kin­der­sterb­lich­keit, Ein­kom­men, Wis­sen, Gleich­heit, Demo­kra­tie.“

Ohne einem Trend wie dem infor­ma­ti­ons­su­chen­den und -ver­ar­bei­ten­den Daten­jour­na­lis­mus sei­ne Legi­ti­mi­tät oder Daseins­be­rech­ti­gung abspre­chen zu wol­len, ist für die­se Art des Jour­na­lis­mus bis­wei­len die Abwe­sen­heit einer Fra­ge­stel­lung cha­rak­te­ris­tisch. Gleich­zei­tig kaschiert der Schein der Objek­ti­vi­tät, die die Infor­ma­tio­nen beteu­ern, den Blick auf die Selek­ti­ons­kri­te­ri­en des her­an­ge­zo­ge­nen Mate­ri­als. Ein­zig im Modus der Reak­ti­on wird den Irrun­gen und Wir­run­gen der Welt begeg­net und nicht mit einem Pro­blem, einem Stand­punkt oder einer Fra­ge in Debat­ten ein­ge­grif­fen. Im Ver­trau­en auf die Kraft der Infor­ma­ti­on und die Qua­li­tät ihrer mathe­ma­tisch-for­ma­lis­ti­schen Exakt­heit, gekrönt vom Nim­bus des ‚lea­ken­den’ Demo­kra­ten, geht das eigent­lich Erklä­ren­de die­sen Berich­ten meist ab. Die Idee dahin­ter: The­sen braucht es nicht. Der Besitz der Infor­ma­tio­nen und ihre Ver­an­schau­li­chung genü­gen bereits und befrei­en vom Auf­wand der Urteils­bil­dung.

Die com­pu­ter­ge­stütz­te jour­na­lis­ti­sche Auf­be­rei­tung gro­ßer Men­gen an Infor­ma­tio­nen ist sicher nichts Ver­werf­li­ches. Doch soll­ten wir über­le­gen, ob und inwie­weit es sinn­voll ist, der Maschi­ne das Pro­zes­sie­ren unse­rer Erfah­run­gen zu über­las­sen. Der „Kopf“ macht schließ­lich nicht nur Feh­ler, und es bleibt daher frag­lich, ob das Sam­meln von Infor­ma­tio­nen allein uns frei­er und die Welt kla­rer macht. Woher Infor­ma­tio­nen kom­men, was die Inten­tio­nen des Sen­ders waren und an wel­che Emp­fän­ger sie sich rich­ten, sind Fra­gen, die wir nicht über­se­hen dür­fen. Doch die Idee davon, was man sich eigent­lich wünscht, Kom­men­ta­re, die einen Stand­punkt haben, Äuße­run­gen, über zu erstre­ben­de Ziel­vor­stel­lung, letzt­lich Fra­gen, die jen­seits der Exis­tenz von Infor­ma­ti­ons­mas­sen Rele­vanz besit­zen: das geht heu­ti­gen Debat­ten regel­mä­ßig ab. Viel­leicht soll­te man sich auch dar­über wie­der mehr aus­tau­schen. Gre­go­ry Bate­son defi­nier­te die Infor­ma­ti­on mal als „einen Unter­schied, der einen Unter­schied macht“ – doch der kommt eben nicht von selbst!

Von Peter Fritz

Peter Fritz ist Dokto­rand an der Forschungs­stelle für Sozial- und Wirtschafts­ge­schichte der Uni­versität Zürich und arbeitet zu Netzwerk­wissen und -be­griff in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts.