• Peter Fritz ist Dokto­rand an der Forschungs­stelle für Sozial- und Wirtschafts­ge­schichte der Uni­versität Zürich und arbeitet zu Netzwerk­wissen und -be­griff in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts.

Auf die Infor­ma­tionen kommt es an! So sieht es auch die Mehr­heit der rund 14000 „Verleger_innen“ (d.h. Abonnent_innen) des viel­ver­spre­chenden Crowd­fun­ding-Projekts „Repu­blik“. Die neueste Hoff­nung eines unab­hän­gigen Jour­na­lismus für die Schweiz hatte ihre „Verleger_innen“ vor die Wahl gestellt: Eine Neuan­stel­lung für Satire, Deutsch­land­kor­re­spon­denz oder Daten­jour­na­lismus? Mit einer deut­li­chen Mehr­heit von 58% entschied man sich für die Anstel­lung eines/einer Datenjournalisten/in. Die Beschrei­bung der Stelle für „zeit­ge­mäße Recherche“ (Repu­blik) umreißt die Dring­lich­keit in unserer komplexen Welt, gesi­cherte Fakten zu sammeln und diese in anschau­liche Compu­ter­mo­delle und Grafiken zu über­tragen. Die Maschine als Korrektiv der „Fehler des Kopfes“ (Repu­blik).

Die genannte Abstim­mung zeugt von einer regel­rechten Begeis­te­rung für die Infor­ma­tion in unserer Gegen­wart. Es haftet die stille Hoff­nung an den Infor­ma­tionen, dass ihr Erwerb die kompli­zierte Welt klarer und besser macht – gewis­ser­maßen von selbst. Diesem Vertrauen entspringt in jüngster Zeit auch eine ganze Fülle an Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fungs­tools für Jeder­mann – so z.B. der Fakten­finder der ARD Tages­themen. Hier wird die „inten­sive Recherche von mutmaß­li­chen Falsch­in­for­ma­tionen“ (Kai Gniffke, Chef­re­dak­teur ARD-aktuell) durch­ge­führt und allen zur Verfü­gung gestellt. Infor­ma­tionen, Daten und Fakten – als oft mehr oder weniger synonym verwen­dete Formen des Wissens – sind seit neuestem durch das Post­fak­ti­sche und Fake-News einem rechten Rela­ti­vismus ausge­setzt. Das macht unser Infor­ma­ti­ons­be­dürfnis nicht wirk­lich geringer. Nein, wir bauen gerade darauf unsere ganzen Erwar­tungen. Hilft doch nur die sorg­fäl­tige Recherche, das Post­fak­ti­sche als Unsinn zu entlarven – gemäß der These all jener, die sich dem Post­fak­ti­schen entge­gen­stellen. Dass das Über­prüfen von ‚Fakten’ eine Frage der Redlich­keit ist, darauf hat Philipp Sarasin hier eben­falls zurecht aufmerksam gemacht.

Die Fehler des Kopfes

Neben dem durchaus berech­tigten und notwen­digen Beharren auf gewis­sen­hafter Über­prü­fung von Aussagen und Zusam­men­hängen scheint der Gewährs­mann der oben erwähnten stillen Hoff­nung, die maschi­nelle Vernunft der Infor­ma­tionen zu sein. „Lange Zeit war der einzige Ort, Verwi­ckeltes zu entwirren“, erklärt die „Repu­blik“ weiter zum Daten­jour­na­lismus, „der einzelne Kopf. Der füllte sich, wurde krank und gebar dann meist unter Schmerzen ein Buch, einen Film, einen Artikel.“ Aber bei der Komple­xität und unüber­sicht­li­chen Fülle an konkur­rie­rende und teils versteckten Fakten „reicht der Kopf längst nicht mehr aus“. Was aus den anschau­li­chen und die Welt in Form gießenden Programmen des Daten­jour­na­listen entsteht, sei eben „hand­fest“ – so die Repu­blik und mit ihr eine Mode, die glaubt, der Welt mit Ratio allein nicht mehr beikommen zu können. Im Vertrauen auf die Infor­ma­tionen steckt der Wunsch, aus einem erklä­renden einen exakten Jour­na­lismus werden zu lassen. Hier flammen Stimmen einer alten Strei­tig­keit wieder auf. Es geht um die Vermes­sung des Stel­len­werts von Natur und Technik, von Mensch und Maschine, letzt­lich um die Dicho­tomie von Vita­lismus und Mecha­nismus, die in Kultur und Wissen­schaft spätes­tens seit dem 18. Jahr­hun­dert immer wieder neu durch­de­kli­niert wird und ihre Gegen­sätze auf unter­schied­liche Weise zu verbinden sucht.

Schul­wand­bild “Obst­baum-Schäd­linge”, frühes 20. Jahr­hun­dert; Quelle: zvab.com

Der Infor­ma­ti­ons­be­griff in seiner heutigen Semantik ist Ergebnis einer solchen Neuver­mes­sung. Findet der Begriff aktuell sowohl in zahl­rei­chen Wissen­schaften als auch im alltäg­li­chen Sprach­ge­brauch Verwen­dung, war er bis in die 20er Jahre des letzten Jahr­hun­derts eher unge­bräuch­lich und wurde nur in der geho­benen Sprache für „Unter­richt“, „Anwei­sung“ oder „Auskunft“ genutzt. Man infor­mierte sich nicht, sondern wurde infor­miert – der Schüler also durch den Infor­mator belehrt.

Der Begründer der Infor­ma­ti­ons­theorie und weichen­stel­lender Theo­re­tiker aller Daten­über­tra­gungs­tech­no­lo­gien seither war der Mathe­ma­tiker Claude E. Shannon. Mit seinem viel­be­ach­teten Haupt­werk von 1949, A Mathe­ma­tical Theory of Commu­ni­ca­tion, traten die bis anhin geltenden Bedeu­tungen von Kommu­ni­ka­tion in den Hinter­grund und begann die steile Karriere des Infor­ma­ti­ons­be­griffs – auch jenseits der Wissen­schaft. Shannon unter­suchte die Über­tra­gung von Nach­richten inner­halb eines geschlos­senen Systems, die Codie­rung und Deco­die­rung von Infor­ma­tionen hinsicht­lich Effi­zienz, Verlust und Redun­danz. Ihm ging es um die tech­ni­sche Opti­mie­rung von Über­tra­gungs­sys­temen – vorerst in künst­li­chen Spra­chen. Er selbst schloss jedoch nicht aus, dass seine Theorie nicht auch auf natür­liche Spra­chen anwendbar sei. In der Rezep­tion geschah genau das. Infor­ma­tion avan­cierte zu einem Schlag­wort effi­zi­enter Kommu­ni­ka­tion. Sie wurde zu einer Modell­vor­stel­lung kleinster Häpp­chen eines jeden Kommu­ni­ka­ti­ons­vor­gangs. Darum über­trugen sich Infor­ma­tionen fortan inner­halb des mensch­li­chen Körpers, zwischen den Menschen und anderen Lebe­wesen wie auch inner­halb der Maschinen – sie wurden zu einer Art allge­meinem Lebens­prinzip tech­ni­scher wie biolo­gi­scher Orga­nismen.

„Abwesenheit von Nichtwissen“

Infor­ma­tion tech­no­logy concept on computer display with animated dots and lines of mole­cule on blue back­ground; Quelle: videoblocks.com

Die auf der Theorie Shan­nons basie­rende Kyber­netik popu­la­ri­sierte den Infor­ma­ti­ons­be­griff auf breitem Feld in Wissen­schaft und Gesell­schaft. Mitte der 60er Jahre defi­nierten die Grund­be­griffe der Kyber­netik Infor­ma­tion als die „Abwe­sen­heit von Nicht­wissen in einem Zusam­men­hang von Sender und Empfänger“. Infor­ma­tion gerann zu etwas Gegen­ständ­li­chem, zu etwas Austausch­barem, das Wissen versprach und dies bis heute tut. Der wissen­schaft­liche Begriff von Infor­ma­tion hat zwar dem alltags­sprach­li­chen neue Popu­la­rität geschenkt, aber der tech­ni­sche Aspekt des effi­zi­enten, forma­li­sierten Austauschs bestimmt seit Shannon seine Bedeu­tung. Das unge­störte Senden und Empfangen wurde zum Poli­tikum. Bereits die „Allge­meine Erklä­rung der Menschen­rechte“ formu­lierte in Artikel 19 zur Meinungs- und Pres­se­frei­heit die Forde­rung, „Infor­ma­tionen und Gedan­kengut [unge­hin­dert] zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten“ (AEMR). Infor­ma­tionen wurden zu etwas poli­tisch Umkämpftem und ihr Austausch zur Notwen­dig­keit demo­kra­ti­scher Staaten – ermög­licht ein freier Zugang zu Infor­ma­tionen doch eine freie Presse, den mündigen Bürger und damit die Demo­kratie über­haupt. Die ‚Leaks’ der letzten Jahre unter­strei­chen die poli­ti­sche Dimen­sion der Infor­ma­tionen.

Sich zu infor­mieren, ist mit der Bürg­schaft tech­ni­scher Präzi­sion sowie maschi­neller Unfehl­bar­keit versehen und verspricht den Ausweg aus dem Unwissen. Dies ist die maschi­nelle Vernunft, auf der das Vertrauen in die Infor­ma­tionen sein Funda­ment findet. Es ist die Verschrän­kung der tech­nisch-maschi­nellen Semantik mit der demo­kra­ti­schen Verhei­ßung im Infor­ma­ti­ons­be­griff, der das Vertrauen auf die Infor­ma­tionen unter­mauert. Man glaubt mit ihnen ein präzises Tool zur Abschaf­fung von Nicht­wissen und Etablie­rung von Demo­kratie zu besitzen.

Man könnte sich aller­dings täuschen. Terry Gilliams hat 1985 in seiner Groteske Brazil eine monu­men­tale Engels­statue in der Eingangs­halle des Ministry of Infor­ma­tion insze­niert, auf deren Sockel der Satz eingra­viert ist: „The truth shall make you free“. Die kriti­sche Botschaft des Films war klar: Diese faschis­toide Festung der Büro­kratie ist die symbo­li­sche Perver­tie­rung einer Welt­erschlie­ßung, die scheinbar unfehl­bare Infor­ma­tionen mit Wahr­heit verwech­selt. Ein über­trie­bener Verwal­tungs­ap­parat tritt auf der Stelle und dreht sich im Kreis, um über alles und jeden die Vogel­per­spek­tive zu erlangen. Dass „die Wahr­heit uns frei mache“, erscheint hier als die grösste Lüge.

“Ministry of Infor­ma­tion”, aus Brazil von Terry Gilliams, 1985: Quelle: theredlist.com

Wenden Sie sich bei Fragen an Ihren Computer

Ohne ein Wissen im Über­blick geht es heute gewiss nicht mehr, und das Ideal des infor­mierten Menschen ist ein hehres. Was also könnte man gegen das Einholen von Infor­ma­tionen und ihre Aufbe­rei­tung einzu­wenden haben? Kehren wir zurück zu den Daten­jour­na­listen und Fakten­che­ckern. Wie der Schrift­steller und Jour­na­list Maxi­mi­lian Stein­beis vor einiger Zeit schrieb, sei diese Art der Bericht­erstat­tung „die Zukunft des Poli­tik­jour­na­lismus“. Das Vertrauen auf die Infor­ma­tion ist Symptom einer Logik, die nach den Regeln des Reagie­rens und nicht des aktiven Handelns spielt. Denn es bleibt die Frage, was wir mit all dem Über­blick und der Anschauung machen wollen. Als Beispiel für die Früchte des Daten­jour­na­lismus führt die „Repu­blik“ an: „Faszi­nie­rend ist, dass Daten­jour­na­lismus Fehler des Kopfes korri­giert. Etwa den, dass alles schlechter wird. Wer sich etwa auf der Seite ‚Our World in Data’ des Ökonomen Max Roser tummelt, sieht, wie atem­be­rau­bend gut sich die Mensch­heit in den letzten 200 Jahren gemacht hat: etwa in Sachen Kinder­sterb­lich­keit, Einkommen, Wissen, Gleich­heit, Demo­kratie.“

Ohne einem Trend wie dem infor­ma­ti­ons­su­chenden und -verar­bei­tenden Daten­jour­na­lismus seine Legi­ti­mität oder Daseins­be­rech­ti­gung abspre­chen zu wollen, ist für diese Art des Jour­na­lismus bisweilen die Abwe­sen­heit einer Frage­stel­lung charak­te­ris­tisch. Gleich­zeitig kaschiert der Schein der Objek­ti­vität, die die Infor­ma­tionen beteuern, den Blick auf die Selek­ti­ons­kri­te­rien des heran­ge­zo­genen Mate­rials. Einzig im Modus der Reak­tion wird den Irrungen und Wirrungen der Welt begegnet und nicht mit einem Problem, einem Stand­punkt oder einer Frage in Debatten einge­griffen. Im Vertrauen auf die Kraft der Infor­ma­tion und die Qualität ihrer mathe­ma­tisch-forma­lis­ti­schen Exakt­heit, gekrönt vom Nimbus des ‚leakenden’ Demo­kraten, geht das eigent­lich Erklä­rende diesen Berichten meist ab. Die Idee dahinter: Thesen braucht es nicht. Der Besitz der Infor­ma­tionen und ihre Veran­schau­li­chung genügen bereits und befreien vom Aufwand der Urteils­bil­dung.

Die compu­ter­ge­stützte jour­na­lis­ti­sche Aufbe­rei­tung großer Mengen an Infor­ma­tionen ist sicher nichts Verwerf­li­ches. Doch sollten wir über­legen, ob und inwie­weit es sinn­voll ist, der Maschine das Prozes­sieren unserer Erfah­rungen zu über­lassen. Der „Kopf“ macht schließ­lich nicht nur Fehler, und es bleibt daher frag­lich, ob das Sammeln von Infor­ma­tionen allein uns freier und die Welt klarer macht. Woher Infor­ma­tionen kommen, was die Inten­tionen des Senders waren und an welche Empfänger sie sich richten, sind Fragen, die wir nicht über­sehen dürfen. Doch die Idee davon, was man sich eigent­lich wünscht, Kommen­tare, die einen Stand­punkt haben, Äuße­rungen, über zu erstre­bende Ziel­vor­stel­lung, letzt­lich Fragen, die jenseits der Exis­tenz von Infor­ma­ti­ons­massen Rele­vanz besitzen: das geht heutigen Debatten regel­mäßig ab. Viel­leicht sollte man sich auch darüber wieder mehr austau­schen. Gregory Bateson defi­nierte die Infor­ma­tion mal als „einen Unter­schied, der einen Unter­schied macht“ – doch der kommt eben nicht von selbst!

  • Peter Fritz ist Dokto­rand an der Forschungs­stelle für Sozial- und Wirtschafts­ge­schichte der Uni­versität Zürich und arbeitet zu Netzwerk­wissen und -be­griff in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts.