Reizwörter

Man kann’s auch wirk­lich über­trei­ben. Nach der Wahl in den USA titel­te der Chef­re­dak­tor der Bas­ler Zei­tung, Mar­kus Somm: „Frie­de den Hüt­ten, Krieg den Paläs­ten. Ame­ri­ka hat gewählt. Die Revo­lu­ti­on“. Den Trump Tower an der Fifth Ave­nue zu den „Hüt­ten“ zu zäh­len, ist eine eher unge­wöhn­li­che Sicht­wei­se, doch die Rede von der „Revo­lu­ti­on“ ist gera­de sehr en vogue. Der Finanz­mi­nis­ter der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft, SVP-Magis­trat Ueli Mau­rer, droh­te kürz­lich den „Eli­ten“ des Lan­des rhe­to­risch eben­so mit einer „Revo­lu­ti­on“, wie auch der lin­ke Kolum­nist Jakob Aug­stein schon im März 2016 im Spie­gel über die Erfol­ge der AfD und den Auf­stieg Trumps schrieb: „Wir erle­ben eine Revo­lu­ti­on. Und wie jede Revo­lu­ti­on hat auch die­se ihre Berech­ti­gung: Der Kapi­ta­lis­mus ist krank. Irgend­je­mand muss ihn hei­len.“

Jean-Bap­tis­te Lal­le­mand: “La Pri­se de la Bas­til­le le 14 Juil­let 1789”, 1789, Musée Car­na­va­let, Paris. Quel­le: history.com

Gros­se Wor­te, gelas­sen aus­ge­spro­chen. Dabei ist der Begriff der Revo­lu­ti­on durch­aus kom­plex. Auf die besorg­te Fra­ge von Lou­is XVI., ob die Erstür­mung der Bas­til­le am 14. Juli 1789 eine „révol­te“ sei, soll er vom Duc de Lian­court die pro­phe­ti­sche Ant­wort erhal­ten haben „Non, Sire, c’est une révo­lu­ti­on!“ Die Erstür­mung eines weit­ge­hend lee­ren Gefäng­nis­ses hät­te tat­säch­lich eine blos­se Revol­te, gar ein Kra­wall nur gewe­sen sein kön­nen, aber der Sturm auf die Bas­til­le war, als tief sym­bo­li­scher Akt, nichts weni­ger als der Beginn eines neu­en Zeit­al­ters, mit weit­rei­chen­den Fol­gen nicht nur für Frank­reich: Nach fast tau­send­jäh­ri­ger Herr­schaft soll­te nun nicht län­ger ein König von Got­tes Gna­den die Sou­ve­rä­ni­tät über sein Volk aus­üben, viel­mehr wür­de in Zukunft alle Macht vom sou­ve­rä­nen Volk aus­ge­hen. Die Revo­lu­ti­on, die Duc de Lian­court schon am 14. Juli vor­aus­ge­se­hen haben soll, war also eine poli­ti­sche: Sie bedeu­te­te die radi­ka­le Neu­be­grün­dung staat­li­cher Legi­ti­mi­tät. Wohl hat­te schon hun­dert Jah­re zuvor die bri­ti­sche Glo­rious Revo­lu­ti­on dem König die Bill of Rights und die geteil­te Sou­ve­rä­ni­tät auf­ge­zwun­gen – aber ihrem König den Kopf abge­schla­gen haben dann erst die Fran­zo­sen im Janu­ar 1793.

Der Begriff der Revolution

Hor­ace Ver­net: “Bar­ri­ca­de rue Souf­flot”, 1848; Quel­le: wikimedia.org

Revol­ten und Auf­stän­de hat es vor­her und nach­her immer wie­der gege­ben. Revo­lu­tio­nen aber sind, gemes­sen an der Grund­sätz­lich­keit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, eher sel­ten. Spä­tes­tens seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts erfuhr der Begriff der Revo­lu­ti­on zudem eine über sei­ne poli­ti­sche Bedeu­tung hin­aus­wei­sen­de sozia­le und öko­no­mi­sche Auf­la­dung: Seit die Gesell­schaf­ten in Euro­pa nicht mehr, wie noch im 18. Jahr­hun­dert, nach Stän­den geglie­dert waren, son­dern immer deut­li­cher als Klas­sen­ge­sell­schaf­ten her­vor­tra­ten, die sich durch den Besitz oder Nicht­be­sitz von „Pro­duk­ti­ons­mit­teln“ (Karl Marx) bzw. nach „Markt­chan­cen“ (Max Weber) glie­der­ten, wur­de ‚Revo­lu­ti­on‘ zu einem Kon­zept, das die voll­stän­di­ge Über­win­dung der Klas­sen­ge­sell­schaft durch „Ver­ge­sell­schaf­tung“ der Pro­duk­ti­ons­mit­tel und durch die Siche­rung der poli­ti­schen Herr­schaft des „Pro­le­ta­ri­ats“ vor­stell­te. Weil zudem die Rede von der „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ seit dem Früh­so­zia­lis­ten Lou­is-Augus­te Blan­qui die Herr­schaft des wirk­li­chen Vol­kes, d.h. der gan­ze Brei­te der Bevöl­ke­rung im Gegen­satz zur Herr­schaft einer schma­len Schicht von Besitz­bür­gern im frü­hen Libe­ra­lis­mus mein­te, war bis in die zwei­te Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts das Ver­spre­chen der Revo­lu­ti­on gleich­be­deu­tend mit der – durch den Sta­li­nis­mus aller­dings längst wider­leg­ten – mar­xis­ti­schen Visi­on der Befrei­ung der „Mensch­heit“ von Unter­drü­ckung und „Ent­frem­dung“ .

Eugè­ne Del­a­c­roix: “La Liber­té gui­dant le peup­le”, 1830, Lou­vre, Paris; Quel­le: Wikipedia.org

Die Revo­lu­ti­on war zwar der Schreck aller Besit­zen­den, zugleich aber seit dem Ende des 18. Jahr­hun­derts auch der Name für den zutiefst moder­nen Glau­ben an die Offen­heit und Gestalt­bar­keit der Zukunft. „Revo­lu­ti­on“ war der Begriff, der in der Moder­ne die radi­ka­le Abkehr von allem Bestehen­den, von allem Alten, auch von allem Schlech­ten bedeu­te­te; mit einem his­to­ri­schen Zeit­pfeil ver­se­hen, wies er in die Zukunft. Er bedeu­te­te die Uto­pie einer bes­se­ren Welt, ein­lös­bar durch die Bewe­gung revo­lu­tio­nä­rer „Mas­sen“ (und dabei auch jede Gewalt recht­fer­ti­gend), die Bewe­gung der Vie­len, des „wah­ren“ Vol­kes. In Euro­pa war es letzt­mals die rus­si­sche Revo­lu­ti­on im Jahr 1917, die auf die­se – klas­sisch mar­xis­ti­sche – Wei­se gele­sen und ver­stan­den wer­den konn­te.

Alek­san­dr Gera­si­mov: “Lenin auf der Red­ner­tri­bü­ne”, 1930, Quel­le: reddit.com

Der Marx’sche Begriff der Revo­lu­ti­on erschöpf­te sich aller­dings nicht in sei­ner poli­ti­schen und sozia­len Bedeu­tung, son­dern fuss­te auf einer Geschichts­phi­lo­so­phie, die der Ent­wick­lung der mate­ri­el­len Grund­la­gen der Gesell­schaft, der „Pro­duk­tiv­kräf­te“ – d.h. der Tech­no­lo­gie – eine ent­schei­den­de Funk­ti­on zusprach. Für die Lin­ke von Marx bis zu den kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en der Nach­kriegs­zeit galt, dass die Revo­lu­ti­on von der Wel­le des tech­ni­schen Fort­schritts und der „Ent­fal­tung der Pro­duk­tiv­kräf­te“ ermög­licht wer­den wür­de. Marx hat­te sich die Revo­lu­ti­on über­haupt als gleich­sam ruck­ar­ti­ge Anpas­sung der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se an die gewan­del­ten Pro­duk­tiv­kräf­te vor­ge­stellt – ange­führt und getra­gen von der Indus­trie­ar­bei­ter­schaft, die die Mit­tel des tech­ni­schen Fort­schritts buch­stäb­lich in ihren Hän­den hal­te. Für Lenin war daher der Kom­mu­nis­mus „gleich Sowjet­macht plus Elek­tri­fi­zie­rung“; um die­sen tech­ni­schen Fort­schritt zu erzwin­gen, hat­te dann Sta­lin aller­dings mil­lio­nen­fa­che Men­schen­op­fer mit­ein­kal­ku­liert.

Dani­el Cohn-Ben­dit, Paris, Mai 1968; Quel­le: alchetron.com

Den­noch war die Gleich­set­zung von tech­ni­schem Fort­schritt mit gesell­schaft­li­chem Fort­schritt von den Sozi­al­de­mo­kra­ten bis zu den Kom­mu­nis­ten noch lan­ge Zeit unge­bro­chen (was lin­ke Kri­tik an kon­kre­ter Tech­nik­an­wen­dung – etwa das Fliess­band – nicht aus­schloss). Und daher hat auch der 22jährige Pari­ser Sozio­lo­gie­stu­dent Dan­ny „le Rouge“ Cohn-Ben­dit, als er im Mai 1968 dem Phi­lo­so­phen Jean-Paul Sart­re ein Inter­view gewähr­te (nicht umge­kehrt!), sei­ne Zuver­sicht für das wahr­schein­li­che Kom­men der Revo­lu­ti­on nicht nur auf die Streiks der Indus­trie­ar­bei­ter im dama­li­gen Frank­reich gestützt, son­dern auch auf die „Auto­ma­ti­sa­ti­on“, also eine „durch den tech­ni­schen Fort­schritt hoch­ent­wi­ckel­te Pro­duk­ti­on“. Gemeint war die Umstel­lung der Indus­trie­pro­duk­ti­on auf com­pu­ter­ge­steu­er­te Maschi­nen: Sie wür­de end­lich die Mensch­heit von aller müh­se­li­gen Arbeit befrei­en und die kapi­ta­lis­ti­sche Herr­schaft über­flüs­sig machen. Die Zeit schien reif für „die“ Revo­lu­ti­on.

Vom Begriff zum Fetisch

Dazu kam es bekannt­lich nicht. Die neo-mar­xis­ti­sche Neue Lin­ke muss­te viel­mehr ihr Ver­trau­en in die Indus­trie­ar­bei­ter­schaft als Trä­ge­rin sowohl des tech­ni­schen Fort­schritts als auch der revo­lu­tio­nä­ren Hoff­nung in den fol­gen­den Jah­ren ziem­lich schnell fah­ren las­sen. Denn die tat­säch­lich ein­set­zen­de Com­pu­te­ri­sie­rung der Pro­duk­ti­on seit den 1970er Jah­ren hat zusam­men mit der zuneh­men­den Ver­la­ge­rung der Schwer­indus­trie und der tech­no­lo­gisch weni­ger anspruchs­vol­len Mas­sen­pro­duk­ti­on nach Asi­en die Indus­trie­ar­bei­ter­klas­se in Euro­pa und den USA dezi­miert und deren Res­te sozi­al deklas­siert – mit Aus­wir­kun­gen bis heu­te. Nicht nur „Sozio­lo­gen“ sahen, wie Ador­no schon 1951 notier­te, „der grim­mi­gen Scherz­fra­ge sich gegen­über: Wo ist das Pro­le­ta­ri­at?“

Zwar schie­nen die natio­na­len und agra­ri­schen Befrei­ungs­be­we­gun­gen im „Tri­kont“ das moder­ne Ver­spre­chen der Revo­lu­ti­on gera­de ein­zu­lö­sen; die Bild­nis­se von Che Gue­va­ra oder des Prä­si­den­ten Nord-Viet­nams, Ho Chi-Ming, wur­den daher an den gros­sen Demons­tra­ti­ons­um­zü­gen im Wes­ten wie Iko­nen her­um­ge­tra­gen. Und nie zuvor oder danach wur­de so häu­fig von der Revo­lu­ti­on gespro­chen wie in den 1970er Jah­ren.

Anti-Viet­nam-Demons­tra­ti­on auf dem Kur­fürs­ten­damm, West-Ber­lin, 18.2.1968 (mit Bild­nis­sen von Che Gue­va­ra, Ho Chi-Ming, Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht); Quel­le: cambridge.org

Doch die­se Rede war mythisch, ja zu einem Fetisch gewor­den, der das rea­le Schei­tern der Revo­lu­ti­on in der Sowjet­uni­on und ihr Nicht­ein­tre­ten im Wes­ten eben­so kaschie­ren soll­te, wie er gleich­zei­tig die Lust auf ein „ganz Ande­res“, ein „jen­seits von“ und eine voll­stän­di­ge „Kon­ver­si­on“ noch für ein paar Jah­re ersatz­wei­se zu befrie­di­gen ver­sprach. Denn die Lin­ke ins­ge­samt hat­te ihre alte Tech­no­lo­gie­gläu­big­keit ver­lo­ren, wie sie sich noch in der Begeis­te­rung über die ers­ten Erfol­ge der Sowjet­uni­on im „space race“ oder auch im Ein­tre­ten für die „fried­li­chen Nut­zung der Atom­ener­gie“ durch die Sozi­al­de­mo­kra­tie mani­fes­tiert hat­te. Spä­tes­tens seit dem Ein­set­zen der Umwelt­schutz­be­we­gung ab etwa 1970, dem Wider­stand gegen Atom­kraft­wer­ke sowie der vom „Club of Rome“ popu­la­ri­sier­ten grund­sätz­li­chen Wachs­tums­kri­tik (Limits to Growth, 1972) wech­sel­te sehr vie­le Lin­ke ins ehe­mals kon­ser­va­ti­ve Lager jener, die ihren „Kin­dern“ eine „intak­te Umwelt ver­er­ben“ woll­ten. Zwar ging es ihr dabei nicht mehr, wie dem bür­ger­li­chen Natur­schutz seit 1900, um die Land­schaf­ten und Gewäs­ser der „Hei­mat“, son­dern um nichts Gerin­ge­res als die „Ret­tung“ des „Pla­ne­ten“. Doch der Glau­be an die revo­lu­tio­nä­re Kraft des tech­ni­schen Fort­schritts war dahin. Damit aber wur­de das unauf­hör­li­che Gere­de von der Revo­lu­ti­on zumin­dest aus der Per­spek­ti­ve sei­ner mar­xis­ti­schen Tra­di­ti­on sub­stanz­los, weil es die Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus ohne Abstüt­zung auf die Tech­no­lo­gie­ent­wick­lung vor­stell­te, ja sich gar in einem Reich „jen­seits“ natur­zer­stö­ren­der Tech­no­lo­gi­en ver­or­te­te.

Ber­lin, 9. Novem­ber 1989; Quel­le: history-vision.de

In den 1980er Jah­ren hör­te die lin­ke Rede von der Revo­lu­ti­on daher auch weit­ge­hend auf. Die Lin­ke kon­zen­trier­te sich auf intrin­si­sche Macht­kri­tik, Wachs­tums- und Tech­no­lo­gies­kep­sis, sozia­le Gerech­tig­keit und Aner­ken­nung von Diver­si­tät (mit einem Wort: auf Refor­mis­mus). 1989 sah sie dann ver­gleichs­wei­se gelas­sen dem Zusam­men­bruch des Sozia­lis­mus zu und hat­te zuwei­len auch Mühe, die­se ost­eu­ro­päi­schen Revo­lu­tio­nen zuguns­ten von Demo­kra­tie und Markt­wirt­schaft als revo­lu­tio­när anzu­er­ken­nen. Vor allem aber fehl­te ihr eine eige­ne, mög­li­cher­wei­se ande­re Per­spek­ti­ve. Die neo-mar­xis­ti­sche Lin­ke geriet, mit ande­ren Wor­ten, aus viel­leicht drei Grün­den aus dem revo­lu­tio­nä­ren Tritt (oder lös­te sich über­haupt auf): Ers­tens, weil sie die Idee der Revo­lu­ti­on nicht mehr mit einem posi­ti­ven Ver­ständ­nis des tech­ni­schen Fort­schritts ver­knüp­fen konn­te; zwei­tens, weil sie sich nicht mehr, wie noch um 1968, vor­stel­len konn­te, den Rechts­staat gewalt­sam gegen die „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ aus­zu­wech­seln – und drit­tens, weil sie kei­ne eige­ne Ant­wort auf „1989“ fand .

„Revolution“ von rechts

Dafür spricht jetzt die Rech­te, wie im schon ein­mal im frü­hen 20. Jahr­hun­dert, von der „Revo­lu­ti­on“. Der rechts­na­tio­na­le Popu­lis­mus ver­sucht gegen­wär­tig, aus den Fol­gen der Glo­ba­li­sie­rung poli­ti­schen Pro­fit zu schla­gen, aller­dings ohne zukunfts­fä­hi­ges Rezept und ohne den Wil­len, etwas Bes­se­res zu ent­wer­fen als den Rück­zug aufs ver­meint­lich „Eige­ne“. Zum einen ist das eine klas­si­sche Stra­te­gie der Rech­ten, gleich­sam ihr pri­mä­rer Reflex: Seit es sie gibt, das heisst seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, woll­te die Rech­te in poli­ti­scher Hin­sicht immer nur „zurück“: zurück zum Stän­de­staat des Anci­en Régime, zurück zum den loka­len Herr­schaf­ten, zurück zu einer von der Kir­che domi­nier­ten Ord­nung, zurück zum König, zurück zum Vater­land, zur Auto­ri­tät, zu „tra­di­tio­nel­len“ Geschlech­ter­rol­len und „fes­ten“ Wer­ten. Die treu­her­zi­ge Rede vom natio­na­len „Eige­nen“ oder von „Ame­ri­ca first“ ent­spricht die­ser genu­in anti­mo­der­nen poli­ti­schen Logik.

Ita­lo Fasu­lo: “Duce sin­teti­co”, 1938; Quel­le: win.ossicelle.it

Zum ande­ren aber war die Rech­te in den radi­kals­ten For­men ihrer Ableh­nung der Moder­ne selbst modern und revo­lu­tio­när. Ihrer­seits getra­gen vom Glau­ben an Tech­nik und Wis­sen­schaft (soweit sie ihr dien­te), träum­te die radi­ka­le Rech­te im Faschis­mus von einer ima­gi­nä­ren „Volks­ge­mein­schaft“ und einer „rei­nen Ras­se“, bei­des Erfin­dun­gen der Moder­ne. Und heu­te, im Zeit­al­ter Trumps, pro­pa­giert der wohl ein­fluss­reichs­te Teil der radi­ka­len Rech­ten, die Anar­cho-Kapi­ta­lis­ten à la Ste­ve Ban­non und Peter Thiel, nicht nur einen kaum ver­hoh­le­nen weis­sen Supre­ma­tis­mus, son­dern auch den sozi­al­dar­wi­nis­tisch ver­stan­de­nen Kampf um das Über­le­ben des Stär­ke­ren. Die­se Rech­te ist tat­säch­lich „revo­lu­tio­när“ in ihrer destruk­ti­ven Ener­gie und ihrem fins­te­ren Wil­len, die sozi­al­li­be­ra­len Errun­gen­schaf­ten eines aus­glei­chen­den, zuwei­len sogar freund­li­chen Staa­tes zu zer­stö­ren. Wenn die Rech­te nicht ein­fach nur Bestehen­des „bewah­ren“ möch­te (wofür es auch ehren­wer­te Grün­de gibt), ist sie ide­en­los, reak­tiv und destruk­tiv. Ein posi­ti­ves Ziel hat sie nicht.

Donald Trump, Inau­gu­ra­ti­on, 20.1.2017; Quel­le: deadline.com

Die Rech­ten geben das offen zu. Trump weiss augen­schein­lich nicht, was er anbie­ten könn­te aus­ser „Ame­ri­ca first“, und hie­si­ge Trump-Freun­de und Trump-Ver­ste­her wie Mar­kus Somm oder Roger Köp­pel wis­sen es auch nicht, aber es ist ihnen egal. „Ob das [der 9. Novem­ber] im Rück­blick ein guter Tag für Ame­ri­ka sein wird“, schreibt Mar­kus Somm, „ist offen“; und Roger Köp­pel kann bei aller Begeis­te­rung über die­se „Revo­lu­ti­on“ nicht sagen, wofür Trump steht, aus­ser „dass sei­ne wich­tigs­te Durch­sa­ge ein zukunfts­fro­her Patrio­tis­mus ist“. Das ist nicht viel, aber Köp­pel inter­es­siert sich wie Trump und ande­re Rechts­na­tio­na­le pri­mär für die Destruk­ti­on des im libe­ra­len und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Nach­kriegs­kon­sens Erreich­ten: „Das hoch­mü­ti­ge poli­ti­sche Kar­tell, das ihn bekämpf­te, erlebt sei­ne schreck­lichs­te Nie­der­la­ge. Die Pries­ter­kas­te wur­de besiegt. Und das allein ist eine gross­ar­ti­ge Nach­richt.“

Die­se „gross­ar­ti­ge Nach­richt“ ist natür­lich nicht alles. Trump ver­spricht, offen­kun­dig instru­men­ta­li­siert von Ban­non, die Schlei­fung all jener Struk­tu­ren des Staa­tes, die nicht des­sen mili­tä­ri­sche und auto­ri­tä­re Funk­tio­nen betref­fen, son­dern tat­säch­lich aus­glei­chen­de, ver­mit­teln­de und soli­da­ri­sche Effek­te haben. Hin­ter dem Geschwätz des „Patrio­ti­schen“ liegt der blan­ke Ego­is­mus der sich berei­chern­den Wirt­schafts­eli­ten offen zu Tage; fürs brei­te Publi­kum wird er ins war­me Licht der Hei­mat­tü­me­lei getaucht. Die „wild­ge­wor­de­nen Klein­bür­ger“ – so Jür­gen Haber­mas ange­sichts einer ähn­li­chen Lage 1977 –, die sich durch sol­chen „Patrio­tis­mus“ dazu ermun­tert füh­len, mit der „Revo­lu­ti­on“ zu dro­hen und davon zu träu­men, die „kos­mo­po­li­ti­schen Eli­ten“ zu bestra­fen, bil­den dabei die Mas­sen­ba­sis. Sie lie­fern, medi­al erhitzt, die Stim­men und die Stim­mung, um die Umver­tei­lung nach oben zu for­cie­ren, Frau­en­rech­te zu beschnei­den, den Kli­ma­wan­del zu leug­nen, Wirt­schafts- und ande­re Krie­ge anzu­zet­teln und Flücht­lin­ge wahl­wei­se ins Gefäng­nis oder ins Meer zu wer­fen. Die Rech­te nennt sie in aller Beschei­den­heit „das Volk“.

Und was heisst das für die Linke?

Die Lin­ke hat allen Grund, sich Sor­gen zu machen. Sie ist gegen­wär­tig offen­sicht­lich mit nichts Ande­rem beschäf­tigt, als „den Anfän­gen zu weh­ren“, die längst schon kei­ne Anfän­ge mehr sind. Es wäre sicher falsch zu sagen, sie hät­te kei­ne posi­ti­ven Vor­stel­lun­gen einer men­schen­freund­li­chen Zukunft. Aber hat sie – oder braucht sie – dazu auch einen Begriff der Revo­lu­ti­on? Nichts ist unge­wis­ser als das. Sicher scheint mir aber zu sein, dass die Lin­ke die Zukunft nur den­ken kann, wenn sie die tech­ni­sche und media­le Revo­lu­ti­on, die uns alle mit­reisst, wie­der mit ihrem Bild der Zukunft zu ver­bin­den weiss.

Von Philipp Sarasin

Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.