Geschichten der Gegenwart
Universität Bologna

Uni­ver­si­tät Bolo­gna

1999 unter­zeich­ne­ten 29 euro­päi­sche Bil­dungs­mi­nis­ter die Bolo­gna-Erklä­rung. Seit­her befin­den sich vie­le euro­päi­sche Uni­ver­si­tä­ten im soge­nann­ten „Bolo­gna-Pro­zess“. Bache­lor- und Mas­ter­stu­di­en­gän­ge wur­den geschaf­fen, euro­pa­wei­te Kon­ver­ti­bi­li­tät von Stu­di­en­leis­tun­gen ein­ge­führt. Inner­halb der Hoch­schu­len – und vor allem in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten – hal­ten vie­le den Umbau für geschei­tert. Sie kri­ti­sie­ren das Über­hand­neh­men von öko­no­mi­scher und büro­kra­ti­scher Ratio­na­li­tät, die Ver­schu­lung, die Unter­fi­nan­zie­rung, die eher ein­ge­schränk­te als gewach­se­ne Stu­die­ren­den­mo­bi­li­tät. Doch paart sich Ableh­nung mit Fata­lis­mus. Das geht schon aus der merk­wür­di­gen Sam­mel­be­zeich­nung der Refor­men als „Pro­zess“ her­vor. Das Gefühl herrscht vor, vie­le Maß­nah­men sei­en sinn­los, doch wie bis­her kön­ne es eben auch nicht wei­ter­ge­hen, denn schliess­lich befän­den sich die Uni­ver­si­tä­ten in einer Kri­se. Doch ob die Kri­se eine alte oder neue ist, ob sie durch die jüngs­te Hoch­schul­re­form zumin­dest gemil­dert oder erst ent­stan­den ist – dar­über gehen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der. Ist das Lei­den an den Zustän­den der Uni­ver­si­tät, wie Jür­gen Haber­mas schon in den 1960er Jah­ren insi­nu­ier­te, womög­lich „chro­nisch“?

Die Krise der Universität im 18. Jahrhundert

Universität Heidelberg

Uni­ver­si­tät Hei­del­berg

Auch im 18. Jh. befan­den sich vie­le euro­päi­sche Uni­ver­si­tä­ten in einer Kri­se. Ihre här­tes­ten Kri­ti­ker rech­ne­ten sich damals dem Lager der Auf­klä­rung zu. In Frank­reich und Eng­land, aber auch in den deut­schen Staa­ten ent­wi­ckel­te sich die Auf­klä­rung in einem Span­nungs­ver­hält­nis zur aka­de­mi­schen Gelehr­sam­keit. Die intel­lek­tu­el­len Debat­ten spiel­ten sich nicht in Semi­nar­räu­men, son­dern in Salons, Kaf­fee­häu­sern und Lese­ge­sell­schaf­ten ab. Spe­zi­ell in Deutsch­land wur­den die Uni­ver­si­tä­ten in die­ser Zeit zur Ziel­schei­be der Kri­tik der auf­ge­klär­ten Päd­ago­gik. In den Augen des Phil­an­thro­pen Chris­ti­an Gott­hilf Salz­mann etwa ver­kör­per­ten sie ein münd­li­ches Regime des Wis­sens, des­sen Her­kunft aus einer Zeit vor der Erfin­dung des Buch­drucks für sei­nen Ana­chro­nis­mus ver­ant­wort­lich war.

Uni­ver­si­tätŠ Ham­burg

In der Tat war die Uni­ver­si­tät des euro­päi­schen Mit­tel­al­ters eine auf Münd­lich­keit basie­ren­de Insti­tu­ti­on. Abge­se­hen von der dis­pu­ta­tio (die bis heu­te in der Ver­tei­di­gung von Dok­tor­ar­bei­ten fort­lebt) stell­te die Vor­le­sung (lec­tio) die maß­geb­li­che Form aka­de­mi­scher Leh­re dar. In der Vor­le­sung, die nach dem Vor­bild der kirch­li­chen Pre­digt gestal­tet war, las der Uni­ver­si­täts­leh­rer mit lau­ter Stim­me aus einem Klas­si­ker, um den Text im Anschluss mit eige­nen Wor­ten zu kom­men­tie­ren. Die Vor­le­sun­gen des 18. Jh. lit­ten aller­dings dar­un­ter, dass ihr Besuch für die Stu­den­ten nicht mehr ver­pflich­tend war. Auf die Prü­fun­gen, die am Ende zu bestehen waren, konn­ten sie sich neu­er­dings auch mit Büchern vor­be­rei­ten.

uni-cambridge

Uni­ver­si­ty of Cam­bridge

Der Hörer­schwund war beson­ders in der nied­rigs­ten der vier Fakul­tä­ten, der Phi­lo­so­phi­schen, dra­ma­tisch, weil deren pro­pä­deu­ti­sche Funk­ti­on – auf das Stu­di­um von Jura, Medi­zin oder Theo­lo­gie vor­zu­be­rei­ten – seit dem 17. Jh. zuneh­mend in den Zustän­dig­keits­be­reich der höhe­ren Schu­len, Rit­ter­aka­de­mi­en und Gym­na­si­en über­ge­gan­gen war. Vie­len ordent­li­chen Pro­fes­so­ren kam das ent­ge­gen, denn für nicht gehal­te­ne Lehr­ver­an­stal­tun­gen büss­ten sie kei­ner­lei Ein­künf­te ein. Sir Iss­ac New­tons Vor­le­sung etwa soll ster­bens­lang­wei­lig gewe­sen sein und sel­ten län­ger als eine hal­be Stun­de gedau­ert haben. Wenn, wie gewöhn­lich, nur weni­ge Stu­den­ten auf­tauch­ten, fand sie gar nicht statt. Ähn­li­ches wird heu­te beklagt: Bolo­gna-Kri­ti­ker dia­gnos­ti­zie­ren einen soge­nann­ten „dis­en­ga­ge­ment com­pact“, mit­tels des­sen sich Pro­fes­so­ren und Stu­den­ten still­schwei­gend dar­auf eini­gen wür­den, von wech­sel­sei­ti­gen Leis­tungs­er­war­tun­gen abzu­se­hen.

Universität Basel

Uni­ver­si­tät Basel

Doch zurück in die Frü­he Neu­zeit: Auf dem Kon­ti­nent, und zumal in den deutsch­spra­chi­gen Staa­ten, schrit­ten die stadt- und ter­ri­to­ri­al­staat­li­chen Obrig­kei­ten immer wie­der gegen die­sen Schlen­dri­an ein. Schon im 16. Jh. hat­te der Stadt­rat von Basel die Pro­fes­so­ren der ört­li­chen Uni­ver­si­tät dazu ver­pflich­tet, ihre Vor­le­sun­gen zu hal­ten, sobald auch nur ein ein­zi­ger Stu­dent erschien. In dem Mass, wie die Kon­trol­le über die Uni­ver­si­tä­ten zu einem Erfor­der­nis „guter Poli­cey“ wur­de, wie es in den zeit­ge­nös­si­schen Quel­len heißt, tau­chen ver­gleich­ba­re Vor­schrif­ten im 17. und 18. Jh. im Umkreis der meis­ten kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Hoch­schu­len auf. Johann Hein­rich von Jus­ti war einer der füh­ren­den Poli­cey-Wis­sen­schaft­ler sei­ner Zeit. Die Not­wen­dig­keit, die Uni­ver­si­tä­ten dem Bedarf des Staa­tes – vor allem an der Aus­bil­dung von Beam­ten – anzu­pas­sen, zieht sich als roter Faden durch sein umfang­rei­ches kame­ra­lis­ti­sches Werk. Was die­ser Anfor­de­rung im Weg stand, war das Unge­nü­gen der Pro­fes­so­ren.

Rebellische Studenten

Uni­ver­si­tät Jena

Neben den Pro­fes­so­ren stell­ten die Stu­den­ten das zwei­te gro­ße Ärger­nis für die Uni­ver­si­täts­kri­ti­ker des 18. Jh. dar. Sie dia­gnos­ti­zier­ten die sitt­li­che Ver­wil­de­rung einer Jugend, die die Pri­vi­le­gi­en miss­brauch­te, die ihnen die „aka­de­mi­sche Frei­heit“ zuge­stand. Kri­tik am Duell­we­sen, an den Trink­ri­tua­len, an Des­in­ter­es­se und Unwis­sen­heit der Stu­den­ten hat eine lan­ge Tra­di­ti­on. Dass sie um 1800 eine neue Qua­li­tät erreich­te, war eine Fol­ge der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on: Stu­den­ten­kra­wal­le und Stu­den­ten­un­ru­hen nah­men in den 1790er Jah­ren eine neue, poli­ti­sche Note an. An der Uni­ver­si­tät Jena, deren Stu­den­ten einen beson­ders schlech­ten Ruf genos­sen, flamm­ten 1792 hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Reform der stu­den­ti­schen Ehren­ge­richts­bar­keit auf. Als der Lan­des­herr Carl August von Sach­sen-Wei­mar-Eisen­ach Sol­da­ten schick­te, beschlos­sen 600 der 800 ein­ge­schrie­be­nen Stu­den­ten, die Stadt zu ver­las­sen und nach Erfurt umzu­zie­hen. Nicht zuletzt aus öko­no­mi­schen Grün­den war das für eine klei­ne Uni­ver­si­täts­stadt wie Jena eine besorg­nis­er­re­gen­de Per­spek­ti­ve. Seit dem Mit­tel­al­ter stell­te der – ange­droh­te oder rea­le – Aus­zug das wirk­sams­te Druck­mit­tel für die Durch­set­zung stu­den­ti­scher Inter­es­sen dar.

Universität Köln

Uni­ver­si­tät zu Köln

Die Erlas­se zahl­rei­cher deut­scher Lan­des­re­gie­run­gen um 1800 ziel­ten dar­auf ab, die „aka­de­mi­sche Dis­zi­plin“ zu sichern oder wie­der­her­zu­stel­len. Vehe­men­te­re Kri­ti­ker erho­ben die For­de­rung, die Uni­ver­si­tä­ten abzu­schaf­fen. „Alles Vor­her­ge­hen­de nun zusam­men­ge­nom­men“, schrieb Alex­an­der und Wil­helm von Hum­boldts ehe­ma­li­ger Haus­leh­rer, der Päd­ago­ge Johann Hein­rich Cam­pe 1792, „könn­te und müß­te man, deucht mich, die bis­he­ri­ge Ein­rich­tung der Uni­ver­si­tä­ten je eher je lie­ber auf­he­ben.“

Universitätsschliessungen

Im Jahr dar­auf fass­te die fran­zö­si­sche Natio­nal­ver­samm­lung den Beschluss, die Aca­dé­mie des Sci­en­ces zu schlies­sen – seit dem 17. Jh. das Flagg­schiff der fran­zö­si­schen Wis­sen­schaft. Kurz dar­auf mach­te sie auch die Uni­ver­si­tä­ten zu. In der deutsch­spra­chi­gen Dis­kus­si­on lös­ten die­se dra­ma­ti­schen Vor­gän­ge ein star­kes Echo aus. Sie ver­schärf­ten die Kri­se der Uni­ver­si­tä­ten, indem sie Befür­wor­tern wie Geg­nern der Hoch­schu­len Argu­men­te an die Hand gaben. Zwar durf­ten vie­le der fran­zö­si­schen Uni­ver­si­tä­ten nach einer Inte­rim­s­pha­se wie­der öff­nen; For­schung und nament­lich die Rekru­tie­rung von Eli­ten fan­den künf­tig aber in den von Napo­le­on gegrün­de­ten Gran­des Éco­les der Haupt­stadt statt.

Humboldt-Universität zu Berlin

Hum­boldt Uni­ver­si­tät zu Ber­lin

Auch in Deutsch­land fiel den unmit­tel­ba­ren und mit­tel­ba­ren Fol­gen der napo­leo­ni­schen Herr­schaft mehr als die Hälf­te der exis­tie­ren­den Uni­ver­si­tä­ten zum Opfer. Ver­ge­gen­wär­tigt man sich die­ses Abwick­lungs­ge­sche­hen sowie die Vehe­menz des Anti­aka­de­mis­mus in der deutsch­spra­chi­gen Dis­kus­si­on, dann muss es aller­dings erstau­nen, dass das fran­zö­si­sche Modell der Gran­des Éco­les nicht auch hier die Ober­hand gewann. Auch in den deut­schen Staa­ten gab es wis­sen­schaft­li­che Aka­de­mi­en wie etwa das Preu­ßi­sche Col­le­gi­um Med­ico-Chir­ur­gi­cum, von denen ein Umbau nach fran­zö­si­schem Vor­bild hät­te aus­ge­hen kön­nen. Doch die „Kul­tur der Nie­der­la­ge“ (Wolf­gang Schi­vel­busch) führ­te nicht zur Tren­nung, son­dern zur Ver­ei­ni­gung von For­schung und Leh­re in der nach den Plä­nen Wil­helm von Hum­boldt 1809 gegrün­de­ten neu­en Ber­li­ner Uni­ver­si­tät. Ihr nach­hal­ti­ger Erfolg beruht dar­auf, dass es ihren Urhe­bern gelang, nicht nur die Idee der aka­de­mi­schen Bil­dung neu zu defi­nie­ren, son­dern auch die pro­ble­ma­ti­sche Figur des Pro­fes­sors einem relaunch zu unter­zie­hen. Dafür war beson­ders die Trans­for­ma­ti­on von münd­li­cher Gelehr­sam­keit in schrift­li­che Autor­schaft mass­geb­lich.

Universität Göttingen

Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen

Das aller­dings hat eine Vor­ge­schich­te im 18. Jahr­hun­dert. Der His­to­ri­ker Wil­liam Clark hat in sei­nem Buch Aca­de­mic Cha­ris­ma and the Orig­ins of the Rese­arch Uni­ver­si­ty (2007) gezeigt, dass die „Ratio­na­li­sie­rung“ der deutsch­spra­chi­gen Uni­ver­si­tä­ten in der Frü­hen Neu­zeit nicht nur auf obrig­keits­staat­li­chen Maß­nah­men von der Art beruh­te, wie ich sie ange­deu­tet habe. Beson­ders die Regie­run­gen der pro­tes­tan­ti­schen Staa­ten setz­ten zugleich auch Anrei­ze zur Imple­men­tie­rung eines aka­de­mi­schen Mark­tes, die der Aus­bil­dung von cha­ris­ma­ti­schen Pro­fes­so­ren­per­sön­lich­kei­ten för­der­lich waren. In Göt­tin­gen, der 1737 gegrün­de­ten Pres­ti­ge­uni­ver­si­tät des König­reichs Han­no­ver, wur­den Pro­fes­so­ren nicht mehr auf­grund von Hei­rats­po­li­tik oder Besitz von Büchern, son­dern nach Mass­ga­be ihrer Publi­ka­ti­ons­lis­ten und ihres Renom­mees in der Gelehr­ten­re­pu­blik rekru­tiert. Das 1787 ein­ge­setz­te preus­si­sche Ober­schul­kol­le­gi­um führ­te für in- wie aus­län­di­sche Hoch­schul­leh­rer detail­lier­te Dos­siers, um ihren Markt­wert zu beob­ach­ten, der über die Beru­fungs­po­li­tik der Minis­te­ri­al­be­hör­de ent­schied. Der „aka­de­mi­sche Kapi­ta­lis­mus“ (Richard Münch), d.h. die Aus­brei­tung von unter­neh­me­ri­schem Han­deln in der Uni­ver­si­tät, die wir geneigt sind, als Ergeb­nis des Bolo­gna-Pro­zes­ses zu betrach­ten, geht in sei­nen Anfän­gen bis ins 18. Jh. zurück.

Der Professor als Autor

Universität Jena

Uni­ver­si­tät Jena

An die Mass­nah­men früh­neu­zeit­li­cher Büro­kra­ten knüpf­ten um 1800 die roman­ti­schen Uni­ver­si­täts­theo­re­ti­ker an. Johann Gott­lieb Fich­te, Fried­rich Schel­ling und Fried­rich Schlei­er­ma­cher gehö­ren zu den Pro­fes­so­ren, die sich in den 1790er Jah­ren in die Debat­te über die Lage der deut­schen Uni­ver­si­tä­ten ein­schal­te­ten, um für deren Erhal­tung und grund­le­gen­de Erneue­rung zu plä­die­ren. Über ihre Theo­ri­en wan­der­ten zahl­rei­che roman­ti­sche Impul­se in die Hoch­schul­re­form der frü­hen Moder­ne ein. Doch die Bezü­ge zwi­schen Uni­ver­si­tät und Roman­tik rei­chen wei­ter. Immer­hin ist es bemer­kens­wert, dass die roman­ti­sche Bewe­gung in Deutsch­land – anders als in Frank­reich oder Eng­land – nicht von einem poli­ti­schen oder kul­tu­rel­len Zen­trum, son­dern von Jena, einer klei­nen Uni­ver­si­täts­stadt, ihren Aus­gang nahm.

Fich­te stimm­te mit den Kri­ti­kern dar­in über­ein, dass die Hoch­schu­len in ihrer bis­he­ri­gen Form „sofort abge­schafft“ wer­den müss­ten. In der idea­len Uni­ver­si­tät erblick­te er hin­ge­gen eine neue Kir­che: „das Hei­ligs­te, was das Men­schen­ge­schlecht besitzt“. Um ihren Bil­dungs­auf­trag zu erfül­len, dürf­ten sich die Pro­fes­so­ren aller­dings nicht dar­auf beschrän­ken, bereits Bekann­tes zu repro­du­zie­ren, son­dern müss­ten – genau wie die Dich­ter – in „schöp­fe­ri­scher“ Wei­se tätig sein. Daher ver­zich­te­te Fich­te kon­se­quent dar­auf, sei­ne eige­ne Vor­le­sung auf die Aus­le­gung von Klas­si­kern oder bereits exis­tie­ren­de Lehr­bü­cher zu stüt­zen, son­dern stieg – wie er das sel­ber nann­te – als „wis­sen­schaft­li­cher Künst­ler“ aufs Kathe­der. Die „Ein­füh­rung in die Wis­sen­schafts­leh­re“, die unter den Stu­den­ten für ihre Unver­ständ­lich­keit berüch­tigt war, las er vom frisch ver­fass­ten Manu­skript.

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Uni­ver­si­tät Mar­burg

Auf die preus­si­sche Hoch­schul­re­form sind in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­hun­der­ten etli­che wei­te­re gefolgt. Anders als im 18. Jh. reagier­ten sie aber nicht auf das Schrump­fen, son­dern auf die Zunah­me der Stu­den­ten­zah­len. An ihrem Wachs­tum gemes­sen muss die Uni­ver­si­tät als eine der erfolg­reichs­ten Insti­tu­tio­nen des 20. Jh. betrach­tet wer­den. Doch obwohl es ihr gelingt, immer brei­te­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten zu inklu­die­ren, herrscht – zumin­dest in der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät – die Dia­lek­tik von Kri­tik und Kri­se vor. Das liegt am Wachs­tum selbst, für das die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten struk­tu­rell schlecht aus­ge­rüs­tet sind. Mit sei­ner Erfolgs­for­mel, For­schung und Leh­re zu ver­ei­ni­gen, hat gera­de das hum­boldt­sche Modell sei­nem Per­so­nal immer schon einen Rol­len­kon­flikt zuge­mu­tet, der pro­por­tio­nal zur Grö­ße der Uni­ver­si­tä­ten zwangs­läu­fig zuge­nom­men hat. Kein Pro­fes­sor hat heu­te noch das Gefühl, ein „wis­sen­schaft­li­cher Künst­ler“ sein zu dür­fen, obwohl sich, para­do­xer Wei­se, die Rhe­to­rik der „Ori­gi­na­li­tät“ bzw. der „ris­kan­ten For­schung“ in den letz­ten Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich aus­ge­dehnt hat.

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Uni­ver­si­tät Zürich

Um für die Zumu­tun­gen der gegen­wär­ti­gen Bolo­gna-Hoch­schul­re­form bes­ser gewapp­net zu sein, soll­te die Uni­ver­si­tät ein Bewusst­sein ihrer eige­nen Geschich­te zurück­ge­win­nen, die, das ver­gisst man häu­fig, wei­ter als die des sie heu­te in sei­ne Diens­te neh­men­den Natio­nal­staa­tes reicht. Das könn­te in Zukunft auch eine Auf­ga­be für die Wis­sen­schafts­ge­schich­te sein, die die ver­staub­te Uni­ver­si­täts­ge­schich­te seit Jah­ren ver­nach­läs­sigt hat. His­to­ri­sche Auf­klä­rung ist selbst zwar noch kei­ne Lösung, hilft aber dabei, auf fal­sche Lösun­gen weni­ger leicht her­ein­zu­fal­len.

Von Philipp Felsch

Philipp Felsch, geb. 1972, ist Historiker und Kulturwissenschaftler. Er arbeitet als Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.