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King Trump; Quelle: wsj.com

King Trump; Quelle: wsj.com

Donald Trump, the man who would be king: Diese Impres­sion war der Stoff für aller­lei Kari­ka­tu­ren. Sie zeigen Trump in seiner könig­li­chen Karosse, im Gewand Hein­richs VIII., mit einer selbst­ge­mach­ten Krone auf dem Haupt oder als König, der sich selber krönt. Kari­ka­tu­ren haben einen wahren Kern, sonst sind sie keine. Was könnte dieser Kern sein?

Dage­gen spricht zunächst einmal das ganz und gar unkö­nig­li­che Betra­gen des Kandi­da­ten. Zwischen „King Trump“ (Weekly Stan­dard) und Queen Eliza­beth (zum Beispiel) klaf­fen Welten. Sie ist über alle Zwei­fel erha­ben, er gibt einen „rüpel­haf­ten Multi­mil­li­ar­där mit schlech­ten Manie­ren und einem Hang zur Scha­den­freude.“ Trump „provo­ziert und belei­digt, ist sexis­tisch, rassis­tisch und schert sich nicht um ‚poli­ti­cal correct­ness‘.“ Damit wäre eigent­lich schon alles gesagt – gäbe die Mess­latte Amts­würde nicht einige Rätsel auf.

Worin besteht diese Würde? Und wer darf sie rekla­mie­ren oder muss mit ihr rech­nen? Dem Philo­so­phen Adolph Helf­fe­rich (1813–1894) verdan­ken wir einen hilf­rei­chen Finger­zeig. Jeder Amts­trä­ger, darin allen ande­ren Berufs­tä­ti­gen gleich, besitze seine spezi­fi­sche „Ehre“. Aller­dings habe es sich, beob­ach­tet Helf­fe­rich, gerade unter Beam­ten einge­bür­gert, eine höhere „Würde“ einzu­for­dern und diese auf ihr beson­de­res Amt zurück­zu­füh­ren. Genauer bese­hen hätten sie den „sakra­len Charak­ter der Kirchen­die­ner“ annek­tiert, würden also still­schwei­gend eine beson­dere Nähe zu Gott bean­spru­chen. Unter allen Staats­die­nern stand dieses Privi­leg aber nur dem ersten zu – exklu­siv: „by birth­right and lineal descent“ war der König „a little GOD“ (James I). Niemand sonst konnte das von sich behaupten.

König im Kopf

Donald Trump als König Henry VIII. Quelle: newyorker.com

Donald Trump als König Henry VIII. Quelle: newyorker.com

Bei Gele­gen­heit hat sich Donald Trump, so als ob er in diese illus­tre Reihe gehörte, damit gebrüs­tet, seine „Bezie­hung zu Gott“ sei ganz groß­ar­tig („great“). Darum geht es selbst­re­dend nicht. Sondern um die Frage: Können moderne Staats­vor­ste­her, qua Amt und mit Aussicht auf Erfolg, eine „hete­ro­gene“ (Jean Baudril­lard) Quali­tät rekla­mie­ren, die sie – frühe­ren Monar­chen gleich – anders erschei­nen lässt als alle ande­ren? Michel Foucault war davon über­zeugt: „Im poli­ti­schen Denken und in der poli­ti­schen Analyse ist der Kopf des Königs noch immer nicht gerollt“ (Der Wille zum Wissen, 1976). Dass wir heute immer noch im „Schat­ten des Königs“ (Philip Manow) leben, hat sich inzwi­schen herum­ge­spro­chen. Warum das so ist – darüber gehen die Ansich­ten ausein­an­der, ohne dass sie einan­der ausschlös­sen. Einige Beob­ach­ter meinen, es liege an der Funk­tion. Souve­rä­ni­tät sei, wenigs­tens symbo­lisch, auf eine höchste Instanz über­par­tei­li­chen Charak­ters ange­wie­sen. Andere stel­len fest, dass bestimmte Regime, wie das ameri­ka­ni­sche, eine bestimmte Posi­tion mit nach­ge­rade roya­ler Macht­fülle ausstat­ten. Wieder andere halten es mit der Emotion – ihrer Meinung nach verschaf­fen Königs­fi­gu­ren dem anony­men Macht­ap­part ein vertrau­tes Gesicht. Immer ist es jedoch eine amtli­che Ange­le­gen­heit. Niemand lebt „im Schat­ten“ priva­ter Perso­nen, heißen sie nun Gauck oder Obama oder Hollande.

Aller­dings könnte es ein „König Trump“ dahin brin­gen, dass diese Welt aus den Fugen gerät und (s)eine Person das Amt demon­tiert. Der Augen­schein spricht dafür. Doch er allein genügt nicht, denn mit diesem Risiko haben schon frühere Epochen umge­hen müssen, weshalb seit jeher zwei Königs­pro­bleme zu lösen sind: Ein gewöhn­li­cher Mensch muss sakra­li­siert und seine Gewöhn­lich­keit neutra­li­siert werden.

Regie und Reinfall

Präsi­den­ten können Köni­gen nach­ge­bil­det werden. Der König dage­gen ist ein Kunst­stück, keine Kopie. Man muss ihn erfin­den, und darum hat sich die (hohe) Geist­lich­keit verdient gemacht. Sie war, nicht zuletzt im eige­nen Inter­esse, darauf aus, ein impo­san­tes Ritual zu entwi­ckeln, das mit Gottes helfen­der Hand im Krönungs­akt „Exzel­lenz“ produ­ziert. Virtuo­sen dieses Spiels, wie Englands Zere­mo­ni­en­meis­ter, boten dem Volk eine gran­diose Prozes­sion, die den Verwand­lungs­akt vom gewöhn­li­chen Menschen zum „klei­nen Gott“ nach­ge­rade hand­greif­lich vorführt. Roy Strong (Coro­na­tion: A History of King­ship and the British Monar­chy, 2005) hat sie beschrie­ben: „Jene, die sich entlang der Straße aufge­reiht hatten, konn­ten ihren zukünf­ti­gen Herr­scher sehen, barhäup­tig, ganz ohne Ornat und keine Schuhe an den Füßen, gelei­tet von einem Bischof an jeder Hand.“ Dann, einige Stun­den später, „konn­ten sie densel­ben Menschen in verwan­del­ter Gestalt wieder auftau­chen sehen, in präch­ti­ger Amts­tracht, wie er nicht mehr von ande­ren geführt wird, sondern trium­phie­rend dahin schrei­tet, Szep­ter und Reichs­ap­fel in seinen Händen, und auf dem Haupt eine goldene Krone voller Juwe­len. In einer Zeit, da das Denken noch vom Bild und nicht dem Wort bestimmt worden ist, muss der Eindruck über­wäl­ti­gend gewe­sen sein.“ Im Kirchen­raum war offen­bar ein Wunder passiert. God was there.

Heraus­ge­kom­men sind Würden­trä­ger, keine Gutmen­schen oder Meis­ter­den­ker. Falls der Quali­täts­sprung tatsäch­lich einmal statt­fin­det, wie in Shake­speares Hein­rich VI., wird diese Trans­for­ma­tion selbst von Kirchen­obe­ren nicht IHM zugute geschrie­ben, sondern dem Zufall. Doch ob Gott oder Glück – beide Königs­ma­cher waren unsi­chere Kanto­nis­ten. Häufig genug sollte sich zeigen, dass der Verstand dem Amt nicht gewach­sen und das Verhal­ten dessen Würde abträg­lich war. So gese­hen könnte Donald Trump einen wirk­li­chen König abgeben.

Fiktion und Funktion

Zu verhin­dern war, dass der normale Fall – Kron­prin­zen mit ruppi­gen Instink­ten oder rampo­nier­ter Intel­li­genz – die kost­bare Insti­tu­tion in Mitlei­den­schaft zieht. Um die Scha­dens­be­gren­zung haben sich, soweit sie in ihrer Macht stand, vor allem Englands Juris­ten verdient gemacht. William Blackstones Commen­ta­ries on the Law of England (1791) halten dazu fest:

The mass of Mankind will be apt to grow inso­lent and refrac­tory, if taught to consi­der their prince as a man of no grea­ter perfec­tion than them­sel­ves. The law there­fore ascri­bes to the king, in his high poli­ti­cal charac­ter, not only large powers and emolu­ments, which form his prero­ga­tive and reve­nue, but like­wise certain attri­bu­tes of a great and trans­cen­dent nature; by which the people are led to consi­der him in the light of a supe­rior being, and to pay him that awful respect, which may enable him with grea­ter ease to carry on the busi­ness of government. –William Blackstone, 1791

So sei „royal dignity“ zu verste­hen:  Das Recht verleiht dem Amt eine Würde, die den klei­nen Mann verges­sen lässt, dass es mit der Person nicht so weit her ist. Zu diesem Zweck hat eine erfin­de­ri­sche Recht­spre­chung den Souve­rän grund­sätz­lich doppelt kodiert, sprich: ihm einen zwei­ten Körper verpasst. Er ist als Mensch (body natu­ral) voller Mängel, wie wir alle, doch, wie sonst niemand, fehler­los im Amt (body poli­tic). Gewiss, dage­gen, dass sich Monar­chen ihren Ruf mit Mätres­sen ruinie­ren, ließ sich juris­tisch nichts machen. Schlim­me­res aber konnte per Dezi­sion verhin­dert werden: „The King can do no wrong“. Und da das Kalkül, mani­fest gewor­den, irri­tie­ren könnte, wurde es vorsichts­hal­ber als Konse­quenz ausge­ge­ben: Des Königs „poli­ti­scher Körper“, hieß es, umhülle gewis­ser­ma­ßen seinen natür­li­chen (nach­zu­le­sen in Ernst H. Kanto­ro­wiczs Die zwei Körper des Königs von 1957).

George Hayter: Coronation of Queen Victoria, 28. Juni 1838; Quelle: wikipedia.com

George Hayter: Coro­na­tion of Queen Victo­ria, 28. Juni 1838; Quelle: wikipedia.com

Trump und die Tradition

Nach den alten Rechts­quel­len würde heute wohl kein Hahn mehr krähen, hätten sie nicht nicht eine idée fixe unse­rem Denken einge­pflanzt: die Doppel­co­die­rung des Souve­räns. Aller­dings, seit­dem an Gottes Stelle das Volk den „König“ instal­liert, hat sich auch mit dem Körper­zau­ber etwas getan. Wer bei Shake­speare nach­schlägt, findet, dass jener Hein­rich ein Tunicht­gut war, bevor er seine Regent­schaft antrat, und den drit­ten Richard selbst eine mörde­risch verkrüp­pelte Psyche nicht an der Karriere gehin­dert hat.  Mit so viel Tole­ranz darf heute niemand mehr rech­nen, Donald Trump einge­schlos­sen. Denn seit­dem statt dynas­ti­sche Erbfol­gen demo­kra­ti­sche Wahlen Anwär­ter auf den Thron resp. ins Amt hieven, wollen die Regier­ten wissen, wer künf­tig ihr Leben mal mehr (Amerika), mal weni­ger (Deutsch­land) beein­flusst. Darum verlan­gen sie den Kandi­da­ten die Würde des Auftritts, „that presi­den­tal look“ (Washing­ton Post), als Taug­lich­keits­nach­weis ab. „The dignity of a presi­den­tial candi­date“ (FoxNews) wird umso wich­ti­ger, je weni­ger und je mehr ein Bewer­ber später zu sagen hat. Endet er als Galli­ons­fi­gur (Deutsch­land), ist der Habi­tus fast alles; hängen später einmal Schick­sale an seiner Amts­füh­rung (Amerika), dann ist das Wie – die poli­ti­schen Umgangs­for­men – noch wich­ti­ger als das Was, die poli­ti­schen Absichtserklärungen.

So oder so – Trump hat fürs Deko­rum nichts als Verach­tung übrig und hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg: „I don’t give a shit.“ Haltungs­no­ten lassen ihn kalt, er leis­tet sich Eska­pa­den nach alter Prin­zen­sitte, looking presi­den­tial ist ihm gerade mal eine Parodie wert. Dennoch oder besser: genau deshalb beju­belt halb Amerika den Lametta-Rebellen. Wieso? Weil Trumps Gefolg­schaft die spek­ta­ku­läre Perfor­mance als Beleg für ein spek­ta­ku­lä­res Programm nimmt und nichts weni­ger erhofft: „We need some­body spec­ta­cu­lar“. Ginge es dabei um gewöhn­li­chen Popu­lis­mus, viel­leicht von unge­wöhn­li­cher Mach­art, könnte das Ganze sein Bewen­den haben. Aber mehr steht wohl auf dem Spiel – fatale Dauer­schä­den drohen: „Repu­bli­cans and Demo­crats, in Washing­ton and beyond, fear that the after­math of the 2016 elec­tion will create a feste­ring infec­tion in the alre­ady deep and lasting wound that the campaign is leaving on America.”

Ein ungu­tes Gefühl, das sich noch einmal dras­tisch verstärkt hat, seit­dem Trump deut­lich macht, dass er die wich­tigste Regel des demo­kra­ti­schen Macht­spiels verlet­zen will: eine Nieder­lage klag­los hinzu­neh­men. Für ihn (und sein Publi­kum) ist nichts ande­res legal, geschweige denn legi­tim, als der Sieg: “I would like to promise and pledge, to all of my voters and suppor­ters and to all of the people of the United States, that I will totally accept the results of this great and histo­ric presi­den­tial elec­tion – if I win”. Was den Verdacht verstärkt, dass da struk­tu­rell etwas passiert: ein Tradi­ti­ons­bruch, der sich zum Kultur-, ja Regime­wan­del aufschau­keln könnte.

Der Schiffs­füh­rer

Im Körper­jar­gon formu­liert, insze­niert Trump einen bodys­witch. Zunächst steht das Wahl­sys­tem am Pran­ger: „I’m afraid the election’s going to be rigged“, womög­lich „totally rigged“ oder gar „totally rigged and corrupt“. Ein Betrugs­ma­nö­ver läuft an oder schon ab, ganz so, als ob früher im Innern von West­mins­ter Abbey gemo­gelt worden wäre, um dem arglo­sen Publi­kum falsche Könige aufzu­ti­schen. Selbst wenn so etwas vorge­kom­men wäre – man stelle sich einen frus­trier­ten Gran­den vor, der nach voll­brach­ter (Misse-)Tat vor die wartende Menge tritt und mit beben­der Stimme verkün­det, seine Stan­des­brü­der seien Ross­täu­scher. Undenkbar.

Trump-tweet mit Mussolini-Zitat; Quelle: bbc.com

Trump-retweet mit Mussolini-Zitat; Quelle: bbc.com

Donald Trump kennt selbst diese Hemmung nicht. Er schätzt seine Person (im Amt) höher ein als das Amt (auf dem Papier), weil die Zeiten für ihn vorbei sind, da Würde noch einen Wert hatte. Ameri­kas Schick­sal stehe auf dem Spiel, und da Unheil drohe, habe das Volk ein Anrecht auf den, der das Heil bringt – natür­lich ihn: „I alone can fix it.“ Trumps Offerte lautet: Einer („I“) für alles „(it“), alle für einen. Wer sie annimmt, lebt bereits in seinem Schatten.

So weicht die verfasste Würde (body poli­tic) dem verkör­per­ten Willen (body na­tural). Und wo ein Wille ist, da ist auch ein Wort: „Man­neskraft am Steu­er­ru­der leitet in den sichern Port“ (Carl Weis­flog, 1826). Sollte, was nicht wenige vermu­ten, dem ‚Schiffs­füh­rer’ die Zukunft gehö­ren, dann hätte Trump den Kopf des Königs tatsäch­lich ins Rollen gebracht. Seine Kari­ka­tu­ris­ten aller­dings verpas­sen diese Pointe…

Von Wolfgang Fach

Wolfgang Fach, geb. 1944, war bis 2011 Professor für politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Leipzig und dort als Prorektor zuletzt mit „Bologna“ beschäftigt.