Geschichten der Gegenwart

Es war 1967, der „Summer of Love“. Verwun­dert und eini­ger­mas­sen ratlos streifte der Histo­ri­ker Eric Hobs­bawm in San Fran­cisco durch Haight-Ashbury, die Flower-Power-Hochburg. Als er sich im Mai des darauf­fol­gen­den Jahres in Paris durch die Tränen­gas­ne­bel des Quar­tier Latin kämpfte, wunderte er sich immer noch. Die Graf­fi­tis an den Wänden schie­nen eine neue Spra­che zu spre­chen, eine, die er nicht verste­hen konnte – und das, wo er sich doch ein Leben lang für Rebel­len und ihre Rebel­lio­nen inter­es­siert hatte. Selbst­ver­ständ­lich war der Marxist vertraut mit den Symbo­len und Refe­ren­zen der Neuen Linken, von Karl Marx über Che Guevara bis Guy Debord. Doch irgend­wie schie­nen die Zeichen in Unord­nung gera­ten zu sein. Für das, was in den späten 1960er Jahren passierte, so schreibt er in seiner Auto­bio­gra­fie, hätten ihm damals ganz einfach die Worte gefehlt.

Doch eigent­lich fehl­ten ihm die Töne. Für Hobs­bawm waren die Jahre um 1968 lange Zeit wenig mehr als eine Rand­no­tiz im drama­ti­schen „Jahr­hun­dert der Extreme“ (wie der spre­chende Titel von einem seiner wich­tigs­ten Bücher lautet). Erst viel später reali­sierte er, dass seine Verständ­nis­pro­bleme musi­ka­li­sche Gründe hatten. Sie rühr­ten seiner Meinung nach daher, dass er sich Mitte der 1950er Jahre in den nächt­li­chen Kosmos der Jazz­mu­sik verab­schie­det hatte. Wie die meis­ten Intel­lek­tu­el­len seiner Zeit hatte ihn der lärmende, hüft­schwin­gende, grelle und laute Rock'n'Roll, der zeit­gleich in einer riesi­gen Welle um die Welt ging, befrem­det. Moch­ten die Jugend­li­chen und jungen Erwach­se­nen sich austo­ben zu den simp­len Songs von Chuck Berry, Little Richard, Bill Haley oder Elvis Pres­ley; dieser Spuk, da waren sich alle Kultur­be­flis­se­nen einig, würde schnell wieder vorbei sein.

Black Sabbath, frühe 1970er Jahre; Quelle uncut.co.uk

Das Gegen­teil trat ein. Das Stak­kato der drei­mi­nü­ti­gen Songs, in ihrer Länge abge­stimmt auf das neuar­tige Format der Vinyl-Single, und der wilde Tanz, der die Moral-, die „Rassen“- und „Geschlechter“-Ordnungen durch­ein­an­der­wir­belte; das war wie gemacht für das noch junge Fern­se­hen, den mäch­ti­gen, eben­falls neuen Multi­pli­ka­tor. So voll­zog sich über­all ein schnel­ler und radi­ka­ler Wandel von „E“ zu „U“, wie man damals die Kultur in „ernste“ und „unter­hal­tende“ glaubte unter­tei­len zu müssen. Doch wer genau hinhörte, konnte verste­hen, dass sich eine Gene­ra­tion von der ande­ren abzu­kop­peln begann. Die Folgen zeig­ten sich bald. Oder in den rück­bli­cken­den Worten Hobs­bawms: Wenn es irgend­et­was gibt, das die 1960er Jahre symbo­li­siert, war es der globale Sieges­zug der Rock­mu­sik.

Die Riesen­ech­sen des Rock­ge­schäfts

Es ist der Abend des 5. Februar 2017. In der Genting Arena am Stadt­rand von Birming­ham treten Black Sabbath zum letz­ten Mal auf. Hier, in der Haupt­stadt der Western Midlands, wo sie ein halbes Jahr­hun­dert zuvor ange­fan­gen hatten, Musik zu machen. 16'000 Besu­che­rin­nen und Besu­cher johlen, als das Hallen­licht ausgeht. Ein drama­ti­sches Intro, der Vorhang hebt sich zu Glocken­schlä­gen und nun ertönt es, das berühmte, trito­nale Gitar­ren­riff des Songs „Black Sabbath“.

Der letzte Auftritt von Black Sabbath; Foto: Ian Christe

Es ist laut, nicht mehr so ohren­be­täu­bend wie damals, als Rock­bands noch damit bewor­ben wurden, lauter als ein star­ten­der Jumbo­jet zu sein, aber immer noch laut. Viel High­tech sorgt für einen glas­kla­ren Sound. Bis weit in die 1980er Jahre noch hatten soge­nannte Arena Rock Bands, die Riesen­ech­sen des Rock­ge­schäfts, vornehm­lich in umfunk­tio­nier­ten Sport­sta­dien gespielt. Der Erfolg der Rock­di­no­sau­rier hat es mit sich gebracht, dass heute ausge­klü­gelte, multi­funk­tio­nale Event­hal­len in jeder grös­se­ren Stadt der Welt stehen, mit allen Raffi­nes­sen ausge­stat­tet, tagtäg­lich von Aber­tau­sen­den besucht. Gebo­ten wird ein Rund­um­ser­vice, der gleich beim Eingang mit der Abgabe von kosten­lo­sen Gehör­schutz­stöp­seln beginnt.

Im Doku­men­tar­film „Eight Days a Week“ (R: Ron Howard, 2016) ist zu sehen und hören, wie die Beat­les 1966 den Kampf gegen die Beat­le­ma­nia verlie­ren. Zuse­hends entnervt, versu­chen sie ihre Songs durch winzige Gitar­ren­ver­stär­ker auf schep­pernde Stadi­onme­ga­fone zu quet­schen. Mit einer solchen Tech­nik ist aller­dings nicht anzu­kom­men gegen das Gekrei­sche zehn­tau­sen­der Fans. Hilf­los gehen die vier Musi­ker jeden Abend in der Bran­dung aus mensch­li­chen Stim­men unter. Nur einmal würden sie nach dieser Tour­nee noch auftre­ten, hoch oben auf dem Dach ihrer Londo­ner Plat­ten­firma, wo niemand sie nieder­brül­len konnte.

Doch die Tech­nik holte rasch auf. Led Zeppe­lin, auch sie kamen aus der Gegend um Birming­ham, tour­ten 1969 als erste bis an die Zähne mit gros­ser Watt­zahl bewaff­nete Band. Die Musi­ker rüste­ten gegen ihre Fans auf, mit Hoch­leis­tungs­laut­spre­chern und einem Tross von Tech­ni­kern und Tonin­ge­nieu­ren. Gitar­ren­ver­zer­rung, Rück­kop­pe­lungs­ef­fekte und der aggres­sive Power­chord, eine neu entwi­ckelte Griff­tech­nik, brachen von nun an mit nie gekann­ter Vehe­menz übers Publi­kum herein und lies­sen es während der Songs verstum­men.

Publi­kum in der Genting Arena, 5.2.2017; Foto: Erich Keller

Auch in der Genting Arena, fast ein halbes Jahr­hun­dert später, folgt alles der seit­her einge­üb­ten Orches­trie­rung. Blöcke von zwei, drei Songs werden unter­bro­chen von kurzen Ansa­gen, dann und wann werden die Fans vom Sänger Ozzy Osbourne aufge­for­dert, Lärm zu machen. Danach über­nimmt die Band wieder die Hoheit über die Laut­stärke, alles hat seine Ordnung.

Wie alle Hard­rock­grup­pen setzte auch Black Sabbath ab 1970, dem Jahr ihres kommer­zi­el­len Durch­bruchs, auf Laut­stärke als Über­wäl­ti­gungs­stra­te­gie. Ange­fan­gen hatten die Musi­ker leiser, sie waren zuvor in ande­ren Bands durch die Pub-Landschaft getin­gelt. Eine eigen­ar­tige Situa­tion war das 1965, als sich über­all die Folgen des sozio­öko­no­mi­schen Wandels und das gras­sie­rende Blues­fie­ber wech­sel­sei­tig verstärk­ten. Die Rolling Stones hatten in die Tradi­ti­ons­kiste gegrif­fen und den Blues, die wehkla­gende Musik des schwar­zen U.S.-amerikanischen Südens, bis weit in die weisse Mittel­schicht getra­gen. Doch das leicht erkenn­bare Tonschema war mehr als „bloss“ Musik – Blues stand für Aufruhr und Authen­ti­zi­tät. Im West­ber­li­ner Under­ground von 1967 wurde „Blues“ sogar zum Sammel­be­griff für Gueril­la­trup­pen wie die Tupam­a­ros West-Berlin, die Umher­schwei­fen­den Haschre­bel­len oder die Bewe­gung 2. Juni.

Der Sound der Indus­trie­ge­sell­schaft

Doch man läge falsch, wollte man hier das Poli­ti­sche der Popmu­sik­re­vo­lu­tion suchen. Nicht die Texte, Paro­len oder linke Atti­tü­den waren das Entschei­dende. Nur eine Minder­heit der Bands expe­ri­men­tierte über­haupt mit ihnen. Das Poli­ti­sche steckte in der Verzah­nung verschie­de­ner Sphä­ren in einem flexi­blen, markt­ge­rech­ten Dispo­si­tiv zwischen Konsum und Dissi­denz. Frei­zeit, Bildung und Geld ebne­ten der Jugend, so sieht es der Histo­ri­ker Detlef Sieg­fried, den Weg in eine neue Moderne. Mit soli­den Geld­mit­teln ausstaf­fiert, begann sich ab den 1950ern ein nie gese­he­ner Massen­kon­sum zu etablie­ren. Prozesse, die auch neue Befind­lich­kei­ten hervor­brach­ten: das Gefühl des „Blues“ ist dafür ein Beispiel, die Beat­le­ma­nia ein ande­res. Eska­pis­mus, Dissens und Generationen-Revolte lies­sen sich naht­los mit ökono­mi­schem Erfolg verbin­den.

Nile Street steel works, Birming­ham, ca. 1905-20; Quelle: blog.gracesguide.co.uk

Bomben­schä­den in der New Street, Birming­ham, 10. April 1941; Quelle: birminghamhippodrome.wordpress.com

Doch woraus speiste sich die beson­ders „harte“ Version des neuen Sounds von ‘68? Hatte sie etwas zu tun mit den Gegen­den der Midlands, wo im 18. und 19. Jahr­hun­dert das dampf­be­triebe Herz der Indus­tri­el­len Revo­lu­tion geschla­gen hatte? Die Stadt Birming­ham, in deren Umfeld zahl­rei­che um 1945 gebo­rene, stil­prä­gende Hard­rock­mu­si­ker aufwuch­sen, war lange noch Trüm­mer­stadt geblie­ben. Die Luft­waffe der Natio­nal­so­zia­lis­ten hatte massive Verwüs­tun­gen ange­rich­tet, stan­den hier doch die Muni­ti­ons­fa­bri­ken der Briti­schen Armee. Diese drama­ti­sche Vergan­gen­heit des Black Coun­try, wie die ehemals russ­ge­schwärz­ten Land­stri­che auch heis­sen, hatte sich früh schon als ergie­bi­ges Meta­phern­re­ser­voir für den neuen Sound erwie­sen. Die Industrialisierungs- und Kriegs­nar­ra­tive haben sich so eng um die Musik solcher Grup­pen gelegt, dass sich Erzäh­lung und Klang kaum mehr vonein­an­der tren­nen lassen. Auch das okkulte Image – angeb­lich wurde es Black Sabbath von der Plat­ten­firma aufge­zwängt – gehört dazu. Kein Sound kommt ohne Spra­che aus.

Es passt auch alles perfekt zusam­men, wie etwa die Erin­ne­run­gen des Judas-Priest-Sängers Rob Halford zeigen: Gleich­sam im Hinter­hof einer Metall­gies­se­rei habe seine Schule gele­gen, gebüf­felt habe er in einem perma­nent rauch­ge­schwän­ger­ten Klas­sen­zim­mer. Andere beschrei­ben das Leben in der Schwer­indus­trie­ka­pi­tale als vom rhyth­mi­schen Lärm der Schmie­de­häm­mer getak­tet, in jedem Winkel habe man sie gehört, bumm-bumm-bumm. Auch der spätere Schlag­zeu­ger von Black Sabbath, Bill Ward, will nachts im Kinder­bett mit den Ohren diese Geräu­sche aufge­so­gen haben. Im Funken­re­gen und mit schwer­me­tal­le­nem Aero­sol in der Nase ist man hier Kind gewe­sen.

Kein Wunder, hört man solche Sounds, tief einge­las­sen in die Musik Black Sabbaths. Schon als 1970 Lester Bangs, der einfluss­rei­che Kriti­ker des Rolling Stone Maga­zine, ihre erste LP rezen­sierte, beschrieb er die Musi­ker als „unta­len­tierte Hand­lan­ger“. Das sind Bilder, aus denen leicht Töne werden können.

Die letzte Bühnen­show, im Vorder­grund Ozzy Osbourne, auf der Lein­wand die Gitarre von Toni Iommi; Quelle: nytimes.com

Unbe­weg­lich steht Toni Iommi auf der Bühne. 70 wird er nächs­tes Jahr, vor kurzem erst hat er eine Krebs­er­kran­kung über­stan­den. Es fällt mir schwer, dies zusam­men­zu­brin­gen mit dem mono­li­thi­schen Sound, den er produ­ziert. Es ist mir unmög­lich, hinter meine weit zurück­rei­chen­den Musi­ker­in­ne­run­gen zurück­zu­ge­hen. Die Narra­tive zu verges­sen, die den Sound hervor­ge­bracht haben.

Früh schon habe Iommi als guter Gitar­rist gegol­ten, mit soli­dem Spiel, aber wenig Erfolg. Bis ihm 1965 in einem Moment der Unauf­merk­sam­keit eine Blech­schnei­de­ma­schine zwei Finger­kup­pen abtrennte. Um dennoch die Saiten drücken zu können, bastelte er sich Finger­hüte, doch entwe­der waren sie zu dick fürs exakte Spiel oder zu dünn, sodass die bloss mit ein wenig Haut über­spann­ten Nerven­enden seiner verkrüp­pel­ten Finger schmerz­ten. Irgend­wann habe er heraus­ge­fun­den, dass das weiche Leder einer alten Jacke sich beson­ders gut eignete, die empfind­li­chen Stümpfe zu schüt­zen. Doch erst die Platte eines ihm zuvor unbe­kann­ten Gitar­ris­ten brachte die Wende: Django Rein­hardt, der es trotz oder gerade wegen bloss zweier Finger an der Griff­hand zum Virtuo­sen gebracht hatte. Man brauchte also keines­wegs eine intakte Hand fürs Gitar­ren­spiel. Dünnere, leich­ter zu drückende Saiten reich­ten – und, wich­ti­ger noch, man musste sie gegen die Konven­tion herun­ter­stim­men, von E auf C#. Das brachte den tiefen, satten Gitar­ren­sound.

The End

The End, 5.2.2017; Quelle: birmingham.mail.co.uk

Ein wenig Feuer­werk, ein Konfet­ti­re­gen aus papie­re­nen Band­lo­gos. Das war's. Die drei Origi­nal­mit­glie­der verbeu­gen sich steif am Bühnen­rand, unsicht­bar der junge Schlag­zeu­ger. Erst verschwin­det die Band, bald tritt auch das Publi­kum ab. Auf den Rängen sieht es hier und dort aus wie in einem Film von Ken Loach. Über­all harte Gesich­ter, kommen­tiert mein Beglei­ter, Fran­sen­le­der­ja­cken, speckige Blue­jeans. Bier ist reich­lich geflos­sen. Ältere Männer bewe­gen sich schwan­kend zum Ausgang, nicht wenige Frauen sind zu sehen, viele eben­falls im Pensi­ons­al­ter. Die Bühnen­auf­bau­ten werden abtrans­por­tiert. Ein Abschied ohne viel Bombast.

Das Reihen­haus in der Vorstadt Aston, in dem Ozzy Osbourne aufge­wach­sen ist, 2017; Foto: Erich Keller

Wir besu­chen tags darauf Aston, den Vorort, in dem die Musi­ker von Black Sabbath aufge­wach­sen sind. Den Walk of Fame lassen wir links liegen, er soll der kurzen Einkaufs­meile hinter dem Bahn­hof etwas Glamour einhau­chen; auch Ozzy Osbour­nes und Toni Iommis Namen finden sich auf Ster­nen in den Asphalt versenkt. Eine Gehstunde entfernt steht das winzige Haus mit ledig­lich zwei Zimmern, in dem die Fami­lie Osbourne gelebt hat. Sechs Kinder, der Vater Werk­zeug­ma­cher, die Mutter Fabrik­ar­bei­te­rin. Es ist keine schöne Gegend hier. Viele der Back­stein­bau­ten sind voll­kom­men herun­ter­ge­kom­men, stehen leer. In den typi­schen klei­nen Reihen­häus­chen aber leben Menschen. Vor allem aus Paki­stan, dem nörd­li­chen Afrika, dem Nahen Osten sind sie gekom­men. Aus den Imbiss­stän­den dringt Musik, arabisch klin­gende Popmu­sik, die sich mit dem Auto­lärm vermischt.

In meinem Kopf wummern die Gitar­ren­riffs des Vorabends nach, und ich versu­che, mir das Hämmern der Schwer­indus­trie hinzu­zu­den­ken. Ja, da ist er, der Indus­trie­sound, ich glaube, ich kann ihn noch hören.

Von Erich Keller

Erich Keller ist Historiker und forscht an der Uni­versität Zürich zum Netz­werk des kommu­nisti­schen Buch­händlers Theo Pinkus und der Geschichte der Neuen Linken. Er ist Mit­begrün­der von Swiss Music Archives.