Geschichten der Gegenwart

Vor eini­gen Wochen spielte Guido Cantz, Mode­ra­tor der ARD-Sendung Verste­hen Sie Spass, seinem Schwei­zer Kolle­gen Röbi Koller einen Streich. Er betrat in voller Black-Facing Montur dessen SRF-Sendung Happy Day. Die deut­sche und die Schwei­zer Presse kriti­sierte die Aktion scharf, worauf sich Cantz wenige Wochen später in Verste­hen Sie Spass entschul­digte und fest­hielt, seine Aktion sei „in keins­ter Weise rassis­tisch ange­legt“ gewe­sen.

Struk­tu­rel­ler Rassis­mus

Die Episode gibt Einblick in die Proble­ma­tik des Rassis­mus im 21. Jahr­hun­derts. Es lohnt sich dabei, grob zwei Spiel­ar­ten des Rassis­mus zu unter­schei­den. Die eine ist der offen­sicht­li­che und mit voller Absicht ausge­übte Brachi­al­ras­sis­mus, der lange nur am rech­ten gesell­schaft­li­chen Rand gedieh, seit der Jahr­tau­send­wende durch popu­lis­ti­sche Agita­tion jedoch vermehrt in die gesell­schaft­li­che Mitte rückt. Dane­ben gibt es aber noch den subti­le­ren Rassis­mus, der weni­ger in den indi­vi­du­el­len Vorur­tei­len von Menschen, sondern viel­mehr in den gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren und der Kultur des Zusam­men­le­bens zum Ausdruck kommt.

Diese Form des nicht-intendierten, struk­tu­rel­len Rassis­mus durch­zieht euro­päi­sche Gesell­schaf­ten als Ganzes und mani­fes­tiert sich nicht zuletzt in öffentlich-rechtlichen Fern­seh­an­stal­ten wie der ARD oder bei SRF. So reprä­sen­tiert deren ‚Prime-Time‘ am Sams­tag­abend weder einen realis­ti­schen Quer­schnitt der Gesell­schaft, noch adres­siert sie einen solchen: Sowohl in Verste­hen Sie Spass als auch in Happy Day waren das Studio­pu­bli­kum und die einge­la­de­nen Gäste prak­tisch ausschliess­lich weiss. Dies, obschon Deutsch­land und die Schweiz beides post­ko­lo­niale oder post­mi­gran­ti­sche Gesell­schaf­ten sind, ein Ausdruck aus den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Gesell­schaf­ten also, die auch durch Jahr­hun­derte der euro­päi­schen Expan­sion nach Über­see geformt wurden und in denen seit mindes­tens drei Gene­ra­tio­nen Menschen mit Vorfah­ren aus den ehema­li­gen Kolo­nien zuhause sind und nicht zuletzt auch Fern­seh­ge­büh­ren zahlen.

Black-Facing

Laurence Olivier spielt Othello (1965); Quelle: silverscreeningroom.com

Laurence Olivier spielt Othello (1965); Quelle: silverscreeningroom.com

Die histo­risch entstan­de­nen, mehr oder weni­ger subti­len Diskri­mi­nie­run­gen dieser Menschen sind nicht nur in der Zusam­men­set­zung des Studio­pu­bli­kums und der Redak­tio­nen wirk­sam, sie zeigen sich auch in ande­ren Aspek­ten der deutsch­spra­chi­gen TV-Kultur. So verfolg­ten Cantz und sein Team zwar viel­leicht keine rassis­ti­schen Absich­ten, sie zeig­ten aber einen bemer­kens­wer­ten Mangel an Wissen über die Geschichte ihres Berufs. So spielte Cantz seine Figur des schwar­zen Mannes wie unzäh­lige weisse Enter­tai­ner seit dem 19. Jahr­hun­derts als dummen „Bimbo“ mit komi­schem Akzent und beharrte in der Sendung darauf, Vater einer weis­sen Toch­ter zu sein, was nach land­läu­fi­gem Verständ­nis unmög­lich ist. Dane­ben bediente der Gag aber auch Ressen­ti­ments auf einer weite­ren Ebene. Er lebte von der Hemmung, Fragen rund um Haut­farbe und kultu­relle Diffe­renz öffent­lich anzu­spre­chen. Während im Engli­schen ‚race‘ zur Bezeich­nung kultu­rel­ler Iden­ti­tät weiter­hin Verwen­dung findet, wird das Wort im Deut­schen und Fran­zö­si­schen vermie­den und statt­des­sen mit ‚Ethni­zi­tät‘ oder ‚Kultur‘ ersetzt.

So sah der ins Rotie­ren gera­tene Schwei­zer Mode­ra­tor Röbi Koller zwar sofort, dass es sich höchst­wahr­schein­lich um keinen ‚echten‘ schwar­zen Mann handelte, wie er nach Auflö­sung des Gags sagte. Er habe extrem komisch ausge­schaut. So ganz sicher war sich Koller aber doch nicht, weshalb er sich entschied, nichts zu sagen („Das chasch amene Schwarze jo ned is Gsicht säge.“). Das ‚Lustige‘ für das weisse Publi­kum war also, Röbi Koller dabei zu beob­ach­ten, wie er aufgrund der Tabui­sie­rung der Rassen­pro­ble­ma­tik nicht ausspre­chen konnte, was alle sahen und dach­ten. Damit lässt sich der Gag auch als Kritik an der ‚Poli­ti­cal Correct­ness‘ lesen. Viele Wortführer_innen der weis­sen Mehr­heits­ge­sell­schaft sehen in der Verban­nung des Rassis­mus keinen Schutz der Würde und der Rechte von diskri­mi­nier­ten Minder­hei­ten. Sie sehen darin viel­mehr eine angeb­li­che Beschrän­kung ihrer eige­nen Rede- und Meinungs­frei­heit, die sie – wie der Koller-Witz demons­trierte – in Bedräng­nis bringt.

Rassen­lo­ser Rassis­mus

Black-Facing einer­seits, Sprach­lo­sig­keit ande­rer­seits – mit dieser Kombi­na­tion zeigte die Szene ziem­lich präzise die zwei Kern­merk­male des heuti­gen west­eu­ro­päi­schen Rassis­mus. In der Kultur­wis­sen­schaft spricht man mit Noémi Michel häufig von einem ‚rassen­lo­sen Rassis­mus‘, der vor unge­fähr sech­zig  Jahren entstand, als nach dem Ende des NS-Regimes die Beschrei­bung der Gesell­schaft in biolo­gi­schen Rassen­ka­te­go­rien mora­lisch, wissen­schaft­lich und poli­tisch zurecht diskre­di­tiert wurde. Während Rassis­mus offi­zi­ell abge­lehnt wird, leben gleich­zei­tig jedoch Struk­tu­ren, Bilder und Ausschluss­me­cha­nis­men aus der Kolo­ni­al­zeit weiter.

Die meis­ten Länder, so auch die Schweiz, verste­hen sich zwar selbst­ver­ständ­lich als anti­ras­sis­tisch und beauf­tra­gen Kommis­sio­nen oder Behör­den mit der Bekämp­fung von Rassis­mus. Das Problem dieses behörd­li­chen Anti­ras­sis­mus besteht jedoch darin, dass er auf einem sehr engen Rassis­mus­be­griff beruht. Die Schwei­zer Rassis­mus­straf­norm (Art 261 bis StGB) zum Beispiel versteht unter ‚Rassen­dis­kri­mi­nie­rung‘ nur Hand­lun­gen, die übli­cher­weise von einer klei­nen Minder­heit am rechts­ra­di­ka­len Rand der Gesell­schaft ausge­übt werden: öffent­li­che Aufrufe zu Hass oder die Leug­nung von Völker­mord etwa. Diese enge Defi­ni­tion taugt zwar, um offen­sicht­li­chen Brachi­al­ras­sis­mus zu bekämp­fen. Sie ist jedoch blind für den struk­tu­rel­len und häufig gedan­ken­lo­sen Alltags­ras­sis­mus in der gesell­schaft­li­chen Mitte.

Mohamed Wa Baile auf dem Weg ins Bezirksgericht in Zuerich, mit "weissem" Gesicht, am Montag, 7. November 2016. Wa Baile wiedersetzte sich einer Personenkontrolle am Hauptbahnhof Zuerich, weil er sich aufgrund seiner Hautfarbe diskriminiert fühlte; Quelle: KEYSTONE/Ennio Leanza

Moha­med Wa Baile auf dem Weg zum Bezirks­ge­richt Zürich, Montag, 7. Novem­ber 2016. Wa Baile hatte sich einer Perso­nen­kon­trolle am Haupt­bahn­hof Zürich wider­setzt, weil er sich durch diese diskri­mi­niert fühlte. Am Tag des Prozes­ses malte er sein Gesicht weiss an, um pünkt­lich zu seinem eige­nen Prozess anrei­sen zu können bzw. um zu verhin­dern, erneut von der Poli­zei ange­hal­ten zu werden; Quelle: KEYSTONE/Ennio Leanza

In der Schweiz äussert sich dieser ‚rassen­lose Rassis­mus‘ etwa in gehäuf­ten Poli­zei­kon­trol­len bei Menschen mit dunk­ler Haut­farbe (Racial Profiling), in der klischier­ten Gegen­über­stel­lung von afri­ka­ni­scher Hilfs­be­dürf­tig­keit und schwei­ze­ri­scher Hilfs­be­reit­schaft bei Hilfs­werk­kam­pa­gnen (Poverty Porn), in Diskri­mi­nie­run­gen auf dem Wohnungs- und Arbeits­markt, aber auch in Symbo­len wie dem ‚Mohren­kopf‘, dem Mohr als Wappen­zei­chen etli­cher Schwei­zer Gemein­den sowie dem Wappen der Berner ‚Mohren­zunft‘. Oder eben im wieder­keh­ren­den ‚Black-Facing‘-Humor des Schwei­zer Fern­se­hens. Tatsäch­lich ist der eingangs beschrie­bene Gag kein isolier­ter Einzel­fall. Das SRF wurde in den vergan­ge­nen Jahren wieder­holt für Black-Facing kriti­siert, zum Beispiel für Victor Giac­co­bos Figur ‚Rajiv‘ sowie Birgit Stein­eg­gers Darstel­lung des US-amerikanischen TV-Stars Oprah Winfrey Ende 2013.

Stra­te­gien der Exoti­sie­rung

Solche Darstel­lun­gen sind, wie etwa Rea Brändle oder Patrick Minder gezeigt haben, ein kultu­rel­les Erbe aus den Anfangs­zei­ten der schwei­ze­ri­schen Popu­lär­kul­tur und der Medi­en­bran­che während der Kolo­ni­al­zeit. Ein Erbe, das in der vari­ier­ten, aber im Kern gleich­blei­ben­den Erzäh­lung fort­lebt und die Ursa­che für Gegen­warts­pro­bleme primär in einer vermeint­lich rück­stän­di­gen, exoti­schen oder bedroh­li­chen Kultur der ‚Ande­ren‘ veror­tet, während die Lösun­gen von Proble­men in der tech­no­lo­gi­schen, kultu­rel­len oder wirt­schaft­li­chen Über­le­gen­heit der Weis­sen gese­hen wird. Migran­tin­nen oder nicht-weisse Menschen kommen in diesen Erzäh­lun­gen, wenn man sich nicht grad über sie lustig macht, meist nur als Opfer oder zu Beleh­rende vor. Ausge­blen­det bleibt die jahr­hun­der­te­alte Geschichte europäisch-überseeischer Herr­schafts­be­zie­hun­gen und folg­lich die histo­ri­sche Mitver­ant­wor­tung Euro­pas für die Probleme der Gegen­wart. Wie wirk­mäch­tig dieses kolo­niale Erzähl­mus­ter im Schwei­zer Fern­se­hen ist, zeigt sich beson­ders deut­lich in Sendun­gen, die eigent­lich wohl­wol­lend über das Leben der ‚Frem­den‘ in der Schweiz berich­ten oder sogar Rassis­mus kriti­sie­ren wollen.

Ein Beispiel ist die Geschichte von Rea Rabin und Babin Surent­hi­ran. Sie wurde Mitte Okto­ber im Doku­men­tar­film­for­mat 'Repor­ter' erzählt. Das Problem des jungen Sri Lanka-schweizerischen Paares ist die Kirchen­zu­ge­hö­rig­keit der Braut. Rea Rabins Fami­lie ist Mitglied einer tamilisch-evangelischen Frei­kir­che, die sich gegen die Hoch­zeit mit Babin Surent­hi­ran sträubt, da er aus einer Hindu-Familie kommt bzw. aus evan­ge­li­ka­ler Sicht ein ‚Heide‘ ist. Entschei­dend ist, dass die Probleme des Paares – entge­gen der TV-Erzählung – wenig mit einer angeb­lich ‚tradi­tio­nel­len‘ tami­li­schen Herkunfts­kul­tur zu tun haben, sondern viel­mehr mit dem Erbe einer langen kolo­nia­len Bezie­hung: Die tami­li­schen Gemein­schaf­ten Sri Lankas wurden ab den 1830er Jahren von euro­päi­schen und ameri­ka­ni­schen Missi­ons­ge­sell­schaf­ten chris­tia­ni­siert. Etli­che tami­li­sche Flücht­linge kamen in den 1980er Jahren daher als evan­ge­li­kale Chris­ten in die Schweiz, wo sie zuwei­len ins Visier radi­ka­ler evan­ge­li­ka­ler Frei­kir­chen gerie­ten. Die reak­tio­näre Haltung des Evan­ge­li­ka­lis­mus ist folg­lich keines­falls ein typi­sches tami­li­sches Phäno­men; auch unzäh­lige weisse Schwei­zer Evan­ge­li­kale machen diesel­ben Erfah­run­gen, wenn sie sich ausser­halb ihrer Frei­kir­che verlie­ben.

Dessen unge­ach­tet verknüpft die Doku das Schick­sal des Paares immer wieder mit ihrer angeb­lich ‚frem­den‘ Herkunfts­kul­tur. Auf der SRF-Website heisst es etwa: „Diese Geschichte spielte sich nicht irgendwo weit weg von uns ab, sondern mitten in der Schweiz.“ Unter­stellt wird, dass solche Probleme norma­ler­weise nicht zu ‚uns‘ gehö­ren, sondern durch die Einwan­de­rung impor­tiert werden. Weiter erör­tert der Film ausführ­lich das Thema der ‚arran­gier­ten Ehen‘ in der tami­li­schen Diaspora, obwohl dies im konkre­ten Fall völlig irrele­vant ist. Die Ehe zwischen Rea Rabin und Babin Surent­hi­ran ist gerade keine arran­gierte Ehe. Das Schick­sal der beiden wird also nicht nüch­tern analy­siert, sondern exoti­siert. Dies erlaubt es, den für die weisse Schweiz unan­ge­neh­men Kern der Proble­ma­tik – die Folgen christlich-europäischer Missio­nie­rung und Into­le­ranz – zu verschlei­ern.

White man’s burden

Eva Wannemacher und Angélique Wälchi, Kulturplatz; Quelle: srf.ch

Eva Wannen­ma­cher und Angé­li­que Wälchli, Kultur­platz; Quelle: srf.ch

In der Sendung ‚Kultur­platz‘, ein weite­res Beispiel, ging es jüngst um ‚Schwar­zen Protest‘. Rassis­mus in den USA, aber auch in der Schweiz, soll­ten klar benannt werden, doch selbst hier zeigt sich die Wirk­weise des ‚Rassis­mus ohne Rasse‘. Die Mode­ra­to­rin Eva Wannen­ma­cher fragt ihre Kolle­gin Angé­li­que Wälchli, ob sie ihre dunkle Haut­farbe jemals als ‚Handi­cap‘ erlebe. Umge­kehrt fragte Wälchli aller­dings nicht, ob Wannen­ma­cher ihre weisse Haut als Privi­leg erlebe. Wälchli reprä­sen­tierte damit die parti­ku­lare Erfah­rung der Betrof­fe­nen, während Wannen­ma­cher für eine vermeint­lich neutrale Posi­tion ausser­halb von Geschichte und Herr­schafts­be­zie­hun­gen stand. Dies entspricht dem Selbst­ver­ständ­nis der weis­sen Mehr­heits­ge­sell­schaft, die ihre eigene Lebens­weise und Kultur so gut wie nie als ‚impe­riale Divi­dende‘, also als Ausdruck von geerb­ten Privi­le­gien aus der Kolo­ni­al­zeit versteht und thema­ti­siert. Das Muster prägte die ganze Sendung: weisse Haut stand für Exper­ten­tum und Univer­sa­li­tät; dunkle Haut für Betrof­fen­heit und Parti­ku­la­ri­tät.

Kurzum: Rassis­mus im 21. Jahr­hun­dert sollte nicht mehr länger auf ein margi­na­les Rechts­aus­sen­pro­blem redu­ziert werden. Rassis­mus hat auch eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che und struk­tu­relle Dimen­sion im Alltag, die sich einer­seits im Ausschluss der nicht-weissen Bevöl­ke­rung aus den wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen und jour­na­lis­ti­schen Schalt­zen­tra­len euro­päi­scher Gesell­schaf­ten mani­fes­tiert (Ausnah­men bestä­ti­gen die Regel). Und ande­rer­seits auch in einer massen­me­dial vermit­tel­ten Kultur des Schwei­gens über weisse Mitver­ant­wor­tung und Kompli­zen­schaft sowie über weis­ses Profi­tie­ren von der Geschichte und Gegen­wart strukturell-rassistischer Ausschluss­me­cha­nis­men. Dies zu ändern liegt nicht in der Macht der betrof­fe­nen Minder­hei­ten. Es liegt in der Verant­wor­tung der Insti­tu­tio­nen der weis­sen Mehr­heits­ge­sell­schaft – darun­ter den öffentlich-rechtlichen Fern­seh­an­stal­ten.

Am Montag, den 5. Dezem­ber, spre­chen Bern­hard Schär, Kijan Espa­han­gizi und Noémi Michel im Caba­ret Voltaire (Zürich) über die Geschichte des Rassis­mus in der Schweiz.

Von Bernhard C. Schär

Bernhard C. Schär ist Postdoc am Lehrstuhl für die Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich und assoziiertes Mitglied am Zentrum Geschichte des Wissens der Universität und der ETH Zürich.