Aktueller SchwerpunktGeschichten der Gegenwart

Als sich Dostoevs­kijs Keller­loch­mensch Mitte des 19. Jahr­hun­derts für sein lite­ra­ri­sches Mani­fest der Irra­tio­na­li­tät, einer „Sauce aus Wider­spruch und Leiden“, in Rage redete, rich­tete er sich gegen eine Zukunft, in der der Mensch nur noch eine Klavier­taste oder ein Dreh­or­gel­stift sein werde: ein mathe­ma­tisch bere­chen­ba­res Wesen in einer durch­ge­plan­ten Gesell­schaft, die versucht, alles Unvor­her­seh­bare zu verhin­dern. Er glaubte, dass dann nur noch die Logik des 2x2=4 herr­schen würde.

John Hurt, "1984" (2015); Quelle. tele5.com

Auch die drei großen anti­uto­pi­schen Schrift­stel­ler des 20. Jahr­hun­derts, Evge­nij Zamja­tin, George Orwell und Aldous Huxley, waren von dieser aus dem 19. Jahr­hun­dert stam­men­den Angst geprägt. In ihren Roma­nen entwar­fen sie tota­li­täre Staa­ten, die auf Ordnung, Ratio­na­li­tät, Gleich­schal­tung, Bere­chen­bar­keit und tota­ler Trans­pa­renz beru­hen. Das Wilde, Unzähm­bare, Irra­tio­nale, Chao­ti­sche, Anar­chi­sche und Opake stell­ten sie in der Regel auf die andere Seite, die Seite der Subver­sion, des Wider­stands und der Phan­ta­sie. So leben in Zamja­tins Wir (1920) die Menschen als Bewoh­ner des „Einzi­gen Staa­tes“ in einer völlig gläsernen Stadt und tragen anstelle von Namen nur noch Nummern. Das ‚Andere‘ und Wilde wird durch eine „Grüne Mauer“ vom Staat abge­schirmt. In Huxleys Brave New World (1932) wird der Einzelne bereits kontrol­liert mithilfe künst­li­cher Fort­pflan­zung erzeugt; Kondi­tio­nie­rung und Indok­tri­na­tion machen ihn dann zu einem gesell­schaft­lich nütz­li­chen Wesen für eine perfekt funk­tio­nie­rende und dabei völlig vorher­seh­bare Gesell­schaft. In Orwells 1984 (1948) schal­tet der totale Über­wa­chungs­staat Kriti­ker durch Gehirn­wä­sche aus: Gedan­ken­po­li­zei, Sprach­re­gu­lie­rung (Neusprech) und Geschichts­fäl­schung sind Alltag.

Der Irrtum der Anti­uto­pis­ten

Das in den Anti­uto­pien arbei­tende poli­tisch Imagi­näre, das auf Kontrolle, totale Regle­men­tie­rung des Alltags und Entin­di­vi­dua­li­sie­rung durch gene­ti­sche und erzie­he­ri­sche Mani­pu­la­tion zielt, hat sich in den tota­li­tä­ren Staa­ten des 20. Jahr­hun­derts nur teil­weise bewahr­hei­tet. Man könnte sogar sagen, Zamja­tin, Huxley und Orwell haben in zwei­er­lei Hinsicht geirrt. Erstens: Über­wa­chung findet nicht mehr nur durch den Staat statt, viel­mehr ist es die freie Wirt­schaft, die die Über­wa­chung des Konsu­men­ten voran­treibt. Das alte Phan­tasma des Glas­hau­ses wird durch die Reali­tät des intel­li­gen­ten Hauses, das alle Verhal­tens­da­ten abspei­chert, ersetzt. Ebenso wurde Gleich­schal­tung als Markt entdeckt: Die Mode­in­dus­trie program­miert Klein­kin­der auf zwei Farben, hell­blau und rosa, die Spiel­zeug­in­dus­trie die Geschlech­ter auf Care oder Kampf; die Schön­heits­in­dus­trie verkauft Einheits­brüste und Stan­dard­na­sen. Dass die erzeugte Unifor­mi­tät des Konsu­men­ten ausge­rech­net das Ergeb­nis libe­ra­ler Poli­tik ist, mutiert zum Joke des Jahr­hun­derts. Die Vermu­tung liegt nahe, dass Gleich­schal­tung einfach das bessere Geschäft ist.

Zwei­tens hat sich in der Reali­tät der Dikta­tu­ren und der auto­kra­ti­schen Regime gezeigt, dass Irra­tio­na­li­tät und Chaos und damit das Hervor­ru­fen von Unvor­her­seh­bar­keit äußerst wirk­same Instru­mente von Macht sind. Das lässt sich sowohl für die Dikta­tu­ren des 20. Jahr­hun­derts fest­stel­len als auch für die Gegen­wart, also für jene Staa­ten, in denen seit eini­ger Zeit oder ganz aktu­ell auto­kra­ti­sche Struk­tu­ren errich­tet werden.

Meis­ter der Unvor­her­seh­bar­keit – Opera­ti­vi­tät

Still aus Vojtěch Jasnýs Verfil­mung von Zamja­tins "Wir" (1981)

Es wäre jedoch vorschnell, die Meis­ter der Unvor­her­seh­bar­keit alle in einen Topf zu werfen. Im Stali­nis­mus war das Erzeu­gen von Unvor­her­seh­bar­keit Mittel des Terrors gegen die Bevöl­ke­rung und Garant des eige­nen Macht­erhalts. Nicht zu wissen, was morgen passiert, hielt die Bevöl­ke­rung und vor allem die Wider­sa­cher auf Trab. Während die ideo­lo­gi­sche Ober­flä­che sugge­rierte, die Geschichte entwickle sich von ganz allein in Rich­tung Kommu­nis­mus, und der Staat die ökono­mi­sche Plan­bar­keit (5-Jahresplan) verord­nete, war die Real­po­li­tik voll von Will­kür und kontrol­lier­ter Unord­nung. Das Unbe­re­chen­bare sollte den Einzel­nen beherrsch­bar machen, der, wie Hannah Arendt schrieb, durch die perma­nente Unge­wiss­heit zu einem Bündel voraus­sag­ba­rer Reak­tio­nen mutiert. Die Über­win­dung von Spon­ta­nei­tät galt gera­dezu als Master­plot jedes sozialistisch-realistischen Romans.

In der aktu­el­len russi­schen Poli­tik ist die Unbe­re­chen­bar­keit eben­falls Prin­zip. Sie dient Putin vor allem zum eige­nen Macht­erhalt und zur Ausschal­tung von Oppo­si­tion. Der russi­sche Philo­soph Michail Ryklin hat diese poli­ti­sche Praxis als eine „opera­tive Macht“ beschrie­ben. Mit „opera­tiv“ spielt er auf Geheim­dienst­prak­ti­ken an, die nun poli­ti­sche Norma­li­tät seien. Dazu gehört das aktive Krimi­na­li­sie­ren von Gegnern (Zerset­zung) wie auch das Schaf­fen von recht­li­chen Voraus­set­zun­gen für die eigene Herr­schaft. Um dies zu tun, müsse die Verfas­sung nicht einfach nur souve­rän über­tre­ten oder igno­riert werden, wie dies zur Zeit Stalins der Fall war; viel­mehr müsse zusätz­lich der Anschein erweckt werden, die fakti­sche Will­kür sei „gesetz­lich“ legi­ti­miert. So werde versucht, die Verfas­sung „auf gesetz­li­cher Grund­lage“ zu brechen. „Das Gesetz“, so Ryklin, „erweist sich nach nähe­rer Prüfung als eine Ober­flä­che der Sonder­ope­ra­tion.“ So wider­spricht zum Beispiel das jüngst einge­führte Demons­tra­ti­ons­ge­setz der Verfas­sung, ebenso das Gesetz zum Extre­mis­mus und das Gesetz über die Agen­ten­tä­tig­keit von NGOs.

Meis­ter der Unvor­her­seh­bar­keit – Disrup­tion

Still aus der Verfil­mung von Brave New World, Regie: Burt Brinck­er­hoff (1980)

Während Putins Stra­te­gien sich im Nach­hin­ein bereits erschlos­sen haben, ist das Rätsel um das poli­ti­sche Chaos, das der neue ameri­ka­ni­sche Präsi­dent hervor­ruft, Anlass für fort­dau­ernde Speku­la­tio­nen. Handelt es sich schlicht um poli­ti­sche Unfä­hig­keit, oder steckt hinter der Unord­nung System? Ist etwa Bannons Chao­s­af­fi­ni­tät der Grund? Soll alles Alte zerstört werden, sollen das alte poli­ti­sche ‚Esta­blish­ment‘ und die alten Struk­tu­ren schlicht weg? Aber durch was sollen sie ersetzt werden? Durch das regie­rende Geld­esta­blish­ment? Oder ist der Mann bloß ein Psycho­path, der sein Umfeld und die Bevöl­ke­rung durch seine unbe­re­chen­ba­ren Hand­lun­gen tyran­ni­siert?

Neben der Patho­lo­gi­sie­rung und der Suche nach verbor­ge­nen Chaos­theo­rien wird aber noch ein ande­res Narra­tiv erkenn­bar, jenes, das Unbe­re­chen­bar­keit als „Offen­heit“ zu inter­pre­tie­ren versucht. Es ist viel­leicht kein Wunder, dass dieses Narra­tiv vor allem in der Wirt­schaft, nicht zuletzt aber auch in der Philo­so­phie und Kultur­theo­rie  verbrei­tet wird. So konnte man in Mana­ger­ma­ga­zi­nen durch­aus erwar­tungs­voll und aner­ken­nend lesen, dass man bei Trump eine Über­tra­gung der Idee der ökono­mi­schen ‚Disrup­tion‘ auf das poli­ti­sche Feld erkenne. Und auch bekannte Philo­so­phen und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler reden von einer Stunde Null, von einer tabula rasa, die es ermög­li­che, noch einmal alles neu zu denken, noch einmal von vorne zu begin­nen. Von ‚Disrup­tion‘, einer krea­ti­ven Zerstö­rung, ist in der Makro­öko­no­mie eigent­lich die Rede, wenn ein Produkt oder Produk­ti­ons­me­cha­nis­men das bishe­rige Produkt bzw. die bis dato übli­che Produk­ti­ons­weise ablö­sen und durch etwas, das sich durch­zu­set­zen vermag, voll­stän­dig erset­zen. Die Zerstö­rung des Alten nimmt man dabei in Kauf, ja sie ist sogar gewollt und nach dieser Theo­rie Bedin­gung für die Entste­hung von etwas Neuem.

Über­trägt man den Gedan­ken auf die Poli­tik, dann müsste jedoch zual­ler­erst etwas vorhan­den sein oder ange­strebt werden, was diese Zerstö­rung recht­fer­ti­gen würde. Viel­leicht sogar eine Utopie. Mit ihr ließe sich dann etwa die russi­sche Revo­lu­tion ganz in Marx Sinne als eine solche Disrup­tion lesen, wobei diese Disrup­tion in einer Disrup­tion der Disrup­tion mündete. Noch­mal anders wird Disrup­tion auch als markt­wirt­schaft­li­che Utopie von Inno­va­ti­ons­zwang gele­sen. Dann erscheint sie als Versuch, stets das Unwahr­schein­li­che und Uner­war­tete, das gänz­lich Neue zu entwi­ckeln, das das Alte hinfäl­lig macht und ersetzt. Aber in der Poli­tik? Disrup­tion ohne Utopie und ohne Produkt? Disrup­tion um der Disrup­tion willen?

Explo­sio­nen, Revo­lu­tio­nen

Wenn nun also Slavoj Žižek nach der Wahl in den USA Mao Tse-Tung mit dem Satz zitiert „Unter dem Himmel herrscht Chaos. Die Situa­tion ist also exzel­lent“, und andere, in der Regel linke Philo­so­phen – aber nicht nur – von einer tabula rasa spre­chen, davon, dass nun wieder alles offen sei, dass nun endlich wieder poli­tisch gestrit­ten werde, dann brin­gen sie offen­sicht­lich eine andere Idee von Unvor­her­seh­bar­keit ins Spiel, die auch Zamja­tin, Huxley und Orwell im Sinn hatten. Sie bezie­hen sich auf Kultur­theo­rien und poli­ti­sche Philo­so­phien, in denen das Unvor­her­seh­bare notwen­di­ger Bestand­teil kultu­rel­ler Dyna­mik ist.

Beson­ders prägnant hat diese Unvor­her­seh­bar­keit der russi­sche Kultur­se­mio­ti­ker Jurij Lotman in den 1970er Jahren heraus­ge­ar­bei­tet. Er hat zwischen kultu­rel­len Prozes­sen unter­schie­den, die auf Konti­nui­tät und Vorher­seh­bar­keit, auf Stabi­li­tät und Zentrie­rung zielen, und solchen, die Diskon­ti­nui­tät, Unvor­her­seh­bar­keit, Verän­de­rung und Dezen­trie­rung zulas­sen. Der Unter­schied liegt zwischen Zulas­sen und Erzeu­gen. Lotman argu­men­tiert, dass es die Versu­che der Eindäm­mung dieser Unvor­her­seh­bar­keit sind, die Gesell­schaf­ten stets ins Auto­ri­täre abglei­ten lassen. Man kann noch hinzu­fü­gen – mit Blick auf den Stali­nis­mus, den Lotman im Rück­spie­gel hatte –, dass das Erzeu­gen von Unvor­her­seh­bar­keit gerade den Zweck hatte, kultu­relle Dyna­mik zu unter­bin­den. Es sollte also ausge­rech­net durch Will­kür und Chaos Ordnung herge­stellt werden. In einem Buch, das Lotman 1990 schrieb, also zu einer Zeit, die „als Beginn einer Phase steht, in der die Optio­nen für die Zukunft noch nicht fest­stan­den“, wählte er zur Beschrei­bung dieser Momente den Begriff der Explo­sion. Explo­sio­nen reißen die geschicht­li­che Entwick­lung aus ihrem Zeit­ver­lauf heraus und stel­len sie vor eine „ganze Band­breite gleich wahr­schein­li­cher Konse­quen­zen“.

Wie nun lassen sich beide Befunde zusam­men­den­ken? Niemand wird bestrei­ten wollen, dass es einen Unter­schied macht, ob man Unvor­her­seh­bar­keit als Moment der Dyna­mik von Kultur, als notwen­dige Voraus­set­zung der Aushan­del­bar­keit im Feld des Poli­ti­schen zulässt, oder ob man die gezielte Erzeu­gung von Unvor­her­seh­bar­keit als Stra­te­gie von Herr­schafts­si­che­rung perma­nent herstellt. Deshalb ist es umso erstaun­li­cher, wenn die Unbe­re­chen­bar­keit von Trump und das dadurch entstan­dene Chaos als tabula rasa oder als neue Offen­heit gese­hen wird, denn: nichts ist offen. Im Gegen­teil, jede poli­ti­sche, konkrete Hand­lung von Trump zeigt, dass seine Unbe­re­chen­bar­keit ausschließ­lich zum Ziel hat, neue Eindeu­tig­kei­ten zu stif­ten und das Poli­ti­sche, ja die Aushan­del­bar­keit selbst, zu unter­bin­den.

P.D. James, "The Child­ren of Men" (2015), Buch­il­lus­tra­tion. Quelle: psu.edu

Von Sylvia Sasse

Sylvia Sasse lehrt Slavis­­ti­sche Litera­tur­­wis­sen­­schaft an der Univer­sität Zürich und ist Mitbe­gründerin und Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK). Sie ist Heraus­geberin von novinki und von Geschichte der Gegenwart.