Geschichten der Gegenwart
jawbone sleeptracker; Quelle: techniknews.net

jawbone sleep­t­ra­cker; Quelle: techniknews.net

„Wer heute gut schläft, ist morgen fitter“: Mit dieser Weis­heit wirbt die Firma Jawbone auf ihrer Home­page für ihr Produkt, den „Fitness­tra­cker“ UP 3.

Das „völlig neuar­tige System“ wird als Armband getra­gen und erfasst mit „Senso­ren in höchs­ter Quali­tät“ Bewe­gun­gen, „Schlaf und mehr“. Dank der perso­na­li­sier­ten „Up-App“, so lockt Jawbone Nutzer und Käufer, gebe es „nur Deinen Weg für Dich“, und der führe „up“, nach oben, zum Erfolg.

Eine Grund­lage für den von Jawbone verspro­che­nen Erfolg im Wach­le­ben ist das „erwei­terte Schlaf­t­racking“. Das Gerät zeich­net auf, wie viel Zeit der Schlä­fer in der letz­ten Nacht angeb­lich im Tief­schlaf, im Leicht­schlaf oder im REM-Schlaf verbracht hat. Mit den ermit­tel­ten Daten erstellt der Tracker eine indi­vi­du­elle Schlaf­kurve und teilt am Morgen mit, wie viel Prozent des Ideal­schlafs erreicht wurden. Ein tech­ni­sch vermes­se­ner und indi­vi­du­ell opti­mier­ter Schlaf ist zur Norm gewor­den für den Weg nach „oben“.

Der „Arbeit entspre­chend“ schla­fen – „schnel­ler“ schla­fen

Dass sich der Mensch im Schlaf erholt, ist gewiss keine Entde­ckung des frühen 21. Jahr­hun­derts. Die Idee eines indi­vi­du­el­len „Schlaf­t­rackings“ hat sich zwar erst im Zuge der sozia­len, ökono­mi­schen, tech­ni­schen und kultu­rel­len Verän­de­run­gen der letz­ten drei Jahr­zehn­ten entwi­ckelt. Die direkte Forde­rung jedoch, dass der Schlaf der „jewei­li­gen Arbeit“ entspre­chen und in erster Linie die „Leis­tungs­fä­hig­keit“ erhal­ten solle, formu­lier­ten popu­läre Schlaf­rat­ge­ber im deutsch­spra­chi­gen Raum schon zur Hoch­zeit der Indus­tria­li­sie­rung um 1900.

Wecker, 1913; Quelle: youtube.com

Wecker, 1913; Quelle: youtube.com

Dabei ließen sich die bereits im 18. Jh. von den bürger­li­chen Hygie­ni­kern formu­lierte Vorstel­lung vom „guten“ Schlaf im gesun­den Bett wunder­bar in den Alltag der indus­tria­li­sier­ten Gesell­schaft einpas­sen: Dem Ideal nach dauerte der Nacht­schlaf acht Stun­den, weitere acht Stun­den waren für die Arbeit vorge­se­hen, die verblei­ben­den acht für Frei­zeit, sozia­les Leben und Körper­pflege. Das bürger­li­che und groß­städ­ti­sche Publi­kum der Ratge­ber­li­te­ra­tur sollte abends gegen 22 Uhr ins Bett gehen, um sich um 6 Uhr morgens wieder frisch zu erhe­ben. Der auf diese Weise genormte Nacht­schlaf rich­tete sich nicht mehr nach Hühnern und Hahnen­schrei, sondern nach der Uhr, die in den Stadt­zen­tren, Wohnun­gen und Westen­ta­schen immer häufi­ger anzu­tref­fen war. Der „Wecker“ begann seinen Sieges­zug als Verkaufs­schla­ger der wach­sen­den Uhren­in­dus­trie im späten 19. Jahr­hun­dert.

Doch die Acht­stun­den­re­gel, die die Leis­tungs­fä­hig­keit des schla­fen­den Menschen erhal­ten sollte, bekam schon bald Konkur­renz. Erste Ergeb­nisse aus den frühen Schlaf­la­bo­ren wiesen darauf hin, dass Menschen durch­aus unter­schied­lich schlie­fen. Vor allem aber war ein auf acht Stun­den in der Nacht fest­ge­leg­ter Schlaf für einen großen Teil der Bevöl­ke­rung illu­so­ri­sch: Er war nicht verein­bar mit zuneh­men­der Nacht-und Schicht­ar­beit, mit nächt­li­chem Konsum, mit den sich verän­dern­den Rhyth­men des Lebens in den wach­sen­den Groß­städ­ten. So entstan­den in den späten 1920er und 1930er Jahren – immer im Takt neuer Körper- und Rhyth­mus­vor­stel­lun­gen von Taylo­ris­mus und Fordis­mus – andere Modelle von „effi­zi­en­tem Schlaf“. Es galt nun, flexi­bel zu schla­fen und die „Schla­far­beit“ „schnel­ler“ zu erle­di­gen. Der acht­stün­dige „Luxus­schlaf“ könne durch die rich­ti­gen Prak­ti­ken und Willens­an­stren­gung auf einen sechs­stün­di­gen „Bedürf­nis­schlaf“ redu­ziert werden, hoffte ein Schlaf­rat­ge­ber. Andere verwie­sen auf „nacht­ak­tive“ Tiere und propa­gier­ten einen gesell­schaft­lich rund um die Uhr orga­ni­sier­ten „Schicht­schlaf“. Wer einen am Sinken und Stei­gen der Sonne ausge­rich­te­ten „Natur­zeit­schlaf“ schlum­mere, der brau­che über­haupt nur noch von 19.00 Uhr bis 23.20 Uhr im Bett zu liegen und könne den Rest des Tages munter arbei­ten, hoffte etwa der ehema­lige Lehrer Theo­dor Stöck­mann.

„Sleep Manage­ment“

sleep_research_1_U.S. Air Force_jber.af.mil

Sleep Rese­arch, U. S. Air Force; jber.af.mil

Doch der Opti­mis­mus der „Schlaf­ver­bes­se­rer“ erhielt schon bald einen Dämp­fer. Während des Zwei­ten Welt­kriegs erkann­ten zunächst vor allem US-amerikanische Exper­ten, dass sowohl die Nacht- und Schicht­ar­bei­ter der Rüstungs­in­dus­trie als auch die Solda­ten an der Front ihre Schlaf­zei­ten nicht ohne Kosten verscho­ben und verkürz­ten. Die einen litten darun­ter, dass sie am hell­lich­ten Tag kaum schla­fen konn­ten, worauf­hin die Zahl der Unfälle und Fehl­leis­tun­gen stieg. Die ande­ren brachen psychi­sch zusam­men und muss­ten immer wieder einer „Sleep Cure“ unter­wor­fen werden, um die Schre­cken der Front über­haupt aushal­ten zu können. Ganz offen­sicht­lich brauchte der Mensch ausrei­chend langen und „guten“ Schlaf, um fit zu sein für Arbeit und Kriegs­hand­werk. Es galt also, die Wirkung von Schlaf­ent­zug ebenso zu erfor­schen wie die begrenz­ten Möglich­kei­ten, Schlaf anders und „besser“ zu orga­ni­sie­ren.

Sleep Research, U. S. Air Force; jber.af.mil

Sleep Rese­arch, U. S. Air Force; jber.af.mil

Nicht zuletzt vor diesem Hinter­grund entwi­ckelte der Schlaf sich in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts zum Gegen­stand nicht nur phar­ma­ko­lo­gi­scher, psycho­lo­gi­scher und medi­zi­ni­scher, sondern auch mili­tä­ri­sch finan­zier­ter Forschungs­pro­jekte und Groß­ex­pe­ri­mente. Zu den zentra­len Erkennt­nis­sen der moder­nen Schlaf­for­schung, die sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg zunächst vor allem in den USA etablie­ren konnte, gehörte neues Wissen um die Viel­ge­stal­tig­keit des Schlafs. Die Arbeit mit der noch jungen Tech­nik des „Elek­tro­en­ze­pha­lo­gramms“ seit den 1930er Jahren zeigte, dass das schla­fende Gehirn in regel­mä­ßi­ger Abfolge allnächt­lich verschie­dene Phasen unter­schied­li­cher Akti­vi­tät durch­lief. Die „Entde­ckung“ des REM-Schlafs im Jahr 1953, derje­ni­gen Phasen also, die von schnel­len Augen­be­we­gung beglei­tet sind, machte die Vorstel­lung vom akti­ven und für jeden Schlä­fer notwen­di­gen Träu­men auch für die schlaf­for­schen­den Neuro­lo­gen und Physio­lo­gen plau­si­bel. Der Schlaf stellte sich nicht mehr als ein acht­stün­di­ger Block von Unbe­wusst­heit dar, sondern als ein fragi­les, varia­bles und indi­vi­du­ell verschie­de­nes, aus unter­schied­li­chen Einhei­ten zusam­men­ge­setz­tes Phäno­men, das sich zudem noch nach einer Art „inne­rer Uhr“ zu rich­ten schien.

U.S. Air Force, fatigue management; Quelle: quickseries.com

U.S. Air Force, fati­gue manage­ment; Quelle: quickseries.com

Diese Erkennt­nisse mach­ten einmal mehr deut­lich, dass das starre Modell des acht­stün­di­gen Nacht­schlafs letzt­lich kaum geeig­net war, die Quali­tät des Schlafs und damit auch die „Leis­tungs­fä­hig­keit“ des Einzel­nen in der (post)modernen Gesell­schaft des ausge­hen­den 20. Jahr­hun­derts zu garan­tie­ren. Ebenso schien eine einfa­che Reduk­tion der Schla­fens­zeit zu kurz zu grei­fen. An die Stelle einer fest vorge­ge­be­nen Schla­fens­zeit und eines „schnel­len“ Schlafs trat nun die Idee, den einzel­nen schla­fen­den Menschen zu vermes­sen, zu bewer­ten und zu opti­mie­ren.

Das US-amerikanische Mili­tär entwi­ckelte seit den 1980er Jahren ein „Sleep Manage­ment System“, das den Schlaf des Indi­vi­du­ums orga­ni­sie­ren sollte. Als Kern­stück ihrer Pläne beschrie­ben Exper­ten 2003 einen „on-line, real-time moni­tor of alert­ness“. Er wurde wie der Jawbone UP 3 in Form einer „wrist­watch“ getra­gen und mit einem zentra­len Rechen­sys­tem verbun­den. Der Komman­dant sollte so in jeder Situa­tion einschät­zen können, welcher Soldat gerade kampf­be­reit war und wer auf Grund von Schlaf­man­gel kaum noch in die rich­tige Rich­tung zielen konnte. Was das „Sleep Manage­ment System“ im Sinne der mili­tä­ri­schen Führung regeln sollte, über­nimmt Jawbone heute im zivi­len Leben: Der „Tracker“ vermisst und bewer­tet den Schlaf und hält das Indi­vi­duum fit und einsatz­fä­hig auf dem Weg „nach oben“. Die indi­vi­du­elle Vermes­sung des Schlafs erscheint damit als noch nicht einmal allzu subtile Form der Selbst­op­ti­mie­rung im Geiste der Effi­zi­enz und der „Nutz­bar­ma­chung“ des Einzel­nen.

Bei aller Indi­vi­dua­li­tät auf der Ober­flä­che ist das indi­vi­du­elle „Schlaf­t­racking“ aber auch eng gebun­den an die von der Wissen­schaft und der Medi­zin erar­bei­tete Vorstel­lung eines „Normal­schlafs“. Denn die seit den 1930er Jahren an Tausen­den von Versuchs­per­so­nen erho­be­nen Daten münden in eine Ideal­kurve des Schlafs, der sich der Einzelne laut „Schlaf­t­racking“ allnächt­lich zu einem bestimm­ten Prozent­satz annä­hern kann und soll. Das indi­vi­du­ell erfahr­bare, subjek­tive Gefühl, „ausge­schla­fen“ zu sein, wird ersetzt durch die Ergeb­nisse tech­ni­scher Mess­ver­fah­ren. Das „Schlaf­t­racking“ vermit­telt, dass wir nur mit Hilfe von „Senso­ren höchs­ter Quali­tät“ und normier­ten Kurven über­haupt fest­stel­len können, ob wir als Indi­vi­duen „gut“ geschla­fen haben – unab­hän­gig davon, dass die aktu­elle Forschung in vielen Fällen kaum weiß, was die einzel­nen Kurven genau bedeu­ten…

Wider­stän­di­ger Schlaf

Schlaftracker; Quelle: mysleepbot.com

Schlaf­t­ra­cker; Quelle: mysleepbot.com

Ange­sichts der umfas­sen­den und wissen­schaft­lich gestütz­ten Phan­ta­sien von der Opti­mie­rung des Schlafs, die sich im 20. Jahr­hun­dert etablie­ren konn­ten, erscheint es beinahe schon tröst­lich, dass die Geschichte des Schlafs immer auch eine Geschichte von Schlaf­stö­run­gen und Wider­stän­dig­keit ist. Denn ganz offen­sicht­lich lässt sich der Schlaf des Menschen doch nicht so einfach einpas­sen und bestim­men. Schon die ersten Schlaf­rat­ge­ber des 19. Jahr­hun­derts beschwo­ren zwar die Notwen­dig­keit eines ausge­ruh­ten Schlafs, wand­ten sich aber gerade an die größer werdende Zahl derje­ni­gen, die nicht schla­fen konn­ten. Bis heute wächst mit der Phan­ta­sie vom „rich­ti­gen“ Schlaf auch die Angst vor seinem Verlust. Gerade im Bereich des Mili­tärs war und bleibt der Schlaf ein Indi­ka­tor dafür, dass die Verwert­bar­keit des Menschen an ihre Gren­zen stößt. Die Bundes­wehr etwa enga­giert „Schlaf­trai­ner“, die die psychi­schen Wunden der „kämp­fen­den Truppe“ behan­deln sollen. Krieg zu führen stört den Schlaf ebenso wie Krank­heit und Anspan­nung, Zeit­druck, zu viel Arbeit oder ganz subjek­ti­ves Unglück­lich­s­ein. Gerade der gestörte Schlaf aber sprengt Stan­dards, zwingt zum Umden­ken, fordert Rück­sicht auf den einzel­nen Menschen. Und schließ­lich ist der Schlaf noch immer ein Sehn­suchts­ort. Das verschla­fene Drit­tel des Lebens kann damit auch eine Bastion sein gegen die Ansprü­che und Zumu­tun­gen der Gesell­schaft. Auch, wenn er nur 93prozentig ist – der Schlaf ist eine Zeit zum Weg-Sein und zum Träu­men.

Von Hannah Ahlheim

Hannah Ahlheim ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen und arbeitet zur Geschichte des Schlafs und des Schlafwissens.