Geschichten der Gegenwart

Am 20. Okto­ber 2014 um 21:53 Uhr geht bei der Poli­zei Chi­ca­gos ein Not­ruf ein: Ein jun­ger Mann, Afri­can-Ame­ri­can, lau­fe mit einem offe­nen Mes­ser mit etwa acht Zen­ti­me­ter Klin­ge auf der South Pula­ski Rd. an der Ecke zur 41. Stras­se her­um. Die South Pula­ski liegt im Süd­os­ten der Stadt in einer eher trau­ri­gen Gegend, wie auf goog­le stre­et­view zu sehen ist. Gesäumt von klei­nen, ärm­li­chen Ein­kaufs­malls führt sie zum High­way I 55, links ein Bur­ger King, rechts ein Dun­kin Donuts – das Übli­che.

Filmstill aus Polizeikamera, Chicago, 20. Oktober 2014; Quelle: Chicago Police Department

Film­still aus Poli­zei­ka­me­ra, Chi­ca­go, 20. Okto­ber 2014; Quel­le: Chi­ca­go Poli­ce Depart­ment

Weni­ger als fünf Minu­ten benö­tigt die Poli­zei, um zu dem Ort des Gesche­hens zu gelan­gen; dort­hin, wo Offi­cer Jason van Dyke den jun­gen Mann namens Laquan McDo­nald nie­der­schies­sen wird – 30 Sekun­den, nach­dem van Dyke selbst dort ange­kom­men ist, sechs Sekun­den nach­dem er aus dem Wagen gestie­gen ist, mit 16 Schuss, bis das Maga­zin sei­ner Waf­fe leer ist.

Wie ist sol­che Gewalt gegen Afri­can-Ame­ri­cans mög­lich? Sie grün­det in einer Nicht­an­er­ken­nung schwar­zen Lebens in den USA, die nur his­to­risch zu ver­ste­hen ist. Sicht­bar gemacht wur­de die­se fort­wäh­ren­de Miss­ach­tung schwar­zen Lebens nicht zuletzt durch Bil­der der Gewalt. Wie im Fall McDo­nald eröff­ne­ten sie immer wie­der die Mög­lich­keit, die herr­schen­den Macht- und Gewalt­ver­hält­nis­se zu kri­ti­sie­ren und zu ver­än­dern.

Eine Geschichte der Gewalt gegen schwarze Körper

Der afro­ame­ri­ka­ni­sche Intel­lek­tu­el­le Ta-Nehi­si Coa­tes ist einer der der­zeit prä­gnan­tes­ten Ana­ly­ti­ker, die die Gewalt gegen schwar­ze Kör­per und die Miss­ach­tung schwar­zen Lebens in den USA ankla­gen. Dabei geht Coa­tes in Bet­ween the World and Me (2015) von sei­nen eige­nen Lebens­er­fah­run­gen aus, die durch und durch von der Aus­ein­an­der­set­zung mit Gewalt geprägt gewe­sen sei­en. Im weis­sen, aber häu­fig auch im schwar­zen Blick selbst, set­ze sich die afro­ame­ri­ka­ni­sche Geschich­te aus Tau­sen­den von Geschich­ten der Skla­ve­rei, Segre­ga­ti­on und Ver­ar­mung zusam­men. His­to­risch kön­ne der schwar­ze Kör­per so kei­ne Aner­ken­nung als Sub­jekt erfah­ren, und dadurch wer­de ihm die Aner­ken­nung des Mensch- und Bür­gerseins ver­wei­gert: „Being black was just someone’s name for being at the bot­tom, a human tur­ned to object, object tur­ned to pariah.“ Weiss zu sein, bedeu­te hin­ge­gen, Mensch zu sein. Ent­spre­chend lies­se sich mit dem Psych­ia­ter und Kolo­nia­lis­mus­kri­ti­ker Frantz Fanon auch for­mu­lie­ren: Die Haut­far­be – die Idee der Ras­se – macht man­che Men­schen nach wie vor zu den Ver­damm­ten die­ser Erde (1961). Es ver­wun­dert kaum, dass das Fanon­sche Den­kens sowie post­ko­lo­nia­le Theo­rie­bil­dung, die um die Aner­ken­nung des Mensch-Seins und die Mög­lich­keits­be­din­gun­gen der Gewalt krei­sen, in den jüngs­ten Debat­ten um Gewalt gegen Afri­can-Ame­ri­cans wie­der Kon­junk­tur haben.

Für Coa­tes bil­det die Geschich­te die Folie, vor der die Gewalt und die Miss­ach­tung schwar­zen Lebens in der Gegen­wart erst les­bar wer­den. So wer­den die ame­ri­ka­ni­sche Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung und Ver­fas­sung zwar gern unein­ge­schränkt als Errun­gen­schaf­ten geprie­sen, die seit 1776 ver­spro­chen haben, alle Men­schen vor Will­kür und Gewalt zu schüt­zen. Zugleich aber ist für schwar­ze Men­schen die Nicht­an­er­ken­nung ihres Mensch­seins gera­de­zu sys­te­misch in der US-Geschich­te ver­an­kert, wie auch Charles W. Mills in The Raci­al Con­tract (1997) ein­drück­lich zeigt. Sie ist die ame­ri­ka­ni­sche Ver­si­on der „Ent­mensch­li­chung des Kolo­ni­sier­ten,“ von der Fanon spricht.

Schild aus dem Süden der USA, o.J.; Quelle: sweetauburn.us

Schild aus dem Süden der USA, o.J.; Quel­le: sweetauburn.us

Bei die­ser Ent­mensch­li­chung sind der Staat, das Recht und sei­ne Insti­tu­tio­nen oft Kom­pli­zen gewe­sen, wie Colin Day­an in ihrem poin­tier­ten Buch über The Sto­ry of Cru­el and Unusu­al (2007) argu­men­tiert. Den­ken wir nur an die Slave Codes vom 17. bis zum 19. Jahr­hun­dert, also die ganz eige­nen Geset­ze zur Regu­lie­rung der Skla­ve­rei und zur Beherr­schung schwar­zer Men­schen; den­ken wir an die so genann­ten Jim Crow-Geset­ze, wel­che die Segre­ga­ti­on – die ame­ri­ka­ni­sche Ver­si­on der Apart­heid – zwi­schen den 1890er und 1960er Jah­ren zu gel­ten­dem Recht gemacht haben; den­ken wir an Tau­sen­de Lynch­mor­de an schwar­zen Men­schen, bei denen weis­se Amts­trä­ger den Mob oft anführ­ten; den­ken wir an den Gefäng­nis­staat, den Michel­le Alex­an­der so tref­fend als The New Jim Crow (2010) bezeich­net und der seit den 1970er Jah­ren die afro­ame­ri­ka­ni­sche Com­mu­ni­ty zer­frisst – und dies trotz oder viel­leicht gera­de wegen der Erfol­ge der Bür­ger­rechts­be­we­gung in den Jahr­zehn­ten zuvor.

Kein Zwei­fel: Es gibt heu­te eine grös­se­re schwar­ze Mit­tel­klas­se, schwar­ze Pro­fes­so­rin­nen und Poli­ti­ker, ja, in den letz­ten acht Jah­ren hat sogar eine schwar­ze Fami­lie im Weis­sen Haus gelebt. Zugleich aber ist Schwarz­sein so eng wie eh und je an Armut, Gewalt­er­fah­rung und Nicht-Aner­ken­nung gekop­pelt, und Armuts­struk­tu­ren sind in der neo­li­be­ra­len Markt­ge­sell­schaft viel­leicht sogar wirk­mäch­ti­ger denn je zuvor. Nach wie vor exis­tiert in den USA das, was Fanon als Kern kolo­nia­ler Gesell­schaf­ten beschreibt, näm­lich eine „in Abtei­le getrenn­te Welt“. Viel­leicht sind deren Gren­zen in den letz­ten Jah­ren gera­de des­halb mit sol­cher Gewalt for­ciert und immer wie­der aufs Neue harsch gezo­gen wor­den, weil sie eben an ande­rer Stel­le brü­chi­ger gewor­den sind. Wir ken­nen das aus der Geschich­te der USA: Nach der Eman­zi­pa­ti­on der Skla­vin­nen und Skla­ven, nach der Recon­struc­tion, zur Zeit des Civil Rights Move­ment und nun auch wäh­rend der Prä­si­dent­schaft Oba­mas – immer nahm auch die ras­sis­ti­sche Gewalt zu.

16 shots. Die Rolle der Polizei

Die segre­gier­ten Wel­ten kom­men im All­tag frei­lich andau­ernd mit­ein­an­der in Berüh­rung, und dies auch und vor allem durch die Poli­zei. Spä­tes­tens nach­dem im August 2014 der weis­se Poli­zist Dar­ren Wil­son den schwar­zen Jugend­li­chen Micha­el Brown in Fer­gu­son erschos­sen hat­te, war auch dies­seits des Atlan­tiks bekannt, dass die Poli­zei­kräf­te in den USA in aller Regel weiss domi­niert sind und dass sie vor allem in schwar­zen Vier­teln oft wie eine Besat­zungs­macht auf­tre­ten. Die Poli­zei sei die „Avant-Gar­de of White Supre­ma­cy“, schrei­ben Ste­ve Mar­ti­not und Jared Sex­t­on, und als sol­che habe sie sich schon das gan­ze 20. Jahr­hun­dert hin­durch gebär­det.

Dar­an hat sich bis heu­te wenig geän­dert. Vor allem schwar­ze Män­ner sind in ihrem All­tag per­ma­nent auf der Flucht vor der Poli­zei, wie dies die Sozio­lo­gin Ali­ce Goff­man in ihrer eth­no­gra­phi­schen Stu­die On the Run (2014) doku­men­tiert. Und die Poli­zei Chi­ca­gos hat einen beson­ders schlech­ten Ruf. Auch des­halb ist dort nun jedes Poli­zei­au­to mit einer Dash­cam aus­ge­stat­tet, die eigent­lich auch funk­tio­nie­ren muss. Trotz­dem: Von den acht Wagen, die an jenem Abend, als Laquan McDo­nald erschos­sen wur­de, in die South Pula­ski Rd. kamen, hat­ten am Ende drei gar kei­ne Video­auf­zeich­nun­gen, und das Bild­ma­te­ri­al der ande­ren Wagen ver­such­ten Poli­zei und Poli­tik unter Ver­schluss zu hal­ten. Auch das Band einer Sicher­heits­ka­me­ra des Bur­ger King wies erstaun­li­cher­wei­se eine Lücke von 86 Minu­ten auf.

Also war man zunächst nur auf den offi­zi­el­len Poli­zei­be­richt ange­wie­sen, wenn man genau­er wis­sen woll­te, wie Laquan McDo­nald gestor­ben ist. Schon der Auf­kle­ber ganz oben auf der Berichts­map­pe bringt die Ein­ord­nung des Gesche­hens auf den Punkt und gibt die Rich­tung des Den­kens vor. „Agg Asslt to PO, Kni­fe“ und „Jus­ti­fia­ble Homic­i­de“ heisst es dort. Im Bericht sind drei Poli­zis­ten („Male/White/41–46-36 Years“) als „Vic­tim“ geführt, Laquan McDo­nald („Male/Black/17 Years“) als „Offen­der“. „Irra­tio­nal“, „armed with a kni­fe“, „aggres­si­ve“ habe sich der jun­ge Mann dem Poli­zis­ten van Dyke genä­hert, so dass die­ser aus Angst um sein Leben schies­sen muss­te. Mehr­fach habe van Dyke zuvor „drop the kni­fe!“ geru­fen, ohne dass McDo­nald reagiert habe. Wie oft kann man inner­halb von sechs Sekun­den – vom Ver­las­sen des Wagens bis zum ers­ten Schuss – eigent­lich „drop the kni­fe!“ rufen? Selbst nie­der­ge­schos­sen auf dem Boden lie­gend, habe McDo­nald nicht von sei­nem Mes­ser las­sen wol­len, ist dort zu lesen.

Natür­lich blieb van Dyke nach dem „Vor­fall“ im Dienst. Bestehen­des Video­ma­te­ri­al wur­de zunächst beharr­lich unter Ver­schluss gehal­ten, und zwar mit der Begrün­dung, wei­te­re mög­li­che Zeu­gin­nen und Zeu­gen nicht beein­flus­sen zu wol­len. Die Poli­zei und die Stadt Chi­ca­go ver­such­ten zugleich, sich aus­ser­ge­richt­lich mit der Fami­lie Laquan McDo­nalds zu eini­gen, was skep­tisch machen muss. Doch am 24. Novem­ber 2015, über ein Jahr nach dem Gesche­hen, gelang es einer Grup­pe von Akti­vis­tin­nen, Jour­na­lis­ten und Ver­tre­te­rin­nen der Staats­an­walt­schaft Chi­ca­gos schliess­lich, die Frei­ga­be des exis­tie­ren­den Video­ma­te­ri­als zu erwir­ken.

Das Video zeigt die scho­ckie­ren­de Exe­ku­ti­on eines jun­gen Man­nes, der auch bei allem Ver­ständ­nis für die Gefah­ren des Poli­zei­diens­tes in den USA zu wenig gefähr­lich auf­tritt, um ihn nie­der­zu­schies­sen. Scho­ckie­rend ist auch, dass sich nie­mand für den von 16 Schüs­sen durch­sieb­ten Men­schen inter­es­siert; nie­mand küm­mert sich; nie­mand über­prüft, ob er noch lebt; nie­mand ver­sucht, das Leben zu ret­ten, das dort zu Ende geht. Der getö­te­te Kör­per auf der Stras­se scheint viel­mehr wie ein Zei­chen der Macht des Sou­ve­räns, und die Bil­der erin­nern des­halb an die Lyn­ching-Foto­gra­fi­en. Erst gut eine hal­be Stun­de spä­ter, um 22:42 Uhr, wird McDo­nald im Mount Sinai Hos­pi­tal für tot erklärt. Micha­el Browns Kör­per hat in Fer­gu­son sogar meh­re­re Stun­den auf der Stras­se gele­gen.

Autopsy-Grafik zum Tod von Laquan McDonald; Quelle: indybay.com

Auto­psy-Gra­fik zum Tod von Laquan McDo­nald; Quel­le: indybay.com

Die Gra­fik aus dem patho­lo­gi­schen Bericht über McDo­nald führt das Mass der Gewalt vor Augen, doch die 16 Schuss­wun­den las­sen sich nicht mehr auf einen Blick erfas­sen: „left scalp—neck—left chest—right chest—left elbow—right upper arm—left forearm—lateral right upper leg—left upper leg—left upper back—right upper arm—right arm—right forearm—right hand—lower back—right upper leg,“ liest sich ein dazu gehö­ri­ger Text. Auch erfährt man von der Patho­lo­gin, dass der jun­ge Mann „YOLO“ für „you only live once“ auf sei­nen Kör­per täto­wiert habe. Inde­ed.

Strategien gegen die Gewalt

Was der Gewalt ent­ge­gen­set­zen? Kann tat­säch­lich nur Gewalt die Gewalt über­win­den, wie Frantz Fanon schrieb und wie wohl die Poli­zis­ten­mör­der von Dal­las und Phil­adel­phia mein­ten? Oder kann das Sicht­bar­ma­chen der Gewalt, wie es in Chi­ca­go durch die Frei­ga­be des Vide­os erkämpft wur­de, ein pro­ba­tes Mit­tel sein?

Die afro­ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin und Akti­vis­tin April Reign bestrei­tet dies. Sie betont im Gegen­teil, das zig-fache Ankli­cken, Ver­lin­ken, Ver-„hashtaggen“ und „Sha­ren“ sol­cher Tötungs­vi­de­os wie dem von Laquan McDo­nald füh­re nur zu einer erneu­ten Unter­wer­fung der Getö­te­ten in End­los­schlei­fe und damit zu einer Ver­fes­ti­gung bestehen­der Macht­ver­hält­nis­se. Einer­seits ist dies kaum zu bestrei­ten, ande­rer­seits aber ist es der Film, der die Tötung Laquan McDo­nalds sicht­bar macht und Zeu­gen­schaft ermög­licht. In jüngs­ter Zeit sind es immer wie­der sol­che Fil­me von Han­dy­ka­me­ras, Sicher­heits­ka­me­ras oder eben Dash­cams gewe­sen, die ande­re Per­spek­ti­ven auf die Gescheh­nis­se eröff­nen und einer ande­ren Sicht der Din­ge Raum geben. Der Film zeigt kei­nen aggres­si­ven Laquan McDo­nald, der einen Poli­zis­ten atta­ckiert. Des­halb woll­ten Poli­zei und Poli­tik Chi­ca­gos den Film unter Ver­schluss hal­ten, und des­halb ist es der Film, der die Pro­tes­te gegen die Instan­zen von Cook Coun­ty befeu­ert und den Pro­zess gegen Offi­cer van Dyke ins Rol­len gebracht hat. Letz­te­res kommt in Chi­ca­go übri­gens fast nie vor, obschon die Poli­zei dort für ihre noto­ri­sche Bru­ta­li­tät berüch­tigt ist. Alle 28 Stun­den stirbt in den USA ein Afro­ame­ri­ka­ner durch die Hän­de von Poli­zei oder Sicher­heits­diens­ten – doch es ist die­ser bestimm­te Fall, von dem wir wis­sen.

Kein Zwei­fel: Bil­der kön­nen Macht­ver­hält­nis­se sta­bi­li­sie­ren. Sie kön­nen Macht­ver­hält­nis­se aber auch unter­wan­dern und ver­schie­ben; sie kön­nen dazu bei­tra­gen, dass Men­schen für die Gewalt, die sie aus­üben, ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Es gibt in die­ser Fra­ge kein Ent­we­der-oder, schwarz oder weiss, es ist viel­mehr ein Sowohl-als-auch: Bil­der ver­mö­gen die Unter­wer­fung durch Gewalt zu repro­du­zie­ren, sie eröff­nen aber auch Räu­me für Kri­tik. Die­ses Sowohl-als-auch von Bil­dern hat sich in der Geschich­te ras­sis­ti­scher Gewalt und des Kamp­fes gegen sie immer wie­der gezeigt. So haben in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts Bil­der geschun­de­ner schwar­zer Kör­per den Wider­stand gegen die Skla­ve­rei gestärkt, zugleich aber auch einen gewalt­por­no­gra­fi­schen Voy­eu­ris­mus genährt. Als ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter Lyn­ching­fo­to­gra­fi­en als Ansichts­kar­ten ver­schickt und in wei­ßen Dixie-Haus­hal­ten aus­ge­stellt wur­den, haben sie Vor­stel­lun­gen schwar­zer Ver­wor­fen­heit und weis­ser mora­li­scher Über­le­gen­heit repro­du­ziert. Abge­druckt in der Zeit­schrift The Cri­sis der Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on NAACP waren die­sel­ben Bil­der aber auch Zei­chen weis­ser Bar­ba­rei und eines bru­ta­len Gewal­tras­sis­mus.

Ent­schei­dend für die Fra­ge, ob das Zei­gen von Bil­dern ein Akt der Kri­tik sein kann, sind die Kon­tex­te, in denen sie erschei­nen, und die Deu­tungs­mus­ter, die die Bil­der über­haupt erst les­bar machen. Die­se Deu­tungs­mus­ter müs­sen das Mensch­sein der Gewalt­op­fer unter­strei­chen; zugleich muss deut­lich wer­den, dass Gewalt in Wahr­neh­mungs­wei­sen, Lebens- und Macht­ver­hält­nis­sen grün­det, die ein Effekt von Geschich­te und damit ver­än­der­lich sind. Nicht zuletzt des­halb hat schon der Poli­ti­ker und Doy­en der afro­ame­ri­ka­ni­schen Geschichts­schrei­bung W.E.B. DuBo­is in Black Recon­struc­tion in Ame­ri­ca (1935) uns His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker dazu auf­ge­for­dert, uns zu Wort zu mel­den.

Von Jürgen Martschukat

Jürgen Martschukat ist Professor für nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt. Er arbeitet vor allem über die Geschichte von Körpern, Gewalt, Geschlecht und Rassismus.